Porträt Nr 136 - Evelyn Holloway

 

Evelyn Holloway wurde am 3.7.1955 in Wien geboren. Sie hat in Oxford maturiert und lange in England wie auch in Tel Aviv, Beirut und Athen gelebt. 
Sie hat in folgenden Literaturzeitschriften publiziert: Frischfleisch hrsg. Nils Jensen, Pflasterstein hrsg. Von Otto Grabner, Wespennest, Freibord hrsg. von Gerhard Jaschke, Sprache im technischen Zeitalter hrsg. von Walter Höllerer, Literarität, Podium zum Thema Monster hrsg. von Sophie Reyer, Schwarze Botin etc., Anthologie zum Thema Covid im Verlag Edition Sonnberg hrsg. von Rainer Clauss.
Bücher: Shadowlights/ Schattenschrift beim Wieser Verlag, Words through Walls/ Worte durch Mauern so wie Träumen mit offenen Augen hrsg. von Rainer Clauss in der Edition Sonnberg. 
Theaterproduktionen: Die Puppe im Theaterbrett, Graphit & Co im Arts Club in St.Ives, Cornwall.

Leseprobe

 

AN MEINEN VATER

Wie eine Photogalerie
oder ein Tonarchiv
beginnst du zu verblassen
und doch
kämpfe ich noch immer 
mit der Angst vor dir
und deiner Verurteilung
eines neuen Lebens.

Ich sehe dich
Zeitung lesend
am Kopf des Tisches.
Ich sehe dich
mit Fliedersträußen 
vom Sonntagsspaziergang.
Ich sehe dich
in deinem Geschäft
umgeben von Blusen und Röcken,
Mänteln und Jacken.
Ich sehe dich 
beim Kartenspielen im Kaffeehaus.
Ich sehe dich
an jüdischen Feiertagen:
du sprichst ein Gebet und trinkst süßen Wein
aus einem Silberbecher.
Ich sehe deine großen Hände
zuschlagen bis ich falle.
Ich sehe dich
verloren im Stadtzentrum.
Ich suchte dich
und brachte dich nach Hause.
Ich sehe dich im Spital.
Du wusstest nicht, wo du bist.
Ich sehe dich auf deinem Begräbnis.
Es schneite im März.

Ich höre dich:
Du schreist mich an,
verlangst, dass ich anders bin,
wie andere Mädchen,
aber da war immer dieser Schmerz in meinem Kopf,
der mich wegzog in tiefe Ohnmacht.
Ich höre dich:
Du erzählst von deinen Schwestern,
die lange Haare hatten und sie bürsteten bis sie glänzten,
von deinen Brüdern, die im Stahlwerk arbeiteten 
wie du,
von deiner Frau,
die Schneiderin war.
Sie alle wurden im Krieg ermordet.
Ich höre dich im Spital.
Du fragst, ob ich auch in diesem Hotel wohne.
Bei deinem Begräbnis kann ich dich nicht hören.
Der Schnee verschluckte alles.

Ich höre dich noch immer schreien.
Du musst dich nicht mehr fürchten.
Es ist vorbei.
  

 

AUSSENSEITER

Gefallen woher
So zerbrechlich, nackt
Straßenpflaster
Nichts sonst berühren
Niemand übrig
auf der Welt
Du könntest den Blues singen
nur eine Plastikpuppe

BALANCE / RAUM

Wer lauscht der Musik der tanzenden Steine?
Sie feiern insgeheim die Stille des Tages
und das Wasser, das ihre Farben zum glänzen bringt
unter dem vollen Mond.

Wer sieht das Lächeln, erträgt das Gelächter?
Wo ist der Sand, wo der samtene Arm?
Wo ruhst du dich aus von den kalten harten Steinen?
Sie tanzen noch immer,
versprechen die Umarmung der Meere. 

 

 

 

BILDERSEQUENZ

Die Erde:
Begehbare Linie
Spannweite
Halbmondschaft
Schattig und zerrissen


Explosionsprodukt
Weltschaum
Ascheninseln
Bewohnte Leere


Ein Ballon aus Fetzen
So viel Raum!
Bald wird er zum Lufttänzer
mit all jenen, die den Himmel berühren.


Regentropfen singen in Harmonie
Tränen berühren die Seele,
streicheln die Wange.
Tage von Fäden verbunden
So viele Wege
Nur einem kannst du folgen.


Eine Brücke für Engel:
von Wolke zu Wolke
Ein Stein lernt von einem Lächeln
zu fliegen.


Es ist Zeit zu gehen.
Es ist Zeit zu bleiben.
Zeit gemessen vom rieselnden Sand 
Es ist noch Zeit.
Es wird schon spät.

Ein Haus hängt an Schnüren:
weder hier
noch dort