Das Lyrikflugblatt

Seit 1973 erscheint jährlich zum „Tag der Lyrik“ Anfang März das „Lyrikflugblatt“ (Leporello) mit jeweils rund 25 Gedichten österreichischer LyrikerInnen .

„Es wurden tausende mehrseitige Lyrikflugblätter oft bei grimmiger Kälte auf den Straßen von Wien und anderen, vor allem niederösterreichischen Städten verteilt, später an Schulen verschickt.“ (Alois Vogel)

Der Lyrikfolder wurde in großer Auflage v.a. an Schulen (Deutschunterricht) und Kulturinstitutionen gratis abgegeben. Anfangs wurde er von den Gründungsmitgliedern zusammengesellt: bis 1980 von Doris Mühringer – abgesehen von 1974 durch Gotthard Fellerer –, von 1981 bis 1983 von Alfred Gesswein. Nach Gessweins Tod (1983) stellte Manfred Chobot das Lyrikflugblatt 1984 bis 2005 zusammen; er begann auch damit, vereinzelt internationale LyrikerInnen zu berücksichtigen. Seit 2006 wechselt die Redaktion von Jahr zu Jahr.

 

2016: Helwig Brunner

2015: Robert Prosser

2014: Friedrich Hahn

2013: Christoph Janacs

2012: Karin Ivancsics

2011: Georg Bydlinski

2010: Erich Schirhuber

2009: Christian Teissl

2008: Nils Jensen

2007: Hannes Vyoral

2006: Christa Nebenführ

 

Eine Besonderheit stellt das Lyrikflugblatt des „Jubiläumsjahres“ 2011 (40 Jahre Podium) dar: Georg Bydlinski versammelte Kinderlyrik von 28 der renommiertesten deutschsprachigen Kinder- und JugendbuchautorInnen.


Lyrikflugblatt 2017

 

Redaktion Monika Vasik, mit Gedichten von:
Nahid Bagheri-Goldschmied, Timo Brandt, Helwig Brunner, Lev Detela, Sabine Gruber, Simone Hirth, Aftab Husain, Philo Ikonya, Christoph Janacs, Konstantin Kaiser, Udo Kawasser, Elif Koca, Julia Lajta-Novak, Cvetka Lipus, Annemarie Moser, Helmuth A. Niederle, Astrid Nischkauer, Frieda Paris, Robert Prosser, Barbara Pumhösel, Maria Seisenbacher, Ilse Tielsch, Bosko Tomasevic

 

Sabine Gruber

Warenwechsel

Stell dir vor, es stürmt
Und mit dem Winterwind rasen
Die unbestatteten Toten
Auf die Küsten zu, biegen
Palmen, brechen Masten.

Stell dir vor, der alte Mann
Im Schifferkittel ist jetzt
Schlepper, Schleuser im Binsen
Boot, droht mit dem Stock
Droht mit dem Messer.

Stell dir vor, das Meer heißt
Jetzt Friedhof in der Sprache
Der Unbekannten und die Grab
Steine sind Riesenkiesel
Am Grund wohnt das Dunkel.

Stell dir vor: Warenwechsel.
Herzschlagdetektoren. Spür
Hunde. Helikopter. Thermo
Scanner. In Alufolie gewickelte
Körper, Eiswürfel in Schlafsäcken.



Cvetka Lipus

Sieh uns zu, wie wir schweben

Wenn wir zuwandern, fangen wir an in Konzerte zu gehen.
Wie Flüchtlinge, die es an einen unbekannten Ort verschlagen hat,
folgen wir dem Dirigenten durch das Klanggestöber,
bis die Klaviertasten an die verstimmten Herzen klopfen.
Wir folgen dem Führer, dem Rattenfänger, der ein Rudel
Besucher nachschleppt, durch Kirchen, Paläste,
an den Statuen von Generälen vorüber, denen die Tauben
die Augenbrauen richten. Bronzene Reiter juckt es unter den Fußsohlen,
wenn fremde Akzente sie umdrängen. Wir Zugewanderten folgen
den Brosamen der Willkommensgrüße bis an den Stammtisch
der Einheimischen. Man bewirtet uns mit Jahreszahlen an
Hausfassaden, mit dem Flüstern von Sakristeien, mit Bruchstücken
einer Festungsmauer, besprengt mit Salz wie Brezeln am Schanktisch,
sodass wir trunken von fremder Geschichte nach Hause zurückkehren.

Übersetzung: Klaus D. Olof (aus: Was sind wir, wenn wir sind, Beletrina Verlag, Ljubljana 2015)

 

Nahid Bagheri-Goldschmied

Die Wanderung

Als der Sturm wehte,
zerbrachen die Zweige
und die scharfe Sichel des Windes
riss das Vogelnest fort.

Als Ruhe einkehrte
inmitten der Verwüstung
blieb ich im Fieberwahn
der Worte
kopflos
und mit versagender Hand

Als endlich Stille war
war auch die Freude
von der Erde wie fortgeblasen



Ilse Tielsch

Brücken

Laß uns Brücken baun
sagt er
aus Steinen und Stahl
unzerstörbar vom Gewicht
der Gepanzerten
die uns retten werden

Laß uns Biegsames flechten
sagt sie
Lianen und grünes Gezweig
haltbare Stege von Ufer zu Ufer
für die eiligen Tritte derer
die vor den Gepanzerten fliehn

Ich baue mit dem was ich habe
sag ich
und werfe mein Herz über den Abgrund
es zieht eine Spur durch das Dunkel
die biete ich euch als Notbrücke an
sie ist schmal
doch sie trägt

(aus dem Gedichtband Lob der Fremdheit, Grasl-Verlag, Baden/Wien 1999)



Christoph Janacs

so oder so

wer sein Zuhause verläßt
wird es nicht wieder finden

wer es nicht verläßt
hat es schon verloren



Julia Lajta-Novak

Adesch oumrak?
(Wie alt bist du?)


Fünfzehn sagst du
    (ja lacht nur)
zwei Paar breite Schultern
links rechts von dir die
Kiesel knirschen eure Namen
zwischen den Schienen
die Balken zählst du
    unbeirrt
einer reicht dir seine Pfeife
ein Kunstwerk aus Hasel
von seinem Onkel erlernt
sein Lächeln
ein erschöpfter Kompass
der die freie Luft
in flimmernde Wirbel verbläst
nachts erstarren die Halme
an den Enden deiner Welt



Lyrikflugblatt 2016

 

Redakteur des Lyrikflugblattes 2016 ist Helwig Brunner. Das Flugblatt enthält Texte von Isabella Breier, Manfred Chobot, Ute Eckenfelder, Lisa Elsässer, Petra Ganglbauer, Christl Greller, Gertrude Maria Grossegger, Joachim Gunter Hammer, Sonja Harter, Michael Hillen, Markus Jaroschka, Julia Lajta-Novak, Reinhard Lechner, Gregor M. Lepka, Judith Nika Pfeifer, Wolfgang Pollanz, Marcus Pöttler, Sophie Reyer, Armin Schrötter, Friederike Schwab, Waltraud Seidlhofer, Christian Teissl, Cornelia Travnicek, Monika Vasik und Hannes Vyoral.

 

Marcus Pöttler: epiphyten

unsere wortreichen verbindungen sind luftwurzler
die wachsen und sich an leeren papierstellen erden

vollgesogen mit wässrigen gedanken treiben sie
sonnenwärts knospen und zartgüne blätter aus

entlang unseres gemeinsamen frequenzsubstrats
ernte ich mehrmals im jahr die gereiften gedichte

*


Waltraud Seidlhofer

platz wird
fuer woerter geschaffen
ausgespart
auf stuecken papier.
striche ergeben
zeichen & muster
linienfuehrung
aus tinte grafit.
wege
in kleinen segmenten
waerme
wehen
und sand
lassen augenblicke entstehen
sanfte bilder
aus partikeln gebaut.

Sonja Harter

die natur der natur
verweigert sich der handschrift.
bloß abschrift, schreit der fasan
taumelnd in der birke.


*


Gertrude Maria Grossegger

lege dir
wortkapseln in den mund
dass flüstersamen aufgehen
und feinworte sprühen
satzbögen sich gespannt
über die landschaft dehnen
und frühlingslaute abfedern
auf unseren haarspitzen
zitronenfalter tanzen bevor
sie wieder abflirren
ins alphabet des nichts


*


Michael Hillen: schweigsame

läßt das hinterste
ihrer zunge nicht sehn, schweigt
in mehr als sieben sprachen.
sie ist ein verschlossenes fenster
das das leben in die mauer
gebrochen haben muß
gegen ihren willen, ein fenster
aus dem sie stumm hinausblickt
wie eine kleine diebin
auf der wache.
wer aber verstohlen hineinsieht
findet sie in unaufhörlichem
gespräch.

*



Lyrikflugblatt 2015


Redakteur des Lyrikflugblattes 2015 ist Robert Prosser. Das Flugblatt enthält Texte von Barbara Arnold, Walter Baco, Helwig Brunner, Max Czollek, Peter Dietze, Martin Fritz, Philipp Hager, Joachim G. Hammer, Anja Kampmann, Monika Koncz, Dagmara Kraus, Oravin, Dine Petrik, Judith Nika Pfeifer, Mechthild Podzeit-Lütjen, Sophie Reyer, Lea Schneider, Eva Seck, Michelle Steinbeck, Michael Spyra, Lydia Steinbacher, Esther Strauß, Christian Teissl und Charlotte Warsen.

Christian Teissl
Supermarktkassierin nach Kassenschluss


Hinter der Stirn ein Geflecht
aus Zahlen und Ziffern,
in den Ohren den piepsenden
Pfeifton des Lesegeräts,
bleierne Müdigkeit in allen Gliedern –
so tritt sie hinaus in den Abend.

Auf die Summe der Stunden, die heute
durch ihren Scanner gelaufen sind,
gibt ihr die tagmüde Stadt
einen Lärmrest, ein Restlicht heraus. –
Auf ihrem Heimweg
erblickt sie in jedem wildfremden
Passanten, an dem sie vorüberfährt,
einen Wartenden,
ahnt lange Menschenschlangen
hinter jeglicher Straßenecke,
und mit einem Mal ist ihr,
als wäre die Straße ein riesiges,
pechschwarzes Rollband und trüge sie
gegen die Fahrtrichtung
zu ihrem Platz an der Kassa zurück.

 
Judith Nika Pfeifer
allee-hopp

intriguingly twisted

gradaus stark geneigt
baumzwischen ein paar
wolken drüber (frage)
zum schöner küssen
bitte wo das hinführe
in der belvederer allee

 
Eva Seck
himmel V

wenn sich der
himmel auf der autobahn
oder im fluss
spiegelt dann ist quasi
ein stück himmel auf der erde
also quasi
ein stück des guten
ein hoffnungsschimmer
quasi auf erden die erlösung
eigentlich zum greifen nah
wenn ich das recht verstehe
bräuchten wir nur
in den fluss zu springen
oder uns auf die
autobahn zu legen
dann wären wir
quasi
vom himmel persönlich
erlöst

Monika Koncz
Oktober, Geishouse

das Klopfen der Steine

das Aneinander
das Ineinander von Kirchengeläut

das Behauen der Steine
die Arbeit die Stille

Krähen, die in den Bäumen hängen
wie Früchte

die geerntet werden wollen


Michael Spyra
Für die Katz

Nur einen Millimeter länger als ein Traum,
kam mir im dunklen Treppenhaus die Katz
entgegen, so als kannten wir uns nicht,
nach draußen unterwegs in aller Frühe.
Na jedenfalls hab ich sie angesprochen,
mit Namen, wünschte einen guten Morgen.
Da hielt sie inne, wandte sich kurz um,
wie eine stolze Dame, doch blieb stumm.
Es ist nicht so, dass sie nicht sprechen kann,
ich habe sie in diesem Augenblick
dabei erwischt, wie sie geschwiegen hat.
 
 
Lea Schneider
ohne titel

das problem ist, man kann leuten nicht immer
träume in den arsch schieben und hoffen, dass sie
irgendwann im kopf ankommen. ich weiß, das mit
der zukunft haben sie schon wieder geändert, aber
da kann ich jetzt auch nichts machen, es fühlt sich
einfach nicht danach an. das ist wie mit dem mitt-
woch: meistens sieht man ihn kommen und tut trotz-
dem nichts. symbolsex, ja, und später ist man dann
aus dem gröbsten raus. in fast jeder situation habe
ich diese vorläufig gelogene lust, nach hause zu
gehen: die abkürzung zu finden. und wenn ich das
geschafft hab, setz ich mich neben die spüle und
baue ein schiff aus löschpapier: eine garantierte
titanic, vielleicht auch zwei, auf vorrat, für später.



Lyrikflugblatt 2014

Das Flugblatt 2014 enthält Gedichte von:

   

   Christoph W. Aigner
    Karlheinz Barwasser
    Manfred Chobot
    Lisa Fritsch
    Petra Ganglbauer
    Ellie Garcia
    Friedrich Hahn
    Christine Huber
    Nils Jensen
    Anton G. Leitner
    Renate Lerperger
    Christa Nebenführ
    Dine Petrik

   

    Hans Raimund
    Julia Raphael
    Gerhard Ruiss
    Evelyn Schlag
    Josef Schweikhardt
    Verena Stauffer
    Ginka Steinwachs
    Gerhard Tänzer
    Monika Vasik
    Vera Vieider
    Hannes Vyoral
    Brigitta Warnach

    Redaktion: Friedrich Hahn


Julia Raphael

Dämmerung

Komfortabel gemacht
im Salbei der Laube
behutsames Licht
des Lampions
honiggelbe Stille
der Schlaf der Vögel
zieht Träume heran
inwendig haben Töne
meerblaue Segel gehisst
Klang schwebt in die
Spitzen der Finger
schwingt sich zu Hüfte und Herz
lädt Fuß um Fuß ein
den Tanz des Lebens
zu spüren

*

Petra Ganglbauer

RESTGRÜN im Auge
Aus Feigenblatt Oliven
Hain - den Tempelkomplex
Ergehen als Sehen wie
Einfassen mit Blick
Die Zikaden (Ratschen).

*

 

Christoph W. Aigner

 

Heimsein

Verschwommen
Land in Sicht

Schaukle schwer in der Dünung
mit Träumen vollgesogen

Ein Stück Stamm von weither
durchs Wasser gerollt

*

Ginka Steinwachs

gleichungen mit einer unbekannten

dichten = rOsen betreten
dichten = copy REITEN
dichten = worte kauen
dichten = mund halten
dichten = 1 x meinen
dichten = verklangkörpern
dichten = schattenspringen
dichten = beLichterstatten
dichten = weiss schwarzsagen
dichten = LIEDtaneien
dichten = satzhüpfen
dichten = verSzagen
dichten = poeSIEGEN

oder genauer:

9 gefrässigen hyänen, minimal
10 stunden gesunden schlafs
3 volle mahlzeiten
4 blumentöpfe
5 schüsseln weiNrauch
2 kannen grünen tee
1 becher schwarzen kaffee
ins maul werfen, dazu
6 löffel puderzucker
7 geriebene zwiebeln
8 eimer wasser, um nicht zu
verdursten bei lebendiger LIEBE.

*

Karlheinz Barwasser

Ein Mann

Stand im Fensterkreuz, im Dachgebälk, im
Kellerloch dann klein. Verlor gar in jedem
Licht die Räumlichkeit, schrieb ohne Tinte.
Schrieb, daß er nichts besitzen kann und
nichts mitnehmen: nachts das gewöhnliche
Abfedern, die Liebe arrangiert, dabei die
Last benannt, genial vereinfacht, vereint.
Lag im Spiegelbild, in der Traurigkeit, im
nackten Körper gekrümmt. Schwor auf die
letzte Sünde, den Mehrwert frommgelächelt.
Saß im Ausblick, schlug in sich: die Ewigkeit.

*

Evelyn Schlag

armes russlandlied

körper körper nierenschutz.
die puppenärmchen angenäht.
miliz schlägt milz im kaukasus.
die witwe tschadorkowskaja.

körper körper bodenweich.
am bösen platz das rote blut.
die schulterblätter ausgerenkt.
die leiche politkowskaja.

*

Brigitta Warnach

lose  liegt

mein mittendrin
im satz
entblättert und entblößt
lose liegt
ein wort

versäumte tage
mit celan
blütenweiß und ohne schuld
lose liegt
ein lächeln

lauwarm ohne zucker
gänsehaut
mit abgekratzter fettschicht
lose liegt
mein ich

*




Lyrikflugblatt 2013

Das Flugblatt 2013 enthält Gedichte von:


    Bettina Balàka
    Stefan Bayer
    Marco Antonio Campos
    Manfred Chobot
    Hans Eichhorn
    Margarita Fuchs
    Christl Greller
    Marianne Gruber
    Joachim Gunter Hammer
    Heide Heide
    Semier Insayif
    Christoph Janacs

   

    Gerhard Jaschke
    Gerald Jatzek
    Ludwig Laher
    Gonzalo Márquez Cristo
    Fritz Popp
    Gudrun Seidenauer
    Monika Vasik
    Hannes Vyoral
    Gerlinde Weinmüller
    Wolfgang Wenger
    Bernhard Widder
    O. P. Zier

    Redaktion: Christoph Janac



MONIKA VASIK

Ausgedingt

plötzlich nackt
aus allen Angeln gehoben
aus jeder Achse dem Lot
maßlos ausgestreckt
im Lakensarg diese Hitze
von eisiger Kälte durchwoben
der Traum von der eigenen Haut
alle Pläne Wünsche
die ganze Dichtung
hinfort auf du und du
mit der Sensenfrau
wem auch immer

*


LUDWIG LAHER

ich nahm mein gedicht
aus dem kopf
und ließ es frei:
katzengleich durchstrich es
den verwilderten garten
verlor sich im grün
als ich kurz bei mir war

unaufgezeichnet
wird es bestehen
mich streifen im traum
oder mein kind
mit einem bild
mit einem klang

*
       
O. P. ZIER

Als vom Schreibtisch gewehtes
Papierschnipsel, nur

angetrieben vom leisen Staunen
unsres Blickes, flattert

der Kohlweißling über das
Gelbgrün des abgeernteten

Tages, die Flügel vom Sommer
in Geheimschrift beschrieben

*

MARCO ANTONIO CAMPOS

Man schreibt gegen all die Unschuld
von Nelke oder Lilie, gegen die wesenlose
Luft des Gartens, gegen Wörter
alberner Spiele, gegen eine Ästhetik
des Wiener Walzers oder parnassische Wolken.
Man schreibt und öffnet seine Venen,
bis der Schrei verhallt, mit saurem Gesang,
der plötzlich anhebt, weil wir ihn
nicht zurückhalten konnten, mit Licht so hart
wie blaue Wut, das Gesicht verbrannt,
verwüstet die Seele, auf einem spröden
Ast am Rande des Abgrunds.
Man schreibt.

*

Aus dem mexikanischen Spanisch von Christoph Janacs
 


GERLINDE WEINMÜLLER

bildersprache

jeder
der geht
verwischt die bilder

jeder
der bleibt
rahmt sie ein

*
       
GERHARD JASCHKE

Richtig.
Nichts ist
wichtig.

Wirklich.
Selbst ich
bin entbehrlich.
Ehrlich.

*


BERNHARD WIDDER

wie piedmont
undeutlich die erinnerung an die morgengeräusche.

sah ich das erste licht, gefiltert im grün,
mit einem lärm, der durch bäume drang?

wind im dichten grün in einem stadtteil,
den es nicht gibt.

wenn ich gehe, ziehe ich die tür hinter mir zu,
habe den wind, der durch die wohnung streicht,
noch im rücken.

ging die kempton avenue hinüber nach piedmont,
unter der interstate-brücke,

folgte dem duft von eukalyptus
und der erinnerung an morgengeräusche,
die nicht deutlicher wurde,



Lyrikflugblatt 2012

Das Flugblatt 2012 enthält Gedichte von:


    Stefan Bayer
    Beppo Beyerl
    Manfred Chobot
    Ernst David
    Stephan Eibel Erzberg
    Lisa Fritsch
    Christian Futscher
    Elfriede Gerstl
    Christl Greller
    Friedrich Hahn
    Margarethe Herzele
    Heinz Janisch
    Heinz Janisch
    Gerhard Jaschke
    Nils Jensen

   

    Axel Karner
    Ilse Kilic
    Rudolf Kraus
    Julia Lajta-Novak
    Andreas Okopenko
    Mechthild Podzeit-Lütjen
    Gerhard Ruiss
    Hilde Schmölzer
    Anna-Lisa Schöffel
    Monika Vasik
    Hannes Vyoral
    Fritz Widmalm
    Traude Zehentner

    Redaktion: Karin Ivancsics



HANNES VYORAL

hellhörig

da trommelt
ein gedicht an mein ohr

das echo im andern
schreibe ich auf

(für ernst david)
*

       
ERNST DAVID

es gibt einen ort
an dem hab ich
zustimmung der erde erfahren

auf einer lichtung
halten junge eichen
ihre zweige über hornissen und hummeln
die vögel fühlen sich nicht gestört
wenn ich komme -
sie singen weiter
am klang ihrer lieder habe ich teil
*


ILSE KILIC

Haiku

das weiß ich genau
auch wer nicht mit der zeit geht
geht mit der zeit. punkt.
*
       
HEINZ JANISCH

Sperrstunde

Meine Mutter
hat Krebs
sagte ich
Meine Mutter auch
sagte der Mann
Dann schwiegen wir
bis zur Sperrstunde
*


STEPHAN EIBEL ERZBERG

ich schau ums eck
o schreck
noch ein eck
*

 


GERHARD JASCHKE

so weit, so schlecht
so ungerecht

es wird
ein besseres
fernsehprogramm
geben
und wir,
wir,
wir alle
werden
nicht mehr
leben
*


JULIA LAJTA-NOVAK

Erinnerung an die Kindheit meiner Mutter

Gell die Winterseite raus auf den Rübenschnee
Gell die Nachbarin der schielende Krampus
Du klappernd im Schrank
kleine Maus.

Gell der Onkel die Watschn der Zahn im Kakao
Gell die Urli der Grantscherbn am Zaun
Do hobt's eicha Zuckerl und geht's
wieda ham.

Gell die Finger am Acker im Erdäpfeldreck
Gell Scheitelknian Tränen im Hof
Und die Walzerkusine am
Kirtagsbalkon.

Gell Amen Amen Amen.
*
       

ANDREAS OKOPENKO

Midlife

O Tagebuch, o Tagebuch,
wie grau sind deine Blätter.
Wo blieb "des Lebens goldner Baum",
wo blieb das Meer im Pfeifenschaum?
O Klagefluch, o Klagefluch,
bald gibt es schlechtes Wetter.

(Copyright beim Erben A. B.)



NILS JENSEN

Ich hab dich mit samtenen Augen
Blicken
gestreichelt keine Berührung
nur so
*



Lyrikflugblatt 2011

Das Flugblatt 2011 enthält Gedichte von:

    Gerda Anger-Schmidt
    Martin Auer
    Georg Bydlinski
    Martin Ebbertz
    Werner Färber
    Vera Ferra-Mikura
    Christian Futscher
    Christl Greller
    Elfriede Haslehner
    Friedl Hofbauer
    Klaus W. Hoffmann
    Heinz Janisch
    Gerald Jatzek
    Michail Krausnick
     

    Christian Loidl
    Christoph Mauz
    Inge Meyer-Dietrich
    Erwin Moser
    Doris Mühringer
    Gunter Preuss
    Hans Raimund
    Christine Rettl
    Gerhard Ruiss
    Franz Sales-Sklenitzka
    Manfred Schlüter
    Edith Schreiber-Wicke
    Anne Steinwart
    Christa Zeuch

Redaktion: Georg Bydlinski,
Vignetten: Lukas Bydlinski


Manfred Schlüter

Schicksal

Das Blatt Papier, noch unbeschrieben,
wäre gern so weiß geblieben,
geriet jedoch in meine Hände -
und mit der Weißheit war's zu Ende.

*
       
Gerald Jatzek

Erscheinung

Auf einer Wendeltreppe
an einem Donnerstag
erschienen ein Volksschuldirektor
und ein Bezirksschulinspektor
aus Wien, Stettin oder Prag.

Sie rutschten übers Geländer,
sie zogen einander am Ohr,
sie warfen mit Kreiden und Schwämmen,
sie rülpsten und bliesen auf Kämmen
und auf einem Ofenrohr.

Auf einer Wendeltreppe
an einem Donnerstag
verschwanden ein Volksschuldirektor
und ein Bezirksschulinspektor
beim ersten Glockenschlag.

*

Christian Futscher

Husch

Husch, husch,
was floh ins Gebusch?

War es ein Schwein?
War es ein Stier?
War es allein?
Waren es vier?

Ich gehe
zum Gebusch
und sehe:
Es war ein Husch!

*


Werner Färber

Der Jaguar

Ein Jagu- und ein Fegruar
eröffneten das neue Jahr.
Und erst im Monat März
bemerkte man den Scherz.

*
       
Martin Auer

Die Lindenbäume blühn wie nie,
sie blühen ganz ungläublich.
Sie duften so ich-weiß-nicht-wie,
so lindenblütenstäublich.
So lindgrün leuchtet Blatt für Blatt
die duftende Allee.
Und wenn es regnet, schwimmt die Stadt
in Lindenblütentee.

*

Heinz Janisch

Die Katze

Schlechtgelaunte Katzen
können sogar die Luft zerkratzen
Sanfte Katzen wie meine
streicheln samtfellleise deine Beine …

*


Christian Loidl

am parkrand

steht ein held aus blech
ihn schmerzt nichts mehr

die spatzen, klein und frech
bescheißen sein gewehr

*



Lyrikflugblatt 2010

Das Flugblatt 2010 enthält Gedichte von:

   Helwig Brunner
    Georg Bydlinski
    Manfred Chobot
    Ernst David
    Stephan Denkendorf
    Heinrich Eggerth
    Lisa Fritsch
    Christl Greller
    Marianne Gruber
    Joachim Gunter Hammer
    Christoph Janacs
    Hermann Jandl
    Gerhard Jaschke

    Nils Jensen
    Axel Karner
    Rudolf Kraus
    Doris Mühringer
    Mechthild Podzeit-Lütjen
    E. A. Richter
    Elisabeth Schawerda
    Maria Schneider
    Esther Strauß
    Christian Teissl
    Cornelia Travnicek
    Hannes Vyoral
    Peter Paul Wiplinger

Redaktion: Erich Schirhuber


Christl Greller

federflämmchen
für elfriede gerstl

tiefe verinnerung, die
aufsteigt aus der
schweren schlacke der kindheit:
ein tänzelndes flämmchen. so
leicht, so beiläufig.
fass mich und fass mich nicht -
in immer neuen
alten kleidern, hüten, versteckt
darübergetanzt,
verlorengetanzt - -
keine schwere mehr zulassen.
leichtfüssig
die worte über alles
hinwegsetzen.

*
       
Christian Teissl

IM PARK mit den Pfauenschreien
stehen noch Überreste
vergangener Sommer

Die Wege sind nichts
als Wiederholungen
früherer Wege

Zwischen den blühenden
und den kahlen Bereichen
entdecke ich abgefallene Sonnen
die einmal über mir waren
und Schatten
in denen ich Zuflucht fand
als die Tage aus den Fugen gingen
alle Wolken stillhielten
und sich nicht rührten
und die Luft feindselig
zwischen den Dingen stand

*


Christoph Janacs

Milch

da steht nun das Kind,
die Milchscherben betrachtend,
Blut an den Fingern,
kein Auge für den Himmel,
in dem sich spiegelt die Milch

ich kann nicht sagen,
was aus ihm geworden ist.
ich weiß nur eines:
der Himmel ist verschwunden,
geblieben sind die Scherben

*
       
Lisa Fritsch

Regenbogennetz

aufgespannt
im Nadeldickicht

verletzlich
meine Augen

Kastanienblüte
im September

das junge Grün
wässrig geknickt

*

Joachim G. Hammer

Löwenzahn 2
für Richard Wall

Fünf Zungen
verpflanzt mir!
Die große weiße für die Lüge,
die kleine, schwarz und siebenfach
gespalten, für die Wahrheit, und
eine ungelenke, raubereifte
für die Poesie, dann die größte,
bunteste fürs Schweigen und zuletzt
die fleischrot heiße
für das Küssen auch
der Steine.

*
Rudolf Kraus

wolf im schafspelz

in diesen nächten
wenn der mond
füllig und blau schimmert

werfe ich ab
meinen schafspelz

er stand mir
sowieso
nie besonders

*

Marianne Gruber

Kann sein, ich betrete
morgen die Straße
morgen und früh
das ist ein passender Zeitpunkt
und wandere an die Peripherie,
wo die Hunde zu Haus sind
wie man so sagt
und drehte dann um
und täte
als käm' ich von draußen
vom Land
um einen Passierschein zu kaufen
fürs Zentrum
wie man so sagt
für das Leben.

*

Nils Jensen

ach du
du bist
und für mich
und bist du
und ich bin ich zugleich
bist du nicht ich doch du
und ich schon du
und versteh das bitte

*


Heinrich Eggerth

Das Nadelöhr

Mitnehmen möcht ich doch manches:
das Blau dieser Lilien,
den Windstoß, der den Trauerweiden
die Röcke hebt,
die Goldsandalen der Sonne
auf dem gekräuselten Wasser,
das eine oder das andere
Wort von dir
und dein lautloses Nicken.
Ob man mit so viel Reichtum
durchs Nadelöhr kommt?

*



Lyrikflugblatt 2009

Das Flugblatt 2009 enthält Gedichte von:

    Helwig Brunner
    Georg Bydlinski
    Manfred Chobot
    Ernst David
    Tarek Eltayeb
    Lisa Fritsch
    Joachim Gunter Hammer
    Elfriede Haslehner
    Nils Jensen
    Konstantin Kaiser
    Zlatko Krasni
    Rudolf Kraus
    Gregor M. Lepka
    Dine Petrik
    Robert Prosser

    Elisabeth Schawerda
    Erich Schirhuber
    Ferdinand Schmatz
    Waltraud Seidlhofer
    Norbert Silberbauer
    Esther Strauß
    Ilse Tielsch
    Cornelia Travnicek
    Hannelore Valencak
    Monika Vasik
    Hannes Vyoral
    Richard Wall

Redaktion: Christian Teissl


Helwig Brunner

Hier

ist kein Schauplatz, kein Drehort,
nichts, was angekündigt, nichts,
wovon berichtet werden wird.
Hier liegen die Steine am Hang,
bevor sie zu Sand zerfallen,
und der Himmel darüber
zieht stündlich neue Farben auf.
Das Wissen und das Unwissen,
von denen wir leise sprechen,
erscheinen uns wie Jahreszeiten,
mit Gänsehaut im Juliregen
und warmen Tagen im Winter.

*
       
Gregor M. Lepka

Wintereinbruch im März

Als es noch einmal zu schneien begann,
drängte der Schnee das Grün zurück,
das schon so zaghaft sproß.
Der Kalender spielt heuer verrückt,
sagten die Leute und schüttelten
dabei die Köpfe. Der Jänner wurde
verspätete Gegenwart. Über den Dächern
der Stadt lag ein beständiges Wolkenband.
Im Seniorenheim dämmern die Alten dahin,
lösen sich langsam auf, dachte ein Junger,
lächelte kurz, sichtlich verwirrt.

*

Waltraud Seidlhofer

sorgsam sind die woerter gezaehlt:
kirschen im reifen, dazwischen der zaun,
blueten wie geoeffnete kugeln,
stelen, und im ruecken der strom,
sprechen im gehen, und die beruehrung,
atem anlaut und hauch,
narben, nachgezeichnet auf haenden.
all dies zu den bildern geschlossen
die, an waenden, geschichten erzaehlen
und in langsamen saetzen
gleiten erinnerungen zurueck.

*
       
Hannelore Valencak (1929-2004)

Ich bin aus dem Sommer gefallen
und bin im Winter erwacht.
Er sagt mir kalt ins Gesicht,
was klar und wahr ist.
Eisig strahlt er mich an:
weiß
und
vergißmeinnichtblau.

*


Zlatko Krasni (1951-2008)

Septemberende

Septemberende. Auf dem teller trauben.
Das kind macht seine hausaufgaben.
Wir addieren hausausgaben.
Das radio läßt an frieden glauben -

Am fenster fünf nuancen blau, die dich
das abendrot schon ahnen lassen. Schmal
ist deine zeit. Wie lange noch? Ein strahl
stiehlt unters lid des müden sich,

und erst im traum verlöscht der tag,
der morgen schon vergessen ist,
wie du vielleicht vergessen bist

und selbst vergißt. Nur wer vermag
in sich zu ruhn, im einklang, wacht
entgegen einer leichten nacht.

Deutsch von Reiner Kunze

*

Norbert Silberbauer (1959-2008)

Im Anfang war meine Landschaft weiß
wart ihr unentdeckt
nur in meinen Kopfweltreisen stellte ich mir
die schönsten Länder vor.
Ich begann zu erforschen, in Besitz zu nehmen,
weiterzuziehen.
Die Augen der ersten
von der zweiten der Mund
die Hände der dritten
von der vierten der Hals
dein Lachen.
Allmählich verschwinden die weißen Flecken der
noch Unbekannten.
Irgendwann werde ich dich dann finden
und euch alle lieben.

*


Georg Bydlinski

Leuchtkäfer

Leuchtkäfer im Abend
einmal hier einmal dort
wie Gedanken

Bewegliche
stille
Freude

die das Dunkel
punktuell
aufhebt

die Nacht
- schweres geschlossenes Tor -
aus den Angeln hebt

*


Mechthild Podzeit-Lütjen

Der Daubelfischer

Wer hätte das gedacht denkt er
Wenn der Schmerz hochkommt
Sagt er in seinen dichten Bart
Schneidet Brot mit der Hand
Aber er hat einen Kran womit
Er im Netz Fische aus dem Kanal
Die er gleich wieder frei lässt in
Den Strom sie sind ja unverletzt
Wenn der Pegel steigt versonnen
Blickt er auf den Wasserarm sitzt
Einfach nur da öffnet bedächtig Dose
Um Dose die Strömung verschluckt
Jedes Geräusch er kennt alle Schnellen
Im Halbkreis die Kähne auf und
Ab Yachten Fischerboote wie eines
Auch vor der Hüttentür schaukelnd hängt


*       

Ferdinand Schmatz

baum, haus

wo saft steht
stängelt auf
getaut mir astern
aufwärts laut

los blatt für blatt
gebaut zum haus
verästelnd kronen
pflanzend kraut

verwurzelt oben
unten mich
ab stamm
in glanz zu hüten,
volles hohl
an schein der hütten

staubt ab jetzt
im gelüfte lurch
steigt auf gezeichnet
rein mir blüten ein
zu lenken rauschendes
durch windes kleid das leid -

freud auch ohne schrei, zank,
den wiegt das vögelchen auf
der zweige thron, schau:
das uns kriechend verhärtete
faltet es auf im knospen flug
wandelt so kahles zirpend ins blau
*




Lyrikflugblatt 2008

Das Flugblatt 2008 enthält Gedichte von:

Gerhard Altmann
Claudia Bitter
György Buda
Georg Bydlinski
Tarek Eltayeb
Ludwig Fels
Petra Ganglbauer
Christl Greller
Joachim G. Hammer
Elfriede Haslehner
Christoph Janacs
Hermann Jandl
Heinz Janisch
Marie-Thérèse Kerschbaumer
Margret Kreidl       

Klaus Merz
Andreas Okopenko
Kevin Perryman
Barbara Pumhösel
Bernhard Saupe
Maria Schneider
Rolf Schwendter
Gottfried W. Stix
Esther Strauß
Christian Teissl
Elisabeth Tropper
Heinz R. Unger
Monika Vasik
Hannes Vyoral
Richard Wall

Redaktion: Nils Jensen


Christian Teissl

Gehen und Kommen

Wenn die Freunde gegangen sind
setzt du dich
an den leeren Tisch
und wartest auf eine Zeile ein Wort eine Silbe
die von irgendwoher kommt
und dir Gesellschaft leistet

Nach langen ereignislosen Minuten
öffnest du dein Fenster
und bittest eine der Wolken
die über den Himmel gleiten
zu dir ins Zimmer zu kommen
und es auszufüllen mit Regen

*
    
Kevin Perryman

TEPPICH - Sonate VI (Lento)

Ja, ich habe das bestellte Muster ausgeführt.
Ich kann nichts damit anfangen. Timur hat keinen
Palast bauen lassen, der Steppennomade.
Er habe neun Gärten geschaffen,
worin sein Zelt aufgestellt werden kann.
Ein Garten mit schattigen Alleen und Bächen -
ist das das Paradies für einen Zeltbewohner?
Aus heiterem Himmel: Mein Sohn, vier, sagte:
"Bei Krieg darfst du niemals dabei sein."
Der Krieg kam zu uns. Ich knüpfe ihn
in jeden Teppich. Zwei Sterne
treffen sich am Horizont. Purpur
am Himmel aus hellem Indigo. Ein Stern-
schacht gesenkt in den nächtlichen Sand.
Farbfetzen ersetzen keinen Kuß,
keinen Blick. Statt floralen Schmucks knote
ich Zickzackmuster. Ecken statt Kurven.
Und nie mehr deine Hand in meiner.
Im Traum spürte ich die unerwartete Wärme,
die ein kürzlich verlassenes Bett speichert.
Falle.

*
       
Klaus Merz

In den Auen

Sitzen bleiben zwischen
den entwurzelten Stämmen
im Wasser treibt Gewölk
das Baumkronenheer.

Sitzen bleiben auf der minderen
Seite des Flusses, um die Sand-
bank gegenüber als Eiland im Auge
zurückzubehalten, unentdeckt.

*
       


Elisabeth Tropper

unter den sternen

form eine arie
aus diesem nachthimmel
für mich

sage ich

und du
legst zärtlich
den arm um meine schultern
zeigst auf die lichter der stadt
und sagst

aber wir markieren doch nur
baby

*
       
Rolf Schwendter

157. Chorus

Abtragen des Berges
Erste Sekunde der Ewigkeit
Alte Sagen

Alle tausend Jahre
kommt ein Vogel zum Berg
wetzt seinen Schnabel

Ist der Berg abgetragen
ist die erste Sekunde
der Ewigkeit vergangen

Und so lange soll
der Toten Tatenruhm dauern?
Seht her, wie ich lache

*


Andreas Okopenko

Froschkummer

Ich sende dir ein Fax,
denn du steckst Ohropax
und hörst nicht mein Gequacks
von unsrer großen Liebe
und wie ich dich gern schübe.
Von unserm frohen Laich
an unserm schönen Teich;
er ist so fröscheltrübe …
Quicks quacks,
ich hoff, ich packs mi'm Fax,
quucks, meine tolle dicke Liebe!


*


Maria Schneider

Wenn das Gras hoch
unter den Kirschenbäumen
muss ich in der Dunkelheit
beim Abschied auf der Hut sein

will mich nicht wiederfinden
in der Kühle des Morgens
bei den üblichen Lämmern

*



Lyrikflugblatt 2007

Das Flugblatt 2007 enthält Gedichte von:


    Christoph W. Aigner
    Georg Bydlinski
    Ernst David
    Hans Eichhorn
    Erwin Einzinger
    Tarek Eltayeb
    Elfriede Gerstl
    Waltraud Haas
    Hadzem Hajdarevic (Übers.: Bodo Hell)
    Margarethe Herzele
    Nils Jensen
    Johannes W.Paul
    Radovan Pavlovski (Übers.: B. Widder)


   

   Barbara Pumhösel
    Gerhard Ruiss
    Julian Schutting
    Gary Snyder (Übers.: B. Widder)
    Gottfried W. Stix
    Esther Strauss
    Christian Teissl
    Cornelia Travnicek
    Richard Wall
    Bernhard Widder
    Peter Paul Wiplinger
    Serafettin Yildiz
    O.P. Zier

Redaktion: Hannes Vyoral


Erwin Einzinger
Ahoi, Brombeerhäubchen

He du da, wackelige
Maus, wo willst du hin?
Träum schön in deinem Knusper=

Haus, wenn's sein muß auch
Von der Wassersucht!
Wir sind doch alle nur Trabanten …

Hör zu: Was den Zahnschmelz
Nicht angreift, macht uns nur härter.
Der Würfelbecher rollt unters

Sofa, ausgerechnet jetzt.
Draußen, am Gestänge der Rost=
Schaukel, turnt ein Kind.

Es hat grünweiß gesprenkelte
Salzspangerl im Haar & kennt alle
Lieder, auf die es ankommt.

Aber die Luft etc. ist nicht mehr
So rein wie ehedem, wetten?
Gelbes Wasser tropft vom Mühlstein.

*
       
Hans Eichhorn
PÜNKTLICH

zum Sechsuhrmorgenläuten hämmert
der Sommerregen in den Blättern, die
kalte Brise huscht über das Gesicht und

das Fischerboot wie vor Jahr und Tag
an seinem Fangplatz. Aber jedes Wollen
verkrampft die Muskulatur, verpasst dem
Satz den Maulkorb, aus dem die Krähe

herausschreit. Laß schreien, lautlos,
so laut du kannst, stocksteif im Bett
liegend, der Dammbruch, das Rinnsal
mit dem die Dinge aus dem Kopf purzeln,

ins papierene Licht.

*


Cornelia Travnicek
wo etwas zu finden war

am fahlen wasser am ende dieser tage
im rinnsal zwischen grüngrauem stein
mitten in der bleichen see
überall dort

*

Esther Strauss

Zwei Schmetterlinge streiten.
Hätte doch jeder
Himmel genug.

*
Richard Wall
Scharfschützen

Überall Frostaufbrüche
mitten im Mai, und Herbsthimmel
über geblechten Dächern.
Am Schalter der Bank, unterm
Geblätter, die Kälte des Marmors.
Das Blinken der Play-Station
lockt an gewitzte Schüler
: Das ist geil und dies ist cool :
Auch Stromstöße, platzende Körper,
Stiche in die Brust und spritzendes Blut.
Drinnen, im Trockenen, hocken
gut getarnt, die Scharfschützen.
Draußen, im Regen und Nebel
verlieren sich die Ziele
: Wir, die Ahnungslosen,
die nichts mehr spüren
rennen herum
in nassen Schuhen
entlang verwaschener weißer Linien
mit durchschossenen Herzen.

*

       
Gary Snyder
Holzarbeit (9)

Heimwärts, Autostop,
ließ die Berge hinter mir
wo mich den ganzen Freitag in der Sonne
Fliegen belästigten, als ich die Telefonleitung
oben am Weg zum See montierte.
Träumte von daheim, in der Nacht
zu meinem Mädchen, ein spätes Bad.
Sie kam nackt in die Wanne,
ihre Brüste hingen, glitzerten,
sie wusch mir den Rücken.
Wir liebten uns die ganze Nacht lang.
Sie war unglücklich mit dem Allein-Sein.
Den ganzen Sonntag leise Gespräche.
Ich ging wieder. Reiste zweihundert Meilen
zurück zur Arbeit.

Übersetzung: Bernhard Widder

*


O. P. Zier
LektüreErfahrung

Wer sich also
an Geprügelte hält, kann
bald

in den eigenen
blauen Flecken
lesen?



Lyrikflugblatt 2006

Das Flugblatt 2006 enthält Gedichte von:

    Bettina Baláka
    Georg Bydlinski
    Manfred Chobot
    Ernst David
    Michael Donhauser
    Brigitta Falkner
    Marianne Gruber
    Sabine Gruber
    Graziella Hlawaty
    Hermann Jandl

    Gerhard Jaschke
    Ilse Kilic
    Gerhard Kofler
    Andreas Okopenko
    Hans Raimund
    Evelyn Schlag
    Gottfried W. Stix
    Alois Vogel
    Hannes Vyoral
    Fritz Widhalm


Redaktion: Christa Nebenführ

Gerhard Kofler
der lebende garten

für Eva-Maria, Andreas
Judith, Johann August
und für uns

igel laufen
glühwürmchen fliegen
eichhörnchen springen
vögel singen
die katze
einst streunend
schläft

erscheinung
zweier sterne
für eine dämmerung
lebendig an träumen

es ist ein verzauberter
garten
und wir
ganz einfach
mitten drin

verzaubert
zum leben

29. Juni 2003


*
       
Hans Raimund
Hinterm Haus

Ins Erdreich eingefurcht
Mit schlierem Eis verglast
Traktorenreifenspuren

Zu schwer vom unzeitigen
Schnee und von den Äpfeln
Die am Zweig verrotten ist
Der morsche Ast gebrochen

Amselweide

Halbe Nußschalen leer
Haufen weißen Flaums
Katzenpfotenspuren

Auf dem schneegeschminkten
Schrägen Scheunenfenster
Krabbeln Fliegen sich zu Tod

*


Gottfried W. Stix

schau in den spiegel
und betrachte dich selbst doch
verweil nicht zu lang

Hannes Vyoral
der sommer

der sommer schiebt
einen tag in den andern
atemstoß um atemstoß
wie beim aufblasen
des blauen luftballons

am ende
wird er dünn
& überm stoppelfeld
zerplatzt er

(für leonie vyoral)


*
       
Evelyn Schlag
Septemtriones XXVI

Eine Handvoll Wörter immer nur mit
denen ich dich hungrighalten will
mein Raubtier Pranken größer als
mein Herz - so wär ich gern gefangen
Krallen Gitterstäbe sanft gesetzt mit
jedem Herzschlag stoßend an dein
bleib bei mir.

*
Michael Donhauser
Heidelberg

Erfroren waren die Magnolien, braun standen ihre
blassen Blüten, und hell schien im Dunst, der das
Sonnenlicht streute, die Stadt, das Tal, wo als vor
Toren draussen weit die Ebene lag, wie auf halber
Höhe wir da gingen und standen, auf dem einstigen
Wingertweg - nur die Trockenmauern noch, sie
zeugten vom Anbau der Reben, doch unten, jene
Brücke sei eine der schönsten gewesen und wurde
nach dem Krieg von neuem errichtet, dass sie sich
kräftig wieder schwang und leicht über den Strom:
wir nahmen den schlängelnden Weg, der uns, wo
Liebende sonst hinan in inniger Eile stiegen, ans
Ufer hin führte, des ziehenden Wassers, das, von
Strassen gesäumt, nur kaum von seiner Herkunft
noch erzählte - doch blieb zu sehen die Weise der
Türme und Häuser, gebaut zu sein, um südlicher
bald zu empfangen das späte Licht, hier, nah der
Mündung des Wassers in sein fernes Fliessen: und
so war es im Frühling ein kleiner Herbst, war ein
Erinnern da im Verblühen, der Abende, wie diese
leuchteten am Gemäuer, damit wir es sagten, es
sähen, strömen und brechen am Stein oder milder
anliegen dann, befriedet im Wiegen wie Schiffe am
ufernden See, das Licht, das ewig alles versöhnte