Franka Lechner

Podium Porträt Nr. 78


Biographie

Franka Lechner wurde am 20.10.1944 als zweite Tochter von Dr. Etta Becker Donner und Dr. Hans Becker in Wien geboren. Ihre Mutter, eine bekannte Ethnologin, war fast 20 Jahre lang Direktorin des Wiener Völkerkundemuseums. Ihr Vater war als Widerstandskämpfer gegen das Naziregime jahrelang im KZ inhaftiert und nach dem Krieg als Diplomat in Südamerika tätig. So verbrachte Franka Lechner die frühe Kindheit in Südamerika. Nach dem Tod des Vaters kehrte die Familie nach Wien zurück und Franka Lechner absolvierte dort die Schulzeit und besuchte in der Akademie der bildenden Künste die Klasse für Malerei bei Prof. Sergius Pauser.
Ihrer ersten Ehe mit dem Arzt Dr. Gerhard Lechner entstammen zwei Söhne und eine Tochter. In zweiter Ehe ist sie mit dem Komponisten und Dirigenten Heinz Karl Gruber verheiratet.
Ab 1969 begann für sie eine rege Ausstellungstätigkeit auf dem Gebiet der Malerei und Textilkunst (Tapisserie), die sich bis heute fortsetzt. 1982 kam es zu ersten Veröffentlichungen und Lesungen ihrer Lyrik. 1988 wurde sie Mitglied des Literaturkreises PODIUM. In ihren Publikationen sind meist bildende Kunst und Lyrik eng verbunden: sowohl in ihrem Gedichtband "Sand ist im Feuer", als auch in ihren zahlreichen Katalogen sind Malerei, Bildteppiche und Lyrik einander gegenübergestellt.
Für ihr Buch "Sand ist im Feuer" erhielt sie 1989 den Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich, 1999 die Ehrenmedaille des Künstlerhauses Wien (dessen Mitglied sie ist) für ihr bildnerisches Werk.
Sie lebt und arbeitet in Wien und Rosenburg am Kamp.

Veröffentlichungen

1982 Katalog "Franka Lechner, Bildteppiche, Malerei, Lyrik", Vorwort: Peter Baum
1982 HUMBOLD Nr. 77, Lyrikbeitrag
1985 Lyrikband "Sand ist im Feuer", Weilburg Verlag, Vorwort: Peter Paul Wiplinger
1988 Katalog "Franka Lechner, Bildteppiche, Malerei, Lyrik", Vorwort: Kristian Sotriffer
1990 Podium Nr. 77, Lyrikbeitrag
1990 "Köpfe, Herzen und andere Landschaften", Österreichische Staatsdruckere
1991 Katalog "Franka Lechner, Arbeiten auf Papier und Lyrik", Vorwort: Angelika Bäumer, Edition Thurnhof
1991 "Unterm Machandelbaum", Farboffsetlithographien und Gedichte, Edition Thurnhof
1997 Katalog "Franka Lechner, Bildteppiche, Malerei, Lyrik", Beiträge von: Angela Völker, Christoph Brockhaus
2004 Katalog "Franka Lechner, Bildteppiche, Malerei, Lyrik 1973-2004", Beiträge von: Christoph Brockhaus, Kristian Sotriffer, Franka Lechner
2007 Bildband "Karl Korab, 70 Zeichnungen", Essay ("Zeichnen") von Franka Lechner
2011 Katalog "Franka Lechner, Bildteppiche, Malerei, Lyrik, 1970-2011", Beiträge von: Elisabeth Voggeneder, Wolfgang Herzig

Leseprobe


Penelope

Penelope
ist die Frage
nach Zeit
Raum
und Liebe

aus den geduldigen
Fingern
rinnt der
Wollfaden
Zeit
verdichtet
zu Leben
Gewebe
abendlich entlöst
nächtens befreit
die gedichtete Wolle
Liebe
steht im Raum
wie ein umrandeter Kreis

färbe deine Wolle rot
Penelope!
und der Kreis
wird aufbrechen
wie eine
reife Schale

*


Sand ist im Feuer

Vater hat angezündet
Mutter hat nachgelegt
wir blasen
die Funken fliegen
und die Kinder springen
über den brennenden
Tannenkranz
- kalt ist die Nacht

Sand ist im Feuer
die leise Glut
lächelt noch rot
- wer hat die letzte Handvoll
geworfen?
- der Himmel
klirrt über uns
drohend

*

Für den Abend

ein Feldhase ist mein Herz
im Zick-zack läuft es
über den Acker
und verharrt
in der Furche

den goldenen
Wolkensaum
tanzt es
entlang
wie die schreiende Schwalbe
um dann
schwankend
am Wipfel
zu horchen
ob der Wald
gütig
oder drohend
seine Schatten
zu sich ruft
für den Abend

*

Freundschaft

nicht zu
beschwören
auch nicht
sicherzustellen

Grenzland
und im Erkennen
eine Nähe
eine süße Gebärde
und ein Augenblick
Tanz

Flügel
für eine
andere Zeit

*

Schriften

halbverweste Worte
in meinem Kopf
Knochengerüste
Schwarzlinienweg
Polyphonie
vergessener Sprachen
im Erdmittenfeuer
versiegt

an den Meridianen
des Hirns
funkeln Fäden
Texturen
gesponnen
nachtgeerntetes
Klangspiel Schrift

*

Mai

löst das Bild
das lippenfeuchte
Wort
den Morgenmund
den grünen Schmetterling
das Flatterauge
einen Tag entlang

ein Zwitschern
und ein neuer
gelber Sonnenzahn
im bitteren Gesträuch

*

Kriegsgeboren

Luftwurzeln geschlagen
verankert
im Sturm

Wiegenlieder im Keller
die Muttermilch
schmeckte nach Angst
und nach Hoffnung

wie dunkel
das Licht war
zwischen den Engeln:
einer bewahrte
einer schlug

aus den Blumen
fiel Schnee

auf den Stirnen
wuchs
ein unsichtbares Zeichen
kein Schweigen
löscht seine Spur
kein Reden

nur die Toten
können es lesen

*

Garten Gethsemane

das Haus
der Erinnerung
ist blaß geworden

im Garten
Gethsemane
blühen dunkle Blumen

Mondlichtbäume
schweigen ihr Lied

die trockenen Gräser
erzählen furchtsam
uralte Geschichten
im rosafarbenen
Nachtlicht

*

spät

die Knochen
der Liebe
wohlgebleicht

Zeitflechten
gedeihen
am Zaun

der Wind
nistet bereits
in den dürren Ästen

bricht sie für mich:
für die kleine
Herbstofenwärme

*

Franka Lechner: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Ruth Cerha. 64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-.
Podium (podium porträt 78) Wien 2014. ISBN 978-3-902886-14-9