Elisabeth Hauer

Podium Porträt Nr. 76


Elisabeth Hauer wurde am 28. Juni 1928 in Wien geboren. Der Vater, ein Tierarzt, war Wiener, die Mutter, eine Bauerntochter, stammte aus dem Waldviertel. Kindheit und Jugend verbrachte die Autorin am Rand der Stadt in einem alten Haus, das von einem großen, verwilderten Garten umgeben war. Dieser Garten bildete, wenn es die Jahreszeit erlaubte, ihren Lebensraum. Alte Bäume, verwachsene Wege, die von Moos bedeckten Reste eines Springbrunnens regten die Phantasie des Kindes in nachhaltiger Weise an, verführten zu verträumten Spielen, zu Vorstellungen einer unbekannten Welt. Dieser Garten ermöglichte eine Freiheit ohne Verbote. Die Autorin war überzeugt, dass diese Umgebung ihrer Kindheit tief in ihr weiteres Leben hinein gewirkt hat. Sie studierte an der Universität Wien Germanistik und Romanistik und promovierte 1951 zur Dr.in phil. Danach arbeitete sie als Fremdsprachenkorrespon- dentin. Von 1979 bis 1981 war sie Mitglied der Redaktion der Zeitschrift "Literatur und Kritik". Ab 1981 war sie freie Schriftstellerin. Mehrere ihrer Arbeiten wurden ins Türkische, Russische, Polnische, Tschechische, Rumänische und Georgische übersetzt. 1986 erhielt sie den Bertelsmann-Erzählpreis und den Preis des Adolf-Schärf-Fonds, 1987 den Berufstitel Professor, zuletzt das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Niederösterreich. Am 23. Jänner 2012 starb Elisabeth Hauer.

Mitgliedschaften:

Österreichischer P.E.N.-Club; PODIUM; Österreichischer Schriftstellerverband

Buchveröffentlichungen:

Ein halbes Jahr, ein ganzes Leben. Roman, Styria, Graz 1984
Verlasse die Felder. Gedichte, Edition Roetzer, Eisenstadt 1984
Sommer wie Porzellan. Roman, Styria, Graz 1986
Fallwind. Roman, Styria, Graz 1989
Die Bogenbrücke. Roman, Styria, Graz 1992
Ein anderer Frühling. Erzählungen, Styria, Graz 1995
Die erste Stufe der Demut. Roman, Literaturedition Niederösterreich, St. Pölten 2000
Damals der Sommer am Fluß. Gedichte, Grasl (Lyrik aus Österreich Band 86), Bad Vöslau 2001
Die Enthüllung der Paradiese. Erzählungen, Nachwort von Matthias Mander, Lehner (Edition Milo Band 11), Wien 2007
Franz spricht. Roman, Styria, Wien 2012

Leseprobe


spiele mit mir
sagte die Sprache zum Dichter
kämpfe mit mir
lebe mit mir
aber nimm mir nicht
meine Seele

*

früher
rasch gelaufen
miteinander
Hand in Hand

später
müd gegangen
nebeneinander
abgewandt

*

ich sah sie zum ersten Mal
sie trug das graue Haar zu Zöpfchen geflochten
der kurze Faltenrock lenkte den Blick
auf das zerfließende Knie
den Rist hinauf bis zum Knöchel
reichten die hochhakigen Schuhe
daraus die verkümmerten Waden wuchsen
Donald Duck fiel mir ein
das glitzernde T-Shirt befreite den faltigen Hals
love lief schräg über die ermatteten Brüste
ohne Schminke die dünnen Lippen
dafür umso mehr auf Wangen und Lidern
und die Wimpern voll borstiger Schwärze
sie saß an dem kleinen Ecktisch
beim sechsten Glas Wermuth süß
lila zerkratzten die Nägel die letzte Gedrehte
verwundeten pop news und top ten
sie hatte erfuhr ich eine sechzehnjährige Tochter
ein spätes Kind ohne Vater
die starb auf einem Mofa
ihr selbst hat man mehrmals
Tabletten aus dem Magen gepumpt
doch seit sie die Sachen der Tochter trägt geht es
sie sagt so könne sie leben
sie sei nun Mutter und Tochter in einem
sie verstünden sich jetzt viel besser als früher
keine Diskussionen keine Probleme alles o.k.
leider muß ich meinte der Ober
diese Geschichte jedem erzählen
damit man die beiden die Ruhe läßt

*

kleinwüchsig
wir alle
sind kleinwüchsig
wollen
nirgends anstoßen
überall durchkommen
wollen
den leeren Kopf
die törichten Blicke
nicht heben
wollen
blind übersehen
was uns überragt

*

den Mangel
wollten wir nicht ertragen
den Überfluß
konnten wir nicht verkraften
die Mitte suchten wir vergeblich
im Taumel
zwischen wenig und zuviel
gingen wir unter

*

Feznbaungat oamsölicha
trogst dei Gfrett
buglkraxn



tua dä Kraxn owe
faungs Gfrett aussa
und schengs an Weana

wiast sägn
ea nimmts

*

waun a Schtean
owefollat auf mi
täti dHänd
aufhoidn

swaama gleich
owa koid waa
oda haass

wäu an Schtean
woiti gean
amoi gschpian

*

Elisabeth Hauer: Ausgewählte Gedichte. Hg., Vorwort: Helmuth A. Niederle. 64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-
Podium (podium porträt 76) Wien 2014. ISBN 978-3-902886-12-5