Eva Kittelmann

Podium Porträt Nr. 66


Biographie

Eva Kittelmann wurde am 15.10.1932 in Wien geboren, wo sie nach wie vor lebt. Humanistisches Gymnasium, Studien der Publizistik und Theaterwissenschaften, daneben theologische Studien an der Wiener Katholischen Akademie. 1955-57 Schauspiel- und Rhetorik-Ausbildung bei Prof. Kraus. Nach einer Buchhandelslehre (1950-52) bis 1992 im Verlagswesen tätig, zuletzt als Lektorin, Verlagsleiterin und Konsulentin.
"Hinwendung zur Literatur, v.a. zu Lyrik und Novellen, ab der frühen Jugend. Aus dem professionellen Wissen um die Problematik ,gedruckter Dichtung' während der aktiven Berufszeit keine Bemühung um Publikationen. 1987 erstmalige Herausgabe eines Privatdrucks (,Aus einem Stundenbuch') in nummerierter Auflage, der im Lauf der Jahre weitere 35 solcher Almanache folgen sollten. 1990 erschien in den ,Cuadernos de Cultura' (Barcelona) eine 16-seitige Werkanalyse (,La poesia de E. M. Kittelmann'), die zu vertiefter Befassung mit Lyrik und zu Veröffentlichungen führte."

Preise:

Wilhelm-Szabo-Lyrikpreis (2002), 1. Preis beim "Zauberberg-Wettbewerb" (2003), Jurorenpreis der Gesellschaft der Lyrikfreunde (2010)

Bücher:

1993 "Atrium tanzender Stille" (Ausgewählte Lyrik I), Edition L, Hockenheim
1996 "Dahinter kommen" (Ausgewählte Lyrik II), Autorenverlag Augsburg
2004 "Ich bringe dir mein Lied", CD mit Liebeslyrik
2007 "Warten, was sich zeigt", CD mit lyrischen Texten
2009 "Die Aufgabe oder Eros wie im Himmel und auf Erden", Roman, Edition "spruchreif"
2011 "Synopsis", Katalog mit Lyrik und tw. eigenen Bildern
2012 "Zur Quadratur der Verse. 100 Traumsequenzen", Bibliothek der Provinz, Weitra (in Vorbereitung)

Mitgliedschaften:

Österreichischer Schriftstellerverband, Gesellschaft der Lyrikfreunde, Erika-Mitterer-Gesellschaft, Verband der Geistig Schaffenden und Autoren, Kulturgemeinschaft "Der Kreis", Verband katholischer Schriftsteller Österreichs, Literaturkreis Podium, Beirat und Projektleitung für Poetik der Plattform Bibliotheksinitiativen Wien

Leseprobe


Nachtsicht

Es gibt Nächte
da atmet der Mond
weißen Hauch aus
da kriechen die Sterne
in silberne Pelze
und zittern wie Lämmer

In diesen Nächten
tauchen wir
unter die Verse
in Spiegelgeflechte
und wissen nur Bilder
nicht Namen

Aus dem Vergessen folgt
das gerechte Erwachen
still wie die Sterne
wie Mondatem leise
kühl und gemessen
zu sein


Über s e t z e n ü b e r setzen

In Nächten, die scheinbar
nicht enden - haunting und haunted
ist mit Besuch der Gespenster
vermutlich zu frei übersetzt -
die farblose Tonspur des Vortags
ablaufen lassen, nochmals chiffrieren.
Möglichst entdecken, was Geist meint.
Gesprächsfetzen lösen,
Ketten vergeblicher Briefe verbrennen,
die Asche dem Nachtwind vertrauen -
wenn er nur wehte!

Jetzt setze über! Suche die Traumtänzer
aus in audition: Legenden erscheinen
und Masken, ein nächtliches Fest.
Nach einem Schlaf ohne Uhren
ein wenig Genesung.
Als hinter dem ächzenden Kreuze
des Fensters der Morgenstern läutet,
das richtige Wort.

*

Wir können

nicht gegen den Wind
nicht hinter die Zeit
wenn in den Vasen das Leid blüht

Wir können oft nicht einmal
über den Berg
da ist so viel Blei an den Füßen

Wir können
ins Dunkel gelehnt
sehen, wie die Sterne

zu denen schon Sappho
ihr Lied sang
die Pindar verspottet

im Monde ertrinken
Wir können das Lächeln
von früher versuchen

*

Erwartung

Gib mir die Sonne
bettle ich
gib mir den Mond
die Sterne seien dein

Gib deinen Mund
gib ein paar Fingerstrahlen
den Atemhauch -
behalt den Augenschein!

Ich schenk' dir Fluss und Meer
den Klang der Welle
ich bin die Mündung
du das Quellenhaus

und so zusammen
schöpfen wir die Welt
- kann sein -
im Letzten aus

*
   
Ohnmacht

Nicht mit dem Finger
dem Stein einen Namen aufzwingen
nicht mit den Händen
ein Meer in die Schranken
verweisen
nicht durch die Sonne
hindurch reichen können

Ohnmacht
die eigentlich Bitterkeit wäre
wenn wir nicht
wünschten
und dächten
und davon träumten
dass wir's vermöchten

*

Versenkung

Den Trauermantel abgelegt
mit spitzen Fingern
ein Flügel ging zu Bruch
den Regenabend
ausgeschöpft
mit hohlen Händen
hineingeschluchzt
das Feuchte weicht das Buch
dir auf, die Leuchte
die am Öle saugt
erst abgedämpft
und dann mit einem Fluch
geköpft. Du bist so ausgelaugt
und leer und abgekämpft.

Nacht, die zur Lethe fließt.
Persephone, die drüben wartet.
Dein Trauermantel
schwimmt
in einem schwarzen Meer.

*

Eva Kittelmann: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Rosemarie Schulak. Podium Porträt 66.
64 Seiten, ISBN 978-3-902054-99-9