Christl Greller

Podium Porträt Nr. 54


wurde am 18. Dezember 1940 in Wien geboren. Nach Matura und zweijähriger Werbeakademie schrieb sie viele Jahre für die internationale Werbebranche. Doch der Wunsch nach eigenem Gestalten wurde immer größer, und 1995 vollzog sie den Schritt zum literarischen Schreiben, wo sie sich auf Lyrik und Prosa konzentriert. Bisher entstanden einige Gedichtbände, 2 Bücher mit Erzählungen und 1 Roman. Mehrere, teils internationale Auszeichnungen zeigen die Anerkennung, die sie damit gefunden hat.
Ausführlich: www.greller.at
Buchveröffentlichungen:

1998 "Der Schmetterlingsfüßler", Erzählungen, Passagen-Verlag Wien.
2002 "Törések" ("Brüche"), Gedichte, ins Ungarische übertragen von Ildikó Balázs, Verlag Oberungarn Miskolc.
2002 "Nachtvogeltage", Roman, Edition Rötzer Eisenstadt.
2002 "Schatten werfen", Erzählungen, Resistenz-Verlag Linz.
2004 "veränderung ist", Gedichte, Resistenz-Verlag Linz
2006 "Donaustädter Mozart-Projekt: zartART", Lyrik-Zyklus. Dazu Bilder-Zyklus von Milu Löff-Löffko und Spezialitäten-CD von Richard Fuller, Edition Rötzer Eisenstadt.
2009 "bildgebendes verfahren", Gedichte, Resistenz-Verlag Linz.
2010 "Podium-Portrait Christl Greller - Neue Gedichte", Podium Wien.

Prosa und Lyrik der Autorin wurden außerdem in vielen Anthologien, internationalen Literaturzeitschriften, im Internet und im Rundfunk veröffentlicht.
Mitwirkung an internationalen Projekten. Lesungen im In- und Ausland.

Christl Greller ist Mitglied des Literaturkreises Podium, des Österr. Schriftstellerverbandes, der Grazer Autorinnen/Autoren-Versammlung und Vorstandsmitglied der IG Autorinnen/Autoren.

Auszeichnungen:

Luitpold Stern Förderungspreis 1998
Max von der Grün Anerkennungspreis 1998 für Literatur zur Arbeitswelt
Bewag Literaturpreis für Lyrik 1998, 2. Platz
Wilhelm Szabo Lyrikpreis des Österr. Schrifstellerverbandes 2002
Féile Filíochta 2005 / International Poetry Prize: Preis für das beste deutschsprachige Gedicht
Poem of Europe Award der Assemblée des Régions d'Europe 2005
Hermes Lyrikpreis 2006, 3. Platz
WasserLEBT 2009, Anerkennungspreis der Jury
Forum Land Literaturpreis (Prosa) 2009
Joseph Heinrich Colbin-Preis 2010 des Netzwerks freier Kulturjournalisten (D)

Leseprobe


augenbestürzung

ein knie stand da
neben der bettkante. ein
rosa knie über
nackter wade über
wollsocken, gerollt, in
hausschuh.
augenbestürzung. einfach ein knie.
und rund.
nicht fleischfarben in seiner glätte, nein,
helles punschglasurrosa, glänzend.
ein knie neben dem spitalsbett,
plötzlich im blickfeld. dieser
knochentiefe
schreck.
friedlich neben dem hausschuh
ein zweiter samt socken,
gelbgrüner grober strick, sieht so wärmend aus.

*

der schmetterlingsfüßler

gefragt, warum sie das gedicht
verbrannt hatte,
wusste sie
keine antwort.
ein schulheft, ein
liniertes blatt,
ein werbekugelschreiber. die
unsichere schrift.
das gedicht.
die suchende seele, die
unstete welt.
das streichholz.

*

stadtseptember

die bienenkörbe
der schulen wieder
kinderumschwirrt. noch
sommerbunt die kleidchen.
alles wird wieder "normal" -
ob verkehr oder zeitnot.
nach der arbeit
am abend
schon dämmerung über dem wiental.
häuserschluchten
punkten mit lichtern.
fast waagrecht die letzte sonne. in
reinem gold flammt die
kirchenkuppel
am steinhof.

*

ausseerland s/w

waagrecht der schnee in strichen.
altholzhäuser, ställe, scheunen,
schwarz über eck geduckt unter
weißen dächern. die weißen matten,
und schwarz gebändert:
fichtenhecken, stützgemäuer und weißbehaubt.
hier gibt es berge? sehe nur
weißen himmel und zu füßen
schwarz die traun, darin
dicke polster von frau holle, plustrig
ihr bettzeug,
hineingefallen. leintuch
und über den seen,
jede farbe fehlt.

*

schneidbrenner

dann aber die frau, die
eine flamme war.
von der ferne
dunkelrot, wärmend -
heimelig glosend wie ein kamin.
nein:
nähe sengt, riecht nach verbranntem haar,
verbranntem fleisch.
eine schneise
brennt sie beim gehen, die worte
eingedampft zum konzentrat, schwarz
ihre ränder,
jede berührung verkohlt.

*

herzdurchzug

wort dicht an wort an wort gefügt,
verdichtet
zu einem bild, verfugt
zu einem ganzen, ein gedicht.
stell das licht ans fenster: es
flackert nicht.
hoch und ruhig
die flamme im innern
und strahlend.

ich aber - dichterin - will
nicht
ganz dicht sein.
da muss was offen bleiben, soll
hinein was können und hinaus. soll
ausblick sein und einsicht, muss
durchzug sein
bis ins herz.

*

Christl Greller: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Barbara Neuwirth. 64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-. Podium (podium porträt 54) Wien 2010. ISBN 978-3-902054-83-8