Lev Detela

Podium Porträt Nr. 49


Der zweisprachige Autor Lev Detela, der schon seit Jahrzehnten in Wien und Niederösterreich lebt und schreibt, wurde am 2. April 1939 in Maribor (Marburg a. d. Drau) in Slowenien geboren. Seine Jugend verbrachte er in der slowenischen Untersteiermark, vor allem aber in Ljubljana, wo er 1958 maturierte und ebenda an der Universität mit dem Studium der Slawistik begann. 1960 verließ er das damalige Jugoslawien und setzte sein Studium an der Universität Wien fort, doch widmete er sich seit 1970 ganz der Literatur und der Kulturpublizistik. Längere Zeit lebte er mit seiner schon verstorbenen Frau, der Lyrikerin Milena Merlak, und seinen drei Söhnen in Gumpoldskirchen, Schwechat und Untersiebenbrunn im Marchfeld. Seit 1975 wohnt er ständig in Wien, doch zog er sich immer wieder, um ungestört schaffen zu können, ins Waldviertel zurück, nach Nonndorf bei Drosendorf.
Er arbeitet(e) als Lyriker, Prosaist, Essayist, Dramatiker, Übersetzer und Kulturberichterstatter in slowenischer und deutscher Sprache für die österreichischen, deutschen, Schweizer und seit 1990 auch für die slowenischen Zeitungen und Zeitschriften (vorher war seine Literatur in Slowenien und Jugoslawien verboten, weil er dort als Dissident galt). Vor allem aber gestaltet(e) er Beiträge für die Rundfunkanstalten Deutsche Welle in Köln, RAI - Radio Trieste A, ORF (Kärnten und Wien) und seit 1990 für Radio Slovenija. Seit 1978 ist er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für internationale Literatur LOG (bis Ende 2009 sind 124 Nummern der Zeitschrift LOG und 30 Publikationen der Reihe LOG - BUCH International erschienen). Er ist Autor von über 40 Publikationen in slowenischer und deutscher Sprache. Zusätzlich sind Übersetzungen seiner Texte in verschiedenen Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen u.a. in folgenden Sprachen erschienen: Englisch, Spanisch, Italienisch, Rumänisch, Ungarisch, Slowakisch, Serbisch, Albanisch und Gujarati (Indien).
Er betätigt sich auch als Übersetzer und Vermittler österreichischer Literatur für den slowenischen Sprachraum. Unter anderem übersetzte er Texte von Helmut Peschina, Klaus Sandler, Bodo Hell, Liesl Ujvary, Peter Henisch, E. A. Richter, Bernhard Hüttenegger, Christian Wallner, Peter Rosei, Peter Kersche, Jutta (Julian) Schutting, Josef Enengl, Ernst Jandl ins Slowenische. Seit 1990 reist er öfters nach Slowenien. Er ist derzeit Redakteur der slowenischen Literaturzeitschriften SRP und Meddobje und war früher Redakteur der Zeitschriften Most in Triest, Mladje in Kärnten und der Exilzeitschrift Slovenska vest.

Preise, Auszeichnungen

Abraham-Woursell-Award New York (Universität Wien) zur Förderung junger europäischer Autoren 1966-1970, Osterpreis "Vstajenje" der slowenischen Kulturorganisationen in Triest 1969, Certificat of Merit des Slovenian Research Center of America 1970, AStA - Literaturpreis der Universität Tübingen 1970, Literaturpreis des Romanwettbewerbs der Zeitschrift Das Pult m. d. ORF u. d. Stadtgemeinde St. Pölten 1976, Förderungspreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst 1976 und 1989, Staatsstipendium für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst 1976, Förderungsbeitrag des Wiener Kunstfonds für Literatur 1977, Förderungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur 1982, Literaturpreis des Klagenfurter Hermagoras Verlags 1987 u.a.

Mitgliedschaften

Österreichischer P.E.N. Club, Literaturkreis PODIUM, IG Autorinnen Autoren, Verband der slowenischen Schriftsteller in Österreich - Klagenfurt, Verband der slowenischen Schriftsteller in Ljubljana, Verein der österreichischen Literaturzeitschriften und Autorenverlage (Obmann 1986-1995) u.a.

Deutschsprachige Buchveröffentlichungen

Erfahrungen mit Gewittern. Kurzgeschichten. Aus dem Slowen. von Hilde Bergner. 1973: Darmstadt, J. G. Bläschke Verlag
Legenden um den Vater. Kurzprosa. Vorw.: Klaus Sandler. 1976: Eisenstadt, Edition Roetzer
Die Königsstatue. Ein historischer Roman aus der Gegenwart. 1977: Wien, Rhombus Verlag
Imponiergebärden des Herrschens. Ein psychologischer Bericht über den aufschneidenden Schneider, den Möchtegernkaiser. 1978: Wien, Rhombus Verlag
Der tausendjährige Krieg. Ein Lesestück für die Hinterbliebenen. Vorw.: Peter Kersche. 1983: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 1)
Was die Nacht erzählt (zus. mit Milena Merlak). Gedichte. Dreisprachig (dt., slowen., engl.). Übers. ins Engl.: Herbert Kuhner. 1985: Klagenfurt: Hermagoras Verlag
Testament des hohen Vogels. Gedichte. 1985: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 4)
Gespräche unter den Fabrikschornsteinen. Die strahlende Literatur im Schatten von Tschernobyl. Prosa. 1986: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 5)
Hinter dem Feuerwald. Prosa. 1995: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 16)
Die Verrücktheit der Wetterlage. Erzählungen aus Österreich. 1996: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 18)
Unfrisierte Gedanken eines zugereisten Betrachters. Essays. 1998: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 24)
Die Merkmale der Nase. Ausgewählte deutschsprachige Prosa und Lyrik 1970-2004. 2005: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 27)
Verdichtungen. Nonsensverse & Experimente. 2009: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 29)

Slowenische Buchveröffentlichungen

Blodnjak (Der Irrgarten). Sieben Erzählungen. 1964: Triest, Verlag Sodobna knjiga
Junastva slamnatega Krpana (Die Heldentaten des Strohriesen). Lyrische Groteske. 1965: Triest, Verlag Sodobna knjiga
Atentat (Das Attentat). Prosa und Lyrik. 1966: Triest, Verlag Sodobna knjiga
Izkusnje z nevihtami(Erfahrungen mit Gewittern). Kurzgeschichten. 1967: London, Verlag Sodobna knjiga
Sladkor in bic (Zucker und Peitsche). Lyrik. 1969: London, Verlag Sodobna knjiga
Crni moz (Der schwarze Mann). Moritat in Versen. 1969: London, Verlag Sodobna knjiga
Metaelement. Lyrik. 1970: London, Verlag Sodobna knjiga
Kraljev kip (Die Königsstatue). Prosa. 1970: London, Verlag Sodobna knjiga
Legende o vrvohodcih in mesecnikih (Legenden von Seiltänzern und Mondsüchtigen). Lyrik. 1973: Canberra, The Lapwing Press
Marijin mojster (Meister der Marienbilder). Historischer Roman. 1974: Klagenfurt, Hermagoras Verlag
Duhovni ogenj naj vecno gori (Die ewige Flamme des Geistes). Dreißig Essays. 1975: Tainach in Kärnten, Sodalitas
Povojni slovenski koroski pesniki in pisatelji (Die kärntnerslowenischen Nachkriegsautoren). Essays. 1977: Klagenfurt, Hermagoras Verlag
Kaj je povedala noc ( Was die Nacht erzählt / What Night reveals). Lyrik (zus. mit Milena Merlak). Illustrationen von Ted Kramolc. 1985: Klagenfurt, Hermagoras Verlag
Casomer zivljenja (Zeitmesser des Lebens). Erinnerungen I. (1943-1962). 1987: Buenos Aires, Verlag Slovenska kulturna akcija
Café noir. Gedichte. 1989: Wien, Krog ljubiteljev slovenske kulture
Dunajski valcek za izgubljeno preteklost (Wiener Walzer für die verlorene Vergangenheit). Historischer Roman. 1989: Triest, Verlag Sodobna knjiga
Stiska in sijaj slovenskega kneza (Elend und Glanz des slowenischen Fürsten). Historischer Roman. Nachw.: Bogdan Pogacnik. 1989: Klagenfurt, Hermagoras Verlag
Poslednja gora (Der letzte Berg). Ausgewählte Werke I. (Prosa). Hg./Vorw.: Brane Gradisnik. Nachw.: Tomo Virk. 1991: Ljubljana, Verlag Art agencija
Duh in telo (Geist und Leib). Ausgewählte Gedichte. Hg.: Tone Pavcek. 1993: Ljubljana, Verlag Mihelac
Jantarska zveza (Der Bernsteinbund). Historischer Roman. Nachw.: Ivan Tomazic. 1998: Klagenfurt-Wien-Ljubljana: Hermagoras Verlag
Emigrant 1960-1990. Erinnerungen II. (1960-1990). 1999: Ljubljana, Verlag Nova revija
Starosvetni spevi (Die altertümlichen Gesänge). 1999: Ljubljana, Verlag SRP
Tri zvezde (Drei Sterne). Historischer Roman über die Grafen von Cilli. Erster Band. Vorw.: Ivo Antic. 2008: Ljubljana- Maribor , Verlag VED
Tri zvezde (Drei Sterne). Historischer Roman. Zweiter Band. 2008: Ljubljana-Maribor, Verlag VED
Zvezde, zanke (Sterne, Schlingen). Lyrik. Vorw.: Ivo Antic. 2008: Ljubljana - Maribor, Verlag VED
Svetloba na skrlatni obali (Das Licht auf dem scharlachroten Ufer). Balladen und SMS - Liebeslyrik. Vorw.: Ivo Antic. 2008: Ljubljana- Maribor, Verlag VED
Dunaj na postni znamki (Wien auf der Briefmarke). Erinnerungen III. (1989-2006). Nachw.: Andrej Rot. 2009: Celje (Cilli), Verlag Celjska Mohorjeva druzba
Grske pesmi (Griechische Gedichte). Lyrik. Vorw.: Janja Zitnik Serafin. 2009: Klagenfurt-Wien-Ljubljana, Hermagoras Verlag

Herausgegebene Bücher

Feuer und Eis - Autoren aus den Entwicklungsländern (mit Wolfgang Mayer König). 1989: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 7)
Literatur primär - Beiträge zu den Tagen der österreichischen Literaturzeitschriften Linz 1988 (mit Franz Krahberger). 1989: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 8), zweite erw. Auflage 1992
Der Spiegel, in dem wir uns sehen. Volksgruppen- und Migrationsautoren (mit Wolfgang Mayer König). 1995: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 6)
Wege der Selbstbehauptung - Die neue slowenische Literatur und die politische Umgestaltung des Staates (mit Franz Krahberger). 1990: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 12), zweite erw. Auflage 1993
Kocbekovo berilo - Kocbeks Lesebuch (zweispr., mit Übers. der Gedichte und Prosa von Edvard Kocbek ins Deutsche von Lev Detela, Milena Merlak und Peter Kersche. 1997: Klagenfurt-Wien-Ljubljana, Hermagoras Verlag
Eintragungen ins LOG-Buch. Aus 100 Ausgaben in 25 Jahren (mit Wolfgang Mayer König). 2003: Wien, LOG - Verlag (LOG-BUCH 26)
Literatur und Engagement - Edvard Kocbek (mit Peter Kersche), mit Übers. der Gedichte und Prosa von Edvard Kocbek ins Deutsche von Lev Detela, Milena Merlak und Peter Kersche. 2004: Klagenfurt- Wien, Kitab Verlag

Literaturwissenschaftliche Publikationen

Slovenian Literature since the Second War. 1972, London, in: Review of the Study Centre for Jugoslav Affars, No. 10 (auch 1973 in der Buchpublikation der Reihe Jugoslawische Bibliothek im Verlag Twayne Publishers, New York)
Slovenska izseljenska knjizevnost 1 - Evropa, Azija (Literatur der slowenischen Aussiedler - Europa, Asien), in der dreibändigen slowenischen Literaturgeschichte in der Redaktion von Janja Zitnik und Helga Glusic. 1999: Ljubljana, Verlag ZRC SAZU der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste zusammen mit Verlag Rokus

Leseprobe


Was am Abend geschieht

Am Abend ist das Möbel gefährlich:
der Klappstuhl explodiert mit schlimmem Knall,
der Schrank geht von selbst in die Brüche,
der Schreibtisch wird auf die Wolken getragen,
Bilder fallen von der Wand wie vergilbtes Herbstlaub.
Am solchen Abend zerlegt sich der Dichter in Urfaktoren:
der Kopf rollt nach Afrika, macht den Negern unerfüllbare
Voraussagen,
die Hände bummeln durch Paris, von allen gefürchtet, weil
rumpflos,
die Beine bleiben im Arbeitszimmer
und spielen einen gespenstischen Fußball mit den Büchern
und dem zerfallenden Mobiliar.
Alles ist unglaublich finster und feierlich.
Nur die Uhr schlägt von Zeit zu Zeit mit sonderbarer Absicht,
wenn sie die Zeit des Ungeheuers ankündigt.

*

Zucker und Peitsche

In der Zeit und im süßen Wasser schäumt
der Zucker,
der Zucker ist die andere Zeit und das
andere Wasser,
fließt ab, es gibt ihn nicht mehr, er wird zu
Salz,
doch wieder strömt der neue Zucker zu.

Die Menschenjahre vergehen,
das Skelett bleibt und spricht: Da waren wir.
Da am Strom knallten wir mit Peitschen,
als der Zucker in die Ozeane troff.

Der Zucker umgibt wundersame Inseln,
doch niemand sieht sie vom Festland aus.
Im Unwetter hören wir scharfe
Peitschenknalle,
der Sinn des Lebens wird entzweigeschnitten.

*

Mord in der Rue Morgue

(Nach Edgar Allan Poe)

Tollwütige Affen zerreißen alle Ketten,
die Lichter verlöschen, Dschungelgeheul
erhellt die Nacht.
Die Sterne flüchten auf die Kirchturmspitzen,
schauerlich erglühen Kreuze und vergoldete
Wetterhähne,
Blitze schlagen aus heiterem Himmel ein,
alles ist in Flammen.

Noch schlagen die Glocken,
noch brennen die Kathedralen.
Vor den Altären führen Affen aus Afrika
Zauberriten aus.

Der Oberste Affe schleift sein Rasiermesser.
Die Fenster in den Häusern stehen offen,
es herrscht die afrikanische Hitze.
In das letzte Zimmer klingt wahnsinniges
Glockengeläute,
der Oberste Affe schleicht durch die Säle.
Alle liegen unter den Betthimmeln mit
durchtrennten Kehlen,
die blutige Klinge des Obersten Affen glüht
in der Feuersbrunst.

*
     
Testament des hohen Vogels

Ich, der letzte Vogel aus dem Karazokistamm,
ich, der Sturmvogel, der hohe Vogel des Wahnsinns,
verkündige allen Schichten der einsamen Nächte:
Es bricht ein Zeitalter mit blinden Augen an.

Tote Wälder werden uns entgegenkommen.
Ein versickerter Fluß wird die letzte Mühle treiben,
und ich, der Sturmvogel, der hohe Vogel des Wahns,
werde auf der brennenden Kirche zum starren Hahn.

Erloschene Sterne werden zur Spur im Sand
und zur Beute der Raubtiere die jähzornigen Schlangen,
sitzen werden wir im grauen Glanz
des wahnsinnigen Vogels mit blinden Augen.

*

Lev Detela: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Manfred Chobot. 64 Seiten, 1 Abb., Euro 6,-. Podium (podium porträt 49), Wien 2009/10. ISBN 978-3-902054-76-0