Hannelore Valencak

Podium Porträt Nr. 36


Hannelore Valencak wurde am 23. Jänner 1929 in Donawitz/Steiermark geboren und lebte seit frühester Kindheit in Kapfenberg. Nach der Schulausbildung studierte sie Physik an der Universität Graz und schloss dieses Studium 1955 mit der Promotion zum Doktor der Philosophie ab. Danach arbeitete sie als Metallurgin bei Felten und Guilleaume in Kapfenberg. 1959 starb ihr erster Mann, Oskar Kofler, bei einem Verkehrsunfall; drei Jahre später heiratete sie Viktor Mayer und übersiedelte mit ihm nach Wien, wo sie in den folgenden Jahren als Patentsachbearbeiterin tätig war. 1975 schließlich gab sie ihren Brotberuf auf und lebte fortan als freie Schriftstellerin mit ihrem Mann in Wien und Bad Vöslau.

Zu publizieren begann Hannelore Valencak bereits im Jahr 1951; zunächst trat sie vor allem mit Lyrik in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien wie den "Stimmen der Gegenwart" (hrsg. von Hans Weigel) oder "Tür an Tür" (hrsg. von Rudolf Felmayer) hervor. In den fünfziger Jahren wurde sie mehrfach zu den legendären Innsbrucker Jugendkulturwochen eingeladen und erhielt eine ganze Reihe von Förderungspreisen und Stipendien. Ihre literarisch fruchtbarste Zeit liegt zwischen dem Erscheinen ihres ersten und dem ihres letzten Romans, zwischen 1961 und 1981. In den letzten fünfzehn Jahren ihres Lebens zog sie sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück; ihr literarisches Werk geriet rasch in Vergessenheit. Als sie nach langer Krankheit am 10. April 2004 in Wien verstarb, war kaum noch eines ihrer Bücher lieferbar.

2006 schließlich erschien, herausgegeben von Evelyn Polt-Heinzl, eine Neuausgabe ihres dritten Romans, "Das Fenster zum Sommer", im Residenz-Verlag und wurde von der Kritik als bemerkenswerte Wiederentdeckung gefeiert.

Preise und Auszeichnungen:

Anerkennungspreis des Georg-Trakl-Preises für Lyrik 1954, Kunstförderungspreis der Stadt Graz 1956, Lyrikpreis der Stadt Graz 1956, Österreichischer Staatspreis für Romane 1957, Peter-Rosegger-Förderungspreise des Landes Steiermark 1963 und 1964, Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark 1966, Theodor-Körner-Förderungspreise 1966 und 1971, Förderungspreis der Stadt Wien für Literatur 1968, Kinder- und Jugendbuchpreise der Stadt Wien 1975 und 1977, Österreichischer Staatspreis für Kinderbücher 1977, Prix Amadé 1978, Buchprämien des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst 1981 und 1983, Anerkennungspreis des Förderungspreises für Kinder- und Jugendliteratur des Landes Steiermark 1983

Mitgliedschaften:

Österreichischer P.E.N.-Club, Österreichischer Schriftstellerverband, Literaturkreis PODIUM, Steirischer Schriftstellerbund

Fremdsprachige Ausgaben:

When Half-Gods Go. (= Amerikanische Ausgabe von "Ich bin Barbara"). New York: William Morrow & Co. 1976
A Tangled Web (= Amerikanische Ausgabe von "Regenzauber"). New York: William Morrow & Co. 1978
El tresor del malí vell (= Spanische Ausgabe von "Regenzauber", 1. Teil). Madrid: Edicions SM 1982
El tresor del malino viejo (= Spanische Ausgabe von "Regenzauber", 2. Teil). Barcelona: Editorial Cruilla 1985

Bücher:

[gemeinsam mit Otto Eggenreich, Willi Kandlbauer und Herbert Zinkl:] Vier junge Kapfenberger. Graz, Wien, München: Stiasny 1954 (= Dichtung der Gegenwart. 58)
Morgen werden wir es wissen. Erzählungen. Salzburg: Otto Müller 1961
Die Höhlen Noahs. Roman. Wien: Wollzeilen Verlag 1961
Taschenbuchausgabe: Wien: Hiro Production International 1968 (= Hiro Taschenbücher. 32); Neuausgabe: Wien: Wiener Verlag 1976 (= Die große Lesebibliothek)
Ein fremder Garten. Roman. Wien: Wollzeilen Verlag 1964; Neuausgaben: Wien: Kremayr & Scheriau 1970 und Wiener Verlag 1975 (= Die große Lesebibliothek)
Nur dieses eine Leben. Gedichte. Wien: Bergland 1966 (= Neue Dichtung aus Österreich. 125. Hrsg. von Rudolf Felmayer)
Zuflucht hinter der Zeit. Wien: Wollzeilen Verlag 1967. Unter dem Titel "Das Fenster zum Sommer" 1977 in überarbeiteter Fassung bei Zsolnay, in der Reihe der "Phantastischen Romane" wiederveröffentlicht; Taschenbuchausgabe: Droemer-Knaur 1980; Neuausgabe: Residenz-Verlag 2006
Montag früh ist nicht das Leben. Jugendroman. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1970
Taschenbuchausgabe 1973 in der "girl"-Reihe des Ueberreuter-Verlages
Vorhof der Wirklichkeit. Roman. Wien: Kremayr & Scheriau 1972
Erzählungen. Wien: Kremayr & Scheriau 1973
Ich bin Barbara. Jugendroman. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1974. Neuausgabe unter dem Titel "Barbara": Wien: Ueberreuter 1986
Meine schwererziehbare Tante. Jugendroman. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1975. Taschenbuchausgabe: dtv 1982
Regenzauber. Jugendroman. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1976; Neuausgabe: Ueberreuter 1986
Das Treueversprechen. Jugendroman. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1978
Das magische Tagebuch. Roman. Wien, Hamburg: Zsolnay 1981 (= Die phantastischen Romane)
Taschenbuchausgabe: Rastatt: Moewig 1985 (= Mowig phantastica)
Wanderwege rund um Wien. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1982
[gemeinsam mit Doris Mühringer:] Mein Tag - mein Jahr. Lyrik-Fotobuch. Wien, Hamburg: Zsolnay 1983
Meine unbezahlbare Schwester. Jugendroman. Wien, Heidelberg: 1986
Bettina und das eiserne Versprechen. Jugendroman. Mödling, Wien: St. Gabriel 1989

Leseprobe


Alle, die wir den Heimweg vergaßen ...

Alle, die wir am Alltag leiden,
wissen, wir haben die Heimat nicht hier.
Wir lernten an Farbe und Klang uns bescheiden:
im Frühjahr der Goldstaub an blühenden Weiden
und Abend für Abend der Schritt vor der Tür.

Wir hoben den Krug und wir tranken die Stunden
und tranken die Neige noch tränenlos mit.
Wir gingen und hatten die Augen verbunden
und haben am Wege den Mondstein gefunden
und hören am Abend den seltsamen Schritt.

Alle, die wir den Heimweg vergaßen,
haben ein fremdes Dorf erreicht.
Man hat uns verlacht und uns eingelassen.
Nun stehn wir und starren hinaus auf die Gassen
und lauschen dem Schritt, der uns alles begleicht.

*

WAS NIE GESCHEHEN WIRD, ist längst geschehen,
wenn auch nicht in der räuberischen Zeit.
Es blüht nicht neben Mohn und Sonnenblumen
der Wirklichkeit.

Ich habe es in mich hineingeschrieben
und habe es in mich hineingedacht.
Ich habe eine Welt daraus gemacht
und darf sie lieben.

*

Der Gast

Die Tür steht offen. Draußen wird es licht.
Ich steh am Fenster und ich schau dir nach.
Vergiß, daß deine Hand mein Brot sich brach.
Mein Haus ist deines, doch es hält dich nicht.

So gehst du, und der weite Sommer flicht
dir wieder seine Blumen in das Haar.
Vergiß, daß winters hier die Heimat war!
Mein Haus ist deines, doch es hält dich nicht.

Du hast mir nicht gedankt und das ist gut.
Wenn du mich nicht mehr siehst, vergißt du mein Gesicht,
löschst meinen Namen aus und kennst ihn nicht
und trägst ihn nur als Treibgut noch im Blut.

*

Traum von einer Flucht

Von Norden kam das Eis uns nach. Wir spürten
den Frost schon nah und setzten Schritt vor Schritt.
Da hielt ein Strom uns auf, und Brücken führten
in eine Welt, wo niemand Kälte litt.

Wir wollten an das andre Ufer flüchten,
im Auge schon der andern Sonne Licht,
doch sollten wir den Brückenzoll entrichten,
und unsre goldnen Münzen galten nicht.

So blieben wir am Ufer stehn und froren.
Ein kalter Regen schlug uns in das Haar.
Wir hatten unterwegs so viel verloren
und fanden nichts, das drüben gültg war:

Kein Lied, das einer sänge, keine Bitte,
kein gutes Wort, um darin auszuruhn.
Nur eine Handvoll Gold und ein paar Schritte,
und diese Schritte durften wir nicht tun.

So sahn wir unsern letzten Abend kommen
und starrten in den roten Dämmerschein.
Des Nachts sind alle Brücken fortgeschwommen,
und mit dem Morgen fiel der Winter ein.

*

WIR HABEN DICH GESUCHT hinterm Abendstern,
lichtjahrweit und jahrtausendelang.
Doch die Jagdgründe draußen, mein großer Bruder, sind leer,
und die Sterne sind kalte Feuer.
Ein Stern ist kein Zeichen von Dir.

Wir haben ausgespäht nach Deinem Signal:
Hierher! Hier sind Honig und Milch
und die Trauben von Jericho.
Doch all die geraden Wege des Lichts
sind Dir schließlich ausgewichen
und jede Kometenspur hat ins Leere geführt.

So stiehlt sich immer wieder einer davon
und geht den Weg zurück, den wir gekommen sind,
bis er die Tiefe erreicht, die undenkbar ist.

Dort findet er Deinen Baum und in seiner Rinde
zum ersten Mal Dein Alpha und Omega.
Dann kommen ihm endlich Deine Boten entgegen,
sie lächeln und sagen: Leise, er ist zu Haus!
Er schläft und hat Dich herbeigeträumt.
So bleibe in Ihm.

*

DU GROSSER TRAUM, der all unser Reichtum war -
die Zeit war so ruhelos, und wir gruben dich ein bei Nacht
für Tage der Freude oder für Tage der Not
und vergaßen dich dann, weil so viel zu vergessen war.
Jetzt ist nichts mehr so wie vorher. Die Erde hat sich bewegt,
der Abraum der leeren Stunden wird mächtiger jedes Jahr,
und keine blaue Flamme zeigt uns den Ort,
wo wir graben müßten, damit wir dich wiederfänden.

*

Hannelore Valencak: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Christian Teissl. 64 Seiten, 1 Foto, Euro 6,- Podium (Podium Porträt 36), Wien 2008