Dine Petrik

Podium Porträt Nr. 32


Geboren 1942 im mittleren Burgenland. Lebt seit 1960 in Wien. Handelsschule in Abendkursen. Wiener Kunstschule (bei Matejka Felden). Diverse Jobs: Bürolehrling, Fakturistin, Sekretärin, zwei Kinder großgezogen, geschieden. Freie Autorin seit Ende der 80er-Jahre. Lyrik, Essays, Prosa, Reiseliteratur.

Bücher:

Sonaten für Wasser und Wind. Gedichte. Edition Roetzer, Eisenstadt 1990
Die Hügel nach der Flut. Was geschah wirklich mit Hertha K. Otto Müller Verlag, Salzburg 1997
Befragung des Zorns. Gedichte. Otto Müller Verlag, Salzburg 1999
Jenseits von Anatolien. Eine Reise ins Oströmische Reich. Promedia Verlag, Wien 2002
Bibliotheca Alexandrina. Unterwegs auf Weltwunderboden, Verlag Sonderzahl, Wien 2005
Ausgewählte Gedichte. Podium (Podium Porträt Band 32), Wien 2007

Mitgliedschaften:

Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung, Österreichischer Schriftstellerverband, Literaturkreis PODIUM

Stipendien und Preise:

1992 Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich; 1992 Arbeitsstipendien der Stadt Wien und des BMfWK (auch 1999); l997 Förderungspreis der Theodor-Kery-Stiftung; 1997 Buchprämie der BKA-Kunstsektion; 1998 Theodor-Körner-Preis für Wissenschaft; 2003 Reisestipendium der BKA-Kunstsektion; 2006 Hermes Literaturpreis (1. Platz/Sparte Lyrik)

Leseprobe


KASTEN

als ob ich ein buch öffne
schließ ich den kasten auf
geräumt gewohnt hier zu
sein wo der staub in die
flügeltür lichtblicke sägt
in die mäntel bedeckend
das nichts in die einsilbig
keit alter kleiderbügel von
lang über kurz geflecktem
beherrscht - in den tropen
holz-braunen rest eines bau
mes - der sein leben gab - sei
ne arme sein haar seine haut
seine wurzeln sind dort wie ein
nichts ist und fehlt seinen duft
in der nase im kopf grüne flecken
auf rotem grund oder etwas
das vorher nicht war war ein
plötzliches händeklatschen der riss
durch das holzschnitthafte vertieft sich
mit staubiger langsamkeit: dieses schwach
getönte design ist vergänglich wie mode -

*

TISCH

ich sitze vor hackwurst und
häkel rosensalat und döse so

vor mich hin in den vorhang
rauch die gepunktet gestreif
ten gardinen in eine für mich
noch entdeckbare welt wehen
rock und kragen der um-riss
deiner gestalt hose jahre eng
an geschnitten das glas in der
hand - zigarette? dramatisch
das dekolleté jäh die lunge: so
weit du auch weg gehst bevor
du dich weg denkst und stehn
bleibst - steht dieser eiffel im
weg oder umgekehrt: wie not
durft fünf krähen im fenster

der mond klebt zwei finger
abdruck gesichter ins glas

*

TON UND FARBE

ton um ton
wächst das gras aus
den fugen der himmel
schlägt saiten der
herbst spannt den bogen
es schmerzt: allen poren
strömt sehnsucht aus
nach dem sommer
der keiner war

*

KENNEN WIR UNS?

atemlos die
schwere feder
leicht aus
meiner hand
rinnt dieser faden
tinte blass wie
mein gesicht
ins fenster
glas hinein
gesperrt -

soll ich dich kennen
dich berühren dich
beschreiben dich zer
schlagen & zusammen
fügen für die nach
welt als ein mosaik
oder papier ver
derben wie
zuvor?

*

AM SCHWUNGSEIL

auf die geglückte an
sichtskarte schrieb ich
bin ich ausgesetzt dem
sehnen lässt nicht nach
bevor der tag gescheitelt
lässt die atem
fahne wehen
in dem korallen
riff des bluts - es
jagen sich zyklone
hoch so tief mein herz
hängt an dem schwungseil
schlägt und pocht verspätungen

*
AUS DER LUFT

sie ist neu geboren hat
schwalbenknochen sie
ist fremd im geblüt sie
ist wie die dem
augenwinkel
entflohene botschaft
wie der
aus der luft
gegriffene ast
der sie tragen soll
nach kurzem flug

*

Dine Petrik: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Christa Nebenführ. 64 Seiten, 1 Foto. Euro 6,-. Podium (Podium Porträt 32), Wien 2007