Konstantin Kaiser

Podium Porträt Nr. 31


Konstantin Kaiser wurde am 2.7.1947 in Innsbruck geboren; Realgymnasium daselbst. 1965/66 Präsenzdienst. 1966-68 Tätigkeit für die "Galerie Junge Generation" in Innsbruck. 1966-68 Jus- und Psychologie-Studium. Mitbegründer der ersten unabhängigen linken Gruppe in Innsbruck. Ab 1968 in Wien. Studium der Psychologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Politologie. 1981 Dissertation "Zur Weltanschauung Heinrich Heines. Geschichtlichkeit und künstlerische Subjektivität". 1968/69 Mitglied der "Förderation Neuer Linker". 1969-72 Mitglied der künstlerisch-politisch-philosophischen "Gruppe Hundsblume" (erster österreichischer Autorenverlag). 1974-80 Aktivist einer linksgerichteten Studentenorganisation. Theaterstatist, Nachtportier, Studienrichtungsvertreter. 1977-81 Verwaltungsbeamter. Seit 1977 Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit der Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Siglinde Bolbecher. Seit 1983 freischaffender Literaturwissenschaftler, Lektor und Schriftsteller in Wien; Geburt der Tochter Olivia.

1979 Mitbegründer des "Arbeitskreises Antifaschistische Literatur". 1983 Mitbegründer und später Sekretär der "Theodor Kramer Gesellschaft". Seit 1988 Redakteur der Buchreihe "Antifaschistische Literatur und Exilliteratur - Studien und Texte" (bisher 21 Bände). Mitgestalter der Ausstellungen "Theodor Kramer 1897 - 1958. Dichter im Exil" (1983), "Februar 1934" (1984), "Kabarett und Satire im Widerstand 1933 - 1945" (1985), "Wien 1938" (1988), "Viertels Welt. Der Regisseur, Lyriker, Essayist Berthold Viertel" (1988), "Unsere schwarze Rose. Elisabeth Bergner" (1993). Seit 1984 Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift "Zwischenwelt" (bis 2000 unter dem Namen "Mit der Ziehharmonika") und seit 1990 des gleichnamigen Jahrbuchs der "Theodor Kramer Gesellschaft". Langjährige Arbeit am "Lexikon der österreichischen Exilliteratur". Lehraufträge an den Universitäten Klagenfurt, Innsbruck, Graz. 2002 Mitbegründer und erster Präsident der "Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung".
Essays, Rezensionen, Gedichte, Prosa, Glossen in den Zeitungen und Zeitschriften "Wiener Tagebuch", "Die Presse", "morgen", "Falter", "Wespennest" (alle Wien), "Literatur und Kritik" (Salzburg), "WochenZeitung" (Zürich), "Fenster", "INN" (beide Innsbruck) und im ORF.

Bücher:

(Hg.) Theodor Kramer 1897 - 1958. Dichter im Exil. Wien: Zirkular, Sondernummer 4, 1983. 141 S.
(Red.) Erzählte Geschichte. Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten. Bd. 1: Arbeiterbewegung. Hg. vom DÖW. Wien: Österreichischer Bundesverlag 1985. 349 S.
(Hg. zus. mit Peter Roessler) Dramaturgie der Demokratie. Theaterkonzeptionen des österreichischen Exils. Wien: Promedia o.J. (1989). 232 S.
(Hg. zus. mit P. Roessler) Berthold Viertel: Die Überwindung des Übermenschen. Exilschriften. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1989. 416 S. (Berthold Viertel-Studienausgabe 1)
(Red.) Theodor Kramer Gesellschaft (Hg.): Über Kramer hinaus und zu ihm zurück. Wien: Verlag für Gesellschafts-kritik 1990. 269 S. (Zwischenwelt. Jahrbuch der Theodor Kramer Gesellschaft 1)
(Red.) Jura Soyfer Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Theodor Kramer Gesellschaft (Hg.): Die Welt des Jura Soyfer. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1991. 259 S. (Zwischenwelt. Jahrbuch der Theodor Kramer Gesellschaft 2)
(Hg. zus. mit S. Bolbecher) Berthold Viertel: Kindheit eines Cherub. Autobiographische Fragmente. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1991. 372 S.
(Red.) Theodor Kramer Gesellschaft (Hg.): Literatur in der Peripherie. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1992. 257 S. (Zwischenwelt. Jahrbuch der Theodor Kramer Gesellschaft 3)
(Red. zus. mit S. Bolbecher) ... Unsere schwarze Rose. Elisabeth Bergner. Ausstellungskatalog. Wien: Historisches Museum der Stadt Wien in Zusammenarbeit mit dem Jüdi-schen Museum der Stadt Wien 1993. 123 S.
(Hg. und Bearbeiter) Leo Katz: Brennende Dörfer. Roman. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1993. 175 S.
Durchs Hinterland. Gedichte. Mit einem Nachwort von Erich Hackl. Innsbruck: Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative 1993. 108 S.
(Hg.) Berthold Viertel: Das graue Tuch. Gedichte. Nachwort von Eberhard Frey. Wien: Döcker Verlag 1994. 497 S.
(Hg. mit S. Bolbecher, Donal McLaughlin, J. M. Ritchie) Literatur und Kultur des Exils in Großbritannien. Wien: Döcker Verlag 1995. 382 S. (Zwischenwelt. Jahrbuch der Theodor Kramer Gesellschaft 4)
Auf den Straßen gehen. Prosa. Mit einem Nachwort von Robert Schindel. Innsbruck: TAK 1996. 135 S.
(Zus. mit Erwin Chvojka) Vielleicht hab ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897 - 1958. Eine Lebenschronik. Mit 40 Abbildungen und Faksimiles. Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 1997. 118 S.
(Hg. u. Bearb. zus. mit Vladimir Vertlib) Bil Spira: Die Legende vom Zeichner. Wien/Vernet/Groß-Rosen/Paris. Mit Zeichnungen des Verfassers. Wien: Döcker Verlag 1997. 251 S.
(Hg. zus. mit S. Bolbecher, P. Roessler) Traum von der Realität. Berthold Viertel. Mit einem Personenregister. Wien: Döcker Verlag 1998. 297 S. (Zwischenwelt. Jahrbuch der Theodor Kramer Gesellschaft 5)
(Hg./Editor) Herbert Kuhner: Liebe zu Österreich/Love of Austria. Lyrik/Poetry. (Englisch/Deutsch.) Wien: Verlag Der Apfel 1998. 209 S.
(Zus. mit S. Bolbecher und in Zusammenarbeit mit Evelyn Adunka, Nina Jakl, Ulrike Oedl) Lexikon der österreichi-schen Exilliteratur. Wien: Deuticke Verlag 2000. 761 S.
Das unsichtbare Kind. Essays und Kritiken. Wien: Verlag Sonderzahl 2001. 201 S.
(Hg. u. Bearbeiter zus. mit Ulrike Oedl) Stefan Pollatschek: Doktor Ascher und seine Väter. Historischer Roman. Mit einem Nachwort von Gerda Hoffer. Wien: Mandelbaum Verlag 2004. 488 S. (Antifaschistische Literatur und Exilliteratur - Studien und Texte 20)
(Hg. zus. mit Sandra Wiesinger-Stock u. Erika Weinzierl) Vom Weggehen. Zum Exil von Kunst und Wissenschaft. Wien: Mandelbaum Verlag 2006. 496 S.
(Hg. zus. mit Miguel Herz-Kestranek und Daniela Strigl) In welcher Sprache träumen Sie? Österreichische Lyrik des Exils und des Widerstands. Wien: Theodor Kramer Gesellschaft 2007. 567 S. (Antifaschistische Literatur und Exilliteratur - Studien und Texte 21)
(Hg. und Übers.) Jaffa Zins: Scheindele. Gedichte. Aachen/ Wien: Rimbaud Verlag/Theodor Kramer Gesellschaft 2007.

Schwerpunkthefte von Zeitschriften:

(Mitherausgeber) Zur antifaschistischen Literatur Österreichs 1933 - 1945. Aufrisse (Wien) 3. Jg., Nr. 2. (Schwerpunktheft)
(Mitherausgeber) Kabarett und Satire im Widerstand 1933 - 1945. Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst (Wien) 40 (1985) 1/2
(Mitherausgeber) Kultur des Exils. Am Beispiel Großbritannien. Aufrisse (Wien) 8 (1987) 1. (Schwerpunktheft)
(Hg.) Vergessene und Unbekannte. Österreichische Exilliteratur. Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst (Wien) 42 (1987) 2
(Mitherausgeber) Viertels Welt. Der Regisseur, Lyriker, Essayist Berthold Viertel. Aufrisse (Wien) 9 (1988) 4. (Zugleich Ausstellungskatalog)

Preise:

Theodor-Körner-Preis 1985
Förderungspreis der Stadt Wien 1988
Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis 2002

Mitgliedschaften:

Theodor Kramer Gesellschaft, Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung, Literaturkreis PODIUM, Österreichische Gesellschaft für Exilforschung

Leseprobe


DER ORT HAT EIN FLACHES HERZ,
das ich
selbst flachen Herzens
abgeh
flach und matt der Schritt,
die flachen Herzen
aus dem Augenwinkel beobachte ich:
Die hier wachsen
unter der Aufsicht
kleiner dunkler Mütter,
Bauernfrauen, ängstlich,
angstwissend
was geschieht.

*

MORGENS
hole ich meine Worte heraus,
brummend umschwirrn sie mich,
Schar unruhiger Hummeln
oder sehr kleiner Engel.
(Auf dem Selbstbildnis Gauguins,
grün-wächsern das scharfe Gesicht
auf dem Kissen,
kannst du sie sehen.)
Worte sind sie, sie spielen,
purzeln,
zeigen unter den Hemdchen
entzückende Puttenärschchen
oder gelb-schwarz in Borsten
die Farben
des alten Kaiserreichs.

*

ZU ERINNERN IST
an die vorzüglichen Ausführungen
des Londoner Exilgelehrten Karl Marx
zur ursprünglichen Akkumulation
und hier besonders
auf den Übergang von Frondienst zu Mehrarbeit
wobei die Taglöhner der Donaufürstentümer
mit ihren kleinen Gärten
und winzigen Äckern
auf beiden Seiten des Übergangs
die Waage im Gleichgewicht
zu halten hatten

*

DIE VERNUNFT DER KÜCHE
Abfolge der Handbewegungen
Licht, das von der Seite fällt
Arbeitsplatte, Herd, Waschtisch

Hier - sehen Sie? -
ein schöner, praktischer Gegenstand: Wiegemesser.
Salbeiblätter, Rosmarin.
Jenes kleine Messer stand im Ruf,
besonders brauchbar zu sein
zum Gemüseputzen und
zum Zerschneiden
uralten Kühlschrank-Parmesans/Partisans.
Auch dieser Tonkrug
hat Reputation,
wiewohl er den Motten Vorschub leistet.

Reden wir nicht von den Ölen und Saucen,
von griffig und glatt, Rund- oder Langkorn.
Die Vernunft des Materials
hält der Analyse nicht stand.

Ich küsse, was von dir da ist, das kleine
Basilikum-Blatt,
es redet mir grün in den Mund.

*

NUN, SIEH AN, was
geworden ist
aus unsrer schönen Republik,
in der es schien,
daß man Gerechtigkeit verlangen dürfe
trotz der Unsterblichkeit
des Eigentums.

Nun, sieh an, wie
wir mit leeren Händen stehen,
in fünfzehn Jahren alles verloren.

*

DIE NASE GLIEDERT das Gesicht in zwei Seiten,
die nicht gleich sind.
Auch die Nase wird von dieser Ungleichheit
in Mitleidenschaft gezogen.
Also kannst du nicht mit allen Teilen
deines Gesichtes gleichermaßen trauern
oder mit Wange, Auge, Mund das gleiche Wehgeschrei
anstimmen.
Immer weht dir ein kühler Hauch ums Ohr
oder sitzt dir ein vergessenes Lächeln in der Braue.
Oder es treffen sich Jochbein und Jochbein
ungleich in einem Zorn.

*

OFT DOCH
erwache ich in deiner Haut
wie in einer samtenen Schatulle
oder als läge ich
in einer Pfingstrose,
die mich zudem küßt.

Manchmal zerreiße ich
das Hautgespinst
mit einem Ruck.

Das macht mich nicht freier.

*


HEUTE
schlafe ich auf meinem Herzen
und den Stücken Fleisch in meinem Magen
genommen aus der Brust des Lamms

Heute
schlafe ich auf meinem Herzen
meine linke Hand stützt links die Leiste
meine Rechte ballt sich über meinem Scheitel
und dazwischen liege ich
auf meinem Herzen

*

Konstantin Kaiser: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Daniela Strigl. 64 Seiten, 1 Foto. Euro 6,-. Podium (Podium Porträt 31), Wien 2007