Alfred Warnes

Podium Porträt Nr. 26


Alfred Warnes wurde am 19. August 1936 in Korneuburg/NÖ geboren. 1954 - 1958 Jusstudium, 1959 - 1997 juristischer Mitarbeiter der Stadt Wien. 1955 erste Lyrik- und Prosapublikationen in der Zeitschrift "neue wege". Ab 1965 Rezensententätigkeit bei der "Wiener Zeitung", seit 1970 mit Schwerpunktsetzung auf Neuerscheinungen österreichischer Gegenwartsliteratur. Veröffentlichungen von Lyrik, Erzählungen und Essays in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien; Hörfunksendungen; 1968 Theateraufführung im Wiener Cafétheater, nachmals Ensembletheater. Preise: Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst 1982, Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur 1989. Lebt seit mehr als dreißig Jahren in Kaltenleutgeben/NÖ.

Mitgliedschaften:

Österreichischer P.E.N. Club, Österreichischer Schriftstellerverband, Literaturkreis Podium

Bücher:

Die ungleichen Zähne. Gedichte. Bergland Verlag (Neue Dichtung aus Österreich Bd. 141), Wien 1967
Prosalesebuch. Experimentalprosa. Bergland Verlag (profile und facetten Bd. 12), Wien 1973
Lieder der Nüchternheit. Gedichte. Verlag G. Grasl (Lyrik aus Österreich Bd. 24), Baden 1982
Training im Selbstbelauern. Prosa. Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1982
Kaltenleutgebner Notizen. Gedichte. Weilburg Verlag (Weilburg Lyrikreihe), Wiener Neustadt 1989
Walmdach Windwurf Hundegebell - Neue Kaltenleutgebner Notizen. Gedichte. Literaturedition Niederösterreich, St. Pölten 1998
Alfred Warnes - Ausgewählte Gedichte. Podium (Podium Porträt Bd. 26), Wien 2006

Leseprobe


Erleichterung beim Zungezeigen

Die Richtungspfeile zur Freude,
zum kehligen Schlucken:
Erwartungs-Überschaum.

Füllhornträume
japanisch bemalt,
kofferleicht, mit
doppeltem Boden.

Bleibt nach gezielten Verhören
und dem Kampf um die Futterplätze
für jene, die nicht
fürs Antrenzen bezahlt werden,
die kleinlaute Frage
nach den Kehr- und Schattenseiten:
Wo hat die Rose ihren Arsch?


Das Hoch ging vorbei

Einmal, vor sieben Jahren,
da schien es uns so,
als gäbe es nur uns.

Da wurden wir Marktgemeinde,
bekamen Fahne und Wappen,
da spielten die Schulkinder Geschichte,
wurden Festreden gehalten,
gab es Verheißung und Rührung.

Die Zeit ließ die Töne
des Stolzes verstummen.

Damals hielten wir es
für einen Anfang,
für einen Aufbruch,
den keine Verzögerung
anzuhalten vermag.

Und das war gut so,
deshalb waren wir ja
so zufrieden dabei.


Porträt einer Einsamen

Es fiel an ihr auf
eine nahezu anmaßende Gelassenheit
gegenüber dem Schicksal der anderen,
vergleichbar der unmenschlichen Ruhe
des allwissenden Erzählers
aus alten Romanen.

Im Grunde war das alles
nur Staffage für die Einsamkeit:
sie führte ja seit Jahren
fast nur Selbstgespräche,
was sie zwar unsicher machte
gegenüber anderen,
aber doch sicher
gegenüber sich selbst,
weil sie letzten Endes
stets Recht behielt.


Momentaufnahme eines Wartenden

Er lächelte gönnerhaft, ja,
fast unsympathisch, könnte man sagen.
Und doch war es bloß
das Glücksgefühl, das ihn,
der schon lange und ungeduldig
gewartet hatte,
überkam
beim dumpfen Busgeräusch
aus der Ferne:
das sind sie, die kargen,
die alltäglichen Zielfindungen.

Alfred Warnes: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Manfred Chobot. 64 Seiten, 1 Foto. Euro 6,-. Podium (Podium Porträt Bd. 26), Wien 2006