Heinrich Eggerth

Podium Porträt Nr. 24


Geboren bin ich in Annaberg, in genau 1.000 Meter Seehöhe und damals, am 30. April 1926, noch mitten im Schnee. Als Baby geriet ich mit meiner Familie, der Vater war Lehrer, ins Waldviertel, dorthin, wo es am kältesten, am einsamsten, am nördlichsten ist. Ich sah meine erste Welt: graue Steine, finstere Wälder, dunkle Teiche.
Es konnte nur mehr nach Süden gehen. In Horn habe ich studiert, in Melk maturiert, nach Wien bin ich eingerückt und in Italien habe ich Krieg geführt bis zum bitteren Ende und meinem 18. Geburtstag. Dem Land Tirol verdanke ich eine Zivilkleidung und gute Tage, der Stadt Wels einen Job bei den Amis und fette Verpflegung.
Dann kam der Ernst des Lebens: Ich wurde Lehrer, haßte meinen Beruf, ertrug ihn, lernte ihn mit Hilfe der Kinder lieben und blieb Lehrer.
Recht zufällig kam ich nach Puchberg, an meinen 21. Posten, und lebte mich ein. Dem Schneeberg entkommt man nicht leicht. Heute habe ich hier ein Haus und ein Grab, Frau, Kind und Enkel, Müh und Plage und auch Freude, eigentlich alles, was ein Mensch braucht.
Zum Überfluß liegt Wien nur eine Stunde entfernt, der See nicht viel weiter weg, der Schnee vor der Tür, und Schi und Boot halte ich in Schuß.
Warum schreibt ein Mensch? Weil sein Herz voll ist oder ganz leer, weil er jubeln will und preisen und weinen, weil er Gott danken sill oder mit ihm streiten wie Hiob. Jedes meiner Bücher ist eine andere Welt, eine etwas andere Zeit, und wie Leoncavallo muß ich gestehen: Meine Inspiration ist die Wirklichkeit, die momentane Wahrheit. Ein erfundenes Buch konnte und könnte ich nie schreiben. In jedem steckt ein Stück meines Lebens. Jedes ist nur der Klang dessen, was ist. Und in den meisten Fällen stimmt: Man schlägt deinen Buckel und dein Mund tönt.
Jetzt, als alter Mann, weiß ich nur: Die Zeit der Späße ist vorbei. Nun ist es Zeit, fröhlich zu bleiben auf jeden Fall

Mitgliedschaften:

Österreichischer P.E.N. Club,
Österreichischer Schriftstellerverband, Literaturkreis Podium

Bücher:

Am Ufer der Ereignisse. Gedichte.

Österreichische Verlagsanstalt, Wien 1970
Draußen springen noch immer Delphine. Gedichte. Verlag G. Grasl, Baden 1983
Simplicius 39/45. Prosa. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1984
Logbuch des Bleibens. Gedichte. Weilburg Verlag, Wiener Neustadt 1987
Die Papierrose. Prosa. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1988
Verzeih meine närrische Art dich zu verehren. Gedichte. Österreichisches Literaturforum, Krems 1992
Das Messingtürschild. Prosa. Merbod Verlag, Wiener Neustadt 1992
Klang dessen, was ist. Gedichte. Literaturedition NÖ, St. Pölten 1994
Die schwarze Kugel. Prosa. Österreichisches Literaturforum, Krems 1994
Ein Regenbogen aus Staub. Prosa. Literaturedition NÖ, St. Pölten 1999
Predigten gegen den Wind. Prosa. Österreichisches Literaturforum, Krems 1999
Ein paar Splitter Jade. Aphorismen. Merbod Verlag, Wiener Neustadt 2000
49 und 1 Gedicht. Österreichisches Literaturforum, Krems 2001
Souvenirs. Prosa. Österreichisches Literaturforum, Krems 2004
Ausgewählte Gedichte. Podium (Podium Porträt 24), Wien 2006

Leseprobe


Lokrum

Die Wege zitternd,
von Zikaden eingesponnen
und überdacht mit Dröhnen,
irr der Wald.
Olivenstämme taumeln,
Blätter stechen
aus einem dunkelgrünen
Hinterhalt.
Doch dann das Meer,
der Sonnentisch mit Winden!
Die Wogenzunge leckt am weißen Stein.
Der Schlaf steht salzig
in den Augenritzen
und sickert ein.

*

Weißt du, wo man
mich erkannte? Nirgends.
Weißt du, wer mich
begrüßte? Keiner.
Weißt du, was man
zu mir sagte? Nichts.
Weißt du, wann das
geschah? Immer.

*
Gemütlich

Abends, wenn ich so dasitze,
kommen sie anspaziert, alle
diese Felsküsten und Sandstrände,
die Leuchttürme und die Glockengiebel.
Fast bis zu meinen Hausschuhen
rauscht dann das Meer, während
die Pinien duften und die Zikaden
zirpen.
Und die Sonne geht unter und
noch einmal unter und
jedes Mal schöner.
Zur Gegenwart mußte ich reisen
durch Hitze und Staub und Gestank.
Die Vergangenheit aber
kommt anspaziert,
wenn ich so dasitze, abends.

*

Capri

Die einzige Insel,
die treu blieb,
sich selber und mir.
Noch immer fallen
die zahllosen Fremden
am Abend wie durch
ein Sieb ins Meer
und haben als Beute
nur Schnickschnack
in Händen.
Noch immer bröckelt
die Straße vom Felsen,
noch immer fächelt
die einsame Palme,
der gelbe Hund schläft
noch immer auf seinem Stein.
Nichts wurde zertreten
von so vielen Füßen.
Was kommt, geht.
Was ist, bleibt.
Was sein wird,
ist heut schon
so gut wie vorbei.

*

Wie habe ich den Sturm geliebt,
den Schneesturm vor allem,
das rasende Weiß
vor der dunklen Mauer
des Waldes.
Jetzt sitz ich im Haus
und liebe den Schneesturm
noch immer.
Aber ich spür jedes Knacken
der Balken in meinen Knochen,
jedes Rütteln am Dach
rüttelt an meinen Nerven,
und das Wachsen der Wächte
vor meiner Einfahrt
nimmt mir die Luft.
Es ist, als würd ich
lebendig begraben.
Doch ich schwör: Ich liebe
den Schneesturm
noch immer.

*

Hier wird nichts älter.
Es ist alles alt.
Alleen sind finstere
Falten im Antlitz der Wiesen.
Der Backstein der Häuser
verrät keinen einzigen
Funken von Leben.
Der Kirchturm darüber
sagt nie einen Ton.
Nur die Blumen am
Wegrand versuchen ein
winziges Lächeln.

*

Sturm

Schon wieder stürmt es,
zum siebenten Mal
in diesem Winter.
Der Wind fährt den Bäumen
durchs Haupt und versucht,
sie zu rupfen.
Doch diesmal fällt keiner
der Äste mehr auf die Wiese.
Ich schau mit Vergnügen zu,
wie der Sturm tobt und sich ärgert.
Die Bäume sind schon gerupft
und haben beim siebenten Mal
nichts zu verlieren.
So steh ich da und fühl
mit den Bäumen.
Wir sind schon gerupft.
Was kann uns noch
viel passieren?

*

Die Farben sind erloschen.
Aus ihrer Asche
strichelt der Wind
schwarze Bäume auf Schnee.
Er vergißt nicht
die Krähen und Amseln.
Er denkt an mich und
zeichnet auch zwei Elstern.
Er macht mir Freude
aus Asche und Schnee.

*

Heinrich Eggerth: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Matthias Mander. 64 Seiten, 1 Foto, Euro 6,­. Podium (Podium Porträt 24), Wien 2006.
ISBN 3-902054-41-7