Richard Wall:
Auf Spurensuche in Pula
Die "Spurensuche in Pula" ist Teil eines Projektes, in dem
ich versuche, mittels Reiseessays (Begegnungen mit Landschaften, Städten,
Künstlern, Schriftstellern und Passanten - weibliche inklusive)
ein differenziertes Bild von Europa zu zeichnen. Von einem Europa abseits
der Trampelpfade und aktuellen politischen und ökonomischen Berichterstattung,
die Schreibbewegung ergibt sich oft aus Fußreisen oder Spaziergängen.
Thema ist das Vergessene und Verdrängte in Europa (in Portugal,
beispielweise, begebe ich mich auf die Suche nach dem Schriftsteller
Miguel Torga). "Spurensuche in Pula" beinhaltet zugleich einen
Rückblick und einen Blick auf die Geschichte des Autors, der schon
im Mai 1982 mit dem Zug und zu Fuß Istrien bereist hat.
Der Grundriss einer Stadt lässt sich nur durch Gewalt verändern,
militärischer oder städtebaulicher, jederzeit veränderlich
jedoch sind die Namen der Plätze, Straßen und Gassen eines
urbanen Gefüges, und sie werden auch verändert in Zeiten des
politischen Umbruchs, eines vermeintlichen Neuanfangs. So geschehen
auch in Pula. Ein Blick auf die Stadtkarte genügt, um dies zu erkennen.
Als wir vor 26 Jahren hier standen, hieß die Straße, die
beim Bogen zu Ehren der drei Sergier Lucius Lepidus, Gaius Lucius und
Gnaeus Sergius begann, Ulica 1. Maja, Straße des 1. Mai. Das haben
wir uns gemerkt über all die Jahre, da wir in einem Haus in dieser
Straße der Altstadt Pulas gewohnt haben. Nun hat man diese Straße
nach diesen Kolonisatoren, in deren Wirken - sie waren hohe Beamte der
Verwaltung und bewährte Offiziere - ich weder für die Gegenwart
noch für die Zukunft eine Bedeutung oder gar Perspektive erkennen
kann, in Sergijevaca umbenannt, und die von Platanen gesäumte boulevardähnliche
Straße, die vom Amphitheater hierher führt, heißt nun
Istarska und nicht mehr Jugoslavenske N. Armije, womit auch schon gesagt
ist, was aufgehört hat zu existieren.
Dieser acht Meter hohe, mit korinthischen Halbsäulen dekorierte
Bogen, der einst vor der Porta Aurea, dem Haupttor der antiken Stadt
"Pietas Julia" stand, markiert in meiner persönlichen
Kulturgeschichtsschreibung mehr als eine Anekdote: Unmittelbar rechts
von diesem freistehenden Monument erhebt sich ein dreistöckiges
Gebäude, in dem ein junger Ire vor gut hundert Jahren eine rettende
sowie für den zukünftigen Lebensweg entscheidende Anstellung
bekam. Das Haus ist nun frisch gefärbelt, die Marmortafel, die
an diese Person erinnert, ist aber noch immer dieselbe. Verwaschen und
mit einer zarten Patina aus Eisenrostschlieren klebt sie unter der Konsole
eines Balkons an der klassizistischen Fassade, deren "Kaisergelb"
die Assoziationen auch noch in andere Bahnen lenkt.
James Augustine Aloysius Joyce, wurde, nachdem er Irland am 9. Oktober
1904 den Rücken gekehrt hatte, nicht sogleich, wie viele zu wissen
glauben, in Triest heimisch, sondern reiste zuerst nach Pula, um dort
den Posten eines Englischlehrers in der Berlitz School anzunehmen. Der
gescheiterte Medizinstudent, neben seiner Berufung zum Schriftsteller
ernsthaft eine Karriere als Tenor in Betracht ziehend, hatte zuvor noch
in Dublin am Feis Ceoil, einem auch heute noch alljährlich stattfindenden
Musikfestival, teilgenommen: Er gewann "nur" die Bronze-Medaille,
sodass er die folgenden Tage mit Schimpftiraden auf das Preisgericht
und dessen Vorsitzenden verbrachte. Zu einem Konzert anlässlich
der alljährlichen im August stattfindenden Horse-Show in Dublin
eingeladen, stand er neben der späteren Berühmtheit John McCormack
auf der Bühne. Freeman's Journal druckte zwei Tage später
eine Kritik, in der auch Joyce erwähnt wird: "Mr. James A.
Joyce, the possessor of a sweet tenor voice, sang charmingly The Sally
Gardens, and gave a pathetic rendering of The Croppy Boy." - Obwohl
Zeitschriften die ersten Gedichte von "Chamber Music" angenommen
hatten, schied er von Irland (this lovely land that always sent / Her
writers and artists to banishment, wie er sieben Jahre später im
Gedicht Gas from a Burner schreiben wird) im Zorn, begleitet immerhin
von seiner jungen Liebe aus Galway, Nora Barnacle. Einem Drucker hinterließ
er das Langgedicht The Holy Office, ein "Strafgericht", in
dem er sich über die Kollegen der "Irischen Literarischen
Wiedergeburt" lustig machte. Er verspottet darin beispielsweise
Synge, der stocknüchtern sein Leben führt, / Doch auf der
Bühne den Säufer markiert, und den widersprüchlichen
Yeats, der zwar "Intensität" als erste Eigenschaft vom
Dichter forderte, selber jedoch einem bürgerlich-gesetzten Privat-
und Gesellschaftsleben huldigte. Diese Kritik hat ihn jedoch nicht davon
abgehalten, mehrmals "Sally Gardens" zu interpretieren, ein
zweifellos schönes Lied, welches genau dieser bürgerlich-gesetzte
W.B. Yeats geschrieben hat.
Joyce und seine Braut bezogen eine kleine Wohnung, bestehend aus einem
Zimmer und einer Küche im 3. Stock der via Giulia 2 (heute ulica
Laginje Matka), in unmittelbarer Nähe der Berlitz School. In derselben
Wohnung - ein sonderbarer Zufall? - hatte sich sechs Jahre zuvor der
slowenische Dichter Ivan Cankar einquartiert. Aber es hielt ihn nicht
lange, er fühlte sich nicht wohl in dieser Stadt: Das Meer stinke,
schrieb er in einem Brief an seinen Freund, die Mädchen seien schlampig,
"und ansonsten nichts als Himmel und kahles Gestein." - Seltsamerweise
hielt er es danach in Wien-Ottakring länger aus.
Joyce scheint die Stadt sogar gehasst zu haben: Er und Nora erlebten
einen ungemütlichen Winter und überwarfen sich mit den österreichischen
Behörden (die ihn offenbar für einen Engländer hielten)
wegen einer angeblichen Spionageaffäre; verbürgt sind außerdem
aus der Feder des Iren die für Pula nicht gerade schmeichelhaften
Bezeichnungen "gottverlassenes Nest" und "Sibirien am
Meer". In dieser Atmosphäre unterrichtete er bis zum März
1905 Angehörige der altösterreichischen Offiziersschicht,
vor allem der k. u. k. Marine, die hier aufgrund der Schiffswerft, des
Arsenals und der Marinebasis stationiert waren.
All space in a nutshell. Dieses Programm - von Joyce im Ulysses für
die Stadt Dublin konzipiert - scheint mühelos, ohne den Kunstgriff
einer verdichtenden Gestaltung, in der Stadt Pula durch ihre Geschichte
realisiert. Wer aller hat hier nicht Spuren hinterlassen: Die Illyrer,
in der Vorgängerstadt Nesactium, nur (verhältnismäßig)
Kleinteiliges; die Römer eher Großteiliges, u.a. das sechstgrößte
Amphitheater für 23.000 Besucher. Auch diese nach oben offene Form
ist ein (wenn auch löchriges) Gefäß, das sowohl den
Geist der grandiosen römischen Bau- und Ingenieurskunst als auch
die Erinnerung an die grausamen Rituale einer imperialen Sklavenhaltergesellschaft
in sich birgt. Wo sich vor 2000 Jahren die in Afrika gefangenen Leoparden
und Löwen gegenseitig zerfleischten, Gladiatoren mit dem gladius
aufeinander loszugehen oder gegen die (von Menschen so genannten) Raubtiere
anzutreten hatten oder Christen den Tieren zum Fraß vorgeworfen
wurden, ist nun eine riesige Leinwand montiert, stehen nun blaue Sessel
in Reih und Glied: In diesen Tagen werden hier zum 55. Mal die internationalen
Filmfestspiele von Pula abgehalten.
Schwerlich findet man in Europa eine zweite Landschaft wie diese Halbinsel
Istrien zwischen Meer und Karst, die so viele Kriege, Verwüstungen,
Plünderungen und so viel Sterben über sich ergehen lassen,
durchleiden musste. Kriege und Epidemien wechselten einander ab oder
liefen parallel. Als Marketenderin ritt die Pest übers roterdige
Land und mähte mit scharfer Sense. Der Danse macabre erfasste alle
gesellschaftlichen Schichten, konzentriert und bildhaft symbolisiert
in den Totentanzfresken von Beram und Hrastovlje. Die Meister Ivan und
Vincent aus Kastav kannten damals, im Spätmittelalter, ohne zur
Vivisektion schreiten zu müssen, den Knochenbau des Menschen. Die
Gerippe wirken sehr lebendig, haben Volumen und tanzen, ein grausames
Lachen liegt in ihrer Schädelknochenphysiognomie, während
jene, die abgeholt werden, schüchtern und eingeengt mitziehen müssen:
Kind, Mann, Frau, Priester, Nonne, Kardinal, König und Papst. Wir
haben diese Reigen gesehen, in Beram gemeinsam mit Franzosen, Russen
und Deutschen, allesamt Angehörige von Nationen mit ausgeprägter
Totentanz-Erfahrung. Wir haben diese alten, wieder freigelegten Bilder
gesehen und ihre Bedeutung für die Gegenwart erkannt. Gemalt in
Zeiten der Pest, der Kriege, der täglichen Ungewissheit haben sie
uns begleitet bis zum südlichsten Punkt unserer Reise, bis nach
Pula.
Das slawische, glagolitische Istrien herrschte nie, wurde immer beherrscht.
Nach den Römern kamen die byzantinischen, fränkischen und
venezianischen Herrschaften. Und mindestens einmal ging es auch mit
dieser Stadt ziemlich bergab, als die Genuesen den Hafen zerstörten;
in der Mitte des 17. Jahrhunderts sollen nur noch 300 Menschen in Pola
(so die venezianische Bezeichnung) gelebt haben. 1797 wurde Istrien
Teil der österreichischen Monarchie und nach der Seeschlacht zu
Lissa haben die neuen Herren Pola zu einem Kriegshafen ausgebaut. Zu
Beginn des 1. Weltkriegs verzeichnete die Stadt 60.000 Einwohner, 20.000
davon waren als Matrosen, Arbeiter, Soldaten und Offiziere, zum Teil
mit ihren Familien, in der Schiffswerft, im Arsenal und in der Marinebasis
stationiert.
Nach dem Zerfall des österreichischen Vielvölkerstaates wurde
Istrien durch den Vertrag von Rapallo Italien zugesprochen. Auch die
neuen Herren, vor allem in der Uniform der Faschisten, strebten nach
kultureller und politischer Hegemonie. Fulvio Tomizza, in Materada bei
Buje geboren, spricht in seinem Roman La miglior vita/Eine bessere Welt,
in dem er über Jahrzehnte hinweg die allzeit gefährdete Würde
des freien Menschen unter den harten Lebensbedingungen und den aufkeimenden
Konflikten zwischen Italienern und Slawen im Nordwesten Istriens beobachtet,
von "der Erfahrung der ewig Unterdrückten".
Gut 30 Kilometer von Pula entfernt kam es am 2. März 1921 in der
Stadt Labin an der Ostküste Istriens, deren Bevölkerung vom
Steinkohleabbau lebte, zu einem Streik der Bauern und Bergarbeiter,
die Labinska Republika wurde ausgerufen. Nach 26 Tagen wurde diese brutal
beendet, die antifaschistische, republikanische Haltung der Labiner,
ihr revolutionärer Geist war jedoch nicht gebrochen und lebte weiter.
Einige gingen ab 1937 nach Spanien, um an der Seite der Republik gegen
die Putschisten zu kämpfen, und 1941 schlossen sich überproportional
viele Labiner den Partisanen Titos an. Noch heute erinnert ein kleines
Mosaik an diesen Aufstand, es fällt kaum auf mit den bescheidenen
Ausmaßen von etwa achtzig Zentimetern im Geviert, es befindet
sich an der Fassade eines Hauses neben dem im Renaissancestil erbauten
St. Florians-Tor, das vom Platz mit der wohlproportionierten Loggia
hinaufführt in die Altstadt. Es zeigt im Vordergrund in blauen
Steinen das Meer und in weißen die Wellen; darüber in schwarzen
eine Zone, die wohl die Kohlenflöze symbolisieren sollen, die Voraussetzung
für die Arbeit und das Leben in der Stadt, die wiederum in weißen
Steinen sich aufbaut über einen ockerfarbenen Hügel, in dem
die Worte KOVA JE NASA (die Grube ist unser) in schwarz kontrastieren,
und im Blau des Himmels schwebt, eingerahmt von einem Bogen aus grauen
und schwarzen Steinen, das Datum 2. III. 1921; und im Schlussstein,
obenauf, das Symbol der Bergleute, die gekreuzten Werkzeuge Schlägel
und Hammer. Stolzes Aufbegehren einerseits, mit physischen und psychischen
Schmerzen verbundene Demütigungen andererseits, und die Erinnerung
daran in der Nussschale eines naiv-stilisierten Mosaiks.
Pula als Ausguck, als Klammer, zwar nicht für mein ganzes, aber
immerhin für die zweite Hälfte meines bisherigen Lebens. Anfang
Mai 1982 stand ich hier mit einer jungen Frau, die meine Lebensgefährtin
werden sollte. 26 Jahre und drei Monate später gehen wir wieder
durch die Gassen dieser Stadt. Eine schmale und steile Gasse in Richtung
Kastell höhersteigend, treffen wir auf jenen Platz, der uns über
all die Jahre so lebhaft in Erinnerung geblieben ist, den Vorplatz zur
Kirche und zum Kloster Sveti Franjo, zum Hl. Franziskus, mit seiner
schlichten Fassade aus griechischem Marmor, dem romanischen Portal und
der später eingefügten Rosette. Heute ein nicht mehr ganz
so stiller Ort wie damals: Nachdem wir in Pula angekommen, fanden wir
zufällig diesen Platz. Ich kritzelte, M. spielte ihre Etüden
auf der Flöte, drüben im schattigen Portal mit den sechs oder
acht abgewetzten Stufen; aber dort zieht's jämmerlich, und so klettert
sie wieder auf die besonnte Steinmauer, die außen meterhoch abfällt
zu einem gepflasterten Fußweg, notierte ich. Dieses Mal ist die
Kirche durch den wohl proportionierten Kreuzgang zugänglich (wobei
ich mir nicht mehr sicher bin, ob die Kirche damals überhaupt verschlossen
war: möglicherweise mangelte es an Motivation, diese zu betreten).
Vor dem gotischen Presbyterium prangt das Schmuckstück der Kirche,
ein aus Holz geschnitztes vergoldetes Polyptychon mit hoch aufragendem
Gesprenge, kontrastierend zu den schlanken Bahnen roter Vorhänge,
welche die beiden symmetrisch angeordneten Fenster im Presbyterium verhüllen.
Ein oben spitz zulaufendes Scharlachrot, das Grau der Steine in alle
Richtungen hin überstrahlend und die Bewegung des Altars fortführend
bis hinauf zum Gewölbe. M. kann es sich nicht verkneifen und erprobt
die Akustik des schlichten Raumes, die, wie erwartet, eine hervorragende
ist.
Wieder draußen, in der Schwüle eines Julitages, posieren
wir vor einem Passanten, dem ich meine Kamera anvertraue, für ein
Erinnerungsfoto. Der Platz hat sich, wie wir beruhigt feststellen, kaum
verändert. Auch die Zypresse steht noch, markant den Raum zwischen
der Kirche und der Mauer mit den heute wie damals an ihr befestigten
Schrift- und Reliefplatten definierend. Was man gezeichnet hat, löscht
sich nicht so leicht aus der Erinnerung. In diesen Tagen, im Mai 1982,
entstanden, wie ein Zitat weiter oben bereits vermuten lässt, nicht
nur Skizzen, sondern auch Notizen, die ich, da ich dies schreibe, wieder
hervorkrame, um sie zu lesen. Etwas von der Atmosphäre dieser romantischen
Reise, die mit dem Nachtzug Linz - Llubljana begonnen hatte, ist in
ihnen gespeichert. Eine spannende Reise: Als Zivildiener hatte ich nämlich
die Grenze nach Jugoslawien illegal überschritten (nach dem damaligen
Gesetz war es explizit verboten, während des Präsenz- bzw.
Zivildienstes Österreich zu verlassen). In der Frühe, nach
Stunden wartend und schlafend am Bahnhof zu Laibach, fuhren wir über
Divaca (wo wir noch einmal umsteigen mussten) durch das innere Istriens
nach Pula:
Romanischer Torbogen der Kirche zum Hl. Franziskus
Vogelstimmen Blumen in Mauerritzen
weiße Blütensterne weiß wie der Marmor aus dem das
Gemäuer
nasse Erde dunkel wie die Mauerritzen und viereckigen Löcher
in denen einst die Gerüstbalken lagen
Eine Möwe am Gesims wegstreichend
die Senkrechte der kegelförmigen Zypresse schneidend
und für den Augenblick eines Herzschlags
nichts
Noch vor einer Stunde fiel Regen, und oben im Norden
bei POSTOJNA, am frühen Morgen
lagen noch Schneereste in karstigen Mulden
Schneegestöber begleitete das Rattern
der Räder
begleitete uns durch eine Wildnis aus Felsen und Wälder
wo vor rund vierzig Jahren das istrische Partisanenheer
zu wachsen begann, das aus den kahlen Bergen kommend
allmählich wieder Erde und Land zurückgewann
Der Zug schaukelte
und schaukelte uns durch die für unser Auge so schöne Kargheit
mit einer Flasche Wein zwischen den Beinen
und trockenem Brot in den Händen
Eine Orange rollte von einem Sitz, dann
quer
durch den Waggon: Sie lachten, Männer und Frauen
die in dorflosen Gegenden zu- und ausstiegen.
Wir waren die einzigen Fremden im Zug, und nur wir
hingen neugierig am Fenster, klebten mit den Augen
in der Landschaft, um keinen Stein zu übersehen
keine Ansiedlung aus Stein zwischen den Felsen
und keine Mauer aus Stein, denn
durch ein von Steinmauern geteiltes Land fuhren wir
Plötzlich runde Hütten ebenfalls
aus Stein,
ähnlich wie sie Hirten auf Sardinien und ähnlich
wie sie die alten irischen Mönche in ihrer christlichen
Verrücktheit am Atlantik errichtet haben
M. sang zum Rattern der Räder Heuhaufen tauchten auf
Olivenbäume und Äcker mit roter Erde
Kirschblüten und Weinstöcke, flatternd
bunte Wäsche und schwarz gekleidet Männer und Frauen
Kinder in kurzen Hosen
Maultiere und Esel in terrassierten Gärten.
Auf der Rückfahrt, nach einem Tag in Buzet, stiegen wir wieder
hinauf zur Bahnstation und über sie hinaus auf das Felsplateau,
fanden eine Doline, die, gleich einem winzigen und noch dazu grünenden
Amphitheater, zu unserer Zuflucht wurde für die kalte Nacht. Wir
sammelten Brennholz und entfachten ein Lagerfeuer, das niemand sehen
konnte, da es am Grund der Doline brannte. Wir schliefen in unseren
Schlafsäcken, vom Rotwein schwer und leicht zugleich unter einem
sternenklaren südlichen Himmel; früh am Morgen stiegen wir
von der kahlen Höhe flink ab zur Bahnstation, um den Morgenzug
Richtung Divaca nicht zu versäumen.
Erstaunlich im Nachhinein, dass wir nichts geahnt und auch nichts bemerkt
hatten vom beginnenden Auseinanderbrechen Jugoslawiens, von der sich
anbahnenden Katastrophe. Wir nahmen alles hin, wie es war, unser Augenmerk
galt dem anderen im Alltag, dem Besonderen in den Dörfern und Städten
und nicht den politischen Veränderungen, die sich nach dem Tod
Titos ergeben könnten. Tito war damals - auch für mich - noch
sakrosankt, sympathisch auch insofern, da er Jugoslawien als Mitglied
beim Bund der blockfreien Staaten herausgehalten hatte aus dem Kalten
Krieg. Die Bücher jener Kolleginnen und Kollegen lesend, die die
Praxis des friedlichen Zusammenlebens nicht nachträglich denunzieren,
stoße ich auch immer wieder auf die Meinung, dass die Künstler
und Schriftsteller in Jugoslawien nahezu uneingeschränkt von einer
Zensur, wie sie in den Ländern der Warschauer-Pakt-Staaten Praxis
war, arbeiten konnten. Und ich frage: Welch eine Hauptstadt in Westeuropa
hat(te) schon einen Bürgermeister, wie dies der Architekt und Menschenfreund
Bogdan Bogdanovi´c 1982 bis 1986 für Belgrad war? - Nach
ihm kamen unsägliche Politiker wie Milosevi´c, der die Verantwortung
dafür trägt, dass Bogdanovi´c im Jahr 1993 Belgrad in
Richtung Wien verlassen musste, und in Kroatien krochen aus den Löchern
nicht minder gefährliche politische Abenteurer, die mit ihrer Sympathie
für den faschistischen Ustasa-Staat nicht hinterm Berg hielten.
Ihr "Führer" Franjo Tudjman klopfte Sprüche wie
"jeder Staat wird in Blut geboren", und in seinem Anspruch
auf ein Groß-Kroatien (natürlich in "historischen Grenzen")
behauptete er, Slowenen seien ohnehin nur "Alpenkroaten".
Dubravka Ugresic, der von Anfang an klar war, mit welcher Brutalität
das kulturelle und politische Zeichensystem umgebaut und das kollektive
Gedächtnis manipuliert wurde, verließ den neu gegründeten
Staat Kroatien ebenfalls im Jahr 1993, aufgrund einer Hetzkampagne von
Nationalisten gegen ihre Person. Sie lehnte es ab, als kroatische Schriftstellerin
bezeichnet zu werden, und kritisierte jene Kolleginnen und Kollegen,
die es sich "im altmodischen Nest der Nationalliteratur bequem
gemacht" hätten. Wenn sie beobachtet, dass es in Kroatien
zwar keine kommunistischen, wohl aber faschistische Souvenire zu kaufen
gibt, so sei dies ein Beleg für die Tatsache, dass der kroatische
Nationalismus eine Atmosphäre geschaffen habe, in der die jugoslawische
Vergangenheit radikal beseitigt werden konnte.
Nach all der Erinnerungsarbeit, die wiederum Erinnerungen nach sich
ziehen wird, wieder hinunter, zur Hauptschlagader der Altstadt. Der
Straße von damals hat man nicht nur einen anderen Namen verpasst.
Sie hat, nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens und dem Triumph des
Kapitalismus, auch ein anderes Gepräge bekommen. Das kulturelle
Zeichensystem wurde radikal verändert. Neben dem Haus, in dem die
Berlitz-Schule untergebracht war, hat sich eine Filiale der "Volksbank"
eingerichtet. Das Pflaster der einstigen Straße des 1. Mai ist
glatt, nahezu fugenlos, die Niveauunterschiede hat man nach dem Gesetz
der Wasserwaage ausgeglichen; kaum ein Fenster im Erdgeschoß,
das nicht ein Schaufenster geworden ist. Der Kommerz hat diese Hauptachse
der Altstadt, von früh bis spät von Touristen frequentiert,
fest im Griff. Plötzlich wird uns bewusst, dass die Zusammensetzung
der Passanten für eine Stadt dieser Größe (und noch
dazu am Meer) eine sehr einheitliche ist. Wo sind die japanischen Reisegruppen?
Die Straßenmusiker, die Schnorrer und Bettler? Keine einzige Kopftuch
tragende Moslem-Frau, kein Afrikaner und kein einziger Asiate kamen
uns unter in den vergangenen Stunden. Es ist, als hätte die Stadtverwaltung
die Order ausgegeben, die Stadt gegen Eindringlinge aus dem Osten und
Süden abzuriegeln. Seltsam
Macht man ein paar Schritte hinein in eine der Seitengassen, ist es
ruhig. Wir beobachten einen älteren Herrn, der auf seiner Terrasse
die Topfpflanzen gießt und auf dem Balkon des benachbarten Hauses
gestikuliert ein Schirmkappenträger: Was ist los mit ihm? - Wir
bleiben stehen und beobachten. Nun sehen wir, dass er sich über
ein Durcheinander an seiner Angel ärgert; plötzlich hebt er
beide Hände, holt aus, die Angelschnur mit irgendeiner Verdickung
am Ende zischt hinaus über das Balkongeländer und sinkt langsam
hinab in Richtung Gemüsegarten, zwei Stock tiefer ...
Auch das Forum (Trg Kapitolinski), das im Westen vom Augustustempel
und vom alten Stadtpalast, genauer gesagt: von dessen wohlproportionierter
Renaissancefassade mit Arkaden, in denen der Platz gleichsam ausschwingen
kann, begrenzt wird, ist stöckelschuhgerecht nivelliert, gepflastert
mit grauen Steinplatten und durch parallel geführte Fugen streng
gerastert. Ein nobles Speiselokal zur Linken (Preise wie in der Innenstadt
Wiens), rechts der Reihe nach Straßencafés. Schön
das klassizistische Innere jenes Cafés, das wir auch vor 26 Jahren
frequentierten. Aber ich bin mir nicht ganz sicher; der Name des Cafés
war jedenfalls ein anderer, auch dies ein Zeichen für die Veränderung,
es heißt jetzt "Kunstkafe". Als wir diesen Unfug bemerken,
ist es schon zu spät.
*
Richard Wall lebt im Unteren Mühlviertel in Oberösterreich.
Bisher 15 Buchveröffentlichungen, zuletzt: Wortwerkstätten
Michael Guttenbrunners. Fotos und Texte, mit ausgewählter Prosa
aus dem Nachlass, Löcker Verlag, Wien 2009; Unter Orions Lidern.
Gedichte, Löcker Verlag, Wien 2009. Zahlreiche Auszeichnungen für
die literarischen Arbeiten, u.a. Buchpreis des Bundeskanzleramtes für
Rom. Ein Palimpsest, 2006; Buchprämie 2009 des Bundesministeriums
für Unterricht, Kunst und Kultur für den aktuellen Gedichtband
Unter Orions Lidern.
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