Podium Nr. 155/156 - Werkstatt

Axel Karner:

Chanson grillée oder von den Tieren nach dem Schlachten o Gedichte

Impuls für den Gedichtzyklus "Chanson grillée" war eine Lithographie des mexikanischen Malers Francisco Toledo. Ich erinnere mich an einen Bericht in der Süddeutschen Zeitung über eine Ausstellung Toledos im Centro de Arte Reina Sofia in Madrid im Jahr 2000 und die schwarzweiße Darstellung einer Heuschrecke mit einem durchsichtigen Körper, der im Gegensatz zur Wirklichkeit nicht äußerlich durch einen Chitinpanzer gehalten, sondern im Innern von einem menschlichen Skelett gestützt wird. Eine weitere Anregung war die "Zoologia Fantastica" von Jorge Luis Borges, eine surreale Zoologie von Fabelwesen, die mit den Illustrationen Toledos 1999 neu erschienen ist. Im Gegensatz zu Borges "Handbuch der phantastischen Zoologie" geht es bei dem Zyklus "Chanson grillée" nicht um eine bloße lexikalische Auflistung mythischer Mischwesen. Das Alphabet der Tiere umschreibt in einem "Alpha und Omega" die Gesamtheit der Schöpfung. Tiere und Menschen sind reale Wesen, die aufeinander angewiesen sind. Das Tier als Symbol für das Kreatürliche steht als Maske im Vordergrund, um - ähnlich orthodoxer Ikonen - einerseits den Blick zu verhüllen, andererseits aber gleichzeitig denselben zu schärfen und aufzufordern, hinter die vordergründige Abbildung zu blicken. Wer genau schaut, erkennt hinter den Tierbildern das Allzumenschliche in seiner Komik, seiner Tragik, der Niedertracht und der Gewalt. Letztendlich erfasst der Blick das Alltägliche. Es ist vor allem der Tod, der alles zum Vorschein bringt, aber auch endgültig verbirgt. Der Blick hinter die Maske gleicht dem Aufbrechen des Körpers bei einer Schlachtung und bringt jene Kreatur zum Vorschein, die als Mensch ständig versucht ist, das Animalische hinter dem starren Abbild einer unmenschlichen Gestalt, eines Klischees zu verbergen. Nicht ein höheres Wesen, sondern die Tiere sind in den Gedichten die Projektionsfläche des menschlichen Dramas. Der Mensch ergötzt sich am Elend des Tieres, das zugleich sein eigenes ist. Der Dichter und Künstler, der lebt und liebt, spiegelt sich in diesem Abbild Tier, in der Kreatur, die sich zwar selbst genügt, aber indem sie aufgenommen und in den Konflikt mit dem Menschen gebracht wird, auch in das Drama des Lebens eingebunden wird. Der Mensch ist dann nicht mehr das eingebildete, zur Vergottung neigende Individuum allein, sondern ein Teil der vergänglichen Kreatur, die in der Reflexion seines Anfangs und seines Endes sich erkennen kann.


gelsen

sprach

mögen die gelsen
im blut erliegen

die toten
unter der haut
von menschen
schwärmen

geschlachtet wird
auf blankes salz
gelegt

*

grille

ein stück melone
meine liebste
am galgen

den magen heben

dann im morgenrot
singt die asche
chanson grillée

*

makrele

laufen
alle fäden
zusammen

erwidert
im kochtopf
die makrele
den rülpser
des anglers

erstickte
am köder

*

sardine

in der dose
sardine

ein sprung von der klippe

dem meer steht das haar zu berge

*

Axel Karner, geb. 1955 in Zlan, Kärnten, lebt und arbeitet als Autor und Lehrer in Wien. Schreibt Gedichte und Kurzgeschichten in Dialekt und Schriftsprache. Mitglied bei der GAV (Grazer Autorinnen Autorenversammlung), dem IDI (Internationales Dialektinstitut), dem ÖDA (Österreichische Dialektautorinnen/Archive), dem Österreichischen Schriftstellerverband und PODIUM. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: Die Stacheln des Rosenkranzes. Lissaboner Gedichte, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2007; Chanson grillée. Gedichte, mit Illustrationen von Anne Seifert, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec (in Vorbereitung).

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