Martin Auer:
Ich das machen
Der Wunsch, Bücher zu schreiben, stammt aus der Kindheit. Sollte
ich nicht in Wahrheit Computerspiele programmieren? Nicht Ich-Schießer.
Simulationen! Ist die Welt nicht zu komplex, um sie mit Worten zu beschreiben?
Was interessiert, was bewegt, sind Schicksale. Jemand wächst, lernt,
liebt, leidet. Da können wir mitlieben, mitleiden. Doch wie beeinflussen
Schicksale einander? Nicht zwei, vier, sechs Schicksale. So viele bewältigt
ein Roman. Aber sechseinhalb Milliarden Schicksale? "Vernetzt"
heißt das Stichwort. Sechseinhalb Milliarden Schicksale miteinander
vernetzt. Diese Komplexität habe ich bisher nur Kindern zugemutet.
Meine wichtigste Arbeit steht im Netz: www.peaceculture.net. Zu Beginn
dieses Jahrzehnts veröffentlicht als Beitrag zur UNO-Dekade für
eine Kultur des Friedens (es war zu erwarten: Die Dekade war nicht genug)
und seither immer wieder ergänzt. Wer sich das ansieht, wird merken:
Das ist eine eigenartige Kinderliteratur. Die meisten der Texte erzählen
die Geschichten von Gruppen, nicht Einzelpersonen. Identifikationsfiguren
fehlen oft. Eigennamen sind selten. Stattdessen werden Modelle von Gesellschaften
gezeichnet. Wechselwirkungen zwischen Gruppen sind das Thema. Kann so
etwas interessieren, bewegen? Kinder schon, weil sie noch Philosophen
sind.
Die hier abgedruckte Geschichte ist anders. Sie erzählt die Geschichte
zweier konkreter Menschen. Eine "wahre Geschichte". Beobachtet,
miterlebt.
Das nächste Projekt ist ein Roman: "Flusskrebse". Ein
Flüchtling aus Ruanda, Überlebender des Völkermords von
1994, nistete sich in Wien in einem verwahrlosten, der Abbruchspekulation
anheimgegebenen Haus ein. Nur noch ein Mieter wohnt da, ein Wissenschafler,
der sich weigert auszuziehen. "Ich habe gehört, dass Sie Biologe
sind. Sie haben sicherlich die Werke von Charles Darwin studiert. Was
meinen Sie: Ist es so, wie der Philosoph Jean-Jacques Rousseau gesagt
hat, dass der Mensch von Natur aus gut ist und erst durch das Zusammenleben
mit anderen egoistisch wird? Oder ist es so, wie der Philosoph Thomas
Hobbes angenommen hat, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, dass
die Menschen im Naturzustand einen Krieg aller gegen alle führen
und nur aus Angst die Macht dem Staat überlassen, damit dieser
für Frieden sorgt? Ich möchte gerne wissen, ob man diese Frage
wissenschaftlich klären kann. Die Biologie erklärt die Entstehung
des Menschen. Kann sie auch sein Wesen erklären? Was ist Ihre Meinung
zu dieser Frage?" "Wissen Sie, ich befasse mich hauptsächlich
mit Flusskrebsen."
Am Montagvormittag putzt Frau Jovanovic immer bei Frau Berger.
"Schauen Sie, Frau Jovanovic", ruft Frau Berger, "schauen
Sie, was der Marcel wieder angestellt hat! Da hat er seinen Kaugummi
verloren und ist auch noch draufgetreten, jetzt klebt alles im Teppichboden!
Ich weiß nicht, was ich mit den Kindern anstellen soll! Und der
André hat irgendwas in die Spüle geschmissen und jetzt ist
sie verstopft!" Und sie rennt ins Kinderzimmer, weil die kleine
Amelie gefüttert werden muss.
"Ich das machen", sagt Frau Jovanovic. Frau Jovanovic holt
Eiswürfel aus dem Kühlschrank und tut sie in einen Plastikbeutel.
Den Plastikbeutel legt sie auf den Kaugummifleck. Der Kaugummi muss
erst einmal ganz kalt werden. Die Kinder schauen gespannt zu. Dann schüttet
Frau Jovanovic Backpulver in den Abfluss und gießt Essig drauf.
Das sprudelt und zischt und aus dem Abfluss schießt Schaum heraus
wie aus einem kleinen Vulkan. Frau Jovanovic pumpt kräftig mit
der Saugglocke und der Abfluss ist wieder frei.
"Kommen!", sagt sie zu Marcel und André. Der Kaugummi
ist von dem Eis ganz hart geworden und zu dritt zupfen sie ihn in kleinen
Bröseln aus den Teppichfasern. Den Rest weicht Frau Jovanovic mit
Vaseline auf. Jetzt ist nur mehr ein kleiner rosa Fleck da, den reibt
sie mit Fleckputzmittel heraus.
"Danke", sagt Frau Berger, "ohne Sie wäre ich vollkommen
aufgeschmissen!", und setzt sich an ihren Computer.
Frau Jovanovic gibt Marcel einen Staubwedel und André ein Wischtuch
und dann machen sie gemeinsam sauber.
Am Montagnachmittag geht Frau Jovanovic zu Frau Steiner. Frau Steiner
kann nur mehr schlecht gehen und stehen, darum ist die Spüle immer
voll mit schmutzigem Geschirr. "Ich bin ja froh, wenn ich mir noch
etwas kochen kann", sagt Frau Steiner, "aber zum Geschirrwaschen
reicht's halt oft nicht mehr."
"Ich das machen!", sagt Frau Jovanovic. "Sie gehen sitzen!"
Um fünf ist Frau Jovanovic mit der Wohnung fertig.
"Kommen Sie, Kindchen", sagt Frau Steiner, "machen Sie
uns noch einen Kaffee. Ich hab ja sonst gar niemand zum Reden außer
Ihnen!"
Frau Jovanovic macht Kaffee.
"Schauen Sie, was mir meine Kinder geschickt haben", sagt
Frau Steiner. "Das soll ein Film sein, aber ich weiß nicht,
wie ich den anschauen soll!"
"Ich das machen", sagt Frau Jovanovic und legt die DVD in
das Abspielgerät.
"Das sind meine Enkelkinder!", sagt Frau Steiner, "schauen
Sie, wie groß die schon sind! Wenn mir der Schwiegersohn nicht
immer die Bilder schicken tät, ich wüsst gar nicht, wie die
ausschauen."
"Nicht sein traurig", sagt Frau Jovanovic.
Am Abend geht Frau Jovanovic in den Internet-Laden. Sie ruft ihren
Bruder Petar an und der schaltet seinen Computer ein. Auf dem Bildschirm
kann Frau Jovanovic ihre Tochter sehen, wie im Fernsehen, nur kleiner.
"Hallo, Alina", sagt Frau Jovanovic, "hallo mein Mäuschen,
wie geht es dir?"
"Ich hab Pudding gegessen! Die Großmutter hat mir Kondensmilch
draufgegeben. Und die weiße Katze hat sich im Schrank versteckt!"
"Und wie ist's in der Schule? Gefällt es dir?"
"Wir dürfen nur MAMA schreiben, aber ich kann schon ALINA
schreiben und OMA und PAPA und KATZE."
"Zeig mir dein Heft!"
"Ich hab ALINA geschrieben, aber die Lehrerin hat gesagt, ich darf
noch nicht, weil wir jetzt MAMA schreiben. Ich will nicht mehr in die
Schule gehen, ich will lieber, dass du mir zeigst, wie man Sachen schreibt."
"Nimm ein Blatt Papier, Mäuschen."
Frau Jovanovic zeichnet auf ihren Notizblock. Dann hält sie das
Papier vor die Kamera.
"Schau, ich hab dir einen Hund gezeichnet. Und daneben hab ich
HUND geschrieben. Willst du es abschreiben?"
"Aber den Hund kann ich nicht so schön zeichnen!", sagt
Alina.
Frau Jovanovic schickt Alina noch einen Internet-Kuss. Dann geht sie
sich ausruhen, in das Zimmer, in dem sie wohnt.
Am Dienstagvormittag putzt Frau Jovanovic immer bei Frau Jakobi. "Seien
Sie vorsichtig mit dem Porzellanhund!", sagt Frau Jakobi, wenn
Frau Jovanovic Staub wischt. Das sagt sie jedes Mal. "Und das Kätzchen
da ist aus Muranoglas, das kostet Hunderte, wenn Sie das zerbrechen!"
Und wenn Frau Jovanovic Staub saugt, dann sagt Frau Jakobi: "Bei
dem Teppich müssen Sie den Staubsauger auf drei zurückstellen,
das ist ein echter Shirwan, da reißen Sie mir sonst den ganzen
Flor heraus!"
"Ja", sagt Frau Jovanovic, "ich das machen."
Heute muss Frau Jovanovic in der Küche das Silberbesteck putzen,
denn heute Abend hat Frau Jakobi Gäste. Frau Jovanovic legt Aluminiumfolie
in das Plastikbecken, legt das Besteck hinein und gießt heißes
Wasser darauf. Dann gibt sie Backpulver dazu. Das ist ein Zaubermittel
für Silberbesteck. Alle schwarzen Flecken verschwinden und das
Silber schaut aus, als wäre es gerade erst aus dem Geschäft
geliefert worden.
"Ich möchte wissen, wo Sie das gelernt haben", sagt Frau
Jakobi, "Sie haben ja doch wohl kein Silber zu Hause!"
Als Frau Jovanovic alle Messer und Gabeln und Löffel und Löffelchen
in die große, rot ausgeschlagene Schatulle zurückgelegt hat,
zählt Frau Jakobi alles noch einmal nach.
Frau Jovanovic schaut auf die Uhr. Die drei Stunden, für die Frau
Jakobi sie bezahlt, sind um. "Die paar Hemden da von meinem Mann
könnten Sie ruhig noch bügeln", sagt Frau Jakobi.
"Ich das machen", sagt Frau Jovanovic.
Dienstagnachmittag putzt Frau Jovanovic bei Frau Orsini. Frau Orsini
ist jeden Tag bis sechs Uhr im Geschäft. Auf den Valentin passt
am Nachmittag immer seine Oma auf. Aber wenn Frau Jovanovic kommt, geht
die Oma gleich, denn dann hat sie ihre Kartenrunde.
"Schauen Sie, dass der Bub seine Aufgaben macht", sagt die
Oma, "er darf den Fernseher nicht aufdrehen, bevor er fertig ist!"
"Ich das machen", sagt Frau Jovanovic.
Sie holt das Bügelbrett aus dem Abstellraum und bringt es ins Wohnzimmer.
"Hallo Valentin!", sagt Frau Jovanovic. "Machst du Aufgabe?"
"Ja, aber die ist fad!"
"Zeigst du mir!"
Valentin hält ihr das Arbeitsblatt hin.
"Da fehlt immer ein Wort!", erklärt er Frau Jovanovic.
"Ich
einen Apfel? Na ist doch einfach: Ich essen einen Apfel!"
"Nein!", schreit der Valentin. "Ich esse einen Apfel!"
"Ah so? Na, dann schreibst du! Und weiter? Papa essen einen Apfel."
"Nein!", schreit der Valentin. "Papa isst einen Apfel!"
"Na bitte. Aber jetzt ich weiß schon: Die Kinder isst einen
Apfel!"
"Nein! Die Kinder essen einen Apfel!"
"Na gut, schreibst du hin. Siehst du: Du habst gelernt und ich
habst gelernt!"
"Ich habe gelernt! Und du hast gelernt!"
"Ich doch sagen!", sagt Frau Jovanovic.
Am Abend geht Frau Jovanovic wieder in den Internet-Laden.
Heute sieht sie zuerst ihre Mutter auf dem Bildschirm.
"Wie geht es dir, Mama?"
"Ach, wie soll's schon gehen", sagt Frau Jovanovics Mutter.
"Heute habe ich Pilav gekocht, aber weißt du, was sie auf
dem Markt für ein Huhn verlangen? Früher haben wir Geld gehabt
und es hat nichts zu kaufen gegeben und jetzt gibt es alles, aber man
kann es nicht zahlen."
"Ich weiß, Mama. Wie geht es Alina?"
"Sie hustet ein bisschen."
"Rufst du sie?"
"Alina!", ruft die Großmutter.
"Hallo Mäuschen!", sagt Frau Jovanovic, "wie geht
es dir?"
"Die Ziege hat zwei Zicklein bekommen. Aber Großmutter sagt,
wir können sie nicht behalten."
"Nein, Mäuschen, wir müssen sie weggeben, bevor sie zu
groß sind. Großmutter hat doch nicht so viel Platz in ihrem
Garten. Und was macht dein Husten?"
"Großmutter hat mir Tropfen gegeben. Muss ich morgen wieder
in die Schule gehen?"
"Natürlich. Jeden Tag, außer am Wochenende."
"Aber wir schreiben nur Sachen mit M und A. Das ist langweilig.
Die Lehrerin hat gesagt, ich soll halt eine Zierleiste machen. Aber
ich kann doch schon OMA schreiben und PAPA und KATZE und HUND."
"Sag der Großmutter, sie soll dir ein Heft geben. Das ist
dann dein Geheimheft, weißt du. Da schreibst du alles hinein,
was du willst. Und in das Schulheft schreibst du hinein, was alle Kinder
schreiben."
"Zeigst du mir, wie man Petar schreibt?"
Frau Jovanovic zeichnet ihren Bruder auf einen Zettel und schreibt PETAR
dazu.
"Warum musst du arbeiten gehen, Mama?"
"Damit wir uns einmal eine Wohnung kaufen können oder vielleicht
ein Häuschen bauen. Bei Großmutter ist doch kein Platz für
uns alle", sagt Frau Jovanovic.
Dann schickt sie Alina noch einen Internet-Kuss und geht sich etwas
zu essen kochen in dem Zimmer, in dem sie wohnt.
Am Mittwoch putzt Frau Jovanovic immer bei Herrn Kellner. Sie muss
lange läuten, bis Herr Kellner ihr aufmacht, gähnend und in
Schlafrock und Badeschlapfen.
Bei Herrn Kellner muss Frau Jovanovic in jedem Zimmer erst einmal Sachen
vom Boden aufheben. Im Bad Handtücher und Socken und Shampooflaschen
und den Verschluss von der Zahnpastatube und zwei Kaffeetassen vom Badewannenrand,
im Schlafzimmer noch mehr Socken und Hemden und Unterhosen, im Wohnzimmer
Gläser und Flaschen und Aschenbecher und Zigarettenstummel, im
Arbeitszimmer zerknüllte Briefumschläge und in der Küche
Pizzaschachteln und die Plastiktassen vom China-Zustelldienst. Herr
Kellner geht ihr in jedes Zimmer nach und schaut ihr auf den Popo, wenn
sie sich bückt.
"Sie nicht so schauen!", sagt Frau Jovanovic. "Sie gehen
Fernsehen gucken!"
Aber Herr Kellner lacht nur und geht nicht weg.
"Sie sind so schön!", sagt Herr Kellner.
"Ich das weiß", sagt Frau Jovanovic.
"Schauen Sie", sagt Herr Kellner, "zwei neue Hemden hab
ich mir gekauft und auf beide hab ich mir Rotwein geschüttet! Ist
das nicht ein Jammer?"
"Ich das machen!", sagt Frau Jovanovic.
Sie holt die Flasche mit dem Zitronensaft aus der Hausbar und geht mit
den Hemden und der Flasche ins Badezimmer. Sie gießt Zitronensaft
auf den Fleck und rubbelt kräftig, dann spült sie und tut
Seife auf die Flecken, dann spült sie wieder und tut Zitronensaft
drauf und jedes Mal wird der Fleck blasser.
"Wie Sie das machen!", sagt Herr Kellner bewundernd. "Wollen
Sie heute mit mir ausgehen?"
"Ich keine Zeit für Ausgehen!", sagt Frau Jovanovic.
Um zwei Uhr ist Frau Jovanovic fertig. "Ich rufe jetzt den Pizza-Service
an", sagt Herr Kellner. "Wollen Sie nicht noch bleiben und
mit mir essen?"
"Nein, danke", sagt Frau Jovanovic.
Am Mittwochnachmittag hat Frau Jovanovic frei. Die alte Dame, bei der
sie Mittwochnachmittag immer geputzt hat, ist ins Altersheim gezogen.
Frau Jovanovic kauft sich eine Zeitung, in der nur Anzeigen stehen.
Die nimmt sie mit in den Internet-Laden. Dort kann man auch billig telefonieren,
billiger als mit dem Handy.
"Guten Tag! Ich habe in Ihre Inserat gelesen, Sie brauchen Putzenfrau?"
Aber alle Stellen sind schon vergeben. Man muss schnell sein, wenn die
Zeitung mit den Inseraten erscheint.
Dann ruft Frau Jovanovic Herrn Jovanovic an. Herr Jovanovic arbeitet
in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, in einer Fabrik, in der
Schiffe gemacht werden. So eine Fabrik heißt nicht Fabrik, sondern
Werft. Herr Jovanovic muss dort mit einem Schweißgerät die
Stahlplatten zusammenschweißen, aus denen das Schiff gemacht ist.
Die Flamme von dem Schweißgerät ist schrecklich heiß
und Frau Jovanovic hat immer Angst, dass etwas passiert. Jedes Mal,
wenn sie ihn anruft, hat sie Angst, dass er nicht abheben könnte.
Aber zum Glück hebt er ab und Frau Jovanovic ist froh. Sie erzählt
ihm von ihrer Arbeit und er erzählt ihr von seiner und dann fragt
er sie, was Alina zu ihr gesagt hat, und sie fragt ihn, was Alina zu
ihm gesagt hat. Herr Jovanovic geht auch in einen Internet-Laden, wenn
er mit Alina sprechen will.
Frau Jovanovic schickt Herrn Jovanovic noch einen Telefon-Kuss. Dann
geht sie zu den Computern, damit sie mit Alina sprechen kann.
"Wie geht es dir, mein Mäuschen?"
"Heute haben wir MIMI geschrieben in der Schule. Aber ich hab in
mein Geheimheft PETAR geschrieben und HUND und GEBURTSTAG."
"Das ist aber ein langes Wort!"
"Die Großmutter wollt es mir gar nicht zeigen, wie das geht,
aber Petar hat es mir gezeigt."
"Und warum hast du GEBURTSTAG geschrieben?"
"Weil ihr dann nach Hause kommt, der Papa und du."
"Ja, mein Kindchen. Aber es ist noch lange bis zu deinem Geburtstag!"
"Ich weiß. Gehen wir dann zum Fluss?"
"Ja, Kleines, dann gehen wir zum Fluss und machen ein Picknick.
Du, der Papa und ich."
"Und dann sagst du der Großmutter, dass sie die Zicklein
nicht hergeben soll?"
"Warum denn nicht?"
"Weil, wenn die Großmutter sie hergibt, dann werden sie totgemacht."
"Ja, so ist das eben", sagt Frau Jovanovic. "Einmal wird
jemand die Zicklein essen. Aber das ist ja noch nicht bald, das dauert
noch lange. Und Großmutter braucht doch das Geld, wie soll sie
denn sonst das Holz kaufen für den Ofen im Winter? Verstehst du
das, Mäuschen?"
Alina nickt ganz still.
Und Frau Jovanovic schickt ihr noch einen Internet-Kuss und dann geht
sie schlafen in das Zimmer, in dem sie wohnt.
Am Donnerstag ist Frau Jovanovic wieder bei Frau Berger. Der Marcel
hat mit Wachsmalstiften auf die Tapete gezeichnet. "Ich das machen",
sagt Frau Jovanovic. Sie rubbelt die Wachsmalstift-Striche von der Wand.
Sie klettert auf die Leiter und wechselt eine Glühbirne aus. Sie
wickelt und füttert die kleine Amelie, weil Frau Berger schnell
in die Bibliothek laufen muss. Dann weicht sie die Klebstoff-Flecken,
die André auf dem Sofa gemacht hat, mit Essig ein. Am Nachmittag
macht sie Kaffee für Frau Steiner und saugt Staub und wäscht
das Geschirr ab und bügelt. Frau Steiner will ihr die Fotoalben
zeigen mit ihren Enkelkindern, aber die sind irgendwo verräumt.
"Ich das machen", sagt Frau Jovanovic und findet die Fotoalben
und schaut mit Frau Steiner die Bilder an.
Dann läuft Frau Jovanovic zur U-Bahn, denn Donnerstagabend muss
sie immer in einem Kleidergeschäft sauber machen. Am Donnerstagabend
kann sie nicht ins Internet-Café gehen. Frau Jovanovic ruft Alina
mit dem Handy an, während sie in der U-Bahn sitzt, und schickt
ihr einen Telefon-Kuss. Dann geht sie mit dem Staubsauger zwischen den
Reihen von Röcken und Blusen und Anzügen herum und den Kleiderpuppen,
die sie anschauen und nichts sagen.
Am Freitag will Frau Jakobi nach dem Staubsaugen und Staubwischen die
Fenster geputzt haben. "Ich das machen", sagt Frau Jovanovic.
Und Herr Kellner hat auf seiner Krawatte Kerzenwachs-Flecken von gestern
Abend. "Ich das machen", sagt Frau Jovanovic und bügelt
die Krawatte mit Papier von der Küchenrolle.
Am Abend fährt Frau Jovanovic zum Busbahnhof. Sie kauft eine Fahrkarte
und steigt in einen der Busse. Der Bus fährt die ganze Nacht, und
zweimal muss Frau Jovanovic an einer Grenze ihre Tasche herzeigen. Wenn
der Bus stehen bleibt, steigen alle Fahrgäste aus und gehen aufs
Klo. Dann steigen sie wieder ein und schlafen oder starren den Videobildschirm
an. Am Morgen haben alle ganz rote Augen. Frau Jovanovic steigt aus
und geht durch die stillen Vorstadtgassen. Die Großmutter ist
schon im Garten und jätet die Gemüsebeete.
"Ach Gott, Kind, hast du mich erschreckt, was machst du denn hier?
Hast du deine Arbeit verloren?"
"Nein, Mama, ich hab euch nur sehen wollen. Morgen Abend fahr ich
wieder zurück."
"Du meine Güte, die ganze Nacht fahren, nur für ein Wochenende!
Und morgen schon wieder! Du wirst dich kaputt machen, Kind! Na komm
rein, ich mach dir Kaffee."
Und Frau Jovanovic geht ins Haus und macht ganz leise die Tür auf
zu dem Zimmer, wo Alina schläft.
*
Martin Auer, geb. 1951 in Wien. Publizierte seit 1986 über
vierzig Bücher, davon ca. zwei Drittel für Kinder. Österreichischer
Kinder- und Jugendbuchpreis 1994, 1998 und 2000. 2005 wurde ihm der
Berufstitel Professor verliehen. Mehr von und über Martin Auer
unter www.martinauer.net