Podium Nr. 153/154 - Gärten


Lieselotte Stiegler: Erinnerungen an die Zukunft


Wenn sich der Schaukelstuhl bewegt, ist nur ein leises Knarren des Holzbodens zu hören. Die genügsame Einrichtung verstärkt die Ruhe. An der rechten Wand befindet sich ein alter Kleiderschrank, an dessen Türknöpfen rote Kordeln hängen. Das Bett steht auf Metallfüßen, der Kopfteil nach vorne gekippt. Auf dem kleinen runden Tisch in der linken Ecke des Zimmers sind noch Reste des Frühstücks. Durch das geöffnete Fenster weht ein leichter Wind, der die Seitenteile des Vorhangs bewegt.
Rosa sitzt im Schaukelstuhl, über ihren Knien eine karierte Flanelldecke. Ihre Hände bewegen sanft den Stuhl. Rosas Hände, über die sich große und kleine Altersflecken ausdehnen. Sommersprossen, behauptet Rosa. An ihren Fingergelenken Gichtknoten, Sensoren, nennt sie Rosa. Sie blickt aus dem Fenster, lächelt. Ihre weißen Haare, die im Nacken zu einem Knoten gebunden sind, betonen das Blau ihrer Augen. Durch das geöffnete Fenster sieht sie in einen großen Garten. Der Frühlingsduft, den der Wind durch das Fenster trägt, mischt sich mit dem Geruch von Desinfektionsmitteln. Sie nickt dem Apfelbaum zu, dessen blühende Äste bis an die Hauswand reichen, so nahe, dass man sie berühren könnte. Draußen, im Garten, beginnt für Rosa die Welt - eine Welt, für sie erreichbar und doch fern. Sie ist mit allen Blumen vertraut, sie weiß, wann sie ihre Kelche öffnen und schließen, sie bemerkt, wenn die Heckenrosen auf dem Geräteschuppen wieder ein Stück gewachsen sind, sie versucht, die Kleeblätter zwischen dem hohen Gras zu zählen. Manchmal wünscht sie sich, den ganzen Tag auf der verwitterten Holzbank zu sitzen, die an einer Granitsteinmauer steht, über der rote Fuchsien hängen.
Eine Biene lässt sich auf dem bunten Vorhang nieder.
Rosas Hand drückt fester auf die Lehne des Schaukelstuhls, bis sich dieser stärker bewegt.
Und ich, ich lebe, ich atme, ich weiß den Anfang und das Ende der Zeit. Ich weiß, nicht die Menschen leben die Zeit, sondern die Zeit lebt die Menschen. Wie kann ich diese nützen, anhalten, dehnen? Nein, ich will nicht nur warten auf das unabänderliche Ende, ich möchte noch lebendig sein.
Sie blickt auf die Standuhr, ein Erbe ihrer Mutter, beobachtet die Bewegung des Uhrzeigers, hört das leise Ticken. Seit sie im Heim wohnt, ist die Uhr noch nie stehen geblieben.
Wie kann ich meiner Zeit Zeit geben?
Ihr Blick gleitet zum Apfelbaum.


"Apfelbütenweiß
ein Augenblick zählt die Zeit
am Ast des Baumes."
Leise kommen die Worte aus Rosas Mund, Apfelblütenweiß, ihre Stimme wird lauter, als würde sie diesen Vers an den Apfelbaum hängen wollen.
Ich werde der Zeit meine Zeit geben, ich werde Erinnerungen sammeln, ich werde mich an die Zukunft erinnern. Meine Tage, meine Stunden werden mich begleiten, ich werde mein Leben noch einmal leben.
Rosas Handrücken liegen ruhig auf der Lehne, als wollte sie die Blüten auffangen, die sich von den Ästen lösen. Sie steht am Pult im Hörsaal 4 der Fakultät für Literatur und Kulturwissenschaften. Es ist Semesterbeginn, im Hörsaal sind nur wenige Plätze frei.
"Wir werden heute über Ezra Pound sprechen, einem wichtigen Vertreter der angelsächsischen Literatur", erklärt Rosa. "Sein Hauptwerk The Cantos spiegelt das Bewusstsein der Moderne in Europa und in Amerika. Er wurde 1946 des Hochverrats …"
Während Rosa mit sicherer Stimme ihren Vortrag beginnt, öffnet sich die Türe und Renate, Rosas Tochter, betritt das Zimmer. Jeden Mittwoch verbringt Renate den Nachmittag mit ihr. Sie umarmt Rosa herzlich, stellt einen Strauß Blumen in eine Vase auf dem Tisch.
Ich habe eine hübsche, aufmerksame Tochter, denkt Rosa, während sie gleichzeitig im Hörsaal bleibt und laut weiter spricht.
"Er wurde 1946 wegen Hochverrats angeklagt, für unzurechnungsfähig erklärt und kam für die nächsten zwölf Jahre in eine psychiatrische Anstalt. Er kämpfte mit Bewusstseinsstörungen und Gedächtnisverlust."
Renate sitzt neben der Mutter, streichelt zärtlich ihre Hand. Rosa blickt in die Augen ihrer Tochter, spürt Mitleid, erbarmungsloses Mitleid.
Wie klein sie mich macht mit ihrem Mitleid, erbarmungswürdig, ihr Mitleid kratzt an meiner Würde.
Sie entzieht ihr die Hand, wendet sich wieder den Studenten im Hörsaal zu, die aufmerksam ihrem Vortrag folgen, und sieht gleichzeitig fest in die Augen ihrer Tochter. Sie ist gut, eine anerkannte Professorin. Unbeirrt referiert sie weiter.
Renate zieht an der Decke über den Knien der Mutter, versucht jede Falte zu glätten, als wollte sie Unangenehmes wegstreichen.
"Ja, dein geliebter Ezra Pound, es waren gute Vorlesungen, Mutter", sagt Renate, während sie die Hand ihrer Mutter wieder nimmt, fest umschließt. "Aber das ist Vergangenheit, schau doch in den Garten, sieh den schönen Apfelbaum. Hast du deine Tabletten schon eingenommen?"
"Vergangenheit? Was ist bei Literatur vergänglich, wenn sie gut ist?"
"Ezra Pound hatte auch eine unheilvolle Vorliebe für Wirtschaftstheorie und Bankwesen", antwortet ihr Rosa.
Warum hat sie Mitleid mit mir, Mitleid schmerzt, sieht sie nicht, dass ich lebe? Glaubt sie, ich träume meine Erinnerungen? Ja, ich erinnere mich; kann sie es nicht sehen? Die Erinnerung lebt mich jetzt in diesem Moment, der kein anderer ist als der vergangene, die Zeit hat einen Bogen gespannt vom Beginn bis zu ihrem Ende. Kann sie es wirklich nicht sehen, hören? Ich habe mich nur verändert in meiner Veränderung. Ich denke, fühle, ich bin ihre Mutter, sie ist meine Tochter. Mein Körper ist gealtert, gebrechlicher geworden, aber noch nicht mein Denken. Haben wir, wenn wir uns gemeinsam erinnern, unwahre Vorstellungen?
"Ich bitte dich, Mutter, kannst du jetzt endlich mit deinem Vortrag aufhören? Dazu bin ich wirklich nicht gekommen. Übrigens soll ich dir herzliche Grüße von Frau Kranzel ausrichten, sie wird dich demnächst besuchen kommen. Du erinnerst dich noch an sie?", fragt Renate.
Rosa blickt auf den Apfelbaum, bewegt den Schaukelstuhl.
"Der Dichter, Ezra Pound, geht also in der imaginierten Persönlichkeit auf. Er erlebt dabei die Steigerung, aber auch den Verlust des eigenen Ichs. Er projiziert sich geradezu bis zum Wagnis der Selbstvernichtung."
Sie legt die Hand auf die Schulter ihrer Tochter, lacht.
"Er stellt sich nicht von außen dar, als Objekt, sondern als ein Subjekt von innen.
Ein schwarzer Wind wirft sich gegen den Wald
die Kerze flämmt und brennt tief
Lux enim - versus den Wirbelsturm
Die marmorne Form im Kiefernwald
der Schrein gesehen und nicht gesehen."
Renate küsst ihre Mutter, geht zur Türe.
"Und kein chih da ist keine Wurzel", ruft Rosa ihr nach.
"Auf Wiedersehen, Mutter, und ohne Muan bpö keine Wirklichkeit."
Rosa lächelt, lange, nachdem sie schon wieder allein ist.

Niemand wird Rosa aufhalten, niemand.
Ein neuer Tag, eine neue Erinnerung, ein Leben über Grenzen, mit Leidenschaft.
Ihr Kopf nickt im Rhythmus des Schaukelstuhls, während sie mit lauter Stimme dem Apfelbaum zuruft:
"Gedankennester
in Blüten des Apfelbaums
noch Ungesagtes."
Es ist früher Morgen, durch das geöffnete Fenster dringen Nebelfetzen, kriechen über den Boden im Zimmer. Die Konturen des Baumes, ihres Baumes, sind unscharf an diesem Morgen. Er wirkt zierlicher als sonst. Rosa sieht ihn voller Erwartung an und merkt, dass er tatsächlich kleiner wird.
Sie sitzt bei ihrer fünfjährigen Tochter Renate am Bett, erzählt ihr Märchen. Renate hält eine Puppe fest im Arm, ihren Rücken drückt sie gegen den Kopfpolster im Bett.
"Erzähl weiter, Mama."
"Es lebten einmal ein König und eine Königin, die sehr eitel waren. Sie wollten für den Tag ihrer Krönung die besten und größten Edelsteine, die es gab. Den Menschen im Land befahl der König, Tag und Nacht diese Steine zu suchen. Er war streng, gönnte niemand eine Pause. Endlich war es soweit. Groß und schwer wurden die Kronen, so groß, dass es vieler Hände bedurfte, sie zu tragen. Eitel, geschmeichelt senkten König und Königin ihre Köpfe. Das Gewicht der Krone drückte das Paar in die Erde, bis man nur mehr die Spitzen der Krone sah. Und noch immer lächelte das Paar, während es versank."
"Erzähl weiter, Großmutter!"
Rosa spürt eine kleine Kinderhand auf ihrem Arm. Norah, ihr Enkelkind, sitzt neben ihr.
"Ich habe dich nicht kommen gehört."
"Ich bin schon lange hier, habe dir zugehört. Erzähle die Geschichte weiter, bitte, Großmutter."
Das Aufprallen von Regentropfen ist am Fensterbrett ist zu hören.
Rosa sieht Norah, ihr Enkelkind, neben ihrer 6-jährigen Tochter Renate.
Sie erzählt weiter.
"Nun lebte das Königspaar unter der Erde. Sie hatten eine Tochter, Dualde. Eines Tages gab es ein gewaltiges Erdbeben, Dualde durchstieß mit ihrer Krone die Erde. Wie staunte sie über die Sonne, die Blumenwiesen. Mit Sehnsucht blickte sie auf den blühenden Apfelbaum.
,Ich möchte gerne bei dir bleiben, was ist das Geheimnis deines Blühens?', rief sie dem Baum zu.
,Wenn du ein Apfelbaum sein möchtest, kannst du bei mir bleiben. Du gibst mir deine Krone und ich gebe dir das Zauberwort des Blühens. Es heißt Jadem, vergiss es nie!'"
"Genug, Norah, es ist spät, verabschiede dich von Großmutter. Du hast genug erzählt, Mutter. Norah ist schon verwirrt, sie muss nun in die Englischstunde."
Eines Tages, erzählt Rosa weiter. Sie blickt in die Augen ihres Enkelkindes, sieht aus den Augenwinkeln Renate, deren Stimme immer lauter wird.
"Verabschiede dich jetzt von Großmutter! Sie ist müde und du hast deine Pflichten."
"Großmutter ist nicht alt, sie hat nur graue Haare, aber blaue Augen und eine schöne Stimme."
"Du darfst nicht alles ernst nehmen, was Großmutter erzählt. Wie gesagt, sie ist schon alt."
"Kann man dann nur im Alter so gut erzählen? Du kannst es nicht so gut, Mama. Du hast keine schöne Stimme, wenn du so schreist. Ich möchte das Ende des Märchens hören."
"Bei Großmutter gibt es nie ein Ende. Komm jetzt!"
"Dann möchte ich schnell alt werden, Mama."
Renates Hand zieht Norah zur Tür.
"Auf Wiedersehen, Großmutter."
Durch die geöffnete Türe dringt Lärm, ein Klappern von Tellern und Schüsseln. Essenszeit im Heim.
"Eines Tages vergaß der Apfelbaum das Zauberwort", ruft Rosa ihrem Enkelkind nach.
Sie blickt zum Apfelbaum, der das Zauberwort wieder gefunden hat.

Es klopft, der Wind bauscht die Vorhänge auf, als die Zimmertür vorsichtig geöffnet wird. Rosa dreht den Kopf, hört das Klopfen eines Stockes am Holzboden, setzt die Brille auf, die an einem Lederband um den Hals hängt.
"Hallo Rosa, darf ich eintreten, bin eine Viertelstunde zu früh, wie immer …"
"Erika, bist du es?"
Rosa sieht schwarze Schuhe mit Silberschnallen, der linke mit erhöhtem Absatz, einen engen Leinenrock, ein graues Sakko, am Kragen steckt eine silberne Brosche, über die sie immer lachen mussten, wenn sie diese an Erikas Mutter sahen.
Sie bemerkt die zwei Eheringe an der Hand ihrer Freundin, sieht in Augen zwischen Neugier und Distanz.
"Du hast dich fast nicht verändert, Erika. Wie ich mich freue, dich nach so vielen Jahren wieder zu sehen. Nimm den Stuhl dort von dem Tisch."
Rosa beobachtet ihre Freundin.
Wahrscheinlich zählt sie mit ihrem Stock die Schritte, liebe, alte Erika, sie hat sich nicht verändert.
"Wie geht es dir hier, im Heim? Was machst du den ganzen Tag?" Sie zeigt auf den Abstelltisch neben dem Bett. "Ich sehe, du beschäftigst dich noch immer mit Philosophie, Literatur wie in alten Tagen, die Ästhetik des Widerstands. Die romantische Revolutionärin. Nur zu schade, wir können nichts mehr verändern, wir können nur mehr warten."
"Warten, auf was wartest du, Erika? Machst du nichts anderes als Tage und Stunden zu warten? Auf den Tod?"
"Nicht nur, ich habe schon meinen kleinen Alltag mit den wenigen Freunden, die noch unter uns weilen, aber eben nicht mehr so Zeit füllend, wie es einmal war. Verändern, etwas noch leben? Ach, Rosa, du kennst mich schon einige Jahrzehnte, weißt meine Einstellungen. Wenn es in der Welt nicht möglich ist, eine absolute Gerechtigkeit herzustellen, warum sollte ich mich selbst und die chaotische Gesellschaft verändern. Und erst recht nicht in meinem Alter."
"Da spricht wieder die Staatsanwältin in dir. Du meinst noch immer, wenn es keine Gerechtigkeit gibt, braucht man sich oder nichts verändern. Wird man so vom Denken beherrscht, trennt man das Leben vom Tod. Du klammerst dich an die gedachte Wirklichkeit."
"Ja, wie willst du sonst friedlich sterben? Was können du und ich noch leben?"
"Wir könnten der Zeit die Zeit geben, der Erinnerung die Zukunft."
"Mein Gott, Rosa, das ist mir zu philosophisch."
"Für mich nicht, Erika, ich denke an eine zeitlose Existenz."
Der Wind trägt eine Apfelblüte durch das Fenster. Erika bückt sich, will sie entsorgen.
"Lass die Apfelblüte am Boden! Erika."
Rosas Stimme klingt zornig, sie dreht ihren Kopf zum Fenster.
"Erinnerst du dich noch an Peter, den absoluten Klassenschwarm. Mein Gott, hatte der einen Körper, wir verliebten uns alle in ihn. Auch du."
"Du meinst diesen Schönling mit den grünen Augen? Ganz vage, ich glaube, wir haben Wetten abschlossen, wer ihn am Klassenball erobert. Da waren wir noch begeisterungsfähig und leidenschaftlich."
"Ja, Peter, du warst doch auch verliebt in ihn, Erika."
Rosa schielt aus den Augenwinkeln zu ihrer Freundin, sieht die Röte in ihrem Gesicht, bemerkt, wie sie ihre Beine fest aneinanderdrückt, die Schuhe exakt parallel stellt. Rosa lacht ganz leise. Ihre Freundin Erika. Sie sieht sie vor sich jetzt und vor mehr als sechzig Jahren, spürt ihren Zwiespalt zwischen der Lust des Loslassens und der moralischen Disziplin.
"Wie waren wir aufgeregt, erinnerst du dich noch an unsere wochenlangen Überlegungen, mit welchem Kleid, welcher Frisur wir den größten Erfolg erzielen würden? Da gab es noch diesen Ernst, der dich anbetete, denn du an der langen Leinen ließest. In dieser Nacht, Erika, nahmen wir uns vor, unsere mädchenhaften Schranken, die Jungfräulichkeit Vergangenheit werden zu lassen. Das taten wir dann auch. Du weißt doch noch?"
Erikas Blick haftet verträumt am Apfelbaum. Auf Rosas Frage zuckt sie zusammen, fühlt sich ertappt: "Ja, das taten wir Rosa, Jugendsünden. Gott sei Dank sind wir erwachsen geworden, reifer, nicht mehr so impulsiv."
"Gott sei Dank, sagst du, weniger impulsiv? Ich empfinde es jetzt in diesem Augenblick genauso wie damals. Ich rieche den frühen Morgen, an meinen nackten Füßen fühle ich den Tau des nassen Regens in der Gartenlaube."
Rosa bewegt den Schaukelstuhl, öffnet den Knopf ihrer Bluse.
"Wir küssen Augenblicke im Wendekreis der Zeit, nachtblau erhebt sich mein Begehren, aus nie erahnten Höhlen kriecht die Lust."
"Rosa, ich bitte dich, höre auf damit, wie unschicklich."
"Aufhören? Erinnere dich, Erika, wie du an diesem Morgen neugierig auf mich gewartet hast, gespannt auf meinen Bericht. Ich sehe dich im Bett sitzen und rufen, Rosa, komm, ich schlafe noch nicht, komm. Ich setze mich zu dir und erzähle:
,Peter ist ein zärtlicher und stürmischer Liebhaber, unermüdlich.'"
"Rosa, es reicht, es könnte jeden Moment die Schwester hereinkommen."
"Er ist ein zügelloses Pferd auf meinem Körper; sein Mund so süß auf meiner Haut."
Rosa strafft den Rücken, drückt die Lehne des Stuhls weit nach hinten, blickt verträumt zur Zimmerdecke.
"Seine Augen, so tief in mir, ein Orgasmus treibt mich zum nächsten. Dabei glaubten wir immer, dass der erste Geschlechtsakt …"
Erika steht auf, schiebt den Stuhl mit einer Stärke über den Boden, dass der Lärm Rosas Stimme übertönt.
"Wir glaubten tatsächlich, dass der erste Geschlechtsakt nicht so einen großartigen Eindruck hinterlässt. Du selbst warst auch überrascht über deinen erfüllten Sex mit Ernst. Ich erinnere mich noch genau an deine Worte, Erika."
"Rosa, halt jetzt endlich deinen Mund. Dein Verhalten ist unerträglich, hast du kein Schamgefühl, keine Würde. Ich gehe jetzt, deinen Frivolitäten möchte ich nicht mehr zuhören."
Rosa blickt noch immer an die Zimmerdecke, beginnt mit tiefer Stimme lustvoll zu lachen.
"Wie viele Inseln versinken in dieser Nacht, wie viel Liebe und Leidenschaft?"
Sie hört Erikas Stöcke am Fußboden, laut und so vehement, als würde ihre Freundin Löcher in den Boden stampfen wollen.
"Wie viele Inseln versinken im Ozean?", ruft sie ihr nach.
Auf dem Ablagetisch neben Rosa liegt ihr Tagebuch. Sie nimmt es in die Hand, blättert darin mit einer Scheu, es zu lesen. Es sind meine Worte, die ich schrieb und niemand anderer. Gibt es einen Unterschied zwischen dem gedachten und geschriebenen Wort? Einmal gedacht, lässt sich nichts mehr wegdenken. Einmal erinnert, bleibt dann die zeitlose Erinnerung? Nein, das kann nicht sein, denkt Rosa. Wenn ich mich erinnere, versetze ich mich zurück in die Zeit, verbinde meine Gedanken, Geschehnisse von damals mit meinen Gefühlen im Jetzt. Sie blättert schneller im Tagebuch, nimmt die Buchstaben wahr, die Ecken, die sie in manche Seiten gebogen hat. Beim Blättern fliegt ein getrocknetes Rosenblatt zu Boden. Rosa beginnt zu lesen.
Heute startet unsere Hochzeitsreise in die Toskana. Endlich mit Robert allein. Ich blicke auf seine gebräunten Unterarme, seine sensiblen Hände am Lenkrad unseres Fiats. Welch ein herrlicher Sommertag, eine Welle Zärtlichkeit fließt durch meinen Körper. Ich lege meine Hand auf seinen gespannten Oberschenkel, unsere Blicke treffen sich, wir biegen in einen Waldweg.
Rosas Tagebuch fällt zu Boden. Sie öffnet die Knöpfe ihrer Bluse, fühlt Wärme durch alle Poren dringen. Sieht ihr Herz so kräftig schlagen, als würde es durch die dünne Haut nach außen drängen, fliegen wollen. Die Hände streicheln zärtlich ihre schlaffen Brüste, bleiben zwischen den Oberschenkeln, bis sie in einem Schrei versinkt, die Welt vergisst.
Rosa sieht nicht den entsetzten Blick ihrer Tochter. Es ist Mittwoch, Renates Besuchstag.
Rosa hält ihre Augen geschlossen, lächelt, während Renate und die Pflegerin ihre Bluse zuknöpfen, sie ins Bett legen und das Gitter hochziehen.
Renate steht am Fenster, auf den Wangen hektische, rote Flecken.
"Es tut mir leid, sie weiß nicht mehr, was sie tut", entschuldigt sie sich bei der Krankenschwester.
Als sie wieder alleine ist mit ihrer Mutter, beginnt sie Ordnung zu machen, findet das geöffnete Tagebuch am Boden, beginnt zu lesen.
Rosa öffnet die Augen, sieht den Rücken ihrer Tochter, ihre Finger ertasten die kalten Metallstäbe am Bett.
"Zieh sofort das Gitter herunter, Renate!"
Renate zuckt zusammen, bewegt sich wie eine Marionette, entfernt mit einer Hand das Gitter, während sie mit der anderen das Tagebuch hinter dem Rücken verbirgt.
Sie blickt in die funkelnden Augen ihrer Mutter, nimmt in ihrer Stimme die Strenge und Bestimmtheit wahr, die so vertraut klingt wie in ihrer Kindheit.
"Wir hatten ein wunderbares Leben, dein Vater und ich, du kannst das Tagebuch lesen, ich werde es weiterleben."
Renate fährt mit dem Handrücken über ihre tränennassen Augen.
"Entschuldige, Mutter, es tut mir sehr leid."
Rosa drückt die Hände ihrer Tochter, hält sie länger als sonst.
"Ist gut, Renate, alles in Ordnung, ich muss mich jetzt ausruhen."
Es ist still im Zimmer. Rosa ist müde, sehr müde. Am Apfelbaum hängt nur mehr eine Blüte.
Es ist ein Schwarz in mir, das ihn endlich sichtbar macht. So komm doch, komm. Ich komme, Apfelbaum, ich komme, Robert. Auf einem Seil, in mir gespannt, balanciere ich, fühle im sanften Schwingen etwas Neues, spüre die Erde zwischen Luft und Boden, sehe Regentropfen an den Wolken hängen, Wurzeln aus Gestirnen wachsen, die Welt gibt jedem Augenblick die Freiheit, die Zeit zu tanzen. Wir werden eine Spur in uns, Robert, aus der Vergangenheit und Zukunft nicht mehr weinen, weil sie eins wurden auf einem Weg, der niemals enden wird. Das Pfand, das uns geliehen, wird zum Feuermal in deiner, meiner Hand.
Rosa greift zu ihrem Stock, stützt sich mit der anderen Hand auf die Lehne des Stuhls, um besser aufstehen zu können. Sie fühlt eine Leichtigkeit in den Beinen, wie niemals die Monate zuvor. Aus der Lade des Tisches nimmt sie die Perlenkette und den Lippenstift, fährt mit zittriger Hand über ihre Lippen. Niemand wird sie sehen, niemand wird sie aufhalten; es ist still in den Fluren des Heimes. Mittagspause.
Rosa schlüpft leise, barfuß hinaus in den Garten. Ihre Hand streicht liebevoll über den Stamm, bevor sie sich unter den Schatten des Baumes legt. Sie lächelt, als eine blaue Blüte auf ihren Körper fällt. Sie lächelt, schließt die Augen.


Lieselotte Stiegler, geb. 1950 in Schladming. Schreibt hauptsächlich Lyrik, aber auch Kurzprosa und Märchen für Erwachsene. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, Lyrikübersetzungen aus dem Usbekischen.

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