Elisabeth Schawerda: Die Zwiebelgärtchen - Gedichte
Die Zwiebelgärtchen
In Afrika sah ich Gärten
mit zwei Armen zu umfassen
und mit Sorgfalt von winzigen Wällen
gelber Erde gerahmt
Blaugrüne Zwiebelchen wuchsen darin
In Kalebassen holten die Frauen
Wasser vom Fluss
Es ging kein Tropfen verloren
Aufrecht stand jedes blaugrüne Zwiebelchen
als wüsst es um seine Bedeutung
*
Der Weingarten
Kalkig hart und hell
ist die Erde im Aufprall der Sonne
Warme Steine
riechen nach Süden
Aus Westen vom Schwarzföhrenwald
weht harzige Luft
Die Mittagsstunde flimmert ätherisch
Über die Trockenmauer
führt eine steinerne Stiege
Dort wächst der Feigenbaum
mit dunklen ledrigen Blättern
dort sonnt sich die Äskulapnatter
das mythische Tier
Wir lauschen den Bäumen
am Waldrand im Gras
bei den Glockenblumen
So war es einmal und immer noch
ist es schön hier und südlich
auch ohne die Mauer
die steinerne Stiege
und ohne den Feigenbaum
Die Natter suchte ein neues Zuhause
als der Caterpillar
den Weingarten anpasste
an die moderne Zeit
*
Salbei und Wermutkraut
Ich liebe den Salbei
das elegante Graugrün
das nobel bescheidene Blütenblau
die Farbe des Geistes
den reinen bitteren Duft
das samtige Laub
den Wohlklang des Wortes Salbei
Auch den Wermut liebe ich
den dunkleren Wohlklang des Wortes
seine perlenfarbene Kraft
Er wächst in russischen Gedichten
Die Dichter pflanzen ihn nicht
In ihren Gärten
treibt ihn die Erde von selbst hervor
immer wieder
immer bitter und herb
*
Im Laub der Sprache
Im Laub der Sprache
schlummert ein Gedanke
Ein Wort blüht auf
ein Nachtschatten mondsüchtig
eine Dichternarzisse
Sätze und Setzlinge
keimen im Beet
geschöpft aus Seidelbast
in Daphnes Schoß
Lippenblüten
und ehrgeiziger Lorbeer
*
Elisabeth Schawerda lebt in Wien, sie schreibt Lyrik und Essays.
Zuletzt veröffentlichte sie die Bücher: Echo. Gedichte (Literaturedition
Niederösterreich, St. Pölten 2006); Engel der Lagune (Edition
Thurnhof, Horn 2009). 2010 erscheinen von ihr in der Buchreihe podium
porträt ausgewählte Gedichte, eingeleitet von Elfriede Bruckmeier.