Ingrid Maria Lang: Katzengold
In dem Sommer, von dem hier die Rede ist, 1957, verlor meine Mutter
ihren goldenen Stiftzahn, den sie erst ein Jahr zuvor bekommen hatte,
irgendwo am Ufer des Baches, der sich hinter der Gartenkolonie, in der
Großvater ein Stück Land gepachtet hatte, dahin schlängelte.
Damals war ich acht und wir beide verbrachten während meiner Ferien
viel Zeit in diesem Garten.
Großvater war Leiter der örtlichen KONSUM-Filiale, wo auch
meine Mutter an drei Vormittagen während der Woche arbeitete, die
übrige Zeit hatte sie frei. Dank der Rabattmarken, die Großvater
als Prämie für gesteigerten Monatsumsatz erhielt, lebten wir
gut, besser als viele andere Familien zu der Zeit. Mein Vater arbeitete
von März bis Oktober auf Montage im Straßenbau, war während
dieser Monate nur selten einmal ein paar Tage zu Hause, schickte aber
jede Woche Geld. Und obwohl immer genügend da war für Mutters
Bedürfnisse: Zigaretten, Lippenstift und Nagellack, Mandelseife,
Strümpfe mit Naht - für einen neuen Stiftzahn hätte es
nicht gereicht
Großvaters Garten war eine der längsseits des Baches angelegten
Parzellen, ungefähr zwanzig Minuten Gehweg entfernt von unserem
Zuhause, einer Zweizimmerwohnung im Erdgeschoß eines Zinshauses
in der Stadtmitte. Immer gingen wir auf dem ausgetretenen, mit kleinen
Schottersteinen und Sand bedeckten Uferweg den Bach entlang bis zum
Hintereingang des Gartens, so ersparten wir uns das Kreuz und Quer der
Wege durch die Kolonie.
Während der Woche lag die Siedlung tagsüber still und reglos,
erst am späten Nachmittag, mit den ersten Begrüßungsrufen
über die Zäune hinweg, erwachte sie aus ihrer Lethargie. Dann
war das Knacken der Pumpenschwengel und Scheppern der Gießkannen
zu hören, später flackerte das Leuchten von Petroleumlampen
und Windlichtern durch die Bäume und der Geruch von frisch gemähtem
Gras, feuchter Erde und gebratener Wurst wehte durch die Dämmerung.
Neben Großvaters Garten lag das Grundstück von Herrn Rusiszka.
Seinen Namen wusste ich nur, weil er auf dem Emailschild am Gartentor
stand, denn niemand in der Kolonie sprach ihn anders als mit "Herr
Leo" an.
Herr Leo war Kriegsinvalide, hatte ein zerschossenes Bein, das er leicht
nachzog, und unterhalb seines rechten Ohres eine wulstige Narbe, die
sich wie ein fetter roter Wurm am Hinterkopf entlang wölbte, wo
sie dann in Büscheln geringelter schwarzer Haare verschwand.
Die Leute in der Siedlung waren sich einig: Herrn Leos Garten war eine
Augenweide. Die Wiese immer gemäht, die Beete sauber von Unkraut,
die Rosenbüsche nirgendwo so üppig, sein Holzhäuschen
mit zwei blitzblanken Fenstern und einer Türe mit Schloss und Messingschnalle
das weitaus stattlichste; es gab einen eisernen Brunnen mit einem gemauerten
Wasserbassin, weiß lackierte Gartenmöbel und Klappliegestühle
mit gestreiften Bezügen. Aber für mich war das Wunderbarste:
Er besaß ein Transistorradio, so etwas hatte ich bis dahin noch
nie gesehen - Herr Leo konnte, wann immer er wollte, Musik hören,
ohne Kabel und ohne Stecker.
Den ganzen Sommer verbrachte unser Nachbar in seinem Garten. An den
stillen Nachmittagen besuchten ihn ab und zu zwei oder drei ältere
Männer zum Kartenspielen; einer war Kriegsinvalide wie er, ihm
fehlte der linke Arm, der nutzlose Ärmel seines Hemdes war mit
einer Sicherheitsnadel auf der Schulter festgesteckt.
Freitag Nachmittag kam Herr Breitbart, der Freund aus Wien, mit seinem
VW-Käfer angefahren - der "fesche Edi", wie ihn die Frauen
nannten, die von ihm Samstagabend, wenn in Herrn Leos Garten gefeiert
wurde, nach den Klängen aus dem Transistorradio herumgewirbelt
wurden. Immer wusste er Witziges zu erzählen, die Geschichten sprudelten
nur so aus ihm heraus, begleitet von seinem ansteckenden Lachen, laut,
groß, luftringend, verebbend und wieder von vorne beginnend. Aber
nicht nur deshalb war er bei den Frauen in der Siedlung so beliebt:
Herr Breitbart war Vertreter für Kleintextilwaren, Handschuhe,
Schals und Krawatten, Herrensocken, Baumwollstrümpfe und -söckchen
für Damen und Kinder, und sein Verkaufsschlager waren die Nylonstrümpfe:
rosé, sand, nougat, anthrazit, mit und ohne Naht, mit und ohne
Ferse.
Aus den Sortimenten, die Herr Breitbart in seinen Musterkoffern mit
sich führte, konnte man bestellen; er notierte alles sorgfältig
auf seinem Orderblock und die Woche darauf kam er beladen mit Kartons,
stellte eine kleine eiserne Handkasse auf Herrn Leos Gartentisch und
die Frauen zückten die Portemonnaies und holten freudestrahlend
ihre Schätze beim feschen Edi ab.
Meine Mutter war eine Frau, die genau wusste, was zu tun war, um immer
gut auszusehen; sie war noch nie in ihrem Leben ernsthaft krank gewesen,
war fröhlich und gesellig und hatte eine Menge Freundinnen, aus
denen sie in wechselnden Abständen immer eine zu ihrer "besten"
erkor; in diesem Sommer war Frau Finkelstein - "die Friedl"
- ihre Busenfreundin.
Herr Finkelstein arbeitete als Bäckergeselle in der Wiener ANKERBROT-Fabrik
und wohnte während der Woche in einem Männerheim; oft hatte
er auch Wochenend-Schichtdienst, und ich glaube mich zu erinnern, ihn
nicht öfter als zwei- oder drei Mal gesehen zu haben.
Die Finkelsteins, deren Garten vis-à-vis lag, hatten zwei Töchter:
Becki, ein Jahr älter als ich, und Cilli, die im September eingeschult
werden sollte; wie sich im Laufe des Sommers herausstellte, wurde sie
aber von der Schulbehörde um ein Jahr zurückgestellt - eine
"Unverschämtheit sondergleichen", wie Frau Finkelstein
nicht müde wurde zu betonen.
Cilli war ein kräftiges Kind mit einem kugelrunden Kopf, auf dem
die Haare sprossen wie der gelbe Flaum eines Kükens. Wenn sie mich
sah, kam sie sofort auf mich zugelaufen, eine große Flickenpuppe
mit schlenkernden Armen, lachend, quiekende Freudenlaute ausstoßend
umschlang sie mich in der Mitte, manchmal so fest, dass ich den Halt
verlor und wir dann kreischend übereinander her purzelten, Cilli
glücklich schielend und ein wenig sabbernd.
Es gab Nachmittage, da verschwanden meine Mutter und Frau Finkelstein
irgendwo in den Gärten, zu einem Kaffeekränzchen oder einer
Damenkartenpartie, und tauchten erst bei Einbruch der Dämmerung
wieder auf. Nie wurde Besorgnis gezeigt, während ihrer Abwesenheit
könnte uns etwas zustoßen - Mutter vertraute der Kraft ihrer
Ermahnungen, und überdies sah sie die Kolonie als einen geschützten,
von irgendjemandem immer einsehbaren Bereich, und Frau Finkelstein dachte
wohl ebenso.
An besonders heißen Tagen lud uns Herr Leo ein, bei ihm in seinem
Wasserbecken zu baden. Bevor wir hinein hüpften, säuberte
er mit einem Kescher die Oberfläche von Blättern, Halmen und
toten Insekten, pumpte frisches Wasser zu, und wenn wir später
bibbernd und mit blauen Lippen aus dem Bassin kletterten, hatte er schon
Handtücher bereit gelegt und forderte uns auf, sofort die nassen
Sachen auszuziehen. Becki und ich, wir verschwanden immer hinter den
Ribiselbüschen, wo wir uns abfrottierten, in unsere Shorts und
Blusen schlüpften und die Badeanzüge zum Trocknen über
die Stauden legten. Wenn wir wieder auftauchten, lag Herr Leo im Liegestuhl,
wiegte die in ein Badetuch eingewickelte Cilli in seinen Armen, sprach
in einem zärtlichen Singsang auf sie ein, "so, so, so, gleich
wird's Händchen warm, gleich wird's Füßchen warm, gleich
wird's Bäuchlein warm
", und Cilli lachte, schielte
und sabberte. Ihr nasses Spielhöschen hing über einem Gartenstuhl.
Becki, Cilli und ich, wir trieben uns herum, wo immer wir wollten -
Langeweile kannten wir nicht. Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen
war das "Goldsuchen". Ganze Nachmittage hockten wir am Ufer
des Baches und gruben mit unseren Plastikschaufeln nach gelb glitzernden
Kristallen, die wir dann, zusammen mit schönen Kieseln und unseren
Glasmurmeln, in kleinen Stoffsäckchen aufbewahrten.
Das wäre Pyrit, erklärte uns Herr Leo, aber meine Mutter nannte
es "Katzengold". "So was wie ein falsches Versprechen."
An dem Freitag, als die Sache mit dem Stiftzahn passierte, war die
ganze Woche das Thermometer über den 30°-Strich geklettert,
beinahe jeden Tag hatten wir in Herrn Leos Bassin gebadet, während
unsere Mütter sich in den Schatten zurückzogen, Film- und
Modezeitschriften lasen und vor sich hin dösten.
Herr Breitbart tauchte früher auf als üblich, hatte einen
Korb mit Esswaren mitgebracht und Herr Leo lud uns zum Mittagessen ein.
Bei Kranzlextra, Liptauer, Paradeiser aus dem Garten und Bauernbrot
berichtete uns Herr Breitbart von seiner Tour. "Schlechte Geschäfte,
die ganze Woche, bei der Hitze wollen sich die Kunden keine baumwollenen
Sachen aufs Lager legen, nicht einmal Nylons sind gegangen." Meine
Mutter und Frau Finkelstein sprachen ihm ihr Bedauern aus, "Sie
Ärmster! Bei diesen Temperaturen im stickigen Auto durch die Gegend
fahren zu müssen, das ist bei Gott kein Vergnügen", und
der fesche Edi, der sich gleich nach seiner Ankunft des korrekten Anzugs,
seiner "Dienstkleidung", wie er sie nannte, entledigt hatte,
uns seinen strammen Brustkorb in wild Geblümtem, einem Hawaiihemd,
"der letzte Schrei aus Amerika", präsentierte, streckte
mit wohligem Seufzen seine stämmigen, behaarten Beine in den kurzen
Baumwollhosen von sich und gestattete sich zwischen belegtem Brot und
Bier ein paar dezente Rülpser.
Später kochte Herr Leo auf seinem Spirituskocher Malzkaffee, das
Transistorradio spielte Melodien am Nachmittag, Cilli kuschelte auf
Herrn Leos Schoß und selbst Becki und ich waren zu faul zum Herumstreunen,
lümmelten am Tisch und stopften uns mit dem Kirschkuchen voll,
den Frau Finkelstein mitgebracht hatte. Irgendwann stand eine Flasche
Eierlikör auf dem Tisch, war bald zur Hälfte geleert; Wind
kam auf, der Himmel verfärbte sich violett, ein paar Donnerschläge,
ein erschrockenes Au meiner Mutter, Blitze zuckten, nervös fuhr
ihr Finger über die rechte obere Zahnreihe, "Ich hab auf einen
Kirschkern gebissen". Dann war der Spuk wieder vorbei, "ist
eh nichts passiert", und die Sonne stach unvermindert giftig zwischen
letzten Wolkenschüben hervor.
Stunden später begleitete uns Herr Breitbart mit seiner Stablampe
den Weg am Bach entlang, ich lief voraus, mir reichte das Mondlicht,
ich kannte den Weg in- und auswendig. Einmal blieb ich stehen, drehte
mich um, wartete, vor mir geisterte der Lichtkegel durch die Dunkelheit,
verschwand, wurde wieder sichtbar; vor unserer Wohnungstüre musste
ich auf Mutter warten, sie kam erst Minuten nach mir.
Unter der Küchenlampe sah sie ein bisschen zerzaust aus, ihr Rock
hatte einen Riss. "Ich bin an einem Strauch hängen geblieben",
sagte sie, setzte den Kessel auf den Rechaud für das warme Wasser
zum Waschen und Zähneputzen, begann vor dem Spiegel über dem
Waschtisch ihre Haare zu bürsten und dann bemerkte sie das hässliche
schwarze Loch anstelle des goldenen Fünfers rechts oben.
"Wir müssen suchen gehen", sagte sie, "jetzt gleich.
Großmutter hat einen Ring aus ihrer Schmuckschatulle dafür
geopfert, ein zweites Mal tut sie das nicht mehr."
Sie kramte in Schubladen, fand eine Taschenlampe, trieb mich zur Eile,
lief mit wehendem Rock vor mir her durch die Straßen, und als
wir am Bach angelangt waren, stand der Mond im vollen Rund am Nachthimmel
- es war so licht, dass man am Uferrand die hellen Kieseln von den dunklen
unterscheiden konnte. Die Lampe dicht am Boden haltend, gingen wir den
ganzen Weg gebückt, ich knapp neben ihr, ab und zu blieben wir
stehen, stocherten mit den Fingern zwischen den Schottersteinchen, entdeckten
endlich ein blinkendes Etwas, aber als ich es aufhob und unter den Strahl
der Lampe hielt, war es nur falsches Gold.
"Wir brauchen die große Lampe!"
Aus Herrn Leos Garten drang Radiomusik, Stimmen und Lachen waren zu
hören, wir riefen über die Hecke, bekamen keine Antwort, und
dann entdeckten wir Herrn Breitbart und Frau Finkelstein nebeneinander
auf der Gartenbank, kein Blatt Papier hätte zwischen die beiden
gepasst. Von Herrn Leo war nichts zu sehen, von Becki und Cilli auch
nicht, aber hinter den Hüttenfenstern flackerte der Schein der
Petroleumlampe.
Ich wollte noch einmal rufen, aber Mutter legte einen Finger auf die
Lippen, zog mich mit einer energischen Bewegung vom Zaun weg und ging
dann davon, mit großen, bedacht lautlosen Schritten, wie jemand,
der auf keinen Fall entdeckt werden und so schnell wie möglich
verschwinden wollte. Zu Hause stand sie eine Weile vor dem Spiegel,
befühlte mit der Zunge ihre Zahnlücke, seufzte, "wenn
mir einmal das Lachen vergeht
", und ich versuchte sie zu
trösten und versprach, am nächsten Morgen noch einmal zu suchen.
Am nächsten Morgen regnete es. Es regnete zwei Tage - der Goldzahn
war für immer verloren.
Die letzte Ferienwoche brach an, die Tage waren strahlend und warm,
aber meine Mutter hatte keine Lust mehr, in den Garten zu gehen. An
einem Nachmittag überraschte uns Frau Finkelstein mit ihrem Besuch;
ich wurde in den Hof zum Spielen geschickt, konnte aber durch das Küchenfenster
die beiden Frauen beobachten: Frau Finkelstein, die pausenlos redete,
meine Mutter, die mit ungnädiger Miene zuhörte, während
sie den Rauch ihrer Zigarette über ihre vorgeschobene Unterlippe
steil nach oben blies.
"Auf Wiedersehen, Frau Finkelstein", rief ich ihr nach, als
sie ging, aber sie beachtete mich nicht, tupfte sich mit einem Taschentuch
die Augen, dann hörte ich sie schniefen - ihre Zeit als Busenfreundin
war abgelaufen.
Tags darauf fuhren wir nach Wien zu einem Zahnarzt, der Mutter einen
provisorischen Stiftzahn einsetzte, kauften für mich bei Bally
ein Paar neue Herbstschuhe und in einem Schreibwarengeschäft einen
wunderschönen Malkasten, für den Vater Extrageld geschickt
hatte.
Und trotzdem - ich war ein wenig traurig, meine Freundinnen fehlten
mir, und an einem Vormittag lief ich hinüber zur Gartenkolonie.
Schon von weitem erkannte ich Becki am Ufer des Bachs, sie hockte im
seichten Wasser, schien in das, was sie tat, völlig vertieft; Cilli
konnte ich nicht entdecken, erst als ich näher kam, sah ich sie
hinter einem Strauch, zusammengekauert, die Arme um die Knie geschlungen.
Ich ging auf sie zu, berührte sie an der Schulter, sie drehte ihr
Gesicht weg von mir. "Cilli", sagte ich, "was hast du?
Bist du böse mit mir?" Von irgendwo tief in ihrem Inneren
kam ein Geräusch, ein Winseln, ein Knurren, und als ich sie noch
einmal berührte, schoss ihr Bein nach vorne und ihr Fuß trat
mit voller Wucht gegen mein Schienbein. Ich konnte sehen, dass sie unter
ihrem kurzen Kleidchen nackt war.
"Wenn'st wem was verratest, hau ich dich!"
Becki stand neben mir, hielt in den Händen ein Höschen, zerrissen,
mit Spuren von Blut, die sie im Bach vergeblich zu entfernen versucht
hatte. Ihr Gesicht, dieses nette, sommersprossige Gesicht, das mir während
dieses Sommers so vertraut geworden war, entstellt von einem Ausdruck,
der mich mehr ängstigte, als das, was sie mir angedroht hatte.
Im Sommer darauf waren meine Eltern getrennt. Vater hatte Weihnachten
einen langen Abschiedsbrief geschrieben, zwischen den Blättern
lagen einige große Scheine Geld; Mutter ließ sich davon
einen neuen Fünfer rechts oben machen, nicht aus Gold, sondern
aus Porzellan, was ungleich eleganter aussah, und für mich kaufte
sie einen Wintermantel mit falschem Persianerkragen. Sie vertauschte
ihren braunen KONSUM-Arbeitsmantel mit einer weißen gestärkten
Rüschenschürze und verkaufte hinter der Feinkosttheke von
Benno Büxes Delikatessengeschäft Landschinken und feine Leberwurst
in Dosen statt Knoblauchextra und getrocknete Erbsen. Auch diesen Sommer
verbrachten wir im Garten, aber es war Herrn Büxes Garten hinter
seinem Haus, wo ich in einem aufblasbaren Gummibecken baden konnte und
Mutter sich in einer Hängematte sonnte.
Als es Herbst wurde, bot ihr Herr Büxe einen Platz an seiner Seite
an.
In jenen Jahren erschien mir alles, was meine Mutter darstellte und
lebte, als unverrückbar; erst als ihre Schönheit porös
wurde, sich in ihrem Körper etwas Heimtückisches, Hoffnungraubendes
ausbreitete, ihre Fröhlichkeit zerbröckelte wie altes Mauerwerk,
sie nur mehr ein kranker Ast war, der eines Nachts lautlos brach, begriff
ich, dass alles nur Katzengold gewesen war.
Die Gartenkolonie gibt es nicht mehr, der Bach ist umgeleitet, das Bett
trocken gelegt; das Geheimnis von zwei Schwestern einbetoniert in den
Fundamenten einer Wohnsiedlung.
Die Pyritkristalle, die ich lange in meinem Murmelsäckchen aufbewahrt
hatte, waren stumpf und grau geworden.
Inzwischen habe ich sie weggeworfen.
Ingrid Maria Lang, geb. 1946 in Oberösterreich, aufgewachsen in
Niederösterreich. Seit 1968 lebt und arbeitet sie in Wien. Veröffentlichungen
in Anthologien und Literaturzeitschriften.