Heinz Janisch: "Ist das genug? Es ist die Welt." In memoriam
Doris Mühringer
Eine der großen lyrischen Stimmen Österreichs ist tot.
Am 26. Mai dieses Jahres verstarb die Dichterin und Übersetzerin
Doris Mühringer in einem Wiener Krankenhaus. In den letzten Jahren
hatte sie sich ganz in ihre Wohnung zurückgezogen, das Haus kaum
mehr verlassen.
Doris Mühringer gehört zu den "bekannten unbekannten"
Namen der österreichischen Literatur nach 1945. Eine Erinnerung
von Heinz Janisch.
I.
Wenn Doris von Kolleginnen und Kollegen gesprochen hat, die sie besonders
geschätzt hat - Christine Busta zum Beispiel oder Alois Vogel -
dann hat sie nicht lange herumgeredet, sie hat gesagt: "Weißt
du - sie war ein Mensch". Oder: "Er war ein Mensch."
Mehr musste sie nicht sagen.
So möchte ich auch gern über Doris Mühringer sprechen:
Sie war ein Mensch.
Und sie war eine wichtige lyrische Stimme der deutschsprachigen Literatur
nach 1945. Eine lyrische Stimme, deren Werk nicht in Vergessenheit geraten
darf.
Reisen wir
Reisen wir
Aber wohin
frage ich
Heimwärts
Aber wo ist das
frage ich
Innen
sagte die Stimme
Aus: Reisen wir. Ausgewählte Gedichte, Styria Verlag 1995
Vor 30 Jahren - ich war 19 und wollte Germanistik studieren - ging ich
zu einer Lesung am "Tag der Lyrik" ins Wiener Künstlerhaus.
Es lasen mehrere Autorinnen und Autoren. Die kleinste Frau auf der Bühne
machte auf mich den größten Eindruck. Das war Doris Mühringer.
Ich bat sie um ihre Adresse, sie war sehr freundlich, und ich schickte
ihr zehn Gedichte. Als wir uns trafen, in ihrer Wohnung, sah sie lange
die Texte an, dann mich, und dann sagte sie:
"Sie sollten Buchhändler werden. Buchhändler braucht
man immer, mit der Lyrik ist das schwierig."
Sie hatte Recht - die Gedichte waren schlecht.
Ein Jahr später saß ich wieder bei ihr am kleinen Tischchen,
sie las meine zehn neuen Gedichte und sagte: "Das andere waren
Texte. Das sind Gedichte."
Eine schöne Freundschaft begann.
Einmal im Monat gingen wir essen - ins Semmeringstüberl am Wiener
Südbahnhof, ins Wirtshaus Sperl im vierten Bezirk, mit Gastgarten,
in die Pizzeria ums Eck und - besonders oft - zum "Alten Heller"
im 3. Bezirk.
Doris lektorierte meine zwei ersten Gedichtbände "Schon nähert
sich das Meer" und "Gesang um den Schlaf gefügig zu machen".
Gedicht für Gedicht wurde sorgfältig gelesen, Wort für
Wort wurde geprüft, beide Bände sind ihr gewidmet. Wir traten
mitunter gemeinsam bei Veranstaltungen auf, ich wurde ihr Chauffeur,
wenn sie zu Lesungen musste.
Ich erinnere mich an viele gute Gespräche, oft auch in kleinen
Runden, mit Christian Loidl u.v.a.
Nach dem Tod von Christian Loidl im Dezember 2001 bat mich Doris per
Brief, ich möge mich um ihren Vorlass - jetzt Nachlass - kümmern.
Im Literaturbetrieb verschwinden Bücher und Autoren sehr schnell,
die Lyriker sind da besonders gefährdet - es braucht ein Archiv
des Wissens, der Erinnerung, es braucht Literaturarchive, die bewahren,
was sonst vergessen wird - das Franz-Nabl-Institut im Literaturhaus
in Graz ist so eine wichtige Institution. Das Werk von Gerhard Roth,
von Barbara Frischmuth wird betreut - und das Werk von Doris Mühringer
ist dort zu finden. Noch zu Lebzeiten haben wir gemeinsam - auf ihren
Wunsch hin - den ersten Teil ihrer Manuskripte und Briefe nach Graz
gebracht, in ihre Geburtsstadt; ein zweiter großer Teil wird noch
in diesem Herbst folgen.
II.
Geboren wird Doris Mühringer am 18. September 1920 in Graz.
In einem Porträt der Ö1-Reihe "Menschenbilder" vom
20. Dezember 1987 erinnert sie sich an frühe Bilder aus der Kindheit:
eine große schöne Wohnung, der Fluss in der Nähe, das
Laufen über Wiesen, ein Holunderstrauch
Der Vater ist Exportkaufmann für eine "Welthandelsfirma"
mit Sitz in Triest; er ist viel auf Reisen, auch im Orient, er ist auf
Kamelen geritten, wie er den Kindern - Doris und ihrem geliebten Bruder
- gern erzählt; er fährt mit großen Dampfern über
den Ozean, kommt von den Reisen mit einer alten Truhe voller Geschenke
nach Hause
Die Truhe des Vaters, sie wird in einigen Texten beschwört.
Im Alter von sieben Jahren erkrankt Doris schwer, sie muss monatelang
im Bett bleiben, muss danach mühsam das Gehen wieder lernen. In
dieser Zeit entdeckt sie die Welt der Bücher, alte kostbare Märchenbücher
werden zur "Schatzkiste", in der sie wieder und wieder Neues,
Überraschendes findet.
Das Märchen vom "Machandelbaum" - auf Plattdeutsch -
etwa wird zu einem Lieblingsmärchen, das im Gedächtnis bleibt,
das in einigen Gedichten zitiert wird. Wie überhaupt der Märchenton
aus dieser frühen Leseerfahrung immer wieder hörbar wird in
ihren Texten.
Das Lied des Vogels im Märchen - "Kiwitt, kiwitt, was für
ein Vogel bin i nit!" - konnte sie lange auswendig.
Als sie neun Jahre alt ist, werden Gedichte von ihr in der Wohnung gefunden
- Texte, die für Gelächter und Spott sorgen.
Eine Kränkung, die tief sitzt. "Ich brauchte Jahre, um meiner
Mutter zu verzeihen", sagte Doris Mühringer.
Von diesem Moment an wurde das Schreiben etwas, das heimlich geschehen
musste
Sie fühlte sich in ihrer Kindheit geliebt und verwöhnt, aber
nicht wirklich verstanden.
III.
1929 kommt es zum Börsenkrach. Der Vater bekommt das Angebot, zu
einer Firma nach Buenos Aires zu wechseln - das ist ihm zu unsicher,
die Familie übersiedelt nach Wien.
Es ist eine enge Wohnung für vier Leute. Kein Geld. Es muss gespart
werden. "Ich habe Wien am Anfang gehasst, ich habe hier keine Luft
bekommen", erinnert sich Doris.
Der Vater fährt mit ihr Runden mit der Straßenbahn am Ring,
will ihr die Schönheit der Stadt zeigen, sie hat nur Heimweh nach
Graz.
"Ich war klein und wollte wo dazugehören", sagt Doris
über ihre Schulzeit. Als Kind zeichnet sie mit den anderen Kindern
Hakenkreuze aufs Klo, unwissend, was das sein soll, aber "alle
haben es so gemacht".
1937 besucht sie eine Freundin in Deutschland - und sie weiß Bescheid.
Sie beobachtet in Wien den Abtransport von Kindern und Frauen und Männern.
Der Brief eines Mannes aus dem KZ wird vorgelesen: "Ich werde nie
mehr schlafen können über dem, was ich hier jeden Tag sehen
muss."
Nach dem Krieg geht Doris Mühringer nach Salzburg.
Es folgen neun schwierige Jahre. Sie hat kein Geld, lebt in Armut, arbeitet
als Sekretärin bei diversen Firmen. Sie kann sich mit Übersetzungen
aus dem Englischen, mit Lektoratsgutachten für den Ullstein Verlag
und andere Verlage über Wasser halten. Zufällig lernt sie
Hans Weigel kennen - er organisiert eine Lesung junger Autoren.
Darunter sind Ingeborg Bachmann, Gerhard Fritsch, Christine Busta -
und Doris Mühringer.
Hans Weigel überredet Doris Mühringer, nach Wien zu kommen.
Schon bald gehört sie in Wien zum legendären Künstlerkreis
um Hans Weigel im Café Raimund - neben Ilse Aichinger, Ingeborg
Bachmann u.v.a. Hans Weigel wird ihr großer Mentor und Förderer.
1954 erscheinen in den von Hans Weigel herausgegebenen "Stimmen
der Gegenwart" Gedichte von Doris Mühringer, im selben Jahr
erhält sie den Georg-Trakl-Preis. Kurz darauf wird ihr der Preis
der "Neuen Deutschen Hefte" zugesprochen. Unter 7000 Bewerbern
wurden drei Gewinnerinnen ausgewählt: Christine Busta, Christine
Lavant - und Doris Mühringer. In der Jury: Gottfried Benn.
IV.
1969 macht Doris Mühringer eine Vortrags -und Lesereise durch die
USA: "Die Reise hat mir geholfen, meine Schüchternheit abzulegen",
sagte sie rückblickend.
"Gut ist allein sein" heißt eine Gedichtzeile von ihr.
Dennoch war sie gern mit Kolleginnen und Kollegen beisammen. Sie stand
dem Literaturkreis PODIUM sehr nah, war aktives Mitglied von Anfang
an, sie war Mitglied des P.E.N. Clubs, des Österreichischen Schriftstellerverbands
Sie wurde mit dem Ehrentitel "Professor" ausgezeichnet,
erhielt die "Silberne Ehrenmedaille der Stadt Wien".
Sie war jahrzehntelang durchaus im öffentlichen literarischen Leben
vertreten, nahm oft an Lesungen teil, war auf Lesereisen, so etwa in
Rumänien und in Deutschland, sie liebte den Gedankenaustausch mit
Kolleginnen und Kollegen, besonders auch mit den Jungen.
Nicht zu vergessen ist auch ihr Werk als Kinderbuchautorin. Viele ihrer
Gedichte stehen in Schulbüchern und Anthologien für junge
Leserinnen und Leser.
Über 18 Jahre lang hat sie sich um ihre Mutter gekümmert,
bis zu ihrem Tod; sie hatte eine sehr enge Beziehung zu ihrem Bruder,
dessen Tod ihr sehr nahe ging.
In der Wohnung der Mutter in der Goldeggasse 1 hat sie bis zuletzt gelebt,
in den letzten Jahren hat sie sich - aus gesundheitlichen Gründen
- zurückgezogen.
Mit einem Zitat von Gottfried Benn hat Doris Mühringer bei der
Verleihung des Literaturpreises des Landes Steiermark 1985 ihre Dankesrede
beendet. Zeilen, die gut zum Leben und zum Werk von Doris Mühringer
passen.
"Keiner, auch der große Lyriker unserer Zeit, hat mehr als
sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen - also um diese sechs
Gedichte die 30 bis 50 Jahre Askese, Leiden, Kampf
? Welchen Wesens
sind diese Lyriker? Sie sind meistens recht still, sie dürfen ja
nicht alles gleich fertigmachen wollen, man muss schweigen können.
Also, was sind sie? Sonderlinge, Einzimmerbewohner - sie geben die Existenz
auf, um zu existieren. Eigentlich sind sie nur Erscheinungen, und sind
diese Erscheinungen dann tot, und man nimmt sie vom Kreuz, muss man
ehrlicherweise zugeben, dass sie sich selber an dieses Kreuz geschlagen
haben - was zwang sie dazu? Etwas muss sie doch gezwungen haben
"
Doris Mühringer hat sie geschrieben, diese "sechs bis acht
vollendeten Gedichte". Es liegt an uns, ihr Werk wieder und wieder
neu zu entdecken.
Fragen und Antworten
Hast du dein Netz über der Welt ausgeworfen?
Ich habe mein Netz ausgeworfen.
Woraus hast du's gestrickt?
Aus Garn.
Was hast du für Garn genommen?
Seide, Nessel, Spinnweb und Stahl.
Woher hast du's gewonnen?
Seide aus meiner Mutter Greisenhaar.
Nessel von meines Gatten Augen im Ehebett.
Spinnweb von meiner Schwester Brautringlein.
Stahl von meiner Amme hölzernen Rosenkranz.
Wie lange hast du am Netz gestrickt?
Hundert Jahr.
Wohin hast du dein Netz geworfen?
Über Berg und Tal.
Was hast du darin gefangen?
Federchen. Federchen.
Ist das genug?
Es ist die Welt.
Aus: Doris Mühringer, Tanzen unter dem Netz,Verlag Styria 1985
Heinz Janisch, geb.1960 in Güssing, Bgld. Studium der Germanistik
und Publizistik in Wien. Seit 1982 Mitarbeiter beim Österreichischen
Rundfunk (Hörfunk); Redakteur der Porträt-Reihe "Menschenbilder".
Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter viele Kinder- und Jugendbücher,
die in mehr als 25 Sprachen übersetzt wurden. Österreichischer
Staatspreis für Kinderlyrik, Österreichischer Kinder- und
Jugendbuchpreis, Bologna-Ragazzi-Award, Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis
u.a. Auszeichnungen. Janisch lebt in Wien und im Burgenland. Publikationen
siehe www.heinz-janisch.com