Podium Nr. 153/154 - Gärten


Heinz Janisch: "Ist das genug? Es ist die Welt." In memoriam Doris Mühringer

Eine der großen lyrischen Stimmen Österreichs ist tot.
Am 26. Mai dieses Jahres verstarb die Dichterin und Übersetzerin Doris Mühringer in einem Wiener Krankenhaus. In den letzten Jahren hatte sie sich ganz in ihre Wohnung zurückgezogen, das Haus kaum mehr verlassen.
Doris Mühringer gehört zu den "bekannten unbekannten" Namen der österreichischen Literatur nach 1945. Eine Erinnerung von Heinz Janisch.

I.
Wenn Doris von Kolleginnen und Kollegen gesprochen hat, die sie besonders geschätzt hat - Christine Busta zum Beispiel oder Alois Vogel - dann hat sie nicht lange herumgeredet, sie hat gesagt: "Weißt du - sie war ein Mensch". Oder: "Er war ein Mensch."
Mehr musste sie nicht sagen.
So möchte ich auch gern über Doris Mühringer sprechen:
Sie war ein Mensch.
Und sie war eine wichtige lyrische Stimme der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Eine lyrische Stimme, deren Werk nicht in Vergessenheit geraten darf.

Reisen wir

Reisen wir
Aber wohin
frage ich
Heimwärts

Aber wo ist das
frage ich
Innen
sagte die Stimme

Aus: Reisen wir. Ausgewählte Gedichte, Styria Verlag 1995
Vor 30 Jahren - ich war 19 und wollte Germanistik studieren - ging ich zu einer Lesung am "Tag der Lyrik" ins Wiener Künstlerhaus. Es lasen mehrere Autorinnen und Autoren. Die kleinste Frau auf der Bühne machte auf mich den größten Eindruck. Das war Doris Mühringer.
Ich bat sie um ihre Adresse, sie war sehr freundlich, und ich schickte ihr zehn Gedichte. Als wir uns trafen, in ihrer Wohnung, sah sie lange die Texte an, dann mich, und dann sagte sie:
"Sie sollten Buchhändler werden. Buchhändler braucht man immer, mit der Lyrik ist das schwierig."
Sie hatte Recht - die Gedichte waren schlecht.
Ein Jahr später saß ich wieder bei ihr am kleinen Tischchen, sie las meine zehn neuen Gedichte und sagte: "Das andere waren Texte. Das sind Gedichte."
Eine schöne Freundschaft begann.
Einmal im Monat gingen wir essen - ins Semmeringstüberl am Wiener Südbahnhof, ins Wirtshaus Sperl im vierten Bezirk, mit Gastgarten, in die Pizzeria ums Eck und - besonders oft - zum "Alten Heller" im 3. Bezirk.
Doris lektorierte meine zwei ersten Gedichtbände "Schon nähert sich das Meer" und "Gesang um den Schlaf gefügig zu machen".
Gedicht für Gedicht wurde sorgfältig gelesen, Wort für Wort wurde geprüft, beide Bände sind ihr gewidmet. Wir traten mitunter gemeinsam bei Veranstaltungen auf, ich wurde ihr Chauffeur, wenn sie zu Lesungen musste.
Ich erinnere mich an viele gute Gespräche, oft auch in kleinen Runden, mit Christian Loidl u.v.a.
Nach dem Tod von Christian Loidl im Dezember 2001 bat mich Doris per Brief, ich möge mich um ihren Vorlass - jetzt Nachlass - kümmern.
Im Literaturbetrieb verschwinden Bücher und Autoren sehr schnell, die Lyriker sind da besonders gefährdet - es braucht ein Archiv des Wissens, der Erinnerung, es braucht Literaturarchive, die bewahren, was sonst vergessen wird - das Franz-Nabl-Institut im Literaturhaus in Graz ist so eine wichtige Institution. Das Werk von Gerhard Roth, von Barbara Frischmuth wird betreut - und das Werk von Doris Mühringer ist dort zu finden. Noch zu Lebzeiten haben wir gemeinsam - auf ihren Wunsch hin - den ersten Teil ihrer Manuskripte und Briefe nach Graz gebracht, in ihre Geburtsstadt; ein zweiter großer Teil wird noch in diesem Herbst folgen.

II.
Geboren wird Doris Mühringer am 18. September 1920 in Graz.
In einem Porträt der Ö1-Reihe "Menschenbilder" vom 20. Dezember 1987 erinnert sie sich an frühe Bilder aus der Kindheit: eine große schöne Wohnung, der Fluss in der Nähe, das Laufen über Wiesen, ein Holunderstrauch …
Der Vater ist Exportkaufmann für eine "Welthandelsfirma" mit Sitz in Triest; er ist viel auf Reisen, auch im Orient, er ist auf Kamelen geritten, wie er den Kindern - Doris und ihrem geliebten Bruder - gern erzählt; er fährt mit großen Dampfern über den Ozean, kommt von den Reisen mit einer alten Truhe voller Geschenke nach Hause …
Die Truhe des Vaters, sie wird in einigen Texten beschwört.
Im Alter von sieben Jahren erkrankt Doris schwer, sie muss monatelang im Bett bleiben, muss danach mühsam das Gehen wieder lernen. In dieser Zeit entdeckt sie die Welt der Bücher, alte kostbare Märchenbücher werden zur "Schatzkiste", in der sie wieder und wieder Neues, Überraschendes findet.
Das Märchen vom "Machandelbaum" - auf Plattdeutsch - etwa wird zu einem Lieblingsmärchen, das im Gedächtnis bleibt, das in einigen Gedichten zitiert wird. Wie überhaupt der Märchenton aus dieser frühen Leseerfahrung immer wieder hörbar wird in ihren Texten.
Das Lied des Vogels im Märchen - "Kiwitt, kiwitt, was für ein Vogel bin i nit!" - konnte sie lange auswendig.
Als sie neun Jahre alt ist, werden Gedichte von ihr in der Wohnung gefunden - Texte, die für Gelächter und Spott sorgen.
Eine Kränkung, die tief sitzt. "Ich brauchte Jahre, um meiner Mutter zu verzeihen", sagte Doris Mühringer.
Von diesem Moment an wurde das Schreiben etwas, das heimlich geschehen musste …
Sie fühlte sich in ihrer Kindheit geliebt und verwöhnt, aber nicht wirklich verstanden.

III.
1929 kommt es zum Börsenkrach. Der Vater bekommt das Angebot, zu einer Firma nach Buenos Aires zu wechseln - das ist ihm zu unsicher, die Familie übersiedelt nach Wien.
Es ist eine enge Wohnung für vier Leute. Kein Geld. Es muss gespart werden. "Ich habe Wien am Anfang gehasst, ich habe hier keine Luft bekommen", erinnert sich Doris.
Der Vater fährt mit ihr Runden mit der Straßenbahn am Ring, will ihr die Schönheit der Stadt zeigen, sie hat nur Heimweh nach Graz.
"Ich war klein und wollte wo dazugehören", sagt Doris über ihre Schulzeit. Als Kind zeichnet sie mit den anderen Kindern Hakenkreuze aufs Klo, unwissend, was das sein soll, aber "alle haben es so gemacht".
1937 besucht sie eine Freundin in Deutschland - und sie weiß Bescheid. Sie beobachtet in Wien den Abtransport von Kindern und Frauen und Männern. Der Brief eines Mannes aus dem KZ wird vorgelesen: "Ich werde nie mehr schlafen können über dem, was ich hier jeden Tag sehen muss."
Nach dem Krieg geht Doris Mühringer nach Salzburg.
Es folgen neun schwierige Jahre. Sie hat kein Geld, lebt in Armut, arbeitet als Sekretärin bei diversen Firmen. Sie kann sich mit Übersetzungen aus dem Englischen, mit Lektoratsgutachten für den Ullstein Verlag und andere Verlage über Wasser halten. Zufällig lernt sie Hans Weigel kennen - er organisiert eine Lesung junger Autoren.
Darunter sind Ingeborg Bachmann, Gerhard Fritsch, Christine Busta - und Doris Mühringer.
Hans Weigel überredet Doris Mühringer, nach Wien zu kommen.
Schon bald gehört sie in Wien zum legendären Künstlerkreis um Hans Weigel im Café Raimund - neben Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann u.v.a. Hans Weigel wird ihr großer Mentor und Förderer.
1954 erscheinen in den von Hans Weigel herausgegebenen "Stimmen der Gegenwart" Gedichte von Doris Mühringer, im selben Jahr erhält sie den Georg-Trakl-Preis. Kurz darauf wird ihr der Preis der "Neuen Deutschen Hefte" zugesprochen. Unter 7000 Bewerbern wurden drei Gewinnerinnen ausgewählt: Christine Busta, Christine Lavant - und Doris Mühringer. In der Jury: Gottfried Benn.

IV.
1969 macht Doris Mühringer eine Vortrags -und Lesereise durch die USA: "Die Reise hat mir geholfen, meine Schüchternheit abzulegen", sagte sie rückblickend.
"Gut ist allein sein" heißt eine Gedichtzeile von ihr. Dennoch war sie gern mit Kolleginnen und Kollegen beisammen. Sie stand dem Literaturkreis PODIUM sehr nah, war aktives Mitglied von Anfang an, sie war Mitglied des P.E.N. Clubs, des Österreichischen Schriftstellerverbands … Sie wurde mit dem Ehrentitel "Professor" ausgezeichnet, erhielt die "Silberne Ehrenmedaille der Stadt Wien".
Sie war jahrzehntelang durchaus im öffentlichen literarischen Leben vertreten, nahm oft an Lesungen teil, war auf Lesereisen, so etwa in Rumänien und in Deutschland, sie liebte den Gedankenaustausch mit Kolleginnen und Kollegen, besonders auch mit den Jungen.
Nicht zu vergessen ist auch ihr Werk als Kinderbuchautorin. Viele ihrer Gedichte stehen in Schulbüchern und Anthologien für junge Leserinnen und Leser.
Über 18 Jahre lang hat sie sich um ihre Mutter gekümmert, bis zu ihrem Tod; sie hatte eine sehr enge Beziehung zu ihrem Bruder, dessen Tod ihr sehr nahe ging.
In der Wohnung der Mutter in der Goldeggasse 1 hat sie bis zuletzt gelebt, in den letzten Jahren hat sie sich - aus gesundheitlichen Gründen - zurückgezogen.
Mit einem Zitat von Gottfried Benn hat Doris Mühringer bei der Verleihung des Literaturpreises des Landes Steiermark 1985 ihre Dankesrede beendet. Zeilen, die gut zum Leben und zum Werk von Doris Mühringer passen.
"Keiner, auch der große Lyriker unserer Zeit, hat mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen - also um diese sechs Gedichte die 30 bis 50 Jahre Askese, Leiden, Kampf …? Welchen Wesens sind diese Lyriker? Sie sind meistens recht still, sie dürfen ja nicht alles gleich fertigmachen wollen, man muss schweigen können. Also, was sind sie? Sonderlinge, Einzimmerbewohner - sie geben die Existenz auf, um zu existieren. Eigentlich sind sie nur Erscheinungen, und sind diese Erscheinungen dann tot, und man nimmt sie vom Kreuz, muss man ehrlicherweise zugeben, dass sie sich selber an dieses Kreuz geschlagen haben - was zwang sie dazu? Etwas muss sie doch gezwungen haben …"
Doris Mühringer hat sie geschrieben, diese "sechs bis acht vollendeten Gedichte". Es liegt an uns, ihr Werk wieder und wieder neu zu entdecken.

Fragen und Antworten

Hast du dein Netz über der Welt ausgeworfen?
Ich habe mein Netz ausgeworfen.
Woraus hast du's gestrickt?
Aus Garn.
Was hast du für Garn genommen?
Seide, Nessel, Spinnweb und Stahl.
Woher hast du's gewonnen?
Seide aus meiner Mutter Greisenhaar.
Nessel von meines Gatten Augen im Ehebett.
Spinnweb von meiner Schwester Brautringlein.
Stahl von meiner Amme hölzernen Rosenkranz.
Wie lange hast du am Netz gestrickt?
Hundert Jahr.
Wohin hast du dein Netz geworfen?
Über Berg und Tal.
Was hast du darin gefangen?
Federchen. Federchen.
Ist das genug?
Es ist die Welt.

Aus: Doris Mühringer, Tanzen unter dem Netz,Verlag Styria 1985


Heinz Janisch, geb.1960 in Güssing, Bgld. Studium der Germanistik und Publizistik in Wien. Seit 1982 Mitarbeiter beim Österreichischen Rundfunk (Hörfunk); Redakteur der Porträt-Reihe "Menschenbilder". Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter viele Kinder- und Jugendbücher, die in mehr als 25 Sprachen übersetzt wurden. Österreichischer Staatspreis für Kinderlyrik, Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis, Bologna-Ragazzi-Award, Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis u.a. Auszeichnungen. Janisch lebt in Wien und im Burgenland. Publikationen siehe www.heinz-janisch.com


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