Podium Nr. 153/154 - Gärten


Elisabeth Dorner: Aus den schmalen Ritzen …

Aus den schmalen Ritzen zwischen den Steinen der Mauer wuchs immer noch dasselbe fransige, graugrüne Moos. Die Bäume sangen immer noch "Imagine", wenn der Wind durch die knorrigen Äste fuhr. Von dem kleinen Tümpel stiegen immer noch Luftblasen vom Grund herauf, die darauf warteten, von Kindern gefangen zu werden. Nur die Schaukel hatte sich aus dem monotonen immerwährenden Gleichbleiben manövriert und hing schief von dem starken Ast des Ahornbaums. Das Seil war auf einer Seite gerissen und nur mehr ein kleiner Rest hing lasch, mit ausgefranstem, verfilztem Ende herunter. Ein Zeichen der traurigen Vergänglichkeit, die dem Herzen weh tut und den Körper ausmergelt.
Auf der Schaukel waren früher einmal zwei Kinder geschaukelt. Hin und her und her und hin und plumps war eines hinuntergefallen. Es waren ein Junge und ein Mädchen gewesen und sie hatten sich geliebt. Sie hatten das Moos aus den Mauerritzen gezupft und daraus weiche, warm riechende Betten für Puppen aus Ästen gebastelt. Sie hatten mit den Bäumen "Imagine" gesungen und ihnen gezeigt, wie man tanzt. Und sie hatten die Luftblasen vom Tümpel eingefangen.
Der Garten war das Paradies gewesen. Es hatten zwei kleine Menschen darin gelebt. David war zuerst da gewesen und er hatte seine Rippe gespendet und dafür ewiges Glück erhalten, ein fairer Tausch. Ronnie hatte die Rippe geschenkt bekommen und stand nun in der Schuld von jemandem, den sie nicht kannte und noch nie gesehen hatte und der sich trotzdem für Gott hielt, weil er es war. Sie musste ihr Leben in Einsamkeit verbringen.
Der Paradiesgarten hatte einer Frau gehört. Ihr Mann war früh verstorben und hatte ihr zum Trost das Paradies und die zwei kleinen Menschen hinterlassen. Ronnie mit rostig roten Lippen und David mit blassen Lippen und gerunzelter Stirn. Ronnie und David, die sich geliebt hatten.
Die Frau hatte den Paradiesgarten nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr gepflegt, er war in die zärtliche Obhut der Kinder übergegangen.
Die Frau war vor zwei Tagen gestorben und Ronnie stand vor der zerstörten Schaukel, die, so empfand sie es, für ihr Leben stand.
Es war so penetrant sonnig, dass es im Herzen weh tat und die Augen zu tränen begannen. Ronnie war zu einem großen Menschen geworden, der über die Hitze klagte, wenn die Sonne schien und den Himmel verfluchte, wenn es bewölkt war oder regnete. Sie war viele Jahre nicht da gewesen, sie war gereist, hatte die Welt kennen und verachten gelernt, hatte ihr Haar abschneiden und wieder nachwachsen lassen, hatte Menschen geliebt und Kaffee immer nur mit Milch getrunken.
Sie hatte das Paradies verlassen müssen, weil die Frau sie verstoßen hatte. Sie hatte Ronnie hinausgeschickt zu von Autolärm erfüllter Luft, zu freundlichen Tankstellenkassiererinnen mit fettigem Haar, zu staubigen Glasfenstern, die sich vor der Realität versteckten, und trockenen Kirchenbänken, unter denen harter, rosaroter Kaugummi klebte.
Ronnie war einsam gewesen all die Jahre, trotz der vielen Menschen, und sie hatte die Frau nie mehr wieder gesehen. Dann hatte man sie über den Tod ihrer Mutter informiert, ein unglückliches, vergessenes Ereignis. Ronnie hatte sich nicht mehr an das Gesicht der Frau erinnern können, bis sie es im Sarg wieder sah. Weiß, blutleere Lippen, die sie liebevoll anzulächeln schienen. Trotz allem liebevoll.
Auch früher liebevoll, als die zwei kleinen Menschen, Ronnie und David, älter geworden waren, Davids Stirn gerunzelter, Träume kleiner und Paradiesgärten paradiesischer.
David hatte beschlossen, Maler zu werden. Er hatte die manchmal nervig bunten Blumen im verwilderten Paradies gemalt, die graue Gartenmauer, die in der Nacht mit den Bäumen schäkerte und bei "Imagine" immer die falschen Töne traf. Er hatte Ronnie auf der Schaukel gemalt, wie sie dem Himmel entgegen flog und ihr Herz lachte, er hatte flinke, langbeinige Wasserläufer gemalt, verwilderte Hauskatzen, die im Schatten der Birken ihre Mittagsschläfchen hielten oder unscheinbare Spatzen verspeisten, spitze Grashalme, die sich sofort wieder erhoben, wenn man auf sie getreten war, und Spinnennetze, die im Sonnenlicht schimmerten wie silberne Träume.
Ronnie hatte ihren Bruder beobachtet, wie er mit dem Bleistift feine Linien zeichnete, sie zu etwas Größerem verband und plötzlich ein Bild erschaffen hatte, das die Frau jubeln und weinen lassen konnte. Deshalb hatte sie David mehr geliebt. Weil er ihr ihren Garten wieder ins verstaubte Gedächtnis gerufen hatte, Erinnerungen an eine Zeit, als es gut gewesen war, als sie Hand in Hand mit einem Mann durch den Garten spaziert war. Eine warme, feste Hand.
Die Frau vererbte Ronnie den Paradiesgarten, weil es sonst niemanden mehr gab, weil die Schaukel nur Ronnie etwas bedeutete und sonst niemandem auf der Welt. Nicht der Sekretärin der Rechtsanwaltskanzlei Kerner&Co, die Jus studiert hatte und jetzt Kaffee kochen muss, ein Löffel brauner Zucker, ein Schluck Milch. Und auch nicht dem Arzt mit dem weißen Kittel, der gehetzt durch ebenso weiße Gänge läuft und daran denkt, dass morgen seine Schwiegereltern zu Besuch kommen.
Deshalb war Ronnie wieder hierher gekommen. Sie wandte den Blick von der Schaukel ab, ihre Augen brannten und das Moos roch säuerlich. Säuerlich wie der Geschmack, den sie im Mund gehabt hatte, als sie David am Baum gefunden hatte, neben der Schaukel erhängt. Er war zufrieden hin und her gependelt mit blauem Kopf und herabhängenden Schuhspitzen. Die Bäume hatten dieses Mal geschwiegen, die Wasserläufer hatten sich nicht getraut, auf die spiegelglatte Wasseroberfläche zu treten. Sie wären untergegangen an diesem Tag.
Die Frau hatte alle Bilder verbrannt und Ronnie fortgeschickt, nur damit sie jetzt wieder hier sein konnte. Um zu weinen darüber, was passiert war, um zu bemerken, dass man es nicht ändern konnte, und um neu zu beginnen.
Ronnie drehte der Schaukel den Rücken zu, sie machte einen Schritt, langsam, dann noch einen und wurde schneller. Das Gras, auf das sie getreten war, stellte sich nach jedem Schritt wieder auf.


Elisabeth Dorner, geb. 1989 in Graz, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Leoben, momentan Germanistikstudium in Wien.


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