Elisabeth Dorner: Aus den schmalen Ritzen
Aus den schmalen Ritzen zwischen den Steinen der Mauer wuchs immer
noch dasselbe fransige, graugrüne Moos. Die Bäume sangen immer
noch "Imagine", wenn der Wind durch die knorrigen Äste
fuhr. Von dem kleinen Tümpel stiegen immer noch Luftblasen vom
Grund herauf, die darauf warteten, von Kindern gefangen zu werden. Nur
die Schaukel hatte sich aus dem monotonen immerwährenden Gleichbleiben
manövriert und hing schief von dem starken Ast des Ahornbaums.
Das Seil war auf einer Seite gerissen und nur mehr ein kleiner Rest
hing lasch, mit ausgefranstem, verfilztem Ende herunter. Ein Zeichen
der traurigen Vergänglichkeit, die dem Herzen weh tut und den Körper
ausmergelt.
Auf der Schaukel waren früher einmal zwei Kinder geschaukelt. Hin
und her und her und hin und plumps war eines hinuntergefallen. Es waren
ein Junge und ein Mädchen gewesen und sie hatten sich geliebt.
Sie hatten das Moos aus den Mauerritzen gezupft und daraus weiche, warm
riechende Betten für Puppen aus Ästen gebastelt. Sie hatten
mit den Bäumen "Imagine" gesungen und ihnen gezeigt,
wie man tanzt. Und sie hatten die Luftblasen vom Tümpel eingefangen.
Der Garten war das Paradies gewesen. Es hatten zwei kleine Menschen
darin gelebt. David war zuerst da gewesen und er hatte seine Rippe gespendet
und dafür ewiges Glück erhalten, ein fairer Tausch. Ronnie
hatte die Rippe geschenkt bekommen und stand nun in der Schuld von jemandem,
den sie nicht kannte und noch nie gesehen hatte und der sich trotzdem
für Gott hielt, weil er es war. Sie musste ihr Leben in Einsamkeit
verbringen.
Der Paradiesgarten hatte einer Frau gehört. Ihr Mann war früh
verstorben und hatte ihr zum Trost das Paradies und die zwei kleinen
Menschen hinterlassen. Ronnie mit rostig roten Lippen und David mit
blassen Lippen und gerunzelter Stirn. Ronnie und David, die sich geliebt
hatten.
Die Frau hatte den Paradiesgarten nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr
gepflegt, er war in die zärtliche Obhut der Kinder übergegangen.
Die Frau war vor zwei Tagen gestorben und Ronnie stand vor der zerstörten
Schaukel, die, so empfand sie es, für ihr Leben stand.
Es war so penetrant sonnig, dass es im Herzen weh tat und die Augen
zu tränen begannen. Ronnie war zu einem großen Menschen geworden,
der über die Hitze klagte, wenn die Sonne schien und den Himmel
verfluchte, wenn es bewölkt war oder regnete. Sie war viele Jahre
nicht da gewesen, sie war gereist, hatte die Welt kennen und verachten
gelernt, hatte ihr Haar abschneiden und wieder nachwachsen lassen, hatte
Menschen geliebt und Kaffee immer nur mit Milch getrunken.
Sie hatte das Paradies verlassen müssen, weil die Frau sie verstoßen
hatte. Sie hatte Ronnie hinausgeschickt zu von Autolärm erfüllter
Luft, zu freundlichen Tankstellenkassiererinnen mit fettigem Haar, zu
staubigen Glasfenstern, die sich vor der Realität versteckten,
und trockenen Kirchenbänken, unter denen harter, rosaroter Kaugummi
klebte.
Ronnie war einsam gewesen all die Jahre, trotz der vielen Menschen,
und sie hatte die Frau nie mehr wieder gesehen. Dann hatte man sie über
den Tod ihrer Mutter informiert, ein unglückliches, vergessenes
Ereignis. Ronnie hatte sich nicht mehr an das Gesicht der Frau erinnern
können, bis sie es im Sarg wieder sah. Weiß, blutleere Lippen,
die sie liebevoll anzulächeln schienen. Trotz allem liebevoll.
Auch früher liebevoll, als die zwei kleinen Menschen, Ronnie und
David, älter geworden waren, Davids Stirn gerunzelter, Träume
kleiner und Paradiesgärten paradiesischer.
David hatte beschlossen, Maler zu werden. Er hatte die manchmal nervig
bunten Blumen im verwilderten Paradies gemalt, die graue Gartenmauer,
die in der Nacht mit den Bäumen schäkerte und bei "Imagine"
immer die falschen Töne traf. Er hatte Ronnie auf der Schaukel
gemalt, wie sie dem Himmel entgegen flog und ihr Herz lachte, er hatte
flinke, langbeinige Wasserläufer gemalt, verwilderte Hauskatzen,
die im Schatten der Birken ihre Mittagsschläfchen hielten oder
unscheinbare Spatzen verspeisten, spitze Grashalme, die sich sofort
wieder erhoben, wenn man auf sie getreten war, und Spinnennetze, die
im Sonnenlicht schimmerten wie silberne Träume.
Ronnie hatte ihren Bruder beobachtet, wie er mit dem Bleistift feine
Linien zeichnete, sie zu etwas Größerem verband und plötzlich
ein Bild erschaffen hatte, das die Frau jubeln und weinen lassen konnte.
Deshalb hatte sie David mehr geliebt. Weil er ihr ihren Garten wieder
ins verstaubte Gedächtnis gerufen hatte, Erinnerungen an eine Zeit,
als es gut gewesen war, als sie Hand in Hand mit einem Mann durch den
Garten spaziert war. Eine warme, feste Hand.
Die Frau vererbte Ronnie den Paradiesgarten, weil es sonst niemanden
mehr gab, weil die Schaukel nur Ronnie etwas bedeutete und sonst niemandem
auf der Welt. Nicht der Sekretärin der Rechtsanwaltskanzlei Kerner&Co,
die Jus studiert hatte und jetzt Kaffee kochen muss, ein Löffel
brauner Zucker, ein Schluck Milch. Und auch nicht dem Arzt mit dem weißen
Kittel, der gehetzt durch ebenso weiße Gänge läuft und
daran denkt, dass morgen seine Schwiegereltern zu Besuch kommen.
Deshalb war Ronnie wieder hierher gekommen. Sie wandte den Blick von
der Schaukel ab, ihre Augen brannten und das Moos roch säuerlich.
Säuerlich wie der Geschmack, den sie im Mund gehabt hatte, als
sie David am Baum gefunden hatte, neben der Schaukel erhängt. Er
war zufrieden hin und her gependelt mit blauem Kopf und herabhängenden
Schuhspitzen. Die Bäume hatten dieses Mal geschwiegen, die Wasserläufer
hatten sich nicht getraut, auf die spiegelglatte Wasseroberfläche
zu treten. Sie wären untergegangen an diesem Tag.
Die Frau hatte alle Bilder verbrannt und Ronnie fortgeschickt, nur damit
sie jetzt wieder hier sein konnte. Um zu weinen darüber, was passiert
war, um zu bemerken, dass man es nicht ändern konnte, und um neu
zu beginnen.
Ronnie drehte der Schaukel den Rücken zu, sie machte einen Schritt,
langsam, dann noch einen und wurde schneller. Das Gras, auf das sie
getreten war, stellte sich nach jedem Schritt wieder auf.
Elisabeth Dorner, geb. 1989 in Graz, aufgewachsen und zur Schule gegangen
in Leoben, momentan Germanistikstudium in Wien.