Claudia Bitter: Muttergarten
"Stell das Bett zum Fenster, zum Fenster in den Garten, als ob
ich in den Garten schauen könnte."
"Dein Bett steht schon beim Fenster, Mutter. Direkt vor dem Fenster
in deinen Garten. Wenn du im Bett sitzt, kannst du direkt in den Garten
schauen. Soll ich dich aufsetzen?"
"Ich kann nicht in den Garten schauen, ich kann nichts sehen. Ich
kann den Garten nicht sehen, das weißt du ganz genau." Ein
böser angriffslustiger Ton mischt sich in ihre heisere Stimme.
Ich erwidere nichts. Hätte gern, dass sie schweigt.
"Wer weiß, ob ich dir trauen kann und mein Bett wirklich
beim Fenster steht. Steht es wirklich beim Fenster in den Garten?"
"Ja, Mutter, es steht schon ganz lange hier beim Fenster",
seufze ich und nehme ihre Hand. Ich sitze auf dem Holzstuhl mit dem
grünen Sitzpolster neben ihrem Krankenbett, mein Ellbogen berührt
den kalten Metallrand. Mutter liegt wie immer da, die Kopflehne leicht
schräg gestellt. Sie zieht ihre Hand nicht zurück, lässt
sie halten von mir, vielleicht merkt sie es auch gar nicht. Ihre blinden
Augen sind geradeaus gerichtet, zum Fenster, sie wendet mir selten ihr
Gesicht zu, sie wendet sich mir so selten zu.
Heute habe ich ihr Pfingstrosen gebracht.
"Schau Mutter, ich habe dir ein paar Pfingstrosen aus dem Garten
gebracht, riech mal, wie sie duften, sie sind gerade am Aufblühen."
Ich halte ihr die langstieligen Blumen mit den riesigen Köpfen
zum Gesicht. Mutter hebt ihren kleinen schwachen Kopf, er wackelt, als
hätte er nicht mehr genug Kraft, sich auf dem Hals aufrecht zu
halten, ihre kleine runzlige Nase schnuppert an den Blumen.
"Sind es die roten oder die weißen?"
"Die weißen, die roten sind noch zu", sage ich und freue
mich über ihre Frage, in der nichts Böses zu hören war.
Sie schiebt die Blumen von sich und dreht sich auf die Seite, weg von
mir.
"Pfingstrosen, kann doch gar nicht sein, im Herbst", zischt
Mutter, ich weiß, dass sie dabei kaum den Mund öffnet.
"Wir haben Anfang Juni, Mutter, spürst du, wie warm es ist,
draußen scheint die Sonne, und auch hier im Zimmer ist es warm."
Mutter sagt nichts, ich weiß nicht, ob sie mich gehört, ob
sie mich verstanden hat.
"Ich gebe sie in die große Vase und stelle sie dort auf deinen
Tisch", ich stehe auf, nehme die Vase und fülle im Badezimmer
Wasser ein für die Pfingstrosen.
"Die Blumen gehören in den Garten, du sollst sie nicht immer
abschneiden!" Durch das fließende Wasser höre ich ihre
Stimme nur gedämpft. Gerne schimpft sie mit mir, wenn ich mich
etwas von ihr entfernt habe, sie nutzt dann die Gelegenheit lauter zu
sprechen, manchmal auch zu schreien. Es ist immer das Gleiche, ich bringe
Blumen mit, stelle die Vase auf den Tisch in Mutters Zimmer, und dann
muss ich sie wieder mitnehmen, sie will keine Blumen im Zimmer haben,
die gehören in den Garten. Sie akzeptiert sie höchstens als
Gäste, die nur kurze Zeit bleiben dürfen. Sie vergisst fast
alles, niemals aber die Aufforderung, dass ich die Blumen wieder mitnehmen
soll. Sie hätten in ihrem Zimmer nichts verloren.
"Willst du denn nicht wissen, wie es um die Tomaten und die Bohnen
steht?"
"Ich will wissen, wie es dem Franz im Krieg geht."
"Aber Mutter, Franz ist im Krieg gefallen, bei Leningrad, das weißt
du doch. Da, hier an der Wand hängt sein Bild."
Mutter dreht ihren Kopf langsam Richtung Wand, wo die große vergilbte
Schwarz-Weiß-Photographie in dem alten Holzrahmen hängt:
"So fesch ist er in der Uniform, mein Bruder. Und wann kommt er
zurück?"
"Er kommt nicht mehr zurück."
Mutter schnaubt verächtlich. Sie starrt an die Decke, verschwindet
in ihre eigene Welt. Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr zu ihr
durchdringen kann. Sie lässt sich in solchen Momenten nicht einmal
die Hand halten, zieht sie beleidigt zurück und stöhnt, als
hätte man sie schwer gekränkt. Diese Momente können Minuten
oder Stunden dauern, manchmal bin ich froh über diese Zeiten, wo
wir einander ganz fern sind. Manchmal aber möchte ich von ihr bemerkt
werden, und wenn ich dann versuche, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu
lenken, erkennt sie mich meist gar nicht.
Ich besuche meine Mutter täglich, manchmal begleitet mich mein
Mann. Dann meint Mutter jedes Mal, sobald sie seine Stimme hört,
ihr Bruder sei aus dem Krieg zurückgekommen. Ich bin es müde,
sie immer wieder aufzuklären. "Nein, Mutter, das ist nicht
dein Bruder Franz, das ist mein Mann, Oskar, du weißt schon, der
Riese mit der Glatze." Manchmal erwidert sie gar nichts darauf,
ignoriert meine Einwände, lächelt sogar sanftmütig und
sagt in Oskars Richtung: "Ich dachte schon, du kommst gar nicht
mehr aus dem Krieg zurück, und jetzt bist du da, gesund und munter,
nicht einmal verletzt. Das ist doch schön."
"Ja, das ist schön", sage ich dann oder Oskar sagt es
und manchmal können wir uns sogar über ihr Lächeln freuen.
Sie lächelt so selten.
Mutters Bett steht zwar am Fenster, aber es gibt keinen Garten vor dem
Fenster.
Der Garten war Mutters ganzer Stolz, ich kann mir Mutter gar nicht ohne
Garten vorstellen, wenn ich an sie denke, denke ich auch an ihren Garten,
an ihr Säen und Pflanzen, Rupfen und Gießen, immer hatte
sie etwas in den Gemüse- und Blumenbeeten zu tun, solange sie noch
einen Funken Augenlicht besaß, hat sie in ihrem Garten gewerkt.
Ich war schon als Kind auf ihren Garten eifersüchtig. So oft bekam
ich es zu hören: "Der Garten ist mein Ein und Alles. Was täte
ich nur ohne meinen Garten." Der Ausspruch wurde ganz besonders
betont, und danach grinste sie glückselig, im Wissen, dass sie
nicht ohne Garten sein muss. Nie habe ich dieses Ein und Alles auf mich
bezogen gehört, ich - ihre einzige Tochter - ihr Ein und Alles,
wie gern wäre ich ihr Ein und Alles gewesen, wie gerne hätte
ich sie glückselig lächeln sehen: Was täte ich nur ohne
dich, mein Kind. Nie hat sie das oder etwas Ähnliches zu mir gesagt.
Zuerst kam der Garten, die Tulpen, die Schwertlilien, die Dahlien und
die Stockrosen, die Tomaten, Paprika, Bohnen, der Rhabarber und der
Sellerie, zuerst kam der Schnittlauch, der Salbei, die Petersilie, der
Borretsch und irgendwann kam ich, wenn alles im Garten erledigt war,
kein Unkraut mehr zu zupfen, keine Pflänzchen mehr einzusetzen,
alles gegossen und versorgt. Die Gartenarbeit schien niemals ein Ende
zu haben, nur im tiefen Winter. Wie sehr ich die weißen Tage liebte,
wenn der ganze Garten unter der Schneedecke versteckt war, kein einziger
Halm schaute heraus, als würde es gar keinen Garten geben, ich
wünschte mir immer, es möge so kalt bleiben und die Schneedecke
niemals vergehen, sondern sogar noch dicker und härter werden,
dann wäre Mutter im Haus, im selben Zimmer wie ich, wir säßen
in der Küche, ich könnte sie anschauen, ansprechen, berühren
sogar.
Ich habe den Verdacht, dass sie ihren Garten mehr vermissen würde
als ihre Tochter. Und ich tue alles, um ihre Gartensehnsucht zu stillen,
bringe ihr frische Tomaten vom Markt, Blumen, die aus ihrem Garten sein
könnten, manchmal frage ich mich, ob sie mich nicht längst
durchschaut, und tagelang quält mich das schlechte Gewissen. Manchmal
aber bin ich schadenfroh, sitze grinsend an ihrem Bett und denke mir:
Du und dein verdammter Garten, wenn du wüsstest
Wenn ich Gemüse zum Kosten bringe, fängt sie meist zu jammern
an: "Das schmeckt ja heuer nach gar nichts. Da hast du sicher wieder
zu wenig gegossen, du weißt doch, wie viel Wasser es in einem
so heißen Sommer braucht."
"Aber es ist ein verregneter Sommer, wie schon lange nicht mehr",
erwidere ich. Sie brummelt etwas in sich hinein, ich frage nicht nach,
ich will es gar nicht wissen.
Auch das Gemüse, das ich ihr aus "ihrem" Garten bringe,
muss ich wieder mitnehmen. Sobald sie einen kleinen Bissen davon genommen
hat und sich darüber aufgeregt hat, soll ich alles wieder einpacken
und wegbringen.
"Du hast doch keine Ahnung von Gartenarbeit, da hast du dich immer
blöd angestellt."
Manchmal schweige ich, manchmal rechtfertige ich mich: "Im Garten
ist alles in bester Ordnung, alles wächst und gedeiht, du kannst
ganz zufrieden sein."
"Und hast du heute früh auch alles gut gegossen, vor allem
die Tomaten? Oder hast du wieder verschlafen, man muss doch ganz bald
in der Früh gießen! Und jetzt bei der Hitze brauchen sie
dreimal täglich Wasser."
"Ich habe heute früh gegossen, ich habe nicht verschlafen."
Fünf Minuten später stellt sie mir dieselbe Frage, die ich
wieder gleich beantworte. Ich weiß, sie glaubt mir nicht, sie
traut mir nicht.
"Du hast ja als Kind nicht einmal Ribisel pflücken wollen
und wenn, dann hast du es nicht ordentlich gemacht."
Auf die Ribiselgeschichte will ich lieber nicht eingehen. Wir kommen
dabei auf keinen grünen Zweig. Ich kann bis heute keine Ribisel
ausstehen. In meiner Erinnerung waren es ganze Sommer lang, die ich
die roten Beeren abrupfen musste, "dass ja keine Stängel dabei
sind", im Gras kniend oder hockend, bis der Plastiktopf voll war,
während die anderen sich im Freibad vergnügten, und wie stolz
Mutter dann war auf den Ribiselsaft und auf die Ribiselmarmelade, ich
mochte schon als Kind beides nicht. Und Ribisel bringe ich ihr niemals
mit ins Heim, alles, nur keine Ribisel.
"Die Ribiselstauden sind dir schon eingegangen, gell?"
"Ja", sage ich, "die sind eingegangen und Oskar hat sie
ausgerissen."
Darauf sagt sie meistens nichts mehr, das Ribiselthema ist abgeschlossen,
bis es wieder von vorne anfängt, immer auf die gleiche Art und
Weise.
Manchmal glaube ich selbst schon, was ich Mutter vom Garten erzähle.
Recht machen kann ich es ihr ohnehin nicht, kein Gärtner auf der
Welt könnte das, und schon gar nicht die eigene Tochter. Und trotzdem
versuche ich es immer wieder, erfolglos.
"Um alles muss ich mich selber kümmern, keinen Handgriff kann
mir dir überlassen. Zu nichts, aber zu gar nichts bist du im Garten
zu gebrauchen."
Ich bin es müde, mich zu rechtfertigen und verabschiede mich lieber,
wenn sie mir so kommt. Oder ich lasse ihr Schimpfen über mich ergehen,
stelle mir ihren ausgemergelten Körper unter der Decke vor, klettere
mit meinem Blick die Hautfalten ihres Unterarmes bis zum Ellbogen hoch
und wieder zurück, sie wird Tag für Tag dünner. Seit
sie nicht mehr aufsteht, isst sie auch fast nichts mehr. Es erstaunt
mich immer wieder, woher sie diese Kraft zu schimpfen noch nimmt, ihr
Körper wirkt schon so ausgehöhlt. Ihre grellroten Augen haben
nichts Lebendiges mehr an sich, sie blicken starr ins Leere.
"Wenn ich doch den Garten jemandem vererben könnte, der was
damit anfangen kann. Du kennst doch nicht einmal Kraut und Unkraut auseinander,
weißt nicht, welche Pflanzen winterfest sind und welche ins Vorhaus
müssen, was soll so aus meinem Garten werden?" Nach einer
kurzen Pause fügt sie hinzu: "Aber ich habe ja nur dich
"
"Ja, das stimmt, du hast nur mich. Und ich kümmere mich gut
um den Garten, Oskar auch, er ist also in guten Händen."
"Oskar, Oskar", murmelt Mutter, sie spricht es wie ein Fremdwort
aus, ein Wort, mit dem sie nichts anzufangen weiß.
Dass es schon lange nichts mehr zu vererben gibt, habe ich ihr oft genug
gesagt, sie nimmt es einfach nicht zur Kenntnis. Als Mutters Erblindung
so fortgeschritten war, dass sie trotz Pflegediensten nicht mehr zu
Recht kam mit Haus und Garten, mussten wir sie ins Heim geben. Sie hat
damals nicht einmal dagegen protestiert, hat alles gleichgültig
über sich ergehen lassen, vielleicht hat sie diese Zeit einfach
aus ihrem Leben gestrichen, weil sie ganz und gar nicht damit einverstanden
war, ins Heim gesteckt zu werden, ihren Garten verlassen zu müssen.
Haus samt Garten haben wir gleich darauf verkauft. Dass sie mir alles
schon vor vielen Jahren überschrieben hat, vergisst sie hartnäckig,
weil auch dies eine Tatsache ist, die nicht zu ihrer Wahrheit passt.
Da ich weder am Haus noch am Garten hing, war der Verkauf für mich
eine klare Sache. Ich wollte alles so schnell wie möglich loswerden.
Eine junge Familie hat auf das Zeitungsinserat reagiert und sofort zugeschlagen.
Beim Besichtigungstermin sprudelte das junge Pärchen nur so vor
Renovierungsideen - wie sie das Haus umbauen und einrichten würden.
Als wir dann hinaustraten in den Garten, sagte die junge Frau, die zum
zweiten Kind schwanger war: "Fein, hier gibt es Platz für
eine Sandkiste, eine Schaukel, was zum Klettern für die Kinder."
Dabei legte sie den Arm um die Hüfte ihres Mannes und lächelte
zufrieden. Ja fein, dachte ich, Kinder lieben es - Schaukeln, Sandspielen,
Klettern. So etwas kannte ich nur von Freundinnen und vom Spielplatz
in der Siedlung. In Mutters Garten hätte es so etwas nie gegeben,
tobende Kinder, wo denkst du hin, schlimme Kinder, die keinen Respekt
vor Mutters Garten haben.
"Hast du überhaupt die Chrysanthemen ins Vorhaus gestellt,
in den Emailtöpfen, für das Grab zu Allerheiligen?"
"Mutter, wir haben Sommer. Und ich mache alles so, wie du es wünscht.
Jetzt sind Rosen auf dem Grab."
"Immer nimmst du Rosen, warum kannst du nicht einmal Nelken nehmen?
Du warst immer schon starrköpfig, schon als Kind."
Seit Mutter im Heim ist, muss ich unser Familiengrab betreuen. Am Wichtigsten
sind die Blumen, jede Woche frische Blumen. Ich nehme die lästige
Pflicht wahr, ich bin die einzige Tochter, ich muss. Ich kann das regelmäßige
Ans-Grab-Gehen nicht vergessen, ich kann es nur absichtlich einmal auslassen.
Manchmal kann ich Oskar überreden, es für mich zu tun.
"Diesen Stursinn kannst du nur von deinem Vater haben", Mutter
spricht laut und böse, als wäre ihr der Gedanke jetzt gerade
zum ersten Mal gekommen und hätte sie furchtbar verärgert.
Ich zucke mit den Schultern und sehe aus dem Fenster, will Mutter nicht
mehr ansehen. Will ihre weißen und braunen Flecken im Gesicht
nicht mehr sehen, will ihre kühle fast leblose Hand nicht mehr
halten. Will ihre Stimme nicht mehr hören.
Kurz nach meiner Geburt hat sie meinen Vater davongejagt. Niemals spricht
sie über ihn, höchstens ein abfälliger Satz. Auch als
Mutter noch gesund war, konnte ich nichts aus ihr herausbringen, warum
mein Vater nicht bei uns ist, widerwillig speiste sie mich mit Sätzen
ab, wie: Es wäre nicht gut mit ihm gegangen. Oder: Er hätte
uns nicht gut getan. Ich weiß nur, dass er wollte, dass sie zu
ihm zieht, aber das wäre wegen des Gartens gar nicht in Frage gekommen,
so musste er zu ihr ziehen, und ich stelle mir vor, dass der Garten
auch der Grund für die Trennung war. Als ich als Jugendliche Kontakt
zu meinem Vater aufnehmen wollte und Mutter mir das nicht mehr ausreden
konnte, war ich leider zu spät dran, mein Vater war relativ jung
an einem Herzinfarkt gestorben. Seither habe ich die Vorstellung, dass
er an gebrochenem Herzen gestorben ist, dass Mutter ihm das Herz gebrochen
hat und dann einfach friedlich und zufrieden in ihrem Garten weiter
gewerkt hat. Als sei nichts geschehen. In Wahrheit weiß ich nicht,
was geschehen ist und habe aufgehört, Fragen zu stellen, die Mutter
nicht beantworten will.
Mutter ist eine wahre Meisterin im Sotun, als sei nichts geschehen,
wenn es nur nicht um den Garten geht, damals wie heute. Dass ein Junge
mich verprügelt hatte, war nichts im Vergleich zu der Katastrophe,
dass Schnecken im Salatbeet gewütet hatten. Dass ich regelmäßig
an der Handarbeitsaufgabe verzweifelte, machte nichts, wenn nur heuer
kein Hagel wieder alles zerstören würde.
"Du weißt ja nicht einmal, was auf den Kompost gehört
und was nicht. Wie soll ich ihn denn dann als Dünger verwenden,
wenn du alles Mögliche darauf schmeißt? Dann kann ich ihn
doch vergessen! Ach, es ist ein Kreuz mit dir!"
Das Kompostthema kam fast bei jedem Besuch, manchmal ausufernd mich
beschimpfend, manchmal nur resigniert feststellend.
Ach, mit dir ist es ein Kreuz, Mutter. Ich denke mir einen Grabspruch
für dich aus: Ewig ruhe die Gartenmutter? Das hättest du gerne.
Ich werde auf die Blumen aus "deinem Garten" verzichten, dein
Grab wird niemals auch nur eine einzige Blume schmücken. Ob ich
weinen werde?
Du scheinst zu schlafen, gleichmäßig strömt dein dünner
Atem zwischen den Lippen hervor. Manchmal zuckt dein Augenlid. Vielleicht
träumst du, von deinem Bruder, von deinem Garten? Von deiner einzigen
Tochter? Nie hast du mir von einem Traum erzählt, in dem ich vorgekommen
bin. Nicht einmal in deinen Träumen hast du mich sein lassen. Ich
dagegen träume, seit du im Heim bist, noch öfter von dir.
Manchmal erzähle ich dir von diesen Träumen, du sagst dann
immer den gleichen Satz: "Was du alles zusammenträumst."
Egal, ob es ein Alptraum oder ein wunderschöner Traum war. Ja,
was ich alles zusammenträume, da hast du sogar Recht.
Plötzlich ziehst du ruckweise und heftig Luft ein und reißt
die Augen auf. Du siehst mich völlig entgeistert an.
Ich beuge mich zu deinem Gesicht, dein Mundgeruch lässt mich etwas
zurückweichen: "Ich bin da, Mutter, was ist?"
Du stößt einen langen Seufzer aus und schüttelst leicht
deinen kleinen Kopf hin und her. Mit geschlossenen Augen murmelst du:
"Oskar und du, ihr habt alles im Garten zertreten, mit riesigen
schweren Soldatenstiefeln seid ihr durch meinen Garten gestapft, habt
alles zerstört, alle Blumen, die Kräuter, das Gemüse,
mein Ein und Alles, in Grund und Boden zerstört, dass ihr so böse
sein könnt, wer hätte das gedacht. Und ich liege im Bett,
gefesselt, und muss euer Werk mit ansehen, kann nichts dagegen machen,
nur schreien, und ich schreie, so laut ich kann, aber ihr hört
mich nicht, und ihr werdet erst aufhören, wenn von meinem Garten
nichts mehr übrig ist, gar nichts mehr, sogar den Holzzaun habt
ihr in lauter kleine Stücke zerbrochen."
Ich streichle Mutter über die Schulter, sie ist außer Atem:
"Du hast nur geträumt, Mutter." Ich ergreife ihre winzige
Runzelhand, die auf der Decke liegt, wie ein verlorenes Vogeljunges,
das gar nicht mehr zu ihr gehört, nicht mehr fliegen will. Sie
lässt es zu, dass ich ihre Hand halte oder sie merkt es nicht.
"Na und!", sagt Mutter und ich sehe, wie sie das Wort samt
Spucke von sich gibt. Als wäre es eine bodenlose Frechheit, dass
ich sie darauf aufmerksam gemacht habe, dass sie geträumt hat.
Und mit dem "Na und" entzieht sie mir mit einer heftigen Bewegung
die Hand, als wäre es ein Irrtum gewesen, sich kurz halten zu lassen,
da ist kein verlorenes Vogeljunges mehr, da war nie eines.
"Ich muss jetzt gehen, Mutter, ich muss noch einkaufen, die Geschäfte
machen bald zu."
"Geh nur", sagt Mutter und dreht sich auf die andere Seite,
das macht sie immer beim Abschied, sich so weit wie möglich von
mir abzuwenden, wenn sie sich noch mehr bewegen könnte, würde
sie vor mir davonlaufen. Nie zeigt sie mir beim Abschied ihr Gesicht,
so gerne hätte ich, dass sie mich mit ihrer Blindheit anschaut,
bevor ich gehe. Ich stehe auf, küsse sie leicht auf die Stirn,
wie immer beim Abschied. Dabei muss ich mich weit über sie beugen,
damit mein Mund zu ihrer Stirn gelangt, das lasse ich mir nicht nehmen,
es ist mein Ritual, sie kann sich nicht dagegen wehren und ich werde
mich Tag für Tag so von ihr verabschieden, bis es einmal das letzte
Mal sein wird, der letzte Kuss auf ihre Flecken-Falten-Stirn. Vielleicht
wird Mutter schon bald sterben, hier in ihrem Bett am Fenster. Dann
werden sich ihre Hautfalten nicht mehr bewegen, ihr Kopf wird nicht
mehr wackeln, ihre Stimme wird nicht mehr zu hören sein, ihr Schimpfen
und ihr Murmeln nicht. Und sie wird sich nicht mehr von mir abwenden.
Ich nehme meine Tasche, schiebe den Stuhl vom Bett zum Tisch zurück
und werfe einen Blick aus dem Fenster im zweiten Stock, auf dem großen
Parkplatz parkt gerade ein rotes Auto rückwärts ein, ich warte,
bis es zwischen den Markierungsstreifen zu stehen kommt und ein junger
Mann aussteigt. Rund um den Parkplatz sind Betontröge angeordnet,
im Frühling blüht Goldregen darin, strahlend gelb.
"Morgen bringe ich dir was Schönes und was Gutes aus dem Garten
mit", sage ich, ohne Mutter anzusehen, während ich zur Tür
gehe. Ich trete auf den Gang und schließe die Tür sachte
hinter mir zu, als dürfte ich niemanden aufwecken. Aus der Teeküche
ist Geschirrgeklapper zu hören, ein alter Mann im Rollstuhl fährt
mir entgegen, verdutzt sieht er mich an, als ich ihn grüße.
Ich sehe Mutter vor mir - sie ist nicht mein Ein und Alles. Ich laufe
die Treppe die zwei Stockwerke hinunter, zum Schluss nehme ich zwei
Stufen auf einmal, nicke dem Portier beim Ausgang zu und trete ins Freie.
Bei meinem Auto angekommen, schaue ich zu Mutters Fenster hinauf. Sie
kann mich nicht sehen.
Claudia Bitter, geb. 1965 in Oberösterreich, lebt seit 1983
in Wien; Studium der Slawistik und Ethnologie. Autorin, Bibliothekarin
und Übersetzerin für Russisch. Seit 1993 literarische Veröffentlichungen,
diverse Preise und Stipendien. Buchpublikationen, zuletzt: stimme verliert
sich. edition innsalz 2005 (Gedichtband mit Zeichnungen der Autorin);
verloren gehen. Verlag Klever 2008 (12 Erzählungen). www.claudiabitter.at