Podium Nr. 153/154 - Gärten


Susanne Beschaner: Bock oder Gärtner

Sie war jung damals, ein erblühendes Mädchen, und nannte bereits einen Garten ihr eigen, am Rande der Stadt. Ihr Vater, seiner überdrüssig geworden, hatte ihn ihr schon bei Lebzeit überschrieben und sie hatte ihm dafür unterschreiben müssen, ein für allemal auf Mitgift zu verzichten. Die Themen Heirat, Mitgift und was dazugehört, waren ihr so fern und fremd, dass sie ohne Wimpernzucken einwilligte. Wenn es dem Vater so wichtig war, ihr war's egal.
So hatte sie einen Garten geschenkt bekommen, einen unverkäuflichen, verwunschenen, verwilderten, geheimnisvollen Garten, widerspenstig und widersprüchlich wie sie, urwüchsig und unwegsam, nahezu undurchdringlich und schwer zugänglich, unerschlossen noch wie sie selbst es damals war.
Jung war sie, jung an Jahren, Erfahrungen und Weisheit, vielleicht zu jung, die Verantwortung zu tragen, die Grundbesitz bedeutet. Sie wollte doch leben und lieben, so viel noch erleben, sich verlieben, tanzen und reisen, ihre Wissbegier stillen, keinesfalls an einen Ort gebunden sein.
Aber der Garten blühte und wucherte, dürstete, brachte Früchte hervor, ließ sie fallen und faulen, wenn man sie nicht pflückte. Die Wiese wuchs in den Himmel, welkte zu trockenem Heu, duckte sich flachgequetscht unter dem Schnee und ließ kein frisches Gras keimen im Frühling, wenn man sie im Herbst nicht mähte.
Stur spulte der Garten sein Programm ab, unbeirrbar, gesteuert von den Jahreszeiten. Jahrein jahraus, immer am selben Fleck, eine Immobilie eben.
Wunderschön war der uralte Weichselbaum im Frühjahr anzusehen, wenn seine mächtige Krone über und über in einem Meer von weißen Blüten wogte, in dem man Myriaden Bienen summen hörte. Drei Monate später leuchteten dann saftig rote Weichseln prall in der Sonne und schienen stumm zu rufen: Klettre auf den Baum und pflück uns! Wenn die purpurroten Weichseln dann gepflückt in vollen Körben lagen, waren sie noch lange nicht zufrieden: Sie verlangten, einzeln entwurmt und entkernt zu werden, sodann auf dem Dachboden zum Trocknen aufgelegt. Klein und dunkel zusammengeschrumpelt, entfalteten sie in Müsli und Joghurt, auf Kuchen unter überbackenem Eischnee ihre konzentrierte süß-saure Köstlichkeit, ein Feuerwerk fruchtiger Intensität auf den Geschmacksknospen der im Winter kurz gehaltenen Gaumen.
Im September galt es, Nüsse von den Bäumen zu schütteln und aus dem welken Laub und nassen Gras zu klauben, von ihren noch grünen oder schon schwarz gewordenen ledrigen Außenschalen zu befreien, so dass die Hände für Tage ganz dunkel gegerbt waren und unter den Fingernägeln schwarz. Die schweren harten gelben Quitten wollten abgenommen werden, sodann von ihrem Pelz befreit und ewig weich gekocht, passiert, mit Honig verrührt und dünn auf Backbleche gestrichen langsam schonend im Backrohr zu einer gummiartigen Konsistenz gedörrt werden, danach rautenförmig geschnitten fein säuberlich in Blechbehältnisse geschlichtet, als nahezu unbegrenzt haltbarer Naschvorrat.
Rosen wollten beschnitten werden, die saftigen Stämmchen der jungen Pfirsichbäume mit Drahtgeflecht umwickelt, um sie vor Wildverbiss im Winter zu schützen. Und fast das ganze Jahr über, alle Saisonen hindurch, nur nicht im Winter, wollten die jungen Bäumchen, die Blumen und Kräuter gegossen werden. Dazu musste der quietschende Pumpenschwengel unablässig bewegt werden, auf und nieder, immer wieder, und das nach oben beförderte Nass aus der Zisterne, in der das Regenwasser sich sammelte, in Zehnliterkübeln zu den Pflanzen geschleppt, schwer und überschwappend an beiden Armen hängend, links und rechts.
Das junge Mädchen war besonders intelligent, talentiert und begabt, hatte schon in der Schule brilliert und geglänzt mit seinen geistigen Leistungen. Nun galt es zu studieren, an der Universität, denn sie sollte Akademikerin werden, gebildet und später erfolgreich im Beruf, in führender Stellung. Die Welt sollte ihr offen stehen. Aufmerksam saß sie in den Vorlesungen; zu Hause schloss sie sich viele Stunden ein, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten.
Sie war hübsch anzusehen, ihre großen Augen strahlten, ihr Haar floss dicht und glänzend über ihre Schultern. Walter hieß der wortkarge Student vom Lande, der ständig ihre Nähe suchte, ein wenig linkisch und verlegen, doch bodenständig und echt. Frisch im Saft stand der gesunde junge Mann, voller Kraft und Lebensdrang. Er suchte ihre Nähe, lernte mit ihr, lud sie in die Mensa ein und auch nach Hause in sein Elternhaus im Dorf. Leichtlebig und freigeistig ließ sie ihn gewähren, nahm aber kaum Notiz von ihm, war sie doch ganz woanders in ihren Gedanken, nämlich bei dem Studium und auf ihre ferne Karriere fokussiert. Seine ungestüme, unbändige Jungmanneskraft drosselte sie mit Verhütung und lenkte sie in harmlose Bahnen.
Am Rande nahm sie wahr, wie praktisch es war, einen Mann an der Seite zu haben, der anpackte, Dinge in die Hand nahm, ihr beistand, sich zu ihrer Verfügung hielt. Natürlich führte sie ihn in ihren vernachlässigten Garten, und er, der Verführte, war dort sogleich in seinem angestammten Element. Walter, der Gestalter, machte, wenn schon nicht sie, so ihren Garten urbar; er grub um, legte Terrassen und Teiche an, pflanzte Bäumchen, Kräuter und Weinreben in die fruchtbare Krume, kletterte auf die alten Nussbäume und schüttelte ihnen die Früchte vom Leib, schnitt die Wiese mit weit ausholender, schwungvoller Sense, pumpte das Wasser aus der Zisterne, schleppte die Kübel, bewässerte alle Jungpflanzen, hielt die Böden feucht; stumm und tatkräftig. Ihr war es recht, bedurfte doch ihr Garten dieser umsichtigen und gleichförmigen Pflege. Manchmal stand sie ihm bei, und sie verrichteten die Arbeiten in friedvoller Eintracht, einer vierhändigen Harmonie, wie sie zwischen dem jungen Paar nur in ihrem Garten herrschte.
Meist jedoch war sie zu beschäftigt mit Lernen, mit Praktika, mit Nebenjobs und Auslandsaufenthalten. Dabei konnte sie sich stets in der ruhigen Gewissheit wiegen, dass der zurückgebliebene Walter ihren Garten alleine weiter pflegen würde. Sehnsucht nach ihm spürte sie nicht, war sie doch stets beschäftigt, umtriebig, eifrig. Ob er sich nach ihr sehnte? Von Beginn an hatte sie ihren Lebenswandel beibehalten, ohne Abstriche, ohne Kompromisse ihre unstete Flüchtigkeit durchgezogen. Fix- und Anhaltspunkt war ihr der Garten. Er war immer da, einladend, rührte sich nicht vom Fleck … Und mit ihm Walter, wie ein Schollengebundener im alten germanischen oder römischen Recht. Die Arbeit in ihrem Garten verrichtete er mit voller Konzentration, und da war es ihm, als spüre er ihre Anwesenheit, auch wenn er sie in weiter Ferne wusste.

Jahrein jahraus verlief so ihre Beziehung "light": unverbindlich, selbstverständlich. Walter goss die Bäumchen, die er in ihren Boden gepflanzt hatte, regelmäßig und mit Hingabe. Manchmal war sie mit ihm im Garten und betrachtete sein Werk mit Wohlgefallen, einerseits. Bei seinen Arbeiten kehrte er ihr den Rücken zu, war darin versunken, ging darin auf, nahm sie gar nicht wahr. Der Garten gedieh, ihn bearbeitete und pflegte er aufmerksam. Doch sie, andererseits, lag brach: Ihre Haut blieb unberührt, ihr Mund unbeleckt, ihre Liebesteile trocken und unbefleckt, die empfindsamen Zonen unbeackert. Monat für Monat sprangen die winzigen Eier ins Leere. In ihrem Inneren machte sich ein dumpfer Schmerz breit, eine stechende Sehnsucht, die sie nicht äußern konnte. Stumm sah sie ihm zu, wie er mit seinen schönen bloßen Händen in der Erde grub, die Pflanzen goss und zum Gedeihen brachte. Warum nur gehörte die Grundfläche ihres Gartens nicht zu ihren erogenen Zonen! Warum beschränkte er seine Liebkosungen exklusiv auf Vegetation, ignorierte ihr hungerndes Fleisch? Ihre warme weiche weibliche Lebendigkeit war zur vernachlässigten Ackerfurche verkommen. Eifersucht stieg in ihr hoch, machte sie noch verstockter und verstimmter ihm gegenüber. Sie verbitterte zusehends, verbitterte wie verwittertes Holz, verwelktes Laub, verfaultes Obst, achtlos liegengelassen, nicht geerntet, dem Verfall preisgegeben.
Sie dachte an früher. Mittlerweile längst Frau Doktor weit in ihren Vierzigern, mit akademischen Weihen promoviert, installiert, akkreditiert, pragmatisiert und gutsituiert, nahm sie - zunehmend - ihren Körper wahr, der doch all die Jahre stillgehalten, sich zurückgehalten hatte! Dem fehlte es an allen Ecken und Enden, an allen Rundungen und Öffnungen. Zuwendung, Düngung, Bewässerung wurden ihm vorenthalten, konsequent und nachhaltig.

Der Garten war eine üppig blühende Pracht, dort gediehen Früchte an den Bäumen, die Walter gepflanzt und jahrelang gehegt und gepflegt hatte. Die Grundbesitzerin jedoch blieb kinderlos. Altes Fleisch, schrumpelige Haut, stillgelegte Eierstöcke. Da erst dämmerte es ihr, drang in ihr Bewusstsein: Der junge Walter, der frisch in ihr Leben kommen wollte, war wie ein Maibock gewesen. Sie aber hatte sich nicht wirklich auf ihn eingelassen, ihn eigentlich nie an sich herangelassen, nie gewähren lassen. Stattdessen hatte sie ihm lediglich in ihren Garten Einlass gewährt: Sie hatte den Bock zum Gärtner gemacht.


Susanne Beschaner, geboren 1961 in Wien, verheirateter Single, Ministerialbeamtin, Dr.in jur. und Übersetzerin für Englisch und Russisch. Neue Sprache seit 2004: Serbisch. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.


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