Susanne Beschaner: Bock oder Gärtner
Sie war jung damals, ein erblühendes Mädchen, und nannte
bereits einen Garten ihr eigen, am Rande der Stadt. Ihr Vater, seiner
überdrüssig geworden, hatte ihn ihr schon bei Lebzeit überschrieben
und sie hatte ihm dafür unterschreiben müssen, ein für
allemal auf Mitgift zu verzichten. Die Themen Heirat, Mitgift und was
dazugehört, waren ihr so fern und fremd, dass sie ohne Wimpernzucken
einwilligte. Wenn es dem Vater so wichtig war, ihr war's egal.
So hatte sie einen Garten geschenkt bekommen, einen unverkäuflichen,
verwunschenen, verwilderten, geheimnisvollen Garten, widerspenstig und
widersprüchlich wie sie, urwüchsig und unwegsam, nahezu undurchdringlich
und schwer zugänglich, unerschlossen noch wie sie selbst es damals
war.
Jung war sie, jung an Jahren, Erfahrungen und Weisheit, vielleicht zu
jung, die Verantwortung zu tragen, die Grundbesitz bedeutet. Sie wollte
doch leben und lieben, so viel noch erleben, sich verlieben, tanzen
und reisen, ihre Wissbegier stillen, keinesfalls an einen Ort gebunden
sein.
Aber der Garten blühte und wucherte, dürstete, brachte Früchte
hervor, ließ sie fallen und faulen, wenn man sie nicht pflückte.
Die Wiese wuchs in den Himmel, welkte zu trockenem Heu, duckte sich
flachgequetscht unter dem Schnee und ließ kein frisches Gras keimen
im Frühling, wenn man sie im Herbst nicht mähte.
Stur spulte der Garten sein Programm ab, unbeirrbar, gesteuert von den
Jahreszeiten. Jahrein jahraus, immer am selben Fleck, eine Immobilie
eben.
Wunderschön war der uralte Weichselbaum im Frühjahr anzusehen,
wenn seine mächtige Krone über und über in einem Meer
von weißen Blüten wogte, in dem man Myriaden Bienen summen
hörte. Drei Monate später leuchteten dann saftig rote Weichseln
prall in der Sonne und schienen stumm zu rufen: Klettre auf den Baum
und pflück uns! Wenn die purpurroten Weichseln dann gepflückt
in vollen Körben lagen, waren sie noch lange nicht zufrieden: Sie
verlangten, einzeln entwurmt und entkernt zu werden, sodann auf dem
Dachboden zum Trocknen aufgelegt. Klein und dunkel zusammengeschrumpelt,
entfalteten sie in Müsli und Joghurt, auf Kuchen unter überbackenem
Eischnee ihre konzentrierte süß-saure Köstlichkeit,
ein Feuerwerk fruchtiger Intensität auf den Geschmacksknospen der
im Winter kurz gehaltenen Gaumen.
Im September galt es, Nüsse von den Bäumen zu schütteln
und aus dem welken Laub und nassen Gras zu klauben, von ihren noch grünen
oder schon schwarz gewordenen ledrigen Außenschalen zu befreien,
so dass die Hände für Tage ganz dunkel gegerbt waren und unter
den Fingernägeln schwarz. Die schweren harten gelben Quitten wollten
abgenommen werden, sodann von ihrem Pelz befreit und ewig weich gekocht,
passiert, mit Honig verrührt und dünn auf Backbleche gestrichen
langsam schonend im Backrohr zu einer gummiartigen Konsistenz gedörrt
werden, danach rautenförmig geschnitten fein säuberlich in
Blechbehältnisse geschlichtet, als nahezu unbegrenzt haltbarer
Naschvorrat.
Rosen wollten beschnitten werden, die saftigen Stämmchen der jungen
Pfirsichbäume mit Drahtgeflecht umwickelt, um sie vor Wildverbiss
im Winter zu schützen. Und fast das ganze Jahr über, alle
Saisonen hindurch, nur nicht im Winter, wollten die jungen Bäumchen,
die Blumen und Kräuter gegossen werden. Dazu musste der quietschende
Pumpenschwengel unablässig bewegt werden, auf und nieder, immer
wieder, und das nach oben beförderte Nass aus der Zisterne, in
der das Regenwasser sich sammelte, in Zehnliterkübeln zu den Pflanzen
geschleppt, schwer und überschwappend an beiden Armen hängend,
links und rechts.
Das junge Mädchen war besonders intelligent, talentiert und begabt,
hatte schon in der Schule brilliert und geglänzt mit seinen geistigen
Leistungen. Nun galt es zu studieren, an der Universität, denn
sie sollte Akademikerin werden, gebildet und später erfolgreich
im Beruf, in führender Stellung. Die Welt sollte ihr offen stehen.
Aufmerksam saß sie in den Vorlesungen; zu Hause schloss sie sich
viele Stunden ein, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten.
Sie war hübsch anzusehen, ihre großen Augen strahlten, ihr
Haar floss dicht und glänzend über ihre Schultern. Walter
hieß der wortkarge Student vom Lande, der ständig ihre Nähe
suchte, ein wenig linkisch und verlegen, doch bodenständig und
echt. Frisch im Saft stand der gesunde junge Mann, voller Kraft und
Lebensdrang. Er suchte ihre Nähe, lernte mit ihr, lud sie in die
Mensa ein und auch nach Hause in sein Elternhaus im Dorf. Leichtlebig
und freigeistig ließ sie ihn gewähren, nahm aber kaum Notiz
von ihm, war sie doch ganz woanders in ihren Gedanken, nämlich
bei dem Studium und auf ihre ferne Karriere fokussiert. Seine ungestüme,
unbändige Jungmanneskraft drosselte sie mit Verhütung und
lenkte sie in harmlose Bahnen.
Am Rande nahm sie wahr, wie praktisch es war, einen Mann an der Seite
zu haben, der anpackte, Dinge in die Hand nahm, ihr beistand, sich zu
ihrer Verfügung hielt. Natürlich führte sie ihn in ihren
vernachlässigten Garten, und er, der Verführte, war dort sogleich
in seinem angestammten Element. Walter, der Gestalter, machte, wenn
schon nicht sie, so ihren Garten urbar; er grub um, legte Terrassen
und Teiche an, pflanzte Bäumchen, Kräuter und Weinreben in
die fruchtbare Krume, kletterte auf die alten Nussbäume und schüttelte
ihnen die Früchte vom Leib, schnitt die Wiese mit weit ausholender,
schwungvoller Sense, pumpte das Wasser aus der Zisterne, schleppte die
Kübel, bewässerte alle Jungpflanzen, hielt die Böden
feucht; stumm und tatkräftig. Ihr war es recht, bedurfte doch ihr
Garten dieser umsichtigen und gleichförmigen Pflege. Manchmal stand
sie ihm bei, und sie verrichteten die Arbeiten in friedvoller Eintracht,
einer vierhändigen Harmonie, wie sie zwischen dem jungen Paar nur
in ihrem Garten herrschte.
Meist jedoch war sie zu beschäftigt mit Lernen, mit Praktika, mit
Nebenjobs und Auslandsaufenthalten. Dabei konnte sie sich stets in der
ruhigen Gewissheit wiegen, dass der zurückgebliebene Walter ihren
Garten alleine weiter pflegen würde. Sehnsucht nach ihm spürte
sie nicht, war sie doch stets beschäftigt, umtriebig, eifrig. Ob
er sich nach ihr sehnte? Von Beginn an hatte sie ihren Lebenswandel
beibehalten, ohne Abstriche, ohne Kompromisse ihre unstete Flüchtigkeit
durchgezogen. Fix- und Anhaltspunkt war ihr der Garten. Er war immer
da, einladend, rührte sich nicht vom Fleck
Und mit ihm Walter,
wie ein Schollengebundener im alten germanischen oder römischen
Recht. Die Arbeit in ihrem Garten verrichtete er mit voller Konzentration,
und da war es ihm, als spüre er ihre Anwesenheit, auch wenn er
sie in weiter Ferne wusste.
Jahrein jahraus verlief so ihre Beziehung "light": unverbindlich,
selbstverständlich. Walter goss die Bäumchen, die er in ihren
Boden gepflanzt hatte, regelmäßig und mit Hingabe. Manchmal
war sie mit ihm im Garten und betrachtete sein Werk mit Wohlgefallen,
einerseits. Bei seinen Arbeiten kehrte er ihr den Rücken zu, war
darin versunken, ging darin auf, nahm sie gar nicht wahr. Der Garten
gedieh, ihn bearbeitete und pflegte er aufmerksam. Doch sie, andererseits,
lag brach: Ihre Haut blieb unberührt, ihr Mund unbeleckt, ihre
Liebesteile trocken und unbefleckt, die empfindsamen Zonen unbeackert.
Monat für Monat sprangen die winzigen Eier ins Leere. In ihrem
Inneren machte sich ein dumpfer Schmerz breit, eine stechende Sehnsucht,
die sie nicht äußern konnte. Stumm sah sie ihm zu, wie er
mit seinen schönen bloßen Händen in der Erde grub, die
Pflanzen goss und zum Gedeihen brachte. Warum nur gehörte die Grundfläche
ihres Gartens nicht zu ihren erogenen Zonen! Warum beschränkte
er seine Liebkosungen exklusiv auf Vegetation, ignorierte ihr hungerndes
Fleisch? Ihre warme weiche weibliche Lebendigkeit war zur vernachlässigten
Ackerfurche verkommen. Eifersucht stieg in ihr hoch, machte sie noch
verstockter und verstimmter ihm gegenüber. Sie verbitterte zusehends,
verbitterte wie verwittertes Holz, verwelktes Laub, verfaultes Obst,
achtlos liegengelassen, nicht geerntet, dem Verfall preisgegeben.
Sie dachte an früher. Mittlerweile längst Frau Doktor weit
in ihren Vierzigern, mit akademischen Weihen promoviert, installiert,
akkreditiert, pragmatisiert und gutsituiert, nahm sie - zunehmend -
ihren Körper wahr, der doch all die Jahre stillgehalten, sich zurückgehalten
hatte! Dem fehlte es an allen Ecken und Enden, an allen Rundungen und
Öffnungen. Zuwendung, Düngung, Bewässerung wurden ihm
vorenthalten, konsequent und nachhaltig.
Der Garten war eine üppig blühende Pracht, dort gediehen
Früchte an den Bäumen, die Walter gepflanzt und jahrelang
gehegt und gepflegt hatte. Die Grundbesitzerin jedoch blieb kinderlos.
Altes Fleisch, schrumpelige Haut, stillgelegte Eierstöcke. Da erst
dämmerte es ihr, drang in ihr Bewusstsein: Der junge Walter, der
frisch in ihr Leben kommen wollte, war wie ein Maibock gewesen. Sie
aber hatte sich nicht wirklich auf ihn eingelassen, ihn eigentlich nie
an sich herangelassen, nie gewähren lassen. Stattdessen hatte sie
ihm lediglich in ihren Garten Einlass gewährt: Sie hatte den Bock
zum Gärtner gemacht.
Susanne Beschaner, geboren 1961 in Wien, verheirateter Single, Ministerialbeamtin,
Dr.in jur. und Übersetzerin für Englisch und Russisch. Neue
Sprache seit 2004: Serbisch. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften
und Anthologien.