Podium Nr. 151/152 - Serbien

Slobodan Rakitic

Das südliche Land

Mit dem südlichen Land
im Buchstaben,
in der Sprache.

Mit einer Sprache ohne Land,
mein Sohn.

Hat denn kein Kloster
Flügel?
Ist denn kein Baum
aufrecht
und fruchtbar?

Die Vögel fliegen nicht mehr
nach Süden.

Es gibt keinen Süden mehr.

2.

Der hundertste Winter schon
und immer noch kein Frühling,
mein Sohn.

Nichts ist mehr
wie es einmal gewesen ist.
Ein anderes Land ist es jetzt
und eine andere Sprache höre ich
über unsere Schwelle treten.
Die Brunnen fliegen fort,
die Wälder gehen weg.

Ein Fremder schreitet jetzt
über die Felder.

Ein Fremder
isst jetzt aus unseren Tellern
zu Mittag
und zu Abend.

Er legt sich
in unsere Betten.

3.

Mit der Wiege unter dem einen,
mit dem Grabstein unter dem anderen Arm
suche ich ein neues Heim
und eine neue Quelle, denn hier gibt es keinen Gott mehr.

Ein leerer Brunnen
schließt sich uns an,
mein Sohn.

Es schließen sich uns an
Gerste, Weizen und Roggen.

Man nimmt uns unser Augenlicht,
unsere Flüsse,
unseren Gott.

Keine Lerche,
keine Amsel
singt mehr im Felde.

Zerstörte Klöster,
eine leere Zeit.

Alles sollst Du
im Gedächtnis behalten, mein Sohn.

*

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