Podium Nr. 151/152 - Serbien

 

Gojko Djogo

Der Weg nach Hum

Poesiestunde in der verbrannten Sankt-Georg-Kirche
in Trnovo, am Tag des Hl. Lukas 1993

Angekommen ist der Tag des Abgrunds
die Finsternis wirft ihren hungrigen Blick
auf den kleinen Leuchter.

Das himmlische Lid ist auf die Erde gefallen,
herabgeglitten und aufs Knie gefallen
ist alles, was den Himmel gestützt hat.
Zerstört der Glockenturm, zerborsten die Glocke,
eingeschmolzen Kupfer und Blei.
Nur noch das Kreuz steht aufrecht
über einem jungen Grab
und der Schornstein ohne Rauch
über einem Haus ohne Dach.

Alte Krähen und schwarze Tücher
umflattern die Köpfe,
ein Kranz Immergrün über der Hausschwelle,
an jeder Tür Todesanzeigen
jede Wand voller Heiligenbilder.

Niemand aber weint und niemand lacht.
In den Händen flackern die Kerzen,
graues Moos wächst auf der Stirn.
Brot und Salz können das frostige
Schloss an den Lippen nicht auftauen.

Die Pfarrkinder küssen das Schwert
in der Hand des Engels
an der Wand des verbrannten Gotteshauses.

Das Buch aber sagt,
dass die Hand der Gerechtigkeit
und das Gesetz der Liebe die Welt beherrschen.

*

Auf dem Berg, im Schatten

Zwei Eicheln in zwei Ohren
zwei dunkle Gläser auf zwei Augen
und den Hals voll blauem Leim.

Was ich höre, überhöre ich,
was ich sehe, übersehe ich,
was ich denke, sage ich nicht,
Zeugen werden schon lange nicht mehr geschätzt.

Außerdem wäre es unziemlich,
dass ein alter Rabe seinen Hals verzinnt
und auf dem neuen Markt
Trost und Hoffnung den Krähen verkauft.

Voll von Wunden und ausgesungenen Festtagsliedern,
mit Lippen, von einem Weinstempel versiegelt,
schlummere ich im Schatten ein.

Und schaue dabei zu,
wie eine Bremse ein Pferd zwingt
sich im verrückten Galopp
die Beine zu brechen.

*


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