Podium Nr. 149-150: Schweiz ohne Schweizer Kreuz


Werner Lutz: Helle Stimmen o Gedichte

Helle Stimmen
helles Grün
die Haselstauden
meine jungen Jahre
Dickichte
wo unter verwilderten
Illusionen
verlorengegangene
Heimwege liegen.

*

Kurz vor Zwanzig
liegt mein Garten
die erste Liebe
mit Buchsbäumchen ein Rondell
hohes Gras
in dem ich barfuß gehe
so oft ich will

kurz vor Zwanzig
schwatzend und lachend
lehnt die Zukunft
Schulter an Schulter mit mir
am grüngestrichenen Zaun

*

Ein Ohlala
so früh schon
auf so morgenfrischen
morgenjungen Beinen

*

Ameisenstraßen
Übergänge in den Schlaf
die Barrieren
kommen nicht wieder hoch
eigentlich
mag ich die Langeweile
die immer gleiche Böschung
bewachsen mit dürren Halmen
und verblühtem Salbei

umkehren
lässt sich jederzeit

*

Nacht braun und warm
von Tieren

Tropfentürme Brunnenwiegen
Gurgelgeister

Regen schneiden geht er

waldmeisterlichen Schlaf
mischt er

eingeatmet ausgeatmet Nacht
braun und warm von Tieren

*

Herr lass wachsen
ein einziges grünes Haar
auf meinem Haupt

dann werden Karl
und seine Kollegen sagen
wir haben ihn unterschätzt
diesen Kerl

*

Warum wohl
auf den Sonnenseiten meiner Bücher
den zeichenüberblühten Hängen
das Zirpen verstummt

und warum wohl
trägt mich die Tabakwolke seltener
ans Fenster
fällt mir kein Scherzwort ein
um des den Schönen nachzurufen

Vogelsteller sind am Werk
das Heitere in meinem Leben einzufangen
die Uhren
geben mir gesüßte Drogen ein

seitdem ich Umgang
mit der Schwermut pflege
zerfallen die Kristalle meiner Träume
und den Gedichten
ist der Duft entströmt

*

Beschwören warten
bis über dem Wort Böschung
eine Böschung sich wölbt
und jene Pflanzen sich ansiedeln
jene Gerüche sich einnisten
mit Straßenstaub gekalkt

*

Blaubedruckt der Tag aufgehäuft das Heu
im Hof trotten die Schatten
Zeit die Gedanken
und die Freunde heimzuholen
und aus Vergangenem das Gold zu waschen

verblüht der Strauß der Garten schläft
weck ihn nicht auf
der Acker raucht Kartoffelkraut
und Spatzen zerren Nebelfetzen ins Gebüsch

*

Es ist traurig
aus mir wird nichts
ein Falter hat sich flach
ans Fensterglas gepresst
ich heize
und die Katze bleibt jetzt
wieder mehr im Haus

*

Werner Lutz, geboren 1930 in Wolfhalden im Schweizer Kanton Appenzell Außerrhoden. Lebt als Schriftsteller und Maler in Basel. Veröffentlichungen: "Ich brauche dieses Leben", Suhrkamp 1979; "Flusstage", Ammann 1992; "Die Mauern sind unterwegs", Ammann 1996; "Gräserstille Einfachheit/Doar Linistea lerbii", Biblioteca Revistei Familia 1999; "Nelkenduftferkel", 1999; "Schattenhangschreiten", 2002; "Hügelzeiten", 2002/2006; "Farbengetuschel", 2004/2006; "Bleistiftgespinste", 2006 (alle im Waldgut Verlag, Frauenfeld)

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