Podium Nr. 147-148 - Antworten

KARIN IVANCSICS

LINKS UND RECHTS IN DIE AUGEN DER MENSCHEN

Der Schulweg meines Sohnes beginnt an der Praterstraße Nummer 42, führt über den Praterstern, die Venediger Au bis zum Max-Winter-Platz. Immer auf den Verkehr achten, heißt es in der Broschüre, die uns von der Schulbehörde mitgegeben wurde, links und rechts schauen. Von der Praterstraße Haus Nummer 42 bis zum Praterstern gibt es eine U-Bahn-Station, gleich neben der Bäckerei und gegenüber der Bank, einen Mc Donalds, eins, zwei, drei Lebensmittelgeschäfte, Zielpunkt zum Beispiel, eine Trafik und einen Drogeriemarkt und ein paar kleinere, nicht so wichtige Läden. Es gibt von der Nummer 42 bis zum Praterstern etwa gleich viele Bettler, die Reviere sind aufgeteilt und abgesteckt. Der eine hat seine Beine verloren und sitzt auf dem Boden auf einer karierten Decke, der andere hat einen verkrümmten Fuß, den er ausstellt bis über die Waden hinauf, auch bei kühlem und nassem Wetter, zwei weitere bilden ein Paar, stellen Mutter und schmutzig-verdrecktes Kind mit ungewaschenen Haaren und ungewaschenen Kleidern dar, sie, die Mutter singt ein Bitteschön, Dankeschön, während ihre Tochter den Kopf in ihren Schoß bettet, oder der vierte ...

Benutze den Zebrastreifen und achte auf die Ampeln! steht in der Broschüre, was wir auch tun. Bewegung ist gut, sage ich zu meinem Sohn, wir gehen lieber zu Fuß als die U-Bahn zu benutzen.

Von den Bettlern ist er leider allzu bald überfordert. Ich bin mit ihm schon in einige ferne Länder gereist, Bedürftige gibt es überall, auf die Frage, wem er etwas geben soll und darf, habe ich bis vor Schulantritt immer geantwortet: "Entscheide selbst, wer dir gefällt, das heißt, achte auf die, die es deiner Ansicht nach besonders vonnöten haben, aber gib vor allem denen etwas, die dir was bieten ..." Unter bieten verstehe ich unter anderem Musik machen, etwas zum besten geben oder verkaufen, aber Kindern bitte niemals, habe ich ihm gesagt, selbst wenn sie dir eine Packung Kaugummi oder einen Blumenstrauß überteuert andrehen möchten, denn, das weiß ich von einem längeren Aufenthalt in Mittelamerika, diese Kinder, weißt du, die dürfen nicht zur Schule gehen und je mehr Geld sie nach Hause bringen, desto schlimmer für sie ...
Das konnte er zunächst nicht verstehen, nach einigen Gesprächen dann aber doch. Kinderarbeit ist verboten, war mein wichtigstes Argument.

Und trotz allem sind wir immer noch nicht einer Meinung. Er möchte, hat er gesagt und darauf bestanden, am liebsten denjenigen etwas geben, die körperliche Probleme haben, denjenigen nämlich, denen zum Beispiel ein Bein fehlt oder so ... "Vielleicht sind die zu traurig, um Musik zu machen?"

Umso schlimmer ist es, tagtäglich auf dieselben zu treffen. Umso schlimmer für mich, mein Prinzip: Schau hin und nicht weg, das ich ihm von jeher vermitteln wollte, durchzustehen. Links und rechts und in die Augen der Menschen?

"Wie sollen wir das machen?" habe ich ihn gefragt. "Zähl mal die Leute und dann zähle das Geld. Wem willst du wann und wie viel geben? Und was bleibt uns am Ende der Woche?" Er zuckte mit den Schultern, "schwierig ..."
Ab Praterstern beginnt etwas anderes. Wir müssen durch den Bahnhof und die Überbrückung der Schnellbahn. Die Alkoholkranken haben sich wegen der Umbauarbeiten ein Stück nach links verzogen und campieren nun vor der neu errichteten Rund um die Uhr-BILLA-Filiale, außerhalb unseres Gesichtsfeldes. Wir müssen also bloß die Taschendiebe umschiffen, die sich hier herumtreiben und an Fahrgäste heranmachen, die in die diversen öffentlichen Verkehrsmittel einsteigen möchten, vor allem zu Messe-Zeiten gibt es ein großes Getümmel und Geschubse um diese auffällig anders, dunkelgrau/schwarz gekleideten Menschen in gebügelten Anzügen, mit Krawatte und aufgesteckten Namenschildchen, die vor der Haltestelle stehen, - ein gefundenes Fressen! Es passiert aber auch an ganz normalen Tagen, etwa als ich meinen Sohn eines unbedeutenden Dienstag-Nachmittags um drei Uhr von der Schule abgeholt habe und ein junger Mann mir ins Auge stach. Erhielt eine zusammengerollte Zeitung in der rechten Hand und prompt, als die Straßenbahn kam, drängte er sich von hinten an einen älteren, etwas beleibten Mann und versuchte ihm die Brieftasche aus der hinteren Hosentasche zu ziehen - trotz vorgehaltener Zeitung konnte ich es genau beobachten - sein Plan schlug jedoch fehl, die Geldbörse saß wohl zu fest ... Jedenfalls sprach ich ihn, nachdem er wieder zurückgewichen war, an. Ich hätte alles gesehen und er solle das besser lassen. Er fauchte mich in gebrochenem Deutsch an, drohte mir in unverständlichen Worten, dann machte er sich in Richtung Bahnhof davon, drehte sich immer wieder um, um sich zu vergewissern, dass wir ihm nicht folgten. Ich bin dann mit meinem Sohn zur nahe gelegenen Polizeistation gegangen, um den Vorfall zu melden und sein Aussehen zu beschreiben: mittelblondes Haar, grün-blau gestreiftes T-Shirt, Jeans, schlank, um die zwanzig. Mein Sohn fand das sehr aufregend, und er fand mich tapfer und mutig. Er hat mich noch einige Wochen später gefragt und gelöchert, ob wir nicht doch noch vorbeischauen sollten um die Beamten zu fragen, ob sie ihn gefasst hätten ... Wenn wir den Bahnhofstunnel hinter uns haben, marschieren wir Richtung Ausstellungsstraße. Biegen links ab zur Venediger Au. An den Ecken stehen jüngere und ältere Frauen, - die ganz jungen, minderjährigen haben stecknadelkleine Pupillen, die älteren umweht eine Alkoholfahne - in kurzen Röcken, manche mit hochhakigen Schuhen oder Stiefeln, und sie warten. "Auf wen?" "Auf ihre Freunde." "Na hoffentlich kommen die bald ..."

Die Autos fahren diesen Abschnitt entlang langsamer. Gehe vorsichtig zum Gehsteigrand, steht in der Broschüre, nimm Blickkontakt zu den Autofahrern auf und warte bis das Fahrzeug steht. Wenn ich meinen Sohn abhole und er neben mir herläuft, bin ich geschützt vor den Anfragen potentieller Freier - und obwohl ich bereits über vierzig bin, könnte man meinen, aber nein, ein paar der Prostituierten aus den Nachbarländern sind anscheinend noch älter und haben sich auch nicht besonders zurechtgemacht, leider?, werde ich angesprochen, - also nehme ich seither eine Einkaufstasche mit und gehe besonders schnell und zielstrebig, das klappt.
An der Ecke zur Ausstellungsstraße gibt es ein Geschäft mit Milchglasscheiben, vielen roten Lichtern und großen, leuchtenden Lettern. Da mein Sohn gerade angefangen hat lesen zu lernen, will er wissen, was EROTIK SHOP VIDEO bedeutet. Eros kommt aus dem Griechischen und ursprünglich war das der Name des Liebesgottes, du weißt ja, die hatten eine Menge Götter, Shop ist das englische Wort für Geschäft. Videos kennt er. Vom Video ist das VI ausgefallen, das heißt die Beleuchtung dieser beider Buchstaben funktioniert nicht mehr, es bleibt DEO übrig. Deo ist die Abkürzung für Deodorant, also Duftwasser, das sprühst du dir unter die Achseln, um gut zu riechen. "Ach, so ähnlich wie deine Parfums und Papas Rasierwasser!" "Ja, genau!" "Also haben sie eine Parfümerie daraus gemacht, für Leute, die sich mögen?" "Mag sein ..."

Wir haben nach einigen Diskussionen einen Plan für die Bettler auf unserem Weg erstellt und uns darauf geeinigt, dass jeder von ihnen an einem bestimmten Tag ein paar Cent bekommt. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Als mein Sohn bemerkt hat, dass diejenigen, denen er am Vortag etwas zugesteckt hatte, wieder die Hand oder den Pappbecher ausstreckten, war er neuerlich überfordert und wusste zunächst nicht, wie er reagieren sollte. Richtig böse wurde er ein paar Wochen später, als einer der Männer, den er bereits kannte und der normalerweise vor der U-Bahn herumstand, in den Mc Donalds hinein kam, und ihm beinahe das Tablett mit den, zugegebenermaßen erkalteten und verschrumpelten, Pommes, "Nix mehr brauchen?", entwenden und vom Tisch ziehen wollte ... "Nein, Mama, das geht jetzt aber gar nicht!" Das fand ich auch und habe ihm von Armenküchen und Stellen erzählt, zu denen Menschen gehen können, um ein warmes Essen zu bekommen.

Wir fahren seither in der kalten Jahreszeit mit der U-Bahn, linksherum, auch wenn wir dabei stinkende und zugemüllte Telefonzellen, in die manchmal hineingekotzt wurde, in Kauf nehmen. Bei mildem Wetter nehmen wir den Schleichweg rechtsherum, der zwar länger dauert, jedoch stressfrei verläuft. Wir durchqueren ein kurzes Stück Prater, schräg an den Bussen vorbei, die sowohl normale Touristen als auch - aber das hat er bis jetzt nicht gesehen, beziehungsweise habe ich nicht seinen Blick darauf gelenkt - unsere Praterstraßen-Bettlerformation am Parkplatz ausladen und abends wieder einsammeln.
Eine Antwort darauf muss ich mir noch überlegen.



Karin Ivancsics, geboren 1962, lebt in Wien und im Burgenland. Nach dem Studium Mitarbeit in Verlagen und diversen Kultureinrichtungen, seit 1994 freie Schriftstellerin. Buchveröffentlichungen u.a. Aufzeichnungen einer Blumendiebin, Wanda wartet (beide im Ritter Verlag), Süß oder scharf (Bibliothek der Provinz).

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