Beppo Beyerl
Der Rudl
Rudl hat höchstens zwei Monate seines Lebens gearbeitet und die
restliche Zeit war er arbeitslos, weil das, wie er seinen Kollegen von
der Freitag-Saunapartie erklärte, eine noch größere
Arbeit ist.
Für diese diffizile Lebensplanung braucht man schon eine gehörige
Portion Intelligenz. Rudl rekrutierte diese natürlich nicht zum
Erfassen der sozialen Situation im Allgemeinen, sondern zum flexiblen
Ausnutzen des Sozialsystems im Besonderen, was sowohl dessen genaue
Kenntnis als auch eine gewisse laxe Grundhaltung voraussetzt. Mit seiner
sozialen Intelligenz, die ihm der Staatsanwalt beim Plädoyer anstandslos
zugestand, hätte er locker und anstandslos glücklich und zufrieden
bis ans Ende seiner Tage leben und jeden Freitag Abend mit der Herrenrunde
in die Amalienbadsauna gehen können. Doch ätsch, kein Glück
hält ewig, denn sein, wie der Verteidiger beim Prozeß meinte,
gacher Jähzorn trat auf den Plan seiner Lebensgestaltung und brachte
das Konzept um die Früchte des mühsamen Erfolges. Mit dem
gachen Jähzorn meinte der Anwalt natürlich nicht die aus der
Hüfte geschlagenen Watschen, die der Rudl tagtäglich seiner
ihm angetrauten Gattin verabreichte. Um eine gesunde Watschen macht
man nicht viel Aufhebens im Wiener Vorort Favoriten, und niemand, am
allerwenigsten seine ihm angetraute Gattin, wäre auf den Gedanken
gekommen, den Polizisten gegenüber von der gestreckten Gachen auch
nur den Ansatz zu erwähnen.
Im Gegenteil, der Rudl machte sich beliebt im Gemeindebau, weil er auf
den Parteiversammlungen der Sozialdemokraten im richtigen Moment Bravo!
rief, und als er einmal "Alleweil gegen die Kleinen" im tiefsten
Slang von Favoriten brüllte, da fielen die ihn bewundernden Blicke
der 80jährigen Omamas auf seine grimmige Gestalt.
Selbst die Tatsache, daß er mit der kleinen Tochter seiner Gattin
lustige Filme drehte, wenn seine Gattin in der Arbeit war, und diese
lustigen Filme um ein Heidengeld an gewisse Kunden verkaufte, brach
sozusagen keinen Ast aus dem Baum seiner verzweigten Karriere. Seine
Gattin wußte ja nichts von den lustigen Filmen, und wenn sie etwas
gewußt hätte, hätte sie - sagen wir es ehrlich - geschwiegen
wie ein Grab.
Der Rudl waltete nämlich als Herr im Haus, auch wenn das Haus eine
mehr oder weniger geräumige Gemeindebauwohnung in Favoriten war.
Schließlich schaffte er es kraft seiner im Prozeß amtlich
festgestellten sozialen Intelligenz, zur Begleichung der Miete der Gemeindebauwohnung,
die samt Einrichtung aus wohlfeilen Gründen seiner ihm angetrauten
Gattin gehörte, wodurch etwa weder der Fernseher noch der mit Bierdosen
gefüllte Kühlschrank gepfändet werden konnten, sowohl
vom Bund als auch von der Gemeinde eine Förderung zu erhalten,
deren Gesamtsumme die von seiner Frau gezahlte Miete um das Dreifache
überstieg.
Doch Schwamm drüber. Sein Unglück begann, als seine im Hof
spielende Ziehtochter einen Fauxpas beging, wie der Verteidiger beim
Prozeß ausdrücklich feststellte, und mehrmals an der Haustür
klingelte, obwohl die Tür nicht abgeschlossen war. Wütend
drückte der Rudl auf den Knopf der Gegensprechanlage, noch wütender
rannte er die Stiege hinunter, lachend lief ihm das kleine Mädchen
im ersten Stock entgegen, da bückte er sich gach zu ihr hinunter
und würgte sie noch gacher. Als sie keine Lebenszeichen von sich
gab, waren sechzig Sekunden vergangen. Sechzig Sekunden, stellte der
Gerichtsgutachter fest, genau eine Minute haben Sie die Kleine gewürgt,
und der Rudl wird Zeit seines Lebens nie erfahren, mit welchen Methoden
der Mediziner die sechzig Sekunden eruierte und wieso er nicht auf vierzig
oder dreiundachtzig kam.
Das also war es, was die Herren aus der Freitag-Saunapartie und sein
Verteidiger später als Jähzorn bezeichneten. Natürlich
muß festgestellt werden, daß die Kleine ein ausgesprochener
Fratz war. Wollte sie doch ihren Stiefvater reizen, vielleicht ihn zur
Weißglut treiben, vielleicht zu einer Untat provozieren. Aber,
so meinte der Ernstl noch vor dem ersten Aufguß, aber gleich umbringen?
Wenn eine Tracht Prügel genügt hätte?
Indes kam der Rudl nicht zum Verschnaufen, weil er ja die Kleine nicht
im ersten Stock des Stiegenhauses zurücklassen konnte. Flugs packte
er sie mit beiden Händen und trug sie noch flugser in das Kellergeschoß
des Gemeindebaus. Dort deponierte er die Abgemordete in einem leerstehenden
Abteil, in dem außer einem amtlichen Zettel, der auf die Streuung
von Rattengift hinwies, das nicht in die Hand und noch weniger in den
Mund von Kleinkindern geraten sollte, noch Reste von längst ausgetrockneten
Orangeschalen lagen, die auf einem weder vom Rudl noch von den Kriminalbeamten
zu eruierendem Weg im tiefen Kellerloch gelandet waren.
Nach der Verstauung der Umgebrachten rannte er wieder in die Wohnung
hinauf, um die lustigen Filme in einer absperrbaren Lade zu verräumen,
da seine ihm angetraute Gattin gegen 18 Uhr nach Hause kommen sollte.
Sie arbeitete in einem Frauenprojekt für langzeitarbeitslose Frauen,
in das sie vom Arbeitsmarktservice zwangsvermittelt worden war, und
wurde von ihrem Mann und Gebieter gegen die Projektleiterinnen aufgehetzt,
wo doch auch der Ernstl schon beim Umziehen zu behaupten pflegte, daß
eine Frau bekanntlicher Weise nichts anschaffen kann.
Yvonnee - so hieß die Gattin, wobei der Rudl ihren Namen bevorzugt
auf der dritten Silbe betonte, also Yvonnee zog nach ihrer Heimkehr
eine cremige Falte auf ihrer Stirn und wackelte mit den Zehenspitzen
in ihren High-Heels: die Kleine nicht im Badezimmer, die Kleine nicht
im Wohnzimmer, die Kleine nicht im kleinen Zimmer.
Äußerst klug erklärte der Rudl, daß die Kleine
nicht nach Hause gekommen sei, und noch klüger setzte er hinzu,
daß er in Anbetrachtung der ernsten Situation selbstverständlich
auf den heutigen Besuch der Saunarunde verzichten werde. Und weiters
fügte er hinzu, daß gerade heute ein echter Karl stattfinden
werde; schließlich habe der Ernstl das letzte Mal seinen, also
Rudls rechten Badeschlapfen im Wassereimer versenkt und heute hätte
er, also der Rudl, vorgehabt, das Badetuch des Ernstl unter die glühenden
Kohlen zu tauchen.
Um 19 Uhr zog die Yvonnee die gesamte Stirn in cremige Falten und richtete
sich die Pumps her, weil sie vollends aus den High-Heels zu rutschen
begann: von der Kleinen keine Spur. Als symmetrischen Beweis seiner
Zuneigung faltete der Rudl ebenfalls seine Stirn in breite Falten, da
er ja nur schwer aus seinen Doc Martens schlüpfen konnte. Schnell
schnallte die Yvonnee die Pumps um ihre Füße und machte sich
auf die darinsteckenden Socken, da sie noch zu vier Spielplätzen
klappern und zu zwei Bekannte trippeln wollte.
Der Rudl wartete indessen zu Hause auf die Kleine. Kurzfristig verlor
auch er ein bißchen seine Gleichgültigkeit. Fiel ihm doch
ein, daß mit der Abmurksung der Kleinen auch sein einträgliches
Filmobjekt für immer von dieser Welt verschieden war. Die Entscheidung
über die Suche nach einer neuen Einnahmequelle verschob er auf
später, da er im Moment eigentlich andere Sorgen hatte.
Als die schluchzende Yvonnee barfuß zurückkehrte und die
Pumps in den spitzlackierten Fingern balancierte, ergriff der Rudl ihre
Hand und erklärte, die Suche nach der Kleinen nun selbst in seine
Hand nehmen zu wollen. Sicher kann man ihm das aus der Sicht der späteren
Ereignisse als Fehler vorhalten, aber nachher sind immer alle gescheiter.
Indes weiß ein Mann, was er will. Also verständigte er mit
dem Handy die Polizei, und als die vom Steigen der Treppe noch schnaufenden
Polizisten in Kenntnis der räumlichen Situation in den Gemeindebauten
nach stillen Winkeln und toten Gängen fragten, da erzählte
er den Polizisten von einem Kellerabteil, in dem angeblich ein paar
Orangenschalen verrotteten.
Gehen wir wieder runter, meinte einer der beiden Polizisten. Selbstverständlich
öffnete der Rudl eigenhändig die Tür des Kellerabteils,
um sich beim Anblick der Umgebrachten erschreckt umzudrehen. Die Psychologen
argumentierten während des Prozesses, daß der Rudl einem
zur Selbstzerstörung, vielleicht auch zum Masochismus tendierenden
Täterprofil entspreche und daher dieser unbewußten Veranlagung
folgend sein Verbrechen absichtlich der Entdeckung preisgeben wollte.
Als der gerufene Arzt mit der Taschenlampe auf die Erwürgte leuchtete,
da erwähnte der Rudl die Sandler, die im Hof ihr sogenanntes Unwesen
trieben. Und als der Arzt die Todeszeit mit 16 Uhr bestimmte, da fiel
dem Rudl ein, daß er vom Küchenfenster seiner Gemeindebauwohnung
zwei Ausländer gesehen hatte, die kurz vor 16 Uhr in den Hof geschlichen
waren. Wieso wissen Sie, daß das Ausländer waren? fragte
im Prozeß der Staatsanwalt. Das erkannt man doch bei uns im Gemeindebau,
antwortete der Rudl. - Woran? - No an der Farbe. Das waren nämlich
Neger.
Am Tag nach der Leichenfindung hetzte schon die Lieblingszeitung aller
Gemeindebauhöfe auf die kriminellen Farbigen, die eigentlich Neger
hießen, und am übernächsten Tag konnte man in einem
Leserbrief erfahren, daß der Verfasser des Briefes in einem Lokal
einem schwarzen Blumenverkäufer die betreffende Seite mit dem Titel
"Farbige als Kindesmörder" unter die Nase gerieben und
sodann versichert hatte, bei Negern keine Blumen mehr kaufen zu wollen.
Indes kannten die beiden Polizisten ihre Pappenheimer. Der Mörder
mußte aus dem Gemeindebau kommen, überlegten sie, vielleicht
sogar aus der bewußten Stiege, sonst hätte er die Leiche
nicht gezielt im einzigen leeren Kellerabteil deponieren können.
Sie konstruierten für alle Bewohner der bewußten Stiege sogenannte
Zeit-Weg-Diagramme; nur einer hatte um 16 Uhr eine große Lücke.
Da sie zudem der penetrante Übereifer des Rudl mißtrauisch
gemacht hatte, ließen sie sein Vorstrafenregister ausheben. Sie
holten aus dem Automaten zwei Bierflaschen und prosteten einander zu,
als sie zum ersten Mal im Register blätterten. Es erübrigt
sich zu erwähnen, daß die Beamtin des Sozialamtes niemand
verständigte.
Sie habe niemandem Schwierigkeiten bereiten wollen, sagte die Beamtin,
als sie haarscharf einer Dienstaufsichtsbeschwerde entging, weil sie
die ihr bekannte Vorliebe des Rudl für eine ordentliche Tracht
Prügel weder der Polizei noch ihrem Vorgesetzten gemeldet hatte.
Als in den Würgemalen der Kleinen Hautspuren des Rudl gefunden
wurden, verhafteten die Polizisten den Rudl.
Beim Prozeß erklärte der Verteidiger, daß der Rudl
abnormal veranlagt sei, weil er nie etwas gearbeitet habe und so an
Mindertigkeitskomplexen litt, die durch das Läuten an der Tür
im Sinne eines double-bind Effektes suggestiv aktiviert wurden. Der
Gutachter attestierte dem Rudl völlige Zurechungsfähigkeit
im Allgemeinen und zur Tatzeit im Besonderen. Der Staatsanwalt bekundete
im Plädoyer, daß der Rudl kraft seiner sozialen Intelligenz
es schaffte, Frauen, Gesetze und Sozialstrukturen auszunutzen. Die Richterin
ließ vom Gerichtsdiener eine Puppe genau sechzig Sekunden lang
würgen. Die Geschworenen befanden auf schuldig. Der intelligente
Rudl muß die nächsten zehn Jahre hinter Gittern verbringen.
Seither überlegt die Yvonnee, die sich von nun an auf der zweiten
Silbe betont Yvonn rufen läßt, ob sie mehr über den
Verlust des Kindes oder den des Mannes trauern soll. Drei Tage nach
der Urteilsverkündung brach sie ein versperrtes Holzkasterl auf
und fand dort fünf unbeschriftete Video-Kassetten. Da ihr Videorecorder
gepfändet wurde, weil sie die Rechnungen des Versandhauses für
die neuen Plateau-Stöckler nicht bezahlen konnte, warf sie die
Kassetten kurzerhand in die Mülltonne im Innenhof des Gemeindebaus.
Die Saunakollegen wollen den Badeschlapfen des Rudl, den sie im Wassereimer
gefunden hatten, zehn Jahre lang in Ehren halten und auf ein entsprechendes
Hakerl in der Saunakabine hängen.
Und der Rudl überlegt in dem vier mal drei Meter großen Raum,
was er nun wirklich falsch gemacht hat.
Beppo Beyerl, geb. 1955 in Wien. Slawistik-Studium. Lebt als freier Autor
in Wien. Zahlreiche Bücher, u.a.: Thaya (Edition Doppelpunkt, Wien
2002); Die Benes-Dekrete (Promedia Verlag, Wien 2002); Ausg'steckt is'
- Der Wiener Heurigenführer mit Esprit; Als das Lügen noch geholfen
hat. Roman (beide Molden, Wien 2007).