Podium Nr. 145/146 - Farben

Heinz R. Unger

Wie ein Vogel im Wald

Am Abend des Lebens,
als die Zeit drängender wurde,
flog sein Pinsel wie ein Falke
über die Leinwände,
drückte er seine Farben
ungemischt aus den Tuben,
warf er ein Bild um das andere
aus seinem Dunkel heraus.
Alternde Faune und lockendes Fleisch,
ein Akt nach dem andern,
immer neue Umschlingungen …
Wie ein Vogel im Wald,
der sein Revier zwitschernd umgittert,
immer und immer wieder:
Picasso! Picasso!

*

Heinz R. Unger, geb. 1938 in Wien. Bis 1959 Schriftsetzer, danach Verlagshersteller, Werbetexter und Journalist, seit 1969 freischaffender Schriftsteller: er verfasste Lyrik, Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Lieder und Libretti. Autor der von der Gruppe Schmetterlinge vertonten und aufgeführten Proletenpassion, sein bekanntestes Theaterstück ist Zwölfeläuten (1985). Weitere wichtige Werke sind u.a. der Gedichtband Odysseus, an den Mast geschnürt (1992), der Roman Karneval der Götter (1999) und seine Stücke Orfeus und Eurydike und die Glasperlenindustrie (1977), Heut Abend tanzt Lysistrate (1979), Hoch hinaus (1987), Ein Versteck im 20. Jahrhundert (1994) sowie die Kinder- und Jugendbücher Flügel hat mein Schaukelpferd, Rosalinde im Spiel der Winde, Kellerkind und zahlreiche Hörspiele. 2006 erschienen bei Haymon (Innsbruck) die Reisegedichte In der verkehrten Welt. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur (1990).

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