Franz Hütterer: Heldendämmerung
I
Meine Helden waren nicht die Herrscher und Staatsmänner. In meiner
Familie gab es keinen überzeugten alten Faschisten, keine Hitlerbegeisterten,
aber mehrere Tote. Der Großvater gefallen in Russland, der Großonkel
gefallen in Afrika, der Urgroßvater, auf dessen Hof die Familie
der Mutter lebte, länger in Gefangenschaft. Mit dem Urgroßonkel,
der Ortsgruppenleiter gewesen war, hatte man kaum Kontakt. Der Krieg
hatte nur Elend hinterlassen, keine Begeisterung, auch keinen Revanchismus.
Ich begeisterte mich nicht für die Helden der Wirklichkeit, nicht
für die Gefallenen auf den Kriegerdenkmälern, nicht für
die Generäle, Herrscher und Staatsführer.
Mein Reich war die zeitlose Landschaft der Sagen und Mythen.
Ich durchlebte die Kämpfe des Siegfried, ersann die Listen des
Odysseus, erstürmte Troja, focht bis zum Umfallen mit Roland gegen
die Mauren und blies das Horn Olifant, um das Heer Karl des Großen
zurückzuholen.
Ich schlug den Drachen den Kopf ab, pfählte die Vampire, rettete
bedrängte Siedler Seite an Seite mit Winnetou und Old Shatterhand
und rannte im Garten mit Holzschwertern und Gewehren herum, meinen Kapselpracker
liebte ich. Sigurd, Falk, Bodo, Akim, Tarzan, Tibor waren meine Freunde.
Ich war Einzelkind.
II
Sportler schoben sich in den Mittelpunkt des Interesses. Traudl Hecher,
Toni Sailer, Egon Zimmermann, Karl Schranz, Molterer, Haas. Schifahrer,
Eisläufer, Fußballer. Viehböck, Sturmberger, Köglberger,
die legendäre Mannschaft des LASK. Studium von Tabellen und Berichten,
regelmäßige Updates der Information durch "Sport und
Musik", Sammelkarten als Schätze, Jubeln vor dem Fernseher.
Besonders gefielen mir die unerreichbarsten Sportarten: Eishockey und
Stabhochspringen.
In Ilona Gusenbauer bin ich verliebt, jung, blond, eine Spitzensportlerin,
Weltklasse-Hochspringerin. Von Liese Prokop lasse ich mir ein Zirkeltrainingsprogramm
zuschicken und trainiere hinterm Haus verbissen: Klappmesser, Liegestütz,
Klimmzüge, Kniebeugen, Rumpfkreisen, Armkreisen, Laufen am Stand
usf.
Als Marc Spitz 8 Medaillen gewinnt, schwimme ich 3x in der Woche 2 km
im Gloggnitzer Alpenbad.
Sportler werde ich nicht, aber ich kann überall mitreden.
Sportkommentator statt Mittelstürmer. Beginn einer Parodistenkarriere.
III
Kein Vorbild der Vater, zu schwach. Er demonstrierte mir nur, dass man
sich gegen die Mutter nicht durchsetzen kann, flüchtete in den
Suff, die Krankheit, die Frühpension, den frühen Tod. Starb
unauffällig, wie er gelebt hatte, nach einigen Magenoperationen.
Er zeigte mir nur, wie man sich entzieht.
"Waren Sie ihm nie böse, hatten Sie nie einen Hass auf ihn",
sagte der Analytiker, "dass er so gar kein Vorbild für Sie
sein konnte."
Nie wäre ich auf diesen Gedanken gekommen. Ich liebte ihn sehr.
Dass alles ambivalent sein könnte, war mir damals noch nicht bekannt.
"Er war nicht der Herr im Haus, sondern der Hausknecht", sagte
der Analytiker. Das tat weh, weil es richtig war. Der Vater war Knecht
und Kind. Er lieferte sein Gehalt ab und bekam ein Taschengeld für
die Zigaretten, die Mutter verwaltete das Geld, die Mutter drängte
auf Anschaffungen. Die Mutter war die treibende Kraft. Allen Neuerungen
begegnete der Vater erst einmal mit zähem Widerstand, mit passiver
Resistenz. Die Mutter ließ aber nicht locker, das Auto wurde gekauft,
die Landwirtschaft aufgelöst, er wechselte in die Fabrik, weil
es die Mutter so wollte und er von da mittags zum Essen heimfahren konnte.
Der Vater tat, was zu tun war, er reparierte alles, er baute um. Er
arbeitete den ganzen Tag, er pfuschte, er spielte mit mir. Als Modell
für Tatkraft, Entscheidungsfreude und Durchsetzungsvermögen
taugte er nicht.
Der Vater war kein Vorbild. Ich hatte andere.
IV
Albert Schweitzer beeindruckte mich, Bertha von Suttner, Gandhi und
Martin Luther King, später sollte ich aufgrund ihrer Schriften
den Wehrdienst verweigern. Es war kein Widerspruch, dass ich bei meinem
ersten Aufenthalt in London eine alte, offenbar getragene US-Army-Jacke
kaufte und auf ihr den Peace-Sticker trug und das Palästinensertuch.
V
Als "Arbeiterkind" - eines der wenigen in allen linken Gruppen,
die ich kennenlernte - hatte ich mich nie als besonders arm empfunden,
ich war daran gewöhnt, wenig Geld zur Verfügung zu haben.
Hier ging es um Größeres, um die "Klasse", um den
Konnex von Erster Welt und Dritter Welt. Meine Position war auch irgendwie
christlich.
Ungleichheit verletzt die Menschenwürde, ich wollte was dagegen
tun.
Die Argumente der Revolutionäre in der Geschichte und Gegenwart
leuchteten mir auf Anhieb ein. Erst hing das Poster von Marx an der
Wand, dann das von Che, daneben die Staeck-Plakate. "Arbeiter!
Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen. Eure CDU" lautete
einer der Sprüche. Ich las Wallraff, linke Autoren wurden zu Wahlverwandten.
Spartakus bewunderte ich. Mit Wehmut las ich später bei Arthur
Koestler nach, warum dieser Aufstand scheitern musste. Über die
Freisetzung von Gewalt in einer Revolution dachte ich nicht nach, die
Herrschaft von Robbespiere erschreckte mich.
VI
Bruno Kreisky kam. Eigentlich ein Zentrist, nur ist keiner seiner Nachfolger
mehr so weit "links" gewesen. Eine Figur, die strahlte, an
der man sich reiben konnte, der Sonnenkönig, der Medienkanzler,
der Anekdotenerzähler, immer für eine Pointe gut. Durchaus
autoritär war er, auch im engsten Familienkreis, später lernte
ich seinen Sohn kennen, der gegen Nixon in Salzburg demonstrierte. Das
imponierte mir sehr. Auf das AKW Zwentendorf versteifte er sich unverständlicher
Weise. Man könnte verschiedene Fehler aufzählen. Die Jungen
in der Partei stutzte er zusammen, aber er diskutierte immerhin mit
ihnen. Ein blendender Redner, Jude, dabei Agnostiker, Zeitzeuge, gevift,
belesen, intelligent. Immer wieder spannend seine Interviews und Fernsehauftritte.
Unvergessen, wie er in einer Diskussion ÖVP-Obmann Taus zur Schnecke
machte, eine Schule der Rhetorik.
Ohne es angestrebt zu haben, hatte ich in dieser Zeit begonnen, mich
mit Politik zu beschäftigen. Erst als Studentenvertreter, dann
als Kabarettist. Kreisky war ein dankbares Objekt der Parodie. Ich studierte
ihn, hörte genauer hin. Ich wollte nicht nur den Tonfall treffen,
sondern die Haltung dahinter, in den geschickt verschachtelten Sätzen
den Widerspruch freilegen. Kreisky lohnte die Beschäftigung, während
spätere Parodievorlagen immer eindimensionaler und flacher wurden.
Seine Nachfolger waren, wie ich auf der Anglistik gelernt hatte, "flat
characters", bestenfalls Typen, Kreisky ein "round character",
ein vielschichtiger Charakter.
Einmal sagte er: "Obszön ist für mich nicht ein nackter
Mensch, sondern die ordensgeschmückte Brust eines Generals."
Das gefiel mir sehr, auch wenn sich später herausstellte, dass
das Zitat von Marcuse war.
VII
Die Kriegsbegeisterung hatte mir der Stiefgroßvater ausgetrieben.
Er war kein Veteran, kein Verteidiger, kein Vertuscher, kein Verherrlicher,
kein Verschweiger. Er war im Krieg gewesen und zurückgekehrt voll
Hass, auf den Krieg. Er wollte nichts hören von Heldenhaftigkeit
und dem Sinn des Sterbens fürs Vaterland. Von der Angst hatte er,
manchmal nur, widerwillig, geredet sowie davon, dass die größten
Verbrecher im Oberkommando der Wehrmacht gesessen waren.
Da gab es also Helden, fand ich heraus, den Attentäter Georg Elsner,
Jägerstätter, den Fliegergeneral Udet, die Männer des
20. Juli, die Leute der Resistance und des Überlebenskampfes in
den KZs. Ich lernte Zeitzeugen kennen, Jahre später, hörte
Rosa Jochmann reden, Hindels, große alte Sozialisten und Kommunisten,
las die Bücher der Überlebenden aus den Lagern.
VIII
Zunehmend wurden meine Helden aber die lustigen Figuren. Die listigen,
goscherten Schlitzohren. Mit einer guten Goschn die todernste Ordnung
der Diktatur unterlaufen, das gefiel mir, das interessierte mich. Der
Schwejk, der Bockerer und ihr Ahnherr: der Eulenspiegel.
Ich war auf den Narren gekommen.
Schon als Kind, im Reichenauer Kurtheater sitzend und die Operetten
der St. Pöltener Bühne verfolgend, waren mir die Haupthandlung
und ihre Helden weitgehend wurscht geworden, ich wartete auf den Auftritt
des Komikers. Er hieß Hans Fretzer und war der Direktor, was mich
beeindruckte. Im Zirkus wartete ich auf die Clowns, in den Theaterstücken
auf die Diener. Die Nebenfiguren wurden zu den Hauptfiguren für
mich. Wir sahen viele lustige Filme, in denen die Garde der österreichischen
Komiker spielte, die auch im Simpl auftraten und in Silvesterrevuen.
Hans Moser konnte ich immer und immer wieder hören. Der Schmäh
nutzte sich nicht ab, nicht einmal in derselben Nummer.
Die Filme von Chaplin sah ich leider erst später, die Sketches
von Valentin haben mich, wie später die Szenen von Polt und von
Zimmerschied, verändert.
IX
Ich stieß auf Kischs verdeckte Recherchen, Max Winters Reportagen
über das Proletariat des Kaiserreiches, Günter Wallraffs Industriereportagen
und seine Undercover-Aktion bei der Bildzeitung, Informationen gewürzt
mit politischer Clownerie. Dabei ging er an die Grenzen: Er ließ
sich unter der griechischen Junta in Athen anketten, um internationalen
Protest auf die Zustände in den dortigen Gefängnissen zu ziehen,
kontaktierte Waffenhändler in Portugal und lieferte andere Husarenstückerln.
Über Wallraff schrieb ich meine Hausarbeit mit 600 Fußnoten
bei einem konservativen Professor. Bei aller gebotenen Wissenschaftlichkeit
war er ein Held für mich, mit dem ich mich identifizierte. Eine
Freude, wenn ich einen Artikel von ihm im KONKRET entdeckte, ihn im
Fernsehen sah oder las, dass er wieder einen Prozess gewonnen hatte,
der gegen ihn angestrengt worden war.
X
Dann kamen die Clowns, die neuen, wilden, die anderen Clowns. Jango
Edwards und Johnny Melville, Vitasek, das Festival of Fools. Einer von
ihnen war deutscher Kleinkunstpreisträger und hieß Franz
Josef Bogner. Ich studierte seine anarchischen Abende, besuchte seine
Workshops, beteiligte mich an Stegreifkabarett, schaute, lachte und
lernte. Er machte mich zum "Regieassistenten".
Noch heute, nach 20 Jahren, fallen mir Sätze, Gesten, Tonfälle
ein, Bogner war ein Grundsteinleger.
XI
Immer war ich vorsichtig in meiner Verehrung. Personenkult schien mir
lächerlich, unnötig, verdächtig. In diesem Punkt bestand
zwischen Hitler und Stalin kein Unterschied. Klar war: Kein Mensch ist
ein Gott und Gott existiert nicht. Wenn etwas heilig gesprochen wird,
regt sich in mir die Spottlust. Als erstes verbieten Diktatoren nach
der Machtübernahme die Freiheit der Rede und die Satire. Als zweites
übernehmen sie die Kabaretts. Was sich nicht gleichschalten lässt,
bringen sie um, so oder so.
XII
Nie verstand ich, wie das Idol Hitler funktionieren konnte.
Bald begann ich, in den Bildern der Dokumentationen, in den alten Wochenschauen
nicht mehr auf Hitler zu achten, sondern nur auf die Reaktion der Zuhörer.
In den Bildbänden suche ich nur mehr den Widerschein des Ideals
Hitler im Auge des "kleinen Mannes" und der Volksgenossin,
die ihn vergöttert.
Die Ich-Stärke von Millionen verschwand in der orgiastischen Masse.
Wer sich darauf nicht einschwang, konnte es nicht empfinden, konnte
es nicht glauben. Kurt Tucholsky z.B., der ein Jahrzehnt gegen die Nazis
anschrieb, kann diese Begeisterung nicht begreifen und sagt mit fremdem,
verwundertem Blick: "Der Mann ist hohl."
XIII
Ich dachte immer: die sterben irgendwann aus. Irgendwann löst sich
das Problem mit den alten Nazis, den Überzeugungstätern, den
Hitlerverehrern biologisch. Was sollte ein junger Mensch an dieser Kreatur
finden? Ich habe mich leider geirrt. Immer noch sagen Jüngere:
"Es gherat a klana Hitler her!"
Der Führer ist gegangen.
Das Vorbild ist geblieben.
XIV
Sheldon B. Kopp, einer meiner spirituellen Lehrer, sagt: "Es gibt
keine großen Menschen. Wenn du einen Helden hast, sieh noch einmal
hin: Du hast dich selbst irgendwie kleiner gemacht."
XV
Aus der Froschperspektive betrachtet erscheinen sie alle groß!
Beliebt ist die Untenaufnahme, imposant das markante Gesicht des Diktators,
wuchtig, den Weg weisend, die Hände in die Zukunft deutend, Entschlossenheit
im Blick, Entschlossenheit im Körper, aufblicken soll man zu ihnen,
buchstäblich aufschauen: Führer befiehl, wir folgen
Die kleinen Tricks der großen Männer:
Die Uniform mit den breiten Schultern, das Gesetz, dass kein Großer
neben ihnen stehen darf - es sei denn ein Bodyguard -, das unsichtbare
Podest hinter dem Rednerpult, die Plateausohlen, mit denen sie größer
sein wollen. Früher beliebt: der Herrscher zu Pferd, und natürlich:
der Sitz auf dem erhöhten Thron.
Warum nur sind so viele große Männer der Geschichte so klein?
XVI
Unvorstellbar der Stalinkult, unvorstellbar der Schock über das
Erscheinen des Archipel Gulag. Die erbitterte Leugnung der Tatsachen,
die Solschenyzin beschrieb, durch unsere moskautreuen Kommunisten. Der
sofort einsetzende Verteidigungsreflex, der jedes dialektische Denken
außer Kraft setzte. Lauter Agenten des Westens, der CIA wahrscheinlich,
lauter Klassenfeinde.
Dass sie früher in der Partei des Proletariats gearbeitet hatten,
umso schlimmer.
XVII
Meine Helden sind die großen Gescheiterten der Geschichte: Spartakus,
Danton, Trotzki, Rosa Luxemburg.
Und was, wenn Trotzki gewonnen hätte? Der eiskalte Engel im Panzerzug,
der die Matrosen von Kronstadt niederkartätschen ließ?
XVIII
Nicht mehr Artus, sondern Merlin.
Nicht die Herrscher, sondern die Zauberer. Nicht die Zauberer, sondern
die Sänger wurden die Vorbilder. Die Magier der Worte, die Dichter.
Immer mehr Pfade taten sich auf in die Wortwelt, ins Gegenreich.
XIX
Jacques Prevert war der erste. Seine Lyrik löste in mir den Widerhall
von Gedichten aus. Die Bilder, die Sprache, modern aber geheimnisvoll,
öffneten die Pforte. Es folgten Trakl und Kästner. Monatelang
schrieb ich im Kästnerton, im Metrum seiner Gedichte. Dann entdeckte
ich Brecht. Noch klarer, raffinierte Einfachheit, eine Stilschule.
Sätze, die mich heute noch begleiten: "Realismus ist kein
Stil, sondern eine Haltung zur Wirklichkeit." Der Hang zum Spruch,
zur Pointe. Ziel: noch knapper werden.
Tucholsky kam hinzu, lebenslanger Gefährte, Bachmann, Heli Deinboek,
später dann Fried.
XX
Die Beatlemania blieb mir fremd. Schon weil ich keinen Plattenspieler
hatte.
Die Stones wurden auf Österreich Regional nicht gespielt.
Über die Uni geriet ich an die Liedermacherszene. Weckers "Gestern
hams den Willy daschlogn" verfolgte mich lang. Das ATLANTIS tat
sich auf, der Verein kritischer Liedermacher VERKL, das VOLKSSTIMMEFEST,
die Arena-Besetzung, die Anti-Zwentendorf-Kampagne, immer begleiteten
die Liedermacher die Aktionen, immer saß Kurti Winterstein auf
einem Busdach und sang ein aktuelles Lied.
DIE SCHMETTERLINGE halfen mit, mich politisch zu sozialisieren. Die
Proletenpassion erklärte die Geschichte, die Verdrängten Jahre
den Faschismus. Mehr als einmal saß ich in einem dunklen Raum
und es rieselte mir über den Rücken, der Kopf wurde freier
und heller, ich geriet in eine Trance und Klarsichtigkeit, weil sie
einen Ton getroffen hatten in mir, ganz tief drinnen, einen Ton in meinem
Kern.
Dort, nicht im Ort, aus dem ich kam, und in der Gasse, in der ich wohnte,
war für mich Heimat.
XXI
Gestern ist "der Bronner" gestorben.
Er hat mich geprägt. "Den Qualtinger" hab ich geliebt.
Das änderte sich auch nicht, als ich draufkam, dass die besten
Qualtingersongs der Bronner geschrieben hatte. Bronner war immer ein
Reibebaum, ein Polarisierer. Seine flapsigen Sager über die politischen
Liedermacher hielt ich für Schwachsinn. Da begriff einer die neue
Zeit nicht mehr.
Das stimmte nicht. Er begriff, was sie sagten, er wollte bloß
nichts mit dem Kommunismus zu tun haben.
Weil nach dem Eden-Lied ein Minister zurückgetreten war, galt Bronner
als scharf. Die meisten Nummern sind es nicht, berühmt wurde er
mit den unpolitischen Liedern. Aber ich kann mich nicht satthören
dran. Auch den "Guglhupf" hörte ich gern, obwohl er oft
so
dahinplätscherte und mir die Klaviermusik zu altbacken
war. Bronners Stimme ist mir im Ohr, wie die von Günter Schifter,
von Hugo Portisch und Alfons Dalma. Sie prägten sich ein, zum Parodieren.
Der alte Bronner auf der Bühne war ein Erlebnis. Die unglaubliche
Coolness, mit der er die oidn Hadern spielte, verschmitzt, mit Freude,
als ob er sie zum ersten Mal vortragen würde. Er erinnerte mich
an Dave Brubeck, wie er - weit über 70 - "Take Five"
spielt.
Rührend war Bronners Auftritt bei den Leopoldstädter Kulturtagen,
wo er gemeinsam mit Otto Tausig auftrat, wie die beiden 83-jährigen
zerbrechlich auf die Bühne zugingen und dann mit großer Kraft
zu singen und spielen begannen, das war sehr schön.
XXII
Qualtingers Widerspenstigkeit, die Wucht des Widerspruchs, die Heftigkeit
der Selbstzerstörung, die Lesungen aus "Mein Kampf" und
aus den "Letzten Tagen der Menschheit", die Nuancen von Nuancen
in seinem Stimmregister, der Hass, mit dem er am Scheiterhaufen im "Namen
der Rose" den Inquisitor anschreit: "Der Teufel, dem ich abschwöre,
seid Ihr, Bernardo Gui!"
Dieser letzte Satz von Helmut Qualtinger in einem Film, das letzte Bild
seiner Arbeit, das hat mich erschüttert, ja, das ist ein Vorbild.
Ohne Wenn und Aber.
XXIII
Aber was weiß ich über den Menschen Qualtinger jenseits der
Anekdoten seiner Freunde und Feinde? Welche haarsträubenden Aussprüche
hat er vielleicht im Suff, nachts um drei im Kreis der Freunde und Bewunderer
im "Gutruf" getan? Welche Leichen hat er im Keller, was schlummert
im Nachlass, was hat er gedacht, aber nie aufgeschrieben?
XIV
Eine Sichtung meiner - wenigstens zeitweisen - Vorbilder ergibt:
Swift war ein politischer Wendehals und Reaktionär,
Nestroy ein misanthropischer Nörgler,
Ludwig Thoma Antisemit,
Benn ein Faschist, der den Emigranten hinterherschimpft,
Tucholsky verkaufte sich an den Höchstbietenden, warb für
Kriegsanleihen und die schlesische Abstimmung,
Karl Kraus war ein Unterstützer des Austrofaschisten Dollfuss,
Brecht ein feiger Opportunist, der vor den Stalinisten kuscht, um sein
Theater nicht zu gefährden, und ein Chauvi dazu, der seine Mitarbeiterinnen
ausbeutete,
Biermann ein Kriegsgegner, der zum Antipazifisten mutiert ist und die
Begleitmusik zum Einmarsch im Irak liefert,
Proust ein Faschist,
Bloch ein Stalinist, wenigstens in den 30ern,
Hrdlicka ein Stalinist, immer noch in den 90ern,
Gründgens ein Aushängeschild für Goebbels,
Roman Polanski ein Kinderschänder,
Wagner ein Antisemit,
Nietzsche ein Präfaschist,
Karl May die Lieblingslektüre von Adolf Hitler,
Weinheber schrieb nicht nur Wienerisches, sondern auch Völkisches,
Rousseau scheiterte als Erzieher,
Bettelheim verprügelte Kinder,
der Psychiatriekritiker Szasz hat ein Naheverhältnis zu Scientology,
Hellinger, der Familienaufsteller, residierte in Hitlers Büro in
der Wolfsschanze,
Wallraff war ein Stasi-Spitzel,
Grass ein SS-Junge,
auch Rilke verfasste Kriegsgedichte.
Ersparen wir uns die weitere Liste.
Fakten, Gerede, Berichte, Gerüchte, manche Beweise, viele Indizien.
Was liest man alles, nicht nur in NEWS und der Bildzeitung.
Google zerstört alle Mythen und schafft neue. Wikipedia archiviert
sie.
XXV
Chick Korea auf der Homepage der Scientologen. Seine Musik gefällt
mir immer noch.
Ein kleiner, ärgerlicher Missklang mischt sich bei, nachts beim
Fernsehen, wenn man einen Film sieht mit Schauspielern, die für
Bush geworben haben.
Muss ein Autor eigentlich klug sein, ein politischer Mensch, mit einem
klaren Standpunkt?
Oder reicht es, wenn er ein guter Spiegel ist, der das reflektiert,
was um ihn her passiert?
XXVI
Blieben die Philosophen. Die Denkelite. Wie viele weltbewegende, anregende
Theoreme, umwälzende Erkenntnisse. Und doch: Die Philosophiegeschichte
ist eine Ansammlung unglaublich ärgerlicher Dummheiten, sobald
sie von "der Frau" zu sprechen beginnen.
Und Wittgenstein fotzte die Bauernkinder von Kirchberg, von Otterthal
ordentlich her, wenn sie zu begriffsstutzig waren.
XXVII
70 Millionen Menschen hat Mao auf dem Gewissen, sagt eine Biographin
dieser Tage im Fernsehen. Natürlich stand die kleine Mao-Bibel
auch bei mir neben den blauen Bänden der MEW. Ich vergaß
sie bald, es stand nicht viel drin.
Hätten wir es ahnen müssen, hätten wir es wissen können?
Ich war kein Maoist, wahrscheinlich wusste unsere MLS, die immer die
Peking-Rundschau las, noch weniger. 70 Millionen Menschen und eine Utopie
China zerbricht zwischen Aufbruchstimmung und Verarmung als Flächenbrand.
Das Idol Mao ist im Stadtbild des real-existierenden Frühkapitalismus
Chinas derzeit noch allgegenwärtig. DER Bildersturm hat noch nicht
begonnen.
XXVIII
So viele Säufer, so viele Depressive, so viele Verrückte,
so viele Süchtige, so viele Selbstmörder! Den Wahnsinn der
Welt als Autor und Satiriker zu reflektieren, als Filter zu dienen,
ist offenbar gefährlich. Kabarettisten, heißt es oft, seien
zutiefst ernste Personen.
Der Analytiker Leupold Löwenthal nennt Qualtinger einen "chronisch
depressiven Menschen". Die Liste der verbissenen, verbitterten
Satiriker beginnt offenbar in der Antike. "Satiriker enden oft
als Archivare ihrer Resignation", schreibt Werner Schneyder, lang
dienender Kabarettist, der es wissen muss. Er singt:
"Schlafen Sie gut, Herr Tucholsky
Ihr Selbstmord war nicht übereilt
Ihr Werk hat zehn Bände, ich les sie zuende
Und bin von jeglicher Hoffnung geheilt."
XIX
Dank an meine Lehrer in der Kunst des Gegen-den-Strom-Schwimmens-ohne-allzu-müde-dabei-zu-werden.
Ich könnte Vorbilder nennen, die noch unbeschädigt sind, durch
neuere Forschungserkenntnisse. Zu Umberto Eco fällt mir nichts
Negatives ein, zu Robert Gernhardt und Gerhard Polt, zu Sigi Zimmerschied
auch nicht.
Aber vielleicht werden mir morgen schon Fotos zugespielt
Franz Hütterer, geboren 1954, Studium der Germanistik und Anglistik
in Wien. Lebt und arbeitet als Autor und BHS-Lehrer in Wien und Gloggnitz
(NÖ), schreibt Lyrik, Satiren, Kabarett-Texte, Kurzprosa und Texte
fast aller Art. Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften
und Anthologien, Lyrikband: Glücks-Schläge (Grasl Verlag).
Mehrere Literaturpreise, u.a.: Harder Literaturpreis; Kleines Scharfrichterbeil
(Passau); Preis der Arbeit (Klagenfurt).