Podium Nr. 143/144 - Vorbilder

Christl Greller: Schwere Himmel

Hat sie einen Beruf erlernt?
Zugleich mit dem Laufenlernen.
Sie ist eingewachsene, aufgewachsene Bäuerin. Ein Beruf mit lebenslanger Lehrzeit, mag er von außen noch so unveränderlich scheinen.
Der Vater beherrscht die ganze Hügelkuppe von der Festung seines Hofes aus, hier, wo sich das Land rundrückig an den großen Berg schmiegt. Er arbeitet hart, ist hart. Die Mutter arbeitet genauso hart, muss sich fügen. Die beiden Schwestern heiraten weg, sie, die dritte, bleibt. Muss ja bleiben, sich fügen wie die Mutter, der der Vorwurf, keinen Sohn zu haben, wortlos auf den rundgearbeiteten Schultern lastet. Ein Schwiegersohn wird her müssen, ein passender. Gefühle, hat das Mädel vielleicht Gefühle? Kinderei!
Doch sie hat Glück. Der junge Stahlarbeiter, zwar nicht passend, aber zumindest mit bäuerlichen Wurzeln. Und arbeiten kann er, der Vater muss es zusammengekniffenen Blicks zugeben. Lernen muss er von allein, muss den Alten hartnäckig mit den Augen bestehlen und erst einmal nachmachen, bevor er es besser machen kann. Die wortkargen Abende in der Küche rund um den schweren Tisch, unter dem sich die heißen jungen Hände heimlich treffen. Gerade die nötigsten Anweisungen, das Essen oder die morgige Arbeit betreffend, gehen darüber hin.
Hochzeit. Ihr Name ändert sich. Doch ob Besitzer wechseln oder Namen sich aus anderem Grunde wandeln: Der Hofname bleibt. Wer hier wohnt, ist "Durhalthofer", so auch jetzt ihr Mann. Sie fährt mit dem Traktor, die Männer gehen ins Holz. Der Wald ist immer Schwerarbeit. Manchmal holen sie Hilfe aus dem Dorf, meist schuften sie allein. Der eine Stamm liegt nicht gut auf, droht abzurutschen, rutscht - fällt dem alten Durhalthofer aufs Bein. Die Flüche aus der Tiefe seiner Seele, hauptsächlich gegen ihn selbst, seine Ungeschicklichkeit, seine schwindende Kraft gerichtet. Im Bezirksspital tut man, was man kann. Sie sieht den Vater am Stock durch den Hof humpeln, mit der Stock-freien Hand verbissen weiterwerken.
Sie erwartet ein Kind. Alle freuen sich. Es ist ein Mädchen! Es bekommt einen modernen Namen zum Vornamen der Großmutter. Also ab jetzt noch ein bisschen mehr Arbeit, manchmal sogar mit dem Mann in den Wald, der Vater kann ja nicht mehr.
Sie erwartet wieder ein Kind. Es ist ein Mädchen! Es bekommt einen modernen Namen zur weiblichen Form des Großvaternamens. Der Großvater verfällt. Bald falten sie seine erstarrten Hände über seiner Brust, die Mutter legt ihren Rosenkranz darüber. Das nächste Kind ist ein Bub.
Sie haben jetzt Maschinen. Mäher, Drescher, Heuwender. Auch das Melken muss sie nicht mehr mit der Hand machen. Die Arbeit wird aber nicht weniger. Immer noch muss sie in aller Herrgottsfrüh hinaus und eben die Melkmaschinen an die Zitzen stecken, während ihr Mann, der neue Durhalthofer, Heu vom Boden über dem Stall durch die Luke hinunterwirft zum Füttern. Sie arbeiten Hand in Hand, die Mutter dazu in der Küche. Die Milch-Qualitätsbeurteilung ist strenger geworden. Die Tierhalte-Qualitätsbeurteilung ist strenger geworden. Die Getreide-Qualitätsbeurteilung ist strenger geworden. Aufzeichnungen müssen geführt, Listen eingereicht werden. Ohne Technik geht es nicht mehr. Dennoch bleibt kaum Zeit, Kraft, im Fernsehen mehr als die Nachrichten anzuschauen.
Die Kinder gehen in die Schule. Sie sollte sich mehr Zeit nehmen, mit ihnen zu lernen - aber sie muss in den Stall, die Schafe haben gelammt. Das ewig schlechte Gewissen einer berufstätigen Mutter. Die Älteste ist bald fertig. Nur weg hier! Im Gemeindeamt der Bezirksstadt kann sie als Bürolehrling anfangen, ist glücklich. Die zweite lernt Einzelhandelskauffrau, zieht bald in die Stadt nach. Dort ist halt alles besser. Sagt sie.
Der Bub ist ein Spaßmacher, ungeduldig, kein Musterschüler, schafft es aber auch. Und will Bauer werden. Die Freude dran hat er von seinem Vater, dieses Zupacken, mitten ins Leben hinein. Aufgeschossen ist er, sieht älter aus als seine 16, ist wirklich schon eine Hilfe - dann wieder ein blödelndes verspieltes Kind. Nein, sagt der Bauer, ein Moped kriegt er noch nicht. Später aber doch, soll ja auch Anschluss an einen Freundeskreis haben.
Immer dieses in die Nacht hineinhorchen, bis das Moped sich die Serpentinen zum Hof hochrackert, bis der Bub da ist. Dass sie es diesmal überhört hätte? Müde genug ist sie ja. Es wird schon grau, da schrillt das Telefon.
Weiß es nicht jeder, wie gefährlich die Disko-Fahrten der Jungen sind? Aber es sind doch immer die anderen, die es trifft … Das Moped lehnt bei der Post, der Bub ist zu einem Freund ins Auto gestiegen. Ob Alkohol im Spiel war - wen kann das jetzt noch interessieren? Alles bricht zusammen. Herzblut gerinnt. Sie ist wie tot, ein Zombie in Scherbenland. Es dauert lange, bis die Familie, bis sie halbwegs ruhig darüber reden kann.
Diese Nächte, wenn sie und der Mann in die Dunkelheit hineinrätseln, wie es nun weitergehen soll, weitergehen kann - die Mädchen in der Stadt, der Hoferbe tot. Sie beide werden nicht jünger. Also doch in die Stadt, wo es so viel besser ist? Leichter ist? Fortgehen, verkaufen?
Die Mutter in all ihrer Gebrechlichkeit würde es nicht zulassen. Und da ist die Liebe. Die Liebe zu diesem Land. Sie stehen, den Hof im Rücken, am Rand der abfallenden Wiese, blicken über Hügel und Hügel, dahinter im Nebel der Berg. Es regnet in Strömen, rinnt, alles durchdringend, an ihnen herunter. Dieser satte, saftige, dampfende Regen. Und der Mann nimmt sie um die Schulter. Der Durhalthof. Man könnte ihn Durchhalte-Hof nennen.
Und noch ein Begräbnis: Die Altbäuerin wird zum Altbauern getragen. Wie viel sie noch gemacht hat, einfach in der Küche, fällt jetzt auf, ins Gewicht. Die Zimmer stehen leer.
Manchmal Besuch. Die jüngere Tochter und ihr Mann. Am Hof machen sie nichts, aber der Schwiegersohn erklärt den Computer, hilft bei Schwierigkeiten. Es ist doch auch viel Papierkrieg geworden in der Landwirtschaft.
Das ältere Mädel kommt wieder öfter. Sie bringt einen mit von der Lift-Gesellschaft, der singt gern und hat unlängst sie, die Bäuerin, dabei im Tanz durch die Küche gedreht.
Der Bauer plagt sich ab mit dem neuen Balken für den Stall, da greift er einfach zu und hebt mit. Mit manchen Arbeiten wartet der Bauer schon, bis er kommt. Sie installieren eine moderne Pellet-Heizung. Ins Heu kann der Bursche nicht, hat eine Heuschnupfen-Allergie. Die Tochter fährt mit der Milch zur Sammelstelle. Wenn vier arbeiten, geht schon was weiter. Die Bäuerin geht in den Stall das Futter verteilen. Das Heu fliegt aus der Luke, dahinter nicht ihr Mann, sondern - der Junge mit umgebundenem Nasen-Mund-Schutz.
Das Leben ist schön.
Und manchmal, plötzlich, diese herzwürgende Sehnsucht, wenn ein Duft vorbeizieht von in der Sonne backendem Heu. Eine tiefe Sehnsucht nach diesem Land, als wäre sie weit weg davon. Dieses Land, in dem sie aber mit beiden Beinen steht, soeben und wahrhaftig. Dennoch manchmal das schmerzende Sehnen, unverständlich und trotz allem.


Christl Greller, geb. 1940 in Wien. Bücher: Der Schmetterlingsfüßler (Erzählungen, 1998); Törések (Gedichte, 2002); Schatten werfen (Erzählungen, 2002); Nachtvogeltage (Roman, 2002); Veränderung ist (Gedichte, 2004). Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften und im ORF. Literaturpreise.
http://christl-greller.oenews.net

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