Christl Greller: Schwere Himmel
Hat sie einen Beruf erlernt?
Zugleich mit dem Laufenlernen.
Sie ist eingewachsene, aufgewachsene Bäuerin. Ein Beruf mit lebenslanger
Lehrzeit, mag er von außen noch so unveränderlich scheinen.
Der Vater beherrscht die ganze Hügelkuppe von der Festung seines
Hofes aus, hier, wo sich das Land rundrückig an den großen
Berg schmiegt. Er arbeitet hart, ist hart. Die Mutter arbeitet genauso
hart, muss sich fügen. Die beiden Schwestern heiraten weg, sie,
die dritte, bleibt. Muss ja bleiben, sich fügen wie die Mutter,
der der Vorwurf, keinen Sohn zu haben, wortlos auf den rundgearbeiteten
Schultern lastet. Ein Schwiegersohn wird her müssen, ein passender.
Gefühle, hat das Mädel vielleicht Gefühle? Kinderei!
Doch sie hat Glück. Der junge Stahlarbeiter, zwar nicht passend,
aber zumindest mit bäuerlichen Wurzeln. Und arbeiten kann er, der
Vater muss es zusammengekniffenen Blicks zugeben. Lernen muss er von
allein, muss den Alten hartnäckig mit den Augen bestehlen und erst
einmal nachmachen, bevor er es besser machen kann. Die wortkargen Abende
in der Küche rund um den schweren Tisch, unter dem sich die heißen
jungen Hände heimlich treffen. Gerade die nötigsten Anweisungen,
das Essen oder die morgige Arbeit betreffend, gehen darüber hin.
Hochzeit. Ihr Name ändert sich. Doch ob Besitzer wechseln oder
Namen sich aus anderem Grunde wandeln: Der Hofname bleibt. Wer hier
wohnt, ist "Durhalthofer", so auch jetzt ihr Mann. Sie fährt
mit dem Traktor, die Männer gehen ins Holz. Der Wald ist immer
Schwerarbeit. Manchmal holen sie Hilfe aus dem Dorf, meist schuften
sie allein. Der eine Stamm liegt nicht gut auf, droht abzurutschen,
rutscht - fällt dem alten Durhalthofer aufs Bein. Die Flüche
aus der Tiefe seiner Seele, hauptsächlich gegen ihn selbst, seine
Ungeschicklichkeit, seine schwindende Kraft gerichtet. Im Bezirksspital
tut man, was man kann. Sie sieht den Vater am Stock durch den Hof humpeln,
mit der Stock-freien Hand verbissen weiterwerken.
Sie erwartet ein Kind. Alle freuen sich. Es ist ein Mädchen! Es
bekommt einen modernen Namen zum Vornamen der Großmutter. Also
ab jetzt noch ein bisschen mehr Arbeit, manchmal sogar mit dem Mann
in den Wald, der Vater kann ja nicht mehr.
Sie erwartet wieder ein Kind. Es ist ein Mädchen! Es bekommt einen
modernen Namen zur weiblichen Form des Großvaternamens. Der Großvater
verfällt. Bald falten sie seine erstarrten Hände über
seiner Brust, die Mutter legt ihren Rosenkranz darüber. Das nächste
Kind ist ein Bub.
Sie haben jetzt Maschinen. Mäher, Drescher, Heuwender. Auch das
Melken muss sie nicht mehr mit der Hand machen. Die Arbeit wird aber
nicht weniger. Immer noch muss sie in aller Herrgottsfrüh hinaus
und eben die Melkmaschinen an die Zitzen stecken, während ihr Mann,
der neue Durhalthofer, Heu vom Boden über dem Stall durch die Luke
hinunterwirft zum Füttern. Sie arbeiten Hand in Hand, die Mutter
dazu in der Küche. Die Milch-Qualitätsbeurteilung ist strenger
geworden. Die Tierhalte-Qualitätsbeurteilung ist strenger geworden.
Die Getreide-Qualitätsbeurteilung ist strenger geworden. Aufzeichnungen
müssen geführt, Listen eingereicht werden. Ohne Technik geht
es nicht mehr. Dennoch bleibt kaum Zeit, Kraft, im Fernsehen mehr als
die Nachrichten anzuschauen.
Die Kinder gehen in die Schule. Sie sollte sich mehr Zeit nehmen, mit
ihnen zu lernen - aber sie muss in den Stall, die Schafe haben gelammt.
Das ewig schlechte Gewissen einer berufstätigen Mutter. Die Älteste
ist bald fertig. Nur weg hier! Im Gemeindeamt der Bezirksstadt kann
sie als Bürolehrling anfangen, ist glücklich. Die zweite lernt
Einzelhandelskauffrau, zieht bald in die Stadt nach. Dort ist halt alles
besser. Sagt sie.
Der Bub ist ein Spaßmacher, ungeduldig, kein Musterschüler,
schafft es aber auch. Und will Bauer werden. Die Freude dran hat er
von seinem Vater, dieses Zupacken, mitten ins Leben hinein. Aufgeschossen
ist er, sieht älter aus als seine 16, ist wirklich schon eine Hilfe
- dann wieder ein blödelndes verspieltes Kind. Nein, sagt der Bauer,
ein Moped kriegt er noch nicht. Später aber doch, soll ja auch
Anschluss an einen Freundeskreis haben.
Immer dieses in die Nacht hineinhorchen, bis das Moped sich die Serpentinen
zum Hof hochrackert, bis der Bub da ist. Dass sie es diesmal überhört
hätte? Müde genug ist sie ja. Es wird schon grau, da schrillt
das Telefon.
Weiß es nicht jeder, wie gefährlich die Disko-Fahrten der
Jungen sind? Aber es sind doch immer die anderen, die es trifft
Das Moped lehnt bei der Post, der Bub ist zu einem Freund ins Auto gestiegen.
Ob Alkohol im Spiel war - wen kann das jetzt noch interessieren? Alles
bricht zusammen. Herzblut gerinnt. Sie ist wie tot, ein Zombie in Scherbenland.
Es dauert lange, bis die Familie, bis sie halbwegs ruhig darüber
reden kann.
Diese Nächte, wenn sie und der Mann in die Dunkelheit hineinrätseln,
wie es nun weitergehen soll, weitergehen kann - die Mädchen in
der Stadt, der Hoferbe tot. Sie beide werden nicht jünger. Also
doch in die Stadt, wo es so viel besser ist? Leichter ist? Fortgehen,
verkaufen?
Die Mutter in all ihrer Gebrechlichkeit würde es nicht zulassen.
Und da ist die Liebe. Die Liebe zu diesem Land. Sie stehen, den Hof
im Rücken, am Rand der abfallenden Wiese, blicken über Hügel
und Hügel, dahinter im Nebel der Berg. Es regnet in Strömen,
rinnt, alles durchdringend, an ihnen herunter. Dieser satte, saftige,
dampfende Regen. Und der Mann nimmt sie um die Schulter. Der Durhalthof.
Man könnte ihn Durchhalte-Hof nennen.
Und noch ein Begräbnis: Die Altbäuerin wird zum Altbauern
getragen. Wie viel sie noch gemacht hat, einfach in der Küche,
fällt jetzt auf, ins Gewicht. Die Zimmer stehen leer.
Manchmal Besuch. Die jüngere Tochter und ihr Mann. Am Hof machen
sie nichts, aber der Schwiegersohn erklärt den Computer, hilft
bei Schwierigkeiten. Es ist doch auch viel Papierkrieg geworden in der
Landwirtschaft.
Das ältere Mädel kommt wieder öfter. Sie bringt einen
mit von der Lift-Gesellschaft, der singt gern und hat unlängst
sie, die Bäuerin, dabei im Tanz durch die Küche gedreht.
Der Bauer plagt sich ab mit dem neuen Balken für den Stall, da
greift er einfach zu und hebt mit. Mit manchen Arbeiten wartet der Bauer
schon, bis er kommt. Sie installieren eine moderne Pellet-Heizung. Ins
Heu kann der Bursche nicht, hat eine Heuschnupfen-Allergie. Die Tochter
fährt mit der Milch zur Sammelstelle. Wenn vier arbeiten, geht
schon was weiter. Die Bäuerin geht in den Stall das Futter verteilen.
Das Heu fliegt aus der Luke, dahinter nicht ihr Mann, sondern - der
Junge mit umgebundenem Nasen-Mund-Schutz.
Das Leben ist schön.
Und manchmal, plötzlich, diese herzwürgende Sehnsucht, wenn
ein Duft vorbeizieht von in der Sonne backendem Heu. Eine tiefe Sehnsucht
nach diesem Land, als wäre sie weit weg davon. Dieses Land, in
dem sie aber mit beiden Beinen steht, soeben und wahrhaftig. Dennoch
manchmal das schmerzende Sehnen, unverständlich und trotz allem.
Christl Greller, geb. 1940 in Wien. Bücher: Der Schmetterlingsfüßler
(Erzählungen, 1998); Törések (Gedichte, 2002); Schatten
werfen (Erzählungen, 2002); Nachtvogeltage (Roman, 2002); Veränderung
ist (Gedichte, 2004). Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien,
Literaturzeitschriften und im ORF. Literaturpreise.
http://christl-greller.oenews.net