Podium Nr. 143/144 - Vorbilder


Jürgen Benvenuti: Federleicht

"Nimm sie", sagte Alex. "Keiner sieht dich."
Jan drehte sich um und schaute die Mariahilfer Straße hinunter. Leute drängten sich an ihnen vorbei. Niemand beachtete ihn. Auch die Verkäuferin nicht, die im Eingang des New Yorker lehnte. Sie rauchte eine Zigarette und unterhielt sich mit einem jungen Mann.
"Beeil dich", sagte Georg.
"Ich weiß nicht", sagte Jan. "Eigentlich brauch ich die Jacke gar nicht."
"Stell dich nicht so an", sagte Alex. "Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit."
Jan trat einen Schritt näher an den Drehständer heran und musterte die Verkäuferin aus den Augenwinkeln. Sie unterhielt sich noch immer mit dem jungen Mann. Ab und zu lachte sie laut und spitz auf. Jan drehte den Ständer, bis sich die flauschige blaue Jacke direkt vor ihm befand. Sie kam ihm zu groß vor, zu dick.
"Die ist genau richtig", flüsterte Alex, der neben ihm stand und erwartungsvoll grinste. Jan zögerte eine Sekunde, dann riss er die Jacke vom Ständer. Er zerrte den Kleiderbügel heraus und begann zu laufen. Die Jacke, die er sich vor den Bauch geklemmt hatte, flatterte wie ein großer, plumper Vogel. Als er in die Neubaugasse einbog, ließ er den Kleiderbügel fallen. Er wurde etwas langsamer und drehte sich um. Alex und Georg waren knapp hinter ihm. Sie lachten. Hinter den beiden sah er die Verkäuferin. Sie stand an der Straßenecke und hielt nach ihm Ausschau.
"Das war gut", sagte Alex und klopfte ihm auf die Schulter.
"Perfekt", sagte Georg.
Sie rannten die Neubaugasse entlang bis zur Westbahnstraße. Jan hielt die dicke blaue Jacke immer noch vor dem Körper. Sein Bauch fühlte sich heiß und feucht an. Sein T-Shirt klebte auf der Haut. Bei der Straßenbahnhaltestelle blieben sie stehen. Alex und Georg ließen sich auf die Holzbank fallen. Jan ging zurück zur Ecke. Er schaute die Neubaugasse hinunter. Von der Verkäuferin war nichts zu sehen. Auch Polizisten konnte er keine entdecken.
"Und?", rief Alex. "Wie passt sie?"
Jan trottete zur Bank und hielt die Jacke in die Höhe. Unsicher betrachtete er sie. "Ich weiß nicht", sagte er. "Sie kommt mir ein bisschen groß vor. Und schwer."
"Blödsinn", sagte Georg. Er stand auf und half Jan, die Jacke anzuziehen. "Die ist aus Daunen. Federleicht."
Jan sagte Georg nicht, dass Daunen Federn waren. Georg wurde schnell wütend, wenn man etwas wusste, das er nicht wusste.
"Perfekt", sagte Alex und erhob sich.
Die Straßenbahn kam. Johlend stiegen Alex und Georg ein. Jan folgte ihnen schweigend. Die Jacke lag schwer und kompakt auf seinen Schultern. Mittlerweile war ihm am ganzen Körper heiß. Er setzte sich eine Reihe hinter Alex und Georg. Schaute aus dem Fenster. Er würde seiner Mutter erklären müssen, woher er die Jacke hatte. Sie würde seine Lügengeschichte mit diesem wissenden, traurigen Blick quittieren, den er mehr fürchtete als die Wutausbrüche seines Vaters.
Alex holte ein paar Gummibärchen aus seiner Jacke und fing an, Georg damit zu bewerfen. Einige der Bärchen verfehlten ihr Ziel und trafen andere Fahrgäste. Die meisten schwiegen und gaben vor, nichts zu bemerken. Eine junge Frau hob den Kopf und sagte etwas, das Jan nicht verstand. Alex knurrte zurück. Die junge Frau wandte das Gesicht ab. Georg lachte.
Beim Gürtel stiegen sie aus. Jan wäre gerne sitzen geblieben. Allein, ohne Alex und Georg. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal etwas ohne die beiden unternommen hatte. Dabei waren sie gar nicht seine Freunde. Sie waren einfach immer dort, wo er auch war.
Sie gingen den Gürtel entlang. Autos rasten vorbei, in einer endlosen Schlange, spieen Rauch und Lärm aus. Jan wurde vom Betrachten dieser ununterbrochenen Bewegung müde. Er hätte sich gern irgendwo hingesetzt, wo es ruhig war, wo er allein sein konnte. Wo es kühl war. Die Jacke kam ihm vor wie eine Heizdecke. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging weiter. Hinter Alex und Georg her, die lachend den gesamten Gehsteig ausfüllten und Passanten anpöbelten.
Sie gelangten zur Lugner City. Jan wollte sich einen Augenblick auf eine Bank setzen. Alex meinte, sie müssten weiter. Wohin denn, fragte Jan, und Alex bekam diesen verkniffenen Gesichtsausdruck, vor dem selbst Georg Angst hatte. Jan zuckte stumm mit den Schultern. Sie marschierten weiter. Quer durch den sechzehnten Bezirk, vorbei an einer Autowerkstatt, der Volkshochschule, einem vorne offenen Innenhof, in dem dicke, ölverschmierte Stahlplatten lagen. Jeden dieser Orte bedachten Alex und Georg mit einem höhnischen Blick. Jan schlurfte mit hängenden Schultern hinterher. Er hätte gerne seine Jacke, unter der er stark schwitzte, ausgezogen. Aber dann hätte er sie tragen müssen. Und dann wäre ihm wieder eingefallen, wie er sie gestohlen hatte. Er behielt sie an.
Sie überquerten die Thaliastraße und fanden sich plötzlich von Obst- und Gemüseständen umgeben wieder. Jan nahm an, dass sie am Brunnenmarkt waren, behielt dies aber für sich. Alex ließ sich ungern Dinge sagen, die er nicht wusste. Georg klaute an einem Stand zwei Pfirsiche und gab einen davon Alex. Dieser nahm einen großen Bissen, kaute genüsslich und ließ den Rest der Frucht achtlos auf den Boden fallen.
Der Brunnenmarkt war erstaunlich lang. Sie passierten eine Querstraße, dann eine weitere. Noch immer säumten Stände die Gehsteige. Jan war mittlerweile nicht mehr bloß müde, er war erschöpft. Seine Füße schmerzten. Sein Oberkörper war schweißnass. Er fühlte sich schwer und heiß. Kurz vor dem Yppenplatz blieben sie stehen. Sie tranken aus einem der Brunnen, die wie kleine Feuerwehrhydranten direkt neben dem Gehsteig standen. Das Wasser war lauwarm und schmeckte nach Metall. Jan trank, bis ihm der Bauch wehtat. Alex lachte und boxte ihn gegen den Oberarm, was ziemlich schmerzvoll war. Jan lächelte gequält und rieb sich die pulsierende Stelle.
Plötzlich, als wäre er abgeschnitten worden, war der Brunnenmarkt zu Ende. Sie kamen an einer türkischen Bäckerei vorbei und an ein, zwei kleinen Cafés, dann standen sie an der Ottakringer Straße. Jan konnte den Geruch der Brauerei riechen, die sich ungefähr einen halben Kilometer vor ihnen befand. Herb, schwer und leicht süßlich. Er verband diesen Geruch mit schlechtem Wetter.
Sie schlenderten die Straße entlang. Vor ihnen ging ein älterer Mann, der in ein Mobiltelefon schrie. Ohne nach links oder rechts zu schauen, trat er auf die Fahrbahn. Ein orangefarbener Müllwagen erwischte ihn von der Seite. Der Mann wurde mehrere Meter durch die Luft geschleudert und prallte mit einem dumpfen Laut auf den Boden. Der Fahrer versuchte vergeblich, rechtzeitig zu bremsen. Mit einem trockenen Knirschen rollte der rechte Vorderreifen über den Kopf des Mannes. Der Fahrer hielt an, stieg aus, warf einen Blick auf den Mann und übergab sich. Autos blieben stehen. An den Fenstern der umliegenden Häuser versammelten sich die Bewohner. Kunden und Besitzer strömten aus den Geschäften und drängten sich am Gehsteig. Ein Passant sprach aufgeregt in sein Mobiltelefon. Ein anderer machte mit der integrierten Kamera Fotos. Jan lehnte sich an eine Telefonzelle und versuchte, den Blick von dem Mann auf der Straße abzuwenden. Ohne Erfolg. Makabere Kommentare von Alex und Georg.
Minuten später hatte sich die Menschenmenge verdoppelt. Überall standen kleine Grüppchen herum und spekulierten über den Unfallhergang. Jan hörte eine heisere Frauenstimme. Sie regte sich darüber auf, dass bis jetzt weder Rettung noch Polizei eingetroffen seien. Der arme Mann liege noch immer für alle sichtbar mit zerschmettertem Schädel auf der Straße. Jan drängte sich durch die Menge und schaute hinüber zu dem Mann. Kurz zögerte er, dann ging er los. Alex brüllte ihm etwas nach. Jan verstand ihn nicht. Selbst wenn er es getan hätte, er wäre nicht umgekehrt.
Vor dem Mann bleibt er stehen. Nachdenklich betrachtet er ihn ein paar Sekunden. Er zieht die Jacke aus. Der Wind trocknet seinen Schweiß. Er fühlt sich leicht und kühl. Langsam beugt er sich hinunter. Er deckt den Kopf und den Oberkörper des toten Mannes mit der flauschigen blauen Jacke zu. Tritt einen Schritt zurück. Strafft die Schultern. In der Ferne jaulen die Sirenen. Sie kommen näher.


Jürgen Benvenuti, geb. 1972 in Bregenz, lebt seit Mitte der 1990er-Jahre in Wien, schreibt v.a. Kriminalromane. Publikationen: Harter Stoff (Deuticke 1995); Leichenschänder (Deuticke 1995); Schrottplatzblues (Deuticke 1996); Das Lachen der Hyäne (Bastei-Lübbe 2000); Remora (Bastei-Lübbe 2000); Die Trägheit der Krokodile (Bastei-Lübbe 2001); Eine Chance zu viel (Bastei-Lübbe 2002); Barcelona Blues (Europa Verlag 2003); Kolibri (Haymon Verlag 2005); Wirbelwind (Arbeitstitel) erscheint 2007 bei Haymon.

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