Podium Nr. 141/142 - Slowakei


Milan Richter:

Heldenplatz heldenlos

Wien: Heldenplatz. Ein unscheinbarer Junge,
und dort der "Knie-Ender", der sie "hirschelte",
die brünstigen Weiber.
Wie ich mich plagte,
das epochale Bild, schandscharf, sprachzerrissen,
zusammenzuheften. Als ob ich nackt in einem Saal
unter Uniformierten säße, auf frische Wäsche wartend,
die als Leichenhemd einlangt.

Und plötzlich die Worte, sie klangen wie Spott:
"Hast du's schon g'hört. Der Jandl ist tot."
Meinst du es ernst? Jandl - und tot?
"Schmerzendes Knie und großer Überdruss …
Fast wütend ging er fort."

Wohllebengasse zehn. Ein wohl-wollendes Leben?
Ein Leben ständig in der Wolle … mit Sprache,
mit sich selbst?
Das letzte Mal … ich klingelte, hinter der Tür
ein unscheinbarer Mann, altmodische Brille, Beamtengesicht,
ein weißer Bademantel auf nackter Haut.
Er warte auf frische Wäsche, jede Minute
würde sie eintreffen.
Verloren im Raum, wo ihn
die hohe Kunst des Sprechbaren sprachlos wärmte …

Verfroren in der "brüllzenden" Menge auf dem Platz
der Heldenlosen … Justitia. Regnorum. Fundamentum.
Ein unscheinbarer Junge … wieder war's März, ich stand
mit meinem Vater unter schweigenden Bauern,
Trauermarsch, Tod eines Helden, der uns zu Sklaven
machte. Gerechtigkeit langte zu spät ein.

Ich sehe ihn im Hörsaal des Dortseins, sein Bademantel
längst zum Leichenhemd verblichen, mit einer
donnernden Stimme liest er sein letztes, nie nieder-
geschriebenes Gedicht, nur für die Längstverstorbnen hörbar.
Ernst,
halten Sie einen Platz für mich frei,
wo ich auf Ihren heliumleichten Wortblasen abheben kann,
wenn ich dort bleischwer von Überdruss und Frust
unerwarteterweise erwartet
eintreffe.

September 2000 - März 2004

Anmerkung: "Tod eines Helden" - der Tod von Stalin im März 1953 (aber wohl auch der Tod des tschechischen / tschechoslowakischen Kommunistenanführers K. Gottwald eine Woche danach).


Milan Richter, geb. 1948 in Bratislava, studierte Germanistik, Anglistik und Nordistik. Lyriker: Acht Gedichtbände - z.B. "Hinter den samtenen Vorhängen", 1997; "Engel mit schwarzem Gefieder", 2000 (beide im Verlag Slovensky spisovatel). Seine Texte wurden ins Französische, Arabische und Hebräische übersetzt. Übersetzer von 65 Büchern sowie Dramen; Direktor des Jan-Smrek-Festivals.

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