Michal Hvorecky:
Last Christmas
Sie war Französin und hieß Juliette. Sie reichte mir eine
Hand mit sehr langen Fingern. Beim Zudrücken verursachten mir die
riesigen Ringe Schmerzen. Alle Instruktionen hatte ich bereits im Voraus
bekommen. Wir trafen uns wie verabredet auf dem Miniflughafen von Bratislava.
Sie kam mit dem Taxi, ich mit dem Stadtbus. Die Dämmerung setzte
gerade ein, es war Samstag, der 24. Dezember, und im Hintergrund trällerte
ein gerührter Chris Rea, der sich mal wieder auf den Weg machte,
Driving home for Christmas.
"Guten Tag. Ich bin Michal. Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen.
Und danke, dass Sie sich für mich entschieden haben", stellte
ich mich auf Englisch vor. Für solche Sätze habe ich extra
ein Handbuch. In unserer Branche gibt es keine Nachnamen, und meist
werden nicht einmal die wahren Vornamen benutzt. Doch zufällig
heiße ich tatsächlich Michal. Ich verriet ihr nicht, dass
ich ein wenig Französisch verstehe, um mir wenigstens einen Vorteil
zu bewahren.
"Damit zwischen uns Klarheit herrscht: Ich bin keine von denen,
die sich einen wie dich fürs Bett bestellen. Du wirst die Weihnachtsüberraschung
für meine Tochter. Sie studiert dort über Erasmus, ein Jahr
hab ich sie nicht gesehen. Die wird Augen machen!"
"Ganz, wie Sie wünschen, Juliette", antwortete ich und
war erleichtert. Beim letzten Mal musste ich eine ältere italienische
Dame alle zwei Stunden oral befriedigen, und wenn ich das nicht binnen
zwei Minuten geschafft hatte, schlug sie mir mit einer Vogue auf den
Kopf. Ich bin von den Klientinnen ja so einiges gewöhnt, aber das
Heft war noch in Plastikfolie eingeschweißt und zu beiden Seiten
ragten harte Verpackungen von irgendwelchen Cremes heraus.
"Das ziehst du jetzt an, Michal", befahl Juliette und gab
mir einen vollgestopften Einkaufsbeutel. Sie war sehr groß, ungefähr
vierzig, und die Wangenknochen saßen fast schon unmöglich
weit oben in ihrem Gesicht.
"Natürlich, sehr gern. Vielen Dank", antwortete ich.
Da ich verpflichtet bin, allem zuzustimmen, streifte ich mir auf der
Toilette die Kostümierung über: rote Hosen und eine Zipfelmütze,
einen unglaublich weiten Mantel mit weißen Knöpfen, einen
langen weißen Bart und riesenhafte Stiefel mit Schellen daran.
"Halt durch, es ist ja bloß Theater für ein kleines
Kind. Und es wird dich die nächsten drei Monate ernähren",
sprach ich mir Mut zu. Ich bin der Mann am Telefon, Angestellter eines
Escort-Services. Ansonsten arbeitsloser Schauspieler. Ich warte in einer
kleinen Mietwohnung, bis sich jemand gerade mich aussucht. "Ich
mache das nur vorübergehend", habe ich während der letzten
fünfzehn Monate immer wieder zu mir gesagt.
Bratislava ist voll von einsamen Koreanerinnen, gelangweilten Französinnen,
verhärmten Amerikanerinnen und unglücklichen Chinesinnen.
Ihre Ehemänner arbeiten sechs Tage in der Woche überall im
Land, manchmal Hunderte von Kilometern weit entfernt. An ihre Gattinnen
hat beim Unterzeichnen der Investitionsverträge in Milliardenhöhe
niemand gedacht, und deshalb verzeichneten die Escort-Services einen
enormen Aufschwung. Meine Familie und Freunde belüge ich, indem
ich erzähle, dass ich zum Theaterspielen ins Ausland muss. Ich
verbreite Märchen darüber, was ich alles in anderen Ländern
erreicht habe. Dabei wählen mich die Frauen so selten aus dem breiten
Sortiment aus, dass ich kaum meine Miete erwirtschafte.
"Brauchen Sie einen diskreten Begleiter? Möchten Sie junge
Männer aus Mitteleuropa kennen lernen? Per E-Mail senden wir Ihnen
gerne umgehend unseren Katalog zu. Alle Herren sind gesund und intelligent,
haben gute Manieren und beherrschen mehrere Fremdsprachen. Wir sind
kein Erotikservice, aber Ihrer Fantasie sind natürlich keine Grenzen
gesetzt. Geistreiche Konversation, dezente Begleitung beim Einkauf oder
ein unterhaltsamer Partner für lange Winternächte", tönt
es vom Anrufbeantworter der Agentur, die mich vertritt. Ich habe den
Text aufgesprochen. Wenn man mir hundert Euro pro Stunde gibt, kann
ich unglaublich sanft, zartfühlend und verständnisvoll sein.
Für die Weihnachtsfeiertage war die Zahl der Interessentinnen auf
das Fünffache gestiegen. Und da ich sowieso niemanden hatte, mit
dem ich Heiligabend verbringen könnte, kam mir das Angebot sehr
gelegen.
Juliette und ich gaben die Koffer auf und gingen durch die Zollkontrolle.
Ich klimperte brutal und begriff, dass es wirklich ein jingle all the
way werden würde, Gebimmel den ganzen Weg lang. Dann stiegen wir
ein. Viele Kundinnen wollen sich in diesen Momenten unterhalten, einem
ihr Herz ausschütten, sich über ihre Ehemänner beschweren.
Ich bin ein sehr guter und aufmerksamer Zuhörer, doch Juliette
brauchte mich nicht. Sie setzte Kopfhörer auf und sah sich das
weihnachtliche Fernsehprogramm an, das auf den Kabinenmonitoren lief.
Um die neugierigen Blicke unserer Mitreisenden besser ignorieren zu
können, tat ich es ihr gleich. In meinen Ohren echote es: Last
Christmas, I gave you my heart, but the very next day, you gave it away,
this year, to save me from tears, I'll give it to someone special
Kaum war ich aufgestanden, um mir mein Buch aus der Tasche im Gepäckfach
über unseren Köpfen zu nehmen, begannen die blendend gelaunten
Feiertagspassagiere zu frotzeln: "Wo hast du denn deine Rentiere
und den Schlitten gelassen, du Armer?" - "Her mit den Geschenken!"
- "Hör mal, was hast du denn da für Klamotten an? Du
bist nicht zufällig ein Homo?" - "Guckt mal, ein schwuler
Weihnachtsmann! Idiot
"
Mir war es streng verboten, mich während meiner Arbeit aufzuregen,
hysterisch zu reagieren oder gar zu fluchen. Deshalb antwortete ich
mit einem Lächeln nach allen Seiten und tat so, als hätten
mir diese Leute soeben gesagt, dass ich der sympathischste Mensch sei,
dem sie je begegnet sind. Doch in Wahrheit verfiel ich in absolute Verzweiflung.
Noch vor zehn Jahren hatte man mir versichert, ich sei einer der talentiertesten
Schauspieler meiner Generation. Jetzt war ich neunundzwanzig und machte
hier einen auf Väterchen Frost.
Beim Umsteigen nach Lissabon auf dem Frankfurter Flughafen durchlebte
ich die Hölle! Kinder stellten sich vor mich hin, rezitierten Gedichte,
sangen Lieder und sagten Sprüchlein auf, und in ihren Augen funkelte
die innigste und erwartungsvollste Hoffnung, dafür auch belohnt
zu werden. Ich entschuldigte mich bei ihnen auf Slowakisch. Sie sollten
begreifen, dass ich arm war und echt nichts zu verschenken hatte.
"Mami, warum ist der Weihnachtsmann da so böse und schenkt
mir nichts?", fing ein Mädchen an zu weinen.
"Das ist nicht der Weihnachtsmann, dass ist ein kranker Onkel aus
Osteuropa. Komm schnell, wir wollen weiter!", sagte die Mutter
zu ihrem Kind. "Wenigstens irgendeine Kleinigkeit hätten Sie
ihr geben können! Geizkragen! Arme Kinder!", rief mir die
Mutter im Gehen dann noch über die Schulter zu.
Nach dem zwanzigsten Verslein hielt ich es nicht mehr aus. Apathisch
setzte ich mich mit dem Rücken zu den Kindern, starrte auf die
graue Betonpiste und zählte die Minuten bis zum Abflug. Ich hoffte,
dass sie im Süden den Weihnachtsmann gar nicht kennen. Doch auch
der zweite Teil der Reise brachte mir nicht das ersehnte Aufatmen. Schon
als ich beim Einsteigen zwischen den Sitzreihen hindurchging, zerrten
ungeduldige Kinder und betrunkene Erwachsene an meinen Sachen und forderten
Geschenke ein. In der Kabine herrschte um zehn Uhr vormittags eine Atmosphäre
wie am Heiligabend. Ganz vorn stand ein Schneemann aus Krepp neben einem
mit Lichterketten geschmückten Plastikbäumchen. Aus den Lautsprechern
plärrten Weihnachtslieder auf Portugiesisch, und dann schon wieder:
Once bitten and twice shy, I keep my distance, but you still catch my
eye. Tell me baby, do you recognise me? Well, it's been a year, it doesn't
surprise me. Melancholisch träumte ich davon, wie ich mich in Luft
auflöse und auf meinem Sitz nur die zerknautschten roten Sachen
zurückbleiben.
"Liebe Kinder, bitte entschuldigt, es tut mir Leid, aber ich habe
wirklich nichts für euch. Ich würde euch gern allen was schenken,
aber das geht nun mal nicht", sagte ich immer wieder.
Ein kleiner Junge klammerte sich unerwartet an meinem Bein fest wie
eine Zecke, er ließ nicht locker und flehte mich regelrecht um
seine Belohnung für das Lied an, das er gesungen hatte. Ich schenkte
ihm wenigstens das Käsebrot und das weiße Plastikbesteck,
das ich von der Stewardess bekommen hatte, und er beruhigte sich für
eine Weile. Dafür begann jetzt sein jüngerer Bruder bei meinem
Anblick herzzerreißend zu brüllen. Juliette auf dem Sitz
neben mir ignorierte mich, sie las im Bordmagazin und hörte Musik.
Ich glaube, dafür hasste ich sie noch mehr als diesen allgegenwärtigen
Song.
Nach schrecklichen Turbulenzen landeten wir in dichtem Schneetreiben.
Der Pilot verkündete, dass dies der kälteste Winter sei, den
Portugal in diesem Jahrhundert erlebt hätte. Meine Ankunft verursachte
durch das Schellengebimmel ein derartiges Aufsehen, dass ich von Polizisten
umstellt wurde. Zuerst erschrak ich, aber dann stellte ich fest, dass
sie mich nur fotografieren wollten. Auf unser Gepäck warteten wir
absurd lange. Die ganze Zeit über waren Handys auf mich gerichtet,
und so posierte ich und schwitzte in dem schweren Kostüm.
"Von wo kommst du denn, Pai Natal?", fragte mich ein Portugiese.
"Guten Tag! Ich bin aus Bratislava zu euch gekommen", antwortete
ich, als würde mich jemand offiziell willkommen heißen.
"Wie viel Grad sind denn bei euch am Nordpol?"
"Da ist es viel wärmer als hier", sagte ich, schon mit
dem Koffer in der Hand.
Da sah ich Juliettes Tochter. Sie stand ganz allein mitten in der Halle
und riss den Mund auf. Mir war klar, dass vor einer Weile noch eine
Zigarette darin gesteckt hatte, die jetzt von einem Kaugummi abgelöst
worden war. Ihre funkelnden hellblauen Augen wirkten umrahmt von den
getuschten Wimpern fast schwarz. Sie hatte herrliches, dichtes braunes
Haar, das sie im Nacken zusammengenommen hatte, und schwenkte eine riesige
rosa Tasche, in die sie selbst komplett hineingepasst hätte. Sie
war so um die fünfzehn und sehr klein. Die großen, verschreckten
Augen und die eingefallenen Wangen verstärkten noch die Schmächtigkeit
ihres ganzen Körpers. Vergeblich bemühte sie sich, einen strengen
und verächtlichen Gesichtsausdruck zu wahren - als sie ihre Mutter
erblickte, fing sie an zu lachen und jauchzte auf, wie es nur Töchter
nach langer Trennung fertig bringen. Eine ganze Weile sagte ich gar
nichts, schaute sie nur an, und obwohl ich mich dagegen wehrte, spürte
ich irgendeine nicht zu bremsende Freude. Jetzt wusste ich, wie ich
mich an Juliette rächen würde. Ich würde dieses Mädchen
verführen. Sie war meine einzige Chance auf ein Geschenk, wenn
nicht sie, dann würde ich heute Abend wieder nichts bekommen.
"Das hier ist Michal, dein persönlicher Père Noël",
stellte Juliette mich in einem Ton vor, in dem man mit dreijährigen
Kindern redet. Sie begriff absolut nicht, dass ihre Tochter im Verlauf
eines Jahres zu einem vollkommen anderen Menschen geworden war.
"Hallo, ich bin Sophie", sagte das Mädchen mit glockenklarer
Stimme und wir gaben uns die Hand.
"Willst du dem Weihnachtsmann nicht ein Gedicht aufsagen? Vielleicht
bekommst du eine Belohnung von ihm", fragte Juliette infantil.
"Mama, bitte! Weißt du, wie alt ich bin?"
"Ich hab eh keine Geschenke dabei", antwortete ich. "Ich
musste schon halb Europa enttäuschen, und jetzt komm ich hierher."
Draußen attackierte uns von einer Ekke des Empfangsgebäudes
her ein heftiger Sturm. Mir gefiel, dass er immer heftiger wurde, der
Schnee hatte die Straßen verweht und knirschte unter den Füßen.
Im Taxi setzte sich Juliette nach vorn und fing an, auf Französisch
mit ihrer Tochter zu plaudern. Noch ehe ich es schaffte, auf dem Rücksitz
eine Position für meine unmöglichen Schuhe zu finden, drückte
Sophie für einen Sekundenbruchteil meine Hand. Und dann noch einmal.
Diese Entwicklung heiterte mich auf. Ich musste gar nicht erst meine
üblichen Geschütze auffahren. Es würde leichter werden,
als ich erwartet hatte.
Nach ein paar Kurven wurde mir klar, dass der Fahrer mit Sommerreifen
unterwegs war. Das Grauen des Schneegestöbers erschien mir zunehmend
schöner. Draußen vorm Fenster war nichts zu erkennen, nur
die Halluzination von Schneeflocken, Wind und Nebel. Lissabon zerfloss
- dafür nahm Sophie in meinem Kopf immer mehr Raum ein. Ihr Zeigefinger
war sehr neugierig.
"Es hat keinen Sinn, jetzt spazieren zu gehen. Wir werden uns die
Stadt von oben angucken, und dann gehen wir zu unserem Festmahl. Bringst
du uns zu dem Aussichtspunkt, von dem du mir geschrieben hast?",
fragte Juliette auf Englisch.
"Na klar, Mama, und später zeig ich euch zwei tolle Lokale",
antwortete Sophie. Ihre winzige Hand presste sich mit erstaunlicher
Kraft gegen die Innenseite meines Oberschenkels. Dieser heimliche Kontakt
kettete uns mit jedem Augenblick fester aneinander.
In der Altstadt wurde der weiße Glanz des Schnees von Kaskaden
gelben Leuchtschmucks überstrahlt. Wir blieben in einem Stau stecken,
also zahlten wir lieber und wateten zu Fuß durch die Gassen von
Baixa. Mein Kostüm weichte vollkommen durch, doch mir war heiß.
Die uralten schmalen Straßenbahnen rasten trotz des schneebedingten
Verkehrschaos in ungeheurem Tempo vorbei.
Der Aufzug in die weiße Hölle über unseren Köpfen
hieß Elevador de Santa Justa und ragte inmitten der gleichnamigen
Straße vor uns auf.
"Ich freu mich schon auf da oben", log ich, als ich drei Tickets
kaufte.
"Das hat 1902 irgendein Franzose gebaut, neogotisch. Ich liebe
diese Anhöhen, ich war da schon so oft, das ist echt ein Erlebnis",
erläuterte Sophie. Mit Hilfe unserer Finger konnten wir uns inzwischen
schon ganze Sätze sagen. Wir standen am Ende einer langen Schlange
und betraten den Lift ganz zum Schluss, und im letzten Moment vor der
Abfahrt stiegen wir wieder aus. Durch das sich schließende Scherengitter
konnte ich Juliette sehen. Sie rang ihre Hände hinter der Scheibe.
Schneeflocken donnerten gegen das Glas und blieben an ihm kleben. Die
Kabine stieg mit Juliette unaufhaltsam weiter hinauf, bis auf fünfundvierzig
Meter über Straßenniveau.
"Kannst du mir was von dem abgeben, was du da gerade genommen hast?",
fragte ich.
"Natürlich, lieber Weihnachtsmann", sagte sie. Ich weiß
bis heute nicht, was das eigentlich war, denn sie schob es mir mit ihrer
Zunge in meinen Mund. Es wirkte wie der Übergang aus stickiger
Hitze in eisige Kälte und wieder zurück. Mit Genuss atmete
ich die frostige Luft ein; meine Aufmerksamkeit wurde vaporisiert und
verteilte sich auf jede der herumfliegenden Schneeflocken. Mir war,
als kenne ich Lissabon seit jeher: Rossio, Rua Garrett, Tejo, Torre
de Belém. Regelrecht physisch spürte ich, wie sich meine
Pupillen weiteten.
Wir gingen auf irgendeine private Sause, wo ich ein großes Hallo
auslöste. Leute in Sophies Alter und in ähnlicher Verfassung
schrieen mir ununterbrochen zu: "Hej, Santa, komm und lass uns
was rauchen! Hast du nicht irgendwas an Dope aus Norwegen mitgebracht?"
"Das hab ich leider alles schon an die Kinder verteilt, die das
ganze Jahr artig gewesen sind", antwortete ich.
In der dröhnenden Dunkelheit und Hitze ging von den Kugeln und
dem Lametta an dem hohen Weihnachtsbaum ein Schwindel erregender Glanz
aus. Auf einem riesigen Flachbildschirm liefen Videoclips. Und schon
wieder diese vier, die eingeschneite Hütte in den Bergen, die Party,
Moonboots an den Füßen und stahlblaue, von einem Gürtel
zusammengehaltene Ski-Overalls am Leib. I wrapped it up and sent it,
with a note saying I Love You, I meant it. Now I know what a fool I've
been, but if you kissed me now, I know you'd fool me again
Sophie blieb so nah bei mir stehen, dass sich unsere Nasen beinahe berührten.
Auf der Welt gab es nur ein Paar solcher Augen. Mir wurde bewusst, dass
ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wie ich mich gegenüber Frauen
verhalten sollte, die nicht für mich zahlten.
"Also gehn wir jetzt endlich ins Bett, oder was?", brüllte
mir Sophie ins Ohr.
Ich verstand nun überhaupt nicht mehr, was hier vorging. Als ich
mich im Schlafzimmer hinlegte, hatte ich das Gefühl, als täte
das jemand anderes an meiner Stelle. Auf dem Sofa nebenan wälzte
sich ein anderes Paar herum, und auf dem Fußboden noch eins. Sophie
zwang mich, den größten Teil meiner Kostümierung anzubehalten.
Am meisten kam mir an der ganzen Sache wohl entgegen, dass es dort ein
bisschen ruhiger war als im Wohnzimmer. Das Ganze dauerte nur wenige
Minuten. Sofort im Anschluss schnappte sich die noch nackte Sophie ihr
Handy.
"Danke für das Geschenk, Mama", sagte sie auf Französisch.
"Ein bisschen ungeschickt und grob, aber ansonsten ging's. Scheint
ein Russe zu sein. Ich schick ihn dir zurück, okay?"
Die Antwort bekam ich nicht mehr mit. Ich rannte aus dem Zimmer, und
zum ersten Mal nach fünfundzwanzig Jahren musste ich unterm Weihnachtsbaum
wieder heulen. Voller Wut packte ich die Geschenke aus, die gar nicht
für mich waren, und steckte alles in meine Tasche. Während
ich aus der Wohnung ging, dröhnte es mir zum Abschied noch in den
Ohren: A face on a lover with a fire in his heart, a man undercover,
but you tore me apart, now I've found a real love, you'll never fool
me again.
Dann war ich draußen. Mich dem Schneesturm auszusetzen, war ausgeschlossen.
Ich brauchte Begleitung, welcher Art auch immer. Das einzige, was ich
in der Stadt kannte, war dieser furchtbare Lift. Ich schaffte gerade
noch die letzte Auffahrt um Mitternacht. Ein Santa Claus schwebte hinauf
nach Santa Justa.
Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.
Michal Hvorecky, geb. 1976 in Bratislava. Bisher erschienen zwei Erzählbande
und zwei Romane. Seine Bücher wurden ins Deutsche (CITY: Der unwahrscheinlichste
aller Orte, Tropen Verlag, Berlin 2006, Übersetzung Mirko Kraetsch),
Polnische und ins Tschechische übersetzt.