Anton Baláz:
Schimon als Pilger in Jerusalem
Auch in Jerusalem war es für Schimon Gabora nicht leicht, wieder
ein Jude zu werden.
Schon vor der Abreise zum Sohn, Professor für Geschichte an der
Jerusalemer Universität, begann er seine Bekannten aus der kleinen,
nach und nach dahinschmelzenden Gemeinschaft von assimilierten Juden
mit Schalom zu begrüßen und ihren Familien Maseltov zu wünschen.
Das Alte Testament wurde für ihn wieder die Thora, er strengte
sich an, sich an die Sabbatspeisen zu erinnern, die selbst seine Mutter
nicht mehr richtig zubereiten konnte, und stellte auf dem Sekretär
im Wohnzimmer wieder den silbernen siebenarmigen Leuchter auf.
Allmählich entsann er sich der jüdischen Feiertage, in ihm
erwachte auch die Erinnerung an den Großvater Jakub Marmorstein,
den frommen Juden, der sich sein Leben lang darauf vorbereitete, ins
Heilige Land zu pilgern. Dreimal täglich betete er, studierte die
Thora, den Talmud und dessen Ergänzungen, beachtete alle vorgeschriebenen
Fastentage und vergaß nicht, jedes Jahr die dreiwöchige Trauer
für den zerstörten Jerusalemer Tempel einzuhalten. Als Knabe
hatte Schimon ein bisschen Angst vor ihm, besonders wenn er ihn hinter
dem Fenster des Studierzimmers neben der Synagoge sah, wie er beim Lesen
der Thora hin und her schwankte und im Singsang laut die heiligen Texte
vortrug. Die Belohnung für seine Frömmigkeit bestand darin,
dass er noch vor Beginn der Deportationen verstarb, deshalb konnte man
ihn ins Sterbehemd hüllen, und seine Söhne konnten für
ihn das Totengebet, das Kaddisch aufsagen. Gern erzählte der Großvater
den Kindern von den Zeiten des Königs David und von der babylonischen
Gefangenschaft. Aber von diesen Geschichten war Schimon nur wenig im
Gedächtnis haften geblieben. Er begann sich mehr und mehr bewusst
zu werden, wie sehr sich seine Generation von der eigenen Geschichte
gelöst hatte. Der Sohn versicherte ihm jedoch, dass sich in Jerusalem
alles wieder zum Guten wenden werde.
Sie besuchten gemeinsam das Grabmal des Königs David am Jaffa-Tor,
das Holocaustmuseum, wo man im Buch der Toten blättern und den
endlosen Verzeichnissen den Namen eines weiteren vergessenen Opfers
hinzufügen konnte. Schimon wagte nicht, einen Blick in das Buch
zu werfen, um sich zu überzeugen, wer von seiner Familie darin
fehlte. Und nur für einen Augenblick schaute er in den Pavillon,
ein matt beleuchtetes gläsernes Labyrinth, wo aus Lautsprechern
monoton die Namen der von den Nazis ermordeten jüdischen Kinder
ertönten. Dagegen hielt er es lange und mit Erschütterung
aus, die sorgsam geretteten Schriftrollen vom Toten Meer zu betrachten,
in diesen Überresten der Tongefäße, in denen die heiligen
Bruchstücke der Thora fast zwei Jahrtausende geruht hatten. Die
Geschichte seiner Urahnen labte sein ermüdetes Herz, aber überall,
wo er ihr begegnete, waren so viele Touristen, und die arabischen Händler
mit Souvenirs waren so zudringlich, dass in ihm jedes Mal das Gefühl
von Verstimmung vorherrschte.
Die Wiederbelebung von Schimons Judentum durchlief in ihm selbst eine
weitere Prüfung an der Klagemauer. Er wollte nicht, dass ihn der
Sohn begleitete und mit seiner Bildung den Besuch der Klagemauer in
einen neuerlichen brillanten Vortrag verwandelte. Schimons Gedächtnis
hatte sich von der Geschichte des auserwählten Volkes nicht so
weit entfernt, dass er nicht gewusst hätte, was es für einen
Juden, wie immer er sich auch assimiliert habe, bedeutet, an der Mauer
zu stehen und mit der Stirn das steinerne Zeugnis des Ruhmes und des
Leides des jüdischen Volkes zu berühren und, zumindest im
Geiste, tief bewegt das Gebet Schema Israel aufzusagen. Bei dieser Vorstellung
fühlte Schimon Gavora, dass gerade der Besuch der Klagemauer zum
Beginn der geistigen Wiedererweckung werden könnte, wegen der er
trotz seines kranken Herzens die Reise nach Jerusalem riskiert hatte.
Ja - und warum nicht, diese Begegnung an den Überresten des Tempels
könnte den Höhepunkt seines Lebensweges darstellen, dieses
so oft leidvollen, ja grausamen und jetzt nach Paulinas Tod auch so
verzweifelt einsamen Weges. Und so begab er sich allein zur Klagemauer.
Der Platz vor der Klagemauer ist umfriedet und in zwei ungleiche Teile
getrennt: der wesentlich kleinere ist den Frauen vorbehalten. Schimon
wusste das, oder zumindest hatte es der Sohn erwähnt, dass die
Mauer solcherart geteilt ist, aber das musste seinem Gedächtnis
wohl entfallen sein, denn in vielen schlaflosen Nächten, auch in
der letzten im Hause des Sohnes, hatte er daran gedacht, hatte davon
geträumt, wie das wohl sein könnte, mit Paulina hierher zu
kommen, still nebeneinander zu stehen, sich von den gleichen Gedanken
und Gefühlen durchdringen zu lassen, mit all den Schrecknissen,
die es dennoch nicht schafften, sie voneinander zu trennen, und nun
beim gemeinsamen Berühren der Mauer wieder den "ewigen Vertrag"
zwischen ihnen und ihrem Gott bestätigen zu können und
Das wäre nicht möglich! begriff Schimon, und ein Gefühl
schrecklichen Leids schnürte ihm das Herz ab. Er kann nicht mit
Paulina Seite an Seite an der Mauer stehen - nicht weil seine Frau tot
ist, weil sie ihm vorausgegangen und als erste in die Stille des Habdala,
des Abschlussgebets am Sabbat eingegangen ist, sondern allein deshalb,
weil nur der Mann als Gleicher zu Gleichem mit Jehova verkehren kann.
Nur er darf in der Synagoge ans Heiligtum treten und die Thora lesen,
das Gesetz erklären, das der jüdischen Frau selbst noch im
Himmel eine untergeordnete Stellung zugewiesen hat. Denn wenn am Ende
der Zeiten die Stimme des Großen Widderhorns ertönt, die
das auserwählte Volk zum Jüngsten Gericht ruft, wird der Mann
einen Platz am Thron einnehmen, setzt man ihn auf einen goldenen Stuhl,
während seine Frau ihm auch im Himmel nur als Fußbank dienen
darf.
Schon im Cheder, der Grundschule, als Schimon seine Religion erst zu
buchstabieren begann, hatte er die Ungerechtigkeit des Gesetzes gegenüber
der Frau empfunden. Das hatte in ihm schon damals einen stillen Vorbehalt
ausgelöst, der sich nur deshalb nicht in eine offene Rebellion
steigerte, weil er seinen frommen Großvater nicht betrüben
wollte. Aber jetzt, jetzt kann er das schon, jetzt muss er es tun. Schimon
seufzte tief, warf einen verächtlichen Blick auf das Eisengitter,
das die Klagemauer teilte, schaute für einen Augenblick alttestamentarisch
streng auf einige Rabbiner, die im männlichen Sektor, sich hin
und herwiegend und mit der Stirn zur Mauer gewandt, laut über die
Zerstörung des Tempels lamentierten. Und dann machte er demonstrativ
kehrt und entfernte sich, sich einen Weg durch die herumlungernden und
fotografierenden Touristen bahnend, von der Klagemauer. Er wird seinen
Protest davontragen, und einige Touristen werden das Bild eines gebeugten
Mannes mit zitternden Lippen und einer schwarzen Samtkappe auf dem Kopf
mitnehmen: das typische Porträt eines gequälten alten Juden.
Kaum hatte er die Mauern der Altstadt verlassen, umringten ihn zahlreiche
Taxifahrer und bemühten sich, herauszukriegen, wohin sie ihn fahren
sollten. Schimon wollte jedoch zu Fuß gehen, um sich von dem aufzuraffen,
was ihn an der Klagemauer bedrückt hatte. Er schlug den Weg über
die Jaffa-Straße ein. Um zur Autobushaltestelle zu gelangen, musste
er eine Unterführung durchqueren, wo ein alter Russe in Kosakenuniform
laut auf der Ziehharmonika heitere chassidische Melodien spielte. Schimon
durchschritt die Unterführung und heftete einen sehnsüchtigen
Blick auf die Bank neben der Bushaltestelle. Sie war von einer Gruppe
junger Soldaten besetzt: über die Schultern hatten sie nachlässig
Maschinenpistolen gehängt, zu ihren Füßen lagen große
Leinenrucksäcke, sie aßen Hamburger und unterhielten sich
ausgelassen. Einer bemerkte Schimon, sprang von der Bank auf und bot
ihm seinen Platz an. Schimon lächelte ihm dankbar zu und setzte
sich.
Die Jaffa Street ist verkehrsreich, der Strom von Autos riss nicht ab,
alle Weile heulten die Sirenen von Krankenwagen, von Polizeiautos oder
Militärstreifen auf gepanzerten Wagen. Auch den Autobus, in den
Schimon einstieg, betraten drei Mann einer Militärstreife und kontrollierten
mit speziellen Geräten, ob nicht irgendwo eine Tasche mit Sprengstoff
abgestellt war. Das ist schon ein anderes Jerusalem als jenes, in das
zu pilgern sich der Großvater Jakub Marmorstein sein ganzes Leben
lang vorbereitet hatte, dachte Schimon, als er den Bus verließ.
Kaum hatte er die Gasse erreicht, in der in einem großen steinernen
Haus sein Sohn wohnte, pfiff ein heißer Wind und Schimon spürte
im Gesicht winzige Partikel von Wüstensand.
"Chamsin, is it chamsin", begrüßte ihn das philippinische
Hausmädchen Virdshi.
"Yes, Virdshi!", antwortete Schimon mit einem Nicken und betrat
sein Zimmer.
An den folgenden Tagen, da der heisse Wüstenwind die Jerusalemer
Straßen in stickige Tunnels verwandelte, hielt sich Schimon eingeschlossen
im Hause auf. Wenn er nicht ruhte oder mit dem Dienstmädchen Virdshi
Tee trank, verweilte er am liebsten im Arbeitszimmer des Sohnes. Er
nahm aus dem Bücherschrank slowakische und tschechische Bücher
und blätterte darin, als suchte er in den vergilbten Seiten seine
eigenen Gefühle aus jenen Jahren, da er dem Sohn die Bücher
geschickt hatte. Dieser setzte nämlich, schon als Emigrant, seine
Studien der Geschichte der französischen Kunst fort, und die billigen,
aber wertvollen Enzyklopädien aus der Heimat ersetzten ihm die
teuren französischen und englischen Bücher. In Paris hatte
der Sohn auch seine jetzige Ehefrau kennen gelernt, die israelische
Stipendiatin Tamara. Ihre ersten Rendezvous hatten sich auf Französisch
abgespielt, bis sie nach einigen Wochen gemeinsamer Spaziergänge
im Quartier Latin feststellten, dass beide aus derselben mitteleuropäischen
Stadt stammten. Aber während ihre Eltern bereits in einem der ersten
Aussiedlertransporte nach Israel gefahren waren, hatte sein Vater, also
er, Schimon Gavora, nicht den Mut aufgebracht, auszuwandern, sondern
hatte freiwillig das Schicksal eines assimilierten Juden auf sich genommen.
Jetzt hätte er sich der Erinnerungen an das bittere Los mitteleuropäischer
Juden nicht erwehren können, wenn nicht das Hausmädchen ins
Zimmer geguckt hätte.
"Schimon", sprach sie ihn heiter an und legte die Hand auf
die schmächtige Brust. Das bedeutete, dass es für ihn an der
Zeit war, seine Herzmedikamente zu nehmen. Schimon seufzte nur. Das
Mädchen lächelte ihm ermunternd zu. Schimon schluckte die
widerlichen Arzneien, spülte mit Wasser nach und zog sich zur Ruhe
in sein Zimmer zurück. Endlich ist er also am Ende seines Lebensweges
in Jerusalem angekommen, wohin zu pilgern seinem Großvater Jakub
Marmorstein nicht vergönnt war. Und du, Schimon, sagte er sich
im Halbschlaf, durch die Arzneien gestärkt und auch benommen, du
hast, statt dich voller Ehrerbietung vor den Resten des heiligen Tempels
zu verneigen, angefangen, gegen das Gesetz zu rebellieren, welches noch
dem Urvater Moses auf dem Berge Sinai offenbart wurde. Deshalb steh
jetzt auf, raffe dein müdes Herz zusammen und geh wieder an die
Klagemauer. Denn weiterhin darfst du nicht tun, was du dein ganzes bisheriges
Leben lang getan hast: Dein Judentum auch vor dir und in dir zu verheimlichen,
ja absterben zu lassen. Habe ich das wirklich getan?, fragte sich Schimon
überrascht und bemühte sich, die schweren Lider zu heben.
Und in diesem Augenblick fällt es ihm wie Schuppen von den Augen.
Er steht vom Bett auf und öffnet die Tür zur Terrasse. Der
Wüstenwind, der tagelang Jerusalem belästigt hat, hat sich
gedreht und ist in die Wüste zurückgekehrt. Durch die Straße
weht ein leichtes Abendlüftchen. Schimon fasst das als ein Zeichen
auf. Ohne Pass, ohne Geld, ja ohne das englische Wörterbuch, nur
mit der Kappe in der Rocktasche verlässt er das Haus seines Sohnes.
"Schimon, Schimon", ruft ihm mit erschrockener Stimme das
philippinische Dienstmädchen nach. "Schimon, where are you
going?"
Er geht geradewegs zum Jaffa-Tor. Statt der Karte leitet ihn jetzt der
untrügliche Instinkt des verfolgten Volkes. Außer vom Instinkt
lässt sich Schimon zur Sicherheit auch von dem weißen Davidsturm
führen, der über den Mauern der Altstadt aufragt. Rasch wandert
er durch das Armenische Viertel, und er wundert sich fast über
das Tempo, in dem er sich der Klagemauer nähert. Im Jüdischen
Viertel taucht vor ihm eine lärmende Gruppe japanischer Touristen
auf, und Schimon entschließt sich, ihr lieber auszuweichen. Er
tritt unter das nächste Tor, das ihm den Durchgang in eine schmale,
dämmrige Gasse mit kleinwürfligem Steinpflaster öffnet,
sie ist so schmal, dass kein Auto durchfahren könnte, mit Eingängen
zu Wohnungen, an deren Türen das Glaubensbekenntnis auf Hebräisch
steht - so, wie es der Judaismus von einem frommen Juden verlangt.
Schimon erinnert sich an das Schema Israel, das sein alter Großvater
jeden Morgen und jeden Abend aufsagte. Er will seinen Weg fortsetzen,
aber das jüdische Glaubensbekenntnis, das in seiner Erinnerung
aufgetaucht ist, dringt jetzt laut an sein Ohr. Schimon dreht sich heftig
um: aus der Tiefe der Gasse taucht ein Trauerzug auf, von einem Rabbiner
angeführt.
"Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist der Einzige,
Elohim Elohej", betet der Rabbiner, und der kleine Trauerzug nähert
sich Schimon. Schon sieht er auch den ins Totenhemd gehüllten Leichnam.
Der Tote liegt auf einer Bahre, nicht in einem Holzsarg, in dem die
Juden in der Diaspora ihre Toten bestatten. Schimon bemüht sich,
dem Zug auszuweichen, er zieht sich tiefer in die Gasse zurück.
Aber die von vier Männern in Schwarz getragene Bahre nähert
sich ihm schnell. Deshalb presst er sich nur an die steinerne Wand eines
Hauses und setzt sich die Kappe auf. Das Gesicht des Toten ist in eine
Kapuze gehüllt, und das ist das Gesicht eines Mannes, denn unter
dem zurück geklappten Rand des Stoffes ist die Spitze eines grauen
Bartes zu sehen. Noch bevor Schimon ehrerbietig das Haupt neigt, bemerkt
er, dass zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand des Toten
ein kleiner Zweig steckt. Dieser kleine Zweig wirbelt Schimons Sinn
durcheinander. Er erinnert sich, dass das ein Myrtenzweig sein könnte,
der einem gläubigen Juden helfen soll, ins Heilige Land einzukehren.
Mit dem gleichen Myrtenzweig hatten sie einst auch seinen Großvater
bestattet. Der war auch gläubig - und war er seitdem durch die
Unterwelt seines Glaubens ins Heilige Land gewandert? Und war das in
Wirklichkeit auch die Pilgerreise, auf die er sich sein ganzes Leben
vorbereitet hatte?
Der Gedanke, dass Jakub Marmorstein mit seinem Trauerzug gerade in dem
Augenblick in dieser Gasse erschienen ist, als hier der Enkel seines
Weges geht und ebenfalls das Tor in den Tempel sucht, ist so phantastisch
und zugleich auch logisch, dass Schimon sich dem Leichenzug anschließt.
Er nähert sich der Bahre, aber bevor er sich überzeugen kann,
ob der Zweig in der Hand des Toten wirklich vertrocknet ist und ob das
Sterbehemd die Merkmale einer langen Wanderschaft zeigt, beginnt sein
Herz so heftig zu schlagen, dass er stehen bleiben muss und in den Taschen
nach einer Tablette fingert, um sie sich unter die Zunge schieben zu
können
"Vater
ist alles in Ordnung mit dir? Vater, wach auf
"
Ach, Jehova, das war nur ein Traum, wurde sich Schimon bewusst.
"Hättest du mich nicht aufgeweckt, dann hätte ich auch
sterben können", sagte er noch mit schwerer Zunge, als das
Nitroglyzerin zu wirken begann.
"Hauptsache, du fühlst dich schon besser. Das ist der Wind
aus der Wüste. Er bedrängt einen jeden. Aber er hat sich schon
gedreht."
"Ich weiß. Durch die Straßen weht schon ein erfrischendes
Lüftchen. Mir hat davon geträumt. Weißt du, ich hatte
einen seltsamen Traum
als wäre darin etwas Prophetisches",
sagte Schimon und schüttelte verwundert den Kopf.
"In Jerusalem hat man es sich angewöhnt, prophetische Träume
zu träumen, schon seit den Zeiten des Königs David",
reagierte der Sohn mit feiner Ironie.
"Wenn mich meine Ahnung nicht täuscht, lassen die sich ebenso
schwer erklären. Mir hat geträumt, dass ich mich zur Klagemauer
aufgemacht habe. Aber im Jüdischen Viertel in der Altstadt hab
ich mich verirrt, bin einem Trauerzug begegnet und
" Schimon
erzählte seinem Sohn den ganzen Traum.
"Also hieß mein Urgroßvater nicht Gavora, sondern Marmorstein",
sagte Schimons Sohn nachdenklich nach einer Weile. "Der Traum sollte
dich wohl daran erinnern, dass du zum Messias nicht so weit wandern
musst wie dein Großvater", fügte er, nun schon ohne
Ironie, hinzu.
"Das wirklich nicht. Aber
"
Schimon begriff mit einem Male, wie er den Traum deuten sollte. Er erbleichte,
und seine Brust krampfte sich schmerzhaft zusammen.
"Was hast du, Vater?", fragte der Sohn beunruhigt und umfasste
Schimons eiskalten Hände.
"Paulina
deine Mutter", stieß Schimon mit Mühe
hervor. "Wir haben ihr keinen Myrtenzweig in die Hand gesteckt.
Niemals wird sie sich nach Jerusalem durchkämpfen können.
Ich muss
ich muss zu ihr zurückkehren."
Verblüfft, auch wenn jeder aus einem anderen Grund, schauten sie
einander eine Weile schweigend an.
"Vater
aus dir ist in Jerusalem ein glaubensfrommer Jude
geworden!"
"Mag sein", stimmte Schimon beschämt zu. Nach kurzem
Nachdenken fuhr er fort: "Manchmal hilft uns nur ein Traum zu begreifen,
was wir im wachen Leben nicht begriffen haben. Und viele Geheimnisse
offenbaren sich uns erst vor dem Allmächtigen. Ich will nicht ohne
Paulina vor ihn treten."
"Du sprichst auf einmal so sonderbare Dinge, Vater. Wie ein gelehrter
Rabbiner." Den Sohn beunruhigte der Traum des Vaters. "Aber
wenn du dich erst ausgeruht hast
"
Schimon stimmte zu, er werde sich ausruhen. Vor dem Wege muss er viel
Kraft schöpfen. Nachdem der Sohn gegangen war, schlummerte er gleich
ein. Ihm schien, er sei wieder zu Hause, habe Paulina nie verlassen,
setze in Wirklichkeit nur den Traum des Großvaters Jakub Marmorstein
fort. Jetzt pilgern sie gemeinsam in das Ewige Jerusalem.
Aus dem Slowakischen von Gustav Just.
Anton Baláz, geb. 1943, Publizistikstudium, bisher 13 Bücher,
hauptsächlich Romane, z.B. "Tábor padlych zien"
(Das Lager der gefallenen Frauen, 1993) und "Krajina zabudnutia"
(Das Land des Vergessens, 2000). Zahlreiche Drehbücher und Hörspiele.
Preis des Slowakischen P.E.N.-Club