Podium Nr. 141/142 - Slowakei


Anton Baláz:

Schimon als Pilger in Jerusalem

Auch in Jerusalem war es für Schimon Gabora nicht leicht, wieder ein Jude zu werden.
Schon vor der Abreise zum Sohn, Professor für Geschichte an der Jerusalemer Universität, begann er seine Bekannten aus der kleinen, nach und nach dahinschmelzenden Gemeinschaft von assimilierten Juden mit Schalom zu begrüßen und ihren Familien Maseltov zu wünschen. Das Alte Testament wurde für ihn wieder die Thora, er strengte sich an, sich an die Sabbatspeisen zu erinnern, die selbst seine Mutter nicht mehr richtig zubereiten konnte, und stellte auf dem Sekretär im Wohnzimmer wieder den silbernen siebenarmigen Leuchter auf.
Allmählich entsann er sich der jüdischen Feiertage, in ihm erwachte auch die Erinnerung an den Großvater Jakub Marmorstein, den frommen Juden, der sich sein Leben lang darauf vorbereitete, ins Heilige Land zu pilgern. Dreimal täglich betete er, studierte die Thora, den Talmud und dessen Ergänzungen, beachtete alle vorgeschriebenen Fastentage und vergaß nicht, jedes Jahr die dreiwöchige Trauer für den zerstörten Jerusalemer Tempel einzuhalten. Als Knabe hatte Schimon ein bisschen Angst vor ihm, besonders wenn er ihn hinter dem Fenster des Studierzimmers neben der Synagoge sah, wie er beim Lesen der Thora hin und her schwankte und im Singsang laut die heiligen Texte vortrug. Die Belohnung für seine Frömmigkeit bestand darin, dass er noch vor Beginn der Deportationen verstarb, deshalb konnte man ihn ins Sterbehemd hüllen, und seine Söhne konnten für ihn das Totengebet, das Kaddisch aufsagen. Gern erzählte der Großvater den Kindern von den Zeiten des Königs David und von der babylonischen Gefangenschaft. Aber von diesen Geschichten war Schimon nur wenig im Gedächtnis haften geblieben. Er begann sich mehr und mehr bewusst zu werden, wie sehr sich seine Generation von der eigenen Geschichte gelöst hatte. Der Sohn versicherte ihm jedoch, dass sich in Jerusalem alles wieder zum Guten wenden werde.
Sie besuchten gemeinsam das Grabmal des Königs David am Jaffa-Tor, das Holocaustmuseum, wo man im Buch der Toten blättern und den endlosen Verzeichnissen den Namen eines weiteren vergessenen Opfers hinzufügen konnte. Schimon wagte nicht, einen Blick in das Buch zu werfen, um sich zu überzeugen, wer von seiner Familie darin fehlte. Und nur für einen Augenblick schaute er in den Pavillon, ein matt beleuchtetes gläsernes Labyrinth, wo aus Lautsprechern monoton die Namen der von den Nazis ermordeten jüdischen Kinder ertönten. Dagegen hielt er es lange und mit Erschütterung aus, die sorgsam geretteten Schriftrollen vom Toten Meer zu betrachten, in diesen Überresten der Tongefäße, in denen die heiligen Bruchstücke der Thora fast zwei Jahrtausende geruht hatten. Die Geschichte seiner Urahnen labte sein ermüdetes Herz, aber überall, wo er ihr begegnete, waren so viele Touristen, und die arabischen Händler mit Souvenirs waren so zudringlich, dass in ihm jedes Mal das Gefühl von Verstimmung vorherrschte.
Die Wiederbelebung von Schimons Judentum durchlief in ihm selbst eine weitere Prüfung an der Klagemauer. Er wollte nicht, dass ihn der Sohn begleitete und mit seiner Bildung den Besuch der Klagemauer in einen neuerlichen brillanten Vortrag verwandelte. Schimons Gedächtnis hatte sich von der Geschichte des auserwählten Volkes nicht so weit entfernt, dass er nicht gewusst hätte, was es für einen Juden, wie immer er sich auch assimiliert habe, bedeutet, an der Mauer zu stehen und mit der Stirn das steinerne Zeugnis des Ruhmes und des Leides des jüdischen Volkes zu berühren und, zumindest im Geiste, tief bewegt das Gebet Schema Israel aufzusagen. Bei dieser Vorstellung fühlte Schimon Gavora, dass gerade der Besuch der Klagemauer zum Beginn der geistigen Wiedererweckung werden könnte, wegen der er trotz seines kranken Herzens die Reise nach Jerusalem riskiert hatte. Ja - und warum nicht, diese Begegnung an den Überresten des Tempels könnte den Höhepunkt seines Lebensweges darstellen, dieses so oft leidvollen, ja grausamen und jetzt nach Paulinas Tod auch so verzweifelt einsamen Weges. Und so begab er sich allein zur Klagemauer.
Der Platz vor der Klagemauer ist umfriedet und in zwei ungleiche Teile getrennt: der wesentlich kleinere ist den Frauen vorbehalten. Schimon wusste das, oder zumindest hatte es der Sohn erwähnt, dass die Mauer solcherart geteilt ist, aber das musste seinem Gedächtnis wohl entfallen sein, denn in vielen schlaflosen Nächten, auch in der letzten im Hause des Sohnes, hatte er daran gedacht, hatte davon geträumt, wie das wohl sein könnte, mit Paulina hierher zu kommen, still nebeneinander zu stehen, sich von den gleichen Gedanken und Gefühlen durchdringen zu lassen, mit all den Schrecknissen, die es dennoch nicht schafften, sie voneinander zu trennen, und nun beim gemeinsamen Berühren der Mauer wieder den "ewigen Vertrag" zwischen ihnen und ihrem Gott bestätigen zu können und …
Das wäre nicht möglich! begriff Schimon, und ein Gefühl schrecklichen Leids schnürte ihm das Herz ab. Er kann nicht mit Paulina Seite an Seite an der Mauer stehen - nicht weil seine Frau tot ist, weil sie ihm vorausgegangen und als erste in die Stille des Habdala, des Abschlussgebets am Sabbat eingegangen ist, sondern allein deshalb, weil nur der Mann als Gleicher zu Gleichem mit Jehova verkehren kann. Nur er darf in der Synagoge ans Heiligtum treten und die Thora lesen, das Gesetz erklären, das der jüdischen Frau selbst noch im Himmel eine untergeordnete Stellung zugewiesen hat. Denn wenn am Ende der Zeiten die Stimme des Großen Widderhorns ertönt, die das auserwählte Volk zum Jüngsten Gericht ruft, wird der Mann einen Platz am Thron einnehmen, setzt man ihn auf einen goldenen Stuhl, während seine Frau ihm auch im Himmel nur als Fußbank dienen darf.
Schon im Cheder, der Grundschule, als Schimon seine Religion erst zu buchstabieren begann, hatte er die Ungerechtigkeit des Gesetzes gegenüber der Frau empfunden. Das hatte in ihm schon damals einen stillen Vorbehalt ausgelöst, der sich nur deshalb nicht in eine offene Rebellion steigerte, weil er seinen frommen Großvater nicht betrüben wollte. Aber jetzt, jetzt kann er das schon, jetzt muss er es tun. Schimon seufzte tief, warf einen verächtlichen Blick auf das Eisengitter, das die Klagemauer teilte, schaute für einen Augenblick alttestamentarisch streng auf einige Rabbiner, die im männlichen Sektor, sich hin und herwiegend und mit der Stirn zur Mauer gewandt, laut über die Zerstörung des Tempels lamentierten. Und dann machte er demonstrativ kehrt und entfernte sich, sich einen Weg durch die herumlungernden und fotografierenden Touristen bahnend, von der Klagemauer. Er wird seinen Protest davontragen, und einige Touristen werden das Bild eines gebeugten Mannes mit zitternden Lippen und einer schwarzen Samtkappe auf dem Kopf mitnehmen: das typische Porträt eines gequälten alten Juden.
Kaum hatte er die Mauern der Altstadt verlassen, umringten ihn zahlreiche Taxifahrer und bemühten sich, herauszukriegen, wohin sie ihn fahren sollten. Schimon wollte jedoch zu Fuß gehen, um sich von dem aufzuraffen, was ihn an der Klagemauer bedrückt hatte. Er schlug den Weg über die Jaffa-Straße ein. Um zur Autobushaltestelle zu gelangen, musste er eine Unterführung durchqueren, wo ein alter Russe in Kosakenuniform laut auf der Ziehharmonika heitere chassidische Melodien spielte. Schimon durchschritt die Unterführung und heftete einen sehnsüchtigen Blick auf die Bank neben der Bushaltestelle. Sie war von einer Gruppe junger Soldaten besetzt: über die Schultern hatten sie nachlässig Maschinenpistolen gehängt, zu ihren Füßen lagen große Leinenrucksäcke, sie aßen Hamburger und unterhielten sich ausgelassen. Einer bemerkte Schimon, sprang von der Bank auf und bot ihm seinen Platz an. Schimon lächelte ihm dankbar zu und setzte sich.
Die Jaffa Street ist verkehrsreich, der Strom von Autos riss nicht ab, alle Weile heulten die Sirenen von Krankenwagen, von Polizeiautos oder Militärstreifen auf gepanzerten Wagen. Auch den Autobus, in den Schimon einstieg, betraten drei Mann einer Militärstreife und kontrollierten mit speziellen Geräten, ob nicht irgendwo eine Tasche mit Sprengstoff abgestellt war. Das ist schon ein anderes Jerusalem als jenes, in das zu pilgern sich der Großvater Jakub Marmorstein sein ganzes Leben lang vorbereitet hatte, dachte Schimon, als er den Bus verließ. Kaum hatte er die Gasse erreicht, in der in einem großen steinernen Haus sein Sohn wohnte, pfiff ein heißer Wind und Schimon spürte im Gesicht winzige Partikel von Wüstensand.
"Chamsin, is it chamsin", begrüßte ihn das philippinische Hausmädchen Virdshi.
"Yes, Virdshi!", antwortete Schimon mit einem Nicken und betrat sein Zimmer.
An den folgenden Tagen, da der heisse Wüstenwind die Jerusalemer Straßen in stickige Tunnels verwandelte, hielt sich Schimon eingeschlossen im Hause auf. Wenn er nicht ruhte oder mit dem Dienstmädchen Virdshi Tee trank, verweilte er am liebsten im Arbeitszimmer des Sohnes. Er nahm aus dem Bücherschrank slowakische und tschechische Bücher und blätterte darin, als suchte er in den vergilbten Seiten seine eigenen Gefühle aus jenen Jahren, da er dem Sohn die Bücher geschickt hatte. Dieser setzte nämlich, schon als Emigrant, seine Studien der Geschichte der französischen Kunst fort, und die billigen, aber wertvollen Enzyklopädien aus der Heimat ersetzten ihm die teuren französischen und englischen Bücher. In Paris hatte der Sohn auch seine jetzige Ehefrau kennen gelernt, die israelische Stipendiatin Tamara. Ihre ersten Rendezvous hatten sich auf Französisch abgespielt, bis sie nach einigen Wochen gemeinsamer Spaziergänge im Quartier Latin feststellten, dass beide aus derselben mitteleuropäischen Stadt stammten. Aber während ihre Eltern bereits in einem der ersten Aussiedlertransporte nach Israel gefahren waren, hatte sein Vater, also er, Schimon Gavora, nicht den Mut aufgebracht, auszuwandern, sondern hatte freiwillig das Schicksal eines assimilierten Juden auf sich genommen. Jetzt hätte er sich der Erinnerungen an das bittere Los mitteleuropäischer Juden nicht erwehren können, wenn nicht das Hausmädchen ins Zimmer geguckt hätte.
"Schimon", sprach sie ihn heiter an und legte die Hand auf die schmächtige Brust. Das bedeutete, dass es für ihn an der Zeit war, seine Herzmedikamente zu nehmen. Schimon seufzte nur. Das Mädchen lächelte ihm ermunternd zu. Schimon schluckte die widerlichen Arzneien, spülte mit Wasser nach und zog sich zur Ruhe in sein Zimmer zurück. Endlich ist er also am Ende seines Lebensweges in Jerusalem angekommen, wohin zu pilgern seinem Großvater Jakub Marmorstein nicht vergönnt war. Und du, Schimon, sagte er sich im Halbschlaf, durch die Arzneien gestärkt und auch benommen, du hast, statt dich voller Ehrerbietung vor den Resten des heiligen Tempels zu verneigen, angefangen, gegen das Gesetz zu rebellieren, welches noch dem Urvater Moses auf dem Berge Sinai offenbart wurde. Deshalb steh jetzt auf, raffe dein müdes Herz zusammen und geh wieder an die Klagemauer. Denn weiterhin darfst du nicht tun, was du dein ganzes bisheriges Leben lang getan hast: Dein Judentum auch vor dir und in dir zu verheimlichen, ja absterben zu lassen. Habe ich das wirklich getan?, fragte sich Schimon überrascht und bemühte sich, die schweren Lider zu heben. Und in diesem Augenblick fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Er steht vom Bett auf und öffnet die Tür zur Terrasse. Der Wüstenwind, der tagelang Jerusalem belästigt hat, hat sich gedreht und ist in die Wüste zurückgekehrt. Durch die Straße weht ein leichtes Abendlüftchen. Schimon fasst das als ein Zeichen auf. Ohne Pass, ohne Geld, ja ohne das englische Wörterbuch, nur mit der Kappe in der Rocktasche verlässt er das Haus seines Sohnes.
"Schimon, Schimon", ruft ihm mit erschrockener Stimme das philippinische Dienstmädchen nach. "Schimon, where are you going?"
Er geht geradewegs zum Jaffa-Tor. Statt der Karte leitet ihn jetzt der untrügliche Instinkt des verfolgten Volkes. Außer vom Instinkt lässt sich Schimon zur Sicherheit auch von dem weißen Davidsturm führen, der über den Mauern der Altstadt aufragt. Rasch wandert er durch das Armenische Viertel, und er wundert sich fast über das Tempo, in dem er sich der Klagemauer nähert. Im Jüdischen Viertel taucht vor ihm eine lärmende Gruppe japanischer Touristen auf, und Schimon entschließt sich, ihr lieber auszuweichen. Er tritt unter das nächste Tor, das ihm den Durchgang in eine schmale, dämmrige Gasse mit kleinwürfligem Steinpflaster öffnet, sie ist so schmal, dass kein Auto durchfahren könnte, mit Eingängen zu Wohnungen, an deren Türen das Glaubensbekenntnis auf Hebräisch steht - so, wie es der Judaismus von einem frommen Juden verlangt.
Schimon erinnert sich an das Schema Israel, das sein alter Großvater jeden Morgen und jeden Abend aufsagte. Er will seinen Weg fortsetzen, aber das jüdische Glaubensbekenntnis, das in seiner Erinnerung aufgetaucht ist, dringt jetzt laut an sein Ohr. Schimon dreht sich heftig um: aus der Tiefe der Gasse taucht ein Trauerzug auf, von einem Rabbiner angeführt.
"Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist der Einzige, Elohim Elohej", betet der Rabbiner, und der kleine Trauerzug nähert sich Schimon. Schon sieht er auch den ins Totenhemd gehüllten Leichnam. Der Tote liegt auf einer Bahre, nicht in einem Holzsarg, in dem die Juden in der Diaspora ihre Toten bestatten. Schimon bemüht sich, dem Zug auszuweichen, er zieht sich tiefer in die Gasse zurück. Aber die von vier Männern in Schwarz getragene Bahre nähert sich ihm schnell. Deshalb presst er sich nur an die steinerne Wand eines Hauses und setzt sich die Kappe auf. Das Gesicht des Toten ist in eine Kapuze gehüllt, und das ist das Gesicht eines Mannes, denn unter dem zurück geklappten Rand des Stoffes ist die Spitze eines grauen Bartes zu sehen. Noch bevor Schimon ehrerbietig das Haupt neigt, bemerkt er, dass zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand des Toten ein kleiner Zweig steckt. Dieser kleine Zweig wirbelt Schimons Sinn durcheinander. Er erinnert sich, dass das ein Myrtenzweig sein könnte, der einem gläubigen Juden helfen soll, ins Heilige Land einzukehren. Mit dem gleichen Myrtenzweig hatten sie einst auch seinen Großvater bestattet. Der war auch gläubig - und war er seitdem durch die Unterwelt seines Glaubens ins Heilige Land gewandert? Und war das in Wirklichkeit auch die Pilgerreise, auf die er sich sein ganzes Leben vorbereitet hatte?
Der Gedanke, dass Jakub Marmorstein mit seinem Trauerzug gerade in dem Augenblick in dieser Gasse erschienen ist, als hier der Enkel seines Weges geht und ebenfalls das Tor in den Tempel sucht, ist so phantastisch und zugleich auch logisch, dass Schimon sich dem Leichenzug anschließt. Er nähert sich der Bahre, aber bevor er sich überzeugen kann, ob der Zweig in der Hand des Toten wirklich vertrocknet ist und ob das Sterbehemd die Merkmale einer langen Wanderschaft zeigt, beginnt sein Herz so heftig zu schlagen, dass er stehen bleiben muss und in den Taschen nach einer Tablette fingert, um sie sich unter die Zunge schieben zu können …
"Vater … ist alles in Ordnung mit dir? Vater, wach auf …"
Ach, Jehova, das war nur ein Traum, wurde sich Schimon bewusst.
"Hättest du mich nicht aufgeweckt, dann hätte ich auch sterben können", sagte er noch mit schwerer Zunge, als das Nitroglyzerin zu wirken begann.
"Hauptsache, du fühlst dich schon besser. Das ist der Wind aus der Wüste. Er bedrängt einen jeden. Aber er hat sich schon gedreht."
"Ich weiß. Durch die Straßen weht schon ein erfrischendes Lüftchen. Mir hat davon geträumt. Weißt du, ich hatte einen seltsamen Traum … als wäre darin etwas Prophetisches", sagte Schimon und schüttelte verwundert den Kopf.
"In Jerusalem hat man es sich angewöhnt, prophetische Träume zu träumen, schon seit den Zeiten des Königs David", reagierte der Sohn mit feiner Ironie.
"Wenn mich meine Ahnung nicht täuscht, lassen die sich ebenso schwer erklären. Mir hat geträumt, dass ich mich zur Klagemauer aufgemacht habe. Aber im Jüdischen Viertel in der Altstadt hab ich mich verirrt, bin einem Trauerzug begegnet und …" Schimon erzählte seinem Sohn den ganzen Traum.
"Also hieß mein Urgroßvater nicht Gavora, sondern Marmorstein", sagte Schimons Sohn nachdenklich nach einer Weile. "Der Traum sollte dich wohl daran erinnern, dass du zum Messias nicht so weit wandern musst wie dein Großvater", fügte er, nun schon ohne Ironie, hinzu.
"Das wirklich nicht. Aber …"
Schimon begriff mit einem Male, wie er den Traum deuten sollte. Er erbleichte, und seine Brust krampfte sich schmerzhaft zusammen.
"Was hast du, Vater?", fragte der Sohn beunruhigt und umfasste Schimons eiskalten Hände.
"Paulina … deine Mutter", stieß Schimon mit Mühe hervor. "Wir haben ihr keinen Myrtenzweig in die Hand gesteckt. Niemals wird sie sich nach Jerusalem durchkämpfen können. Ich muss … ich muss zu ihr zurückkehren."
Verblüfft, auch wenn jeder aus einem anderen Grund, schauten sie einander eine Weile schweigend an.
"Vater … aus dir ist in Jerusalem ein glaubensfrommer Jude geworden!"
"Mag sein", stimmte Schimon beschämt zu. Nach kurzem Nachdenken fuhr er fort: "Manchmal hilft uns nur ein Traum zu begreifen, was wir im wachen Leben nicht begriffen haben. Und viele Geheimnisse offenbaren sich uns erst vor dem Allmächtigen. Ich will nicht ohne Paulina vor ihn treten."
"Du sprichst auf einmal so sonderbare Dinge, Vater. Wie ein gelehrter Rabbiner." Den Sohn beunruhigte der Traum des Vaters. "Aber wenn du dich erst ausgeruht hast …"
Schimon stimmte zu, er werde sich ausruhen. Vor dem Wege muss er viel Kraft schöpfen. Nachdem der Sohn gegangen war, schlummerte er gleich ein. Ihm schien, er sei wieder zu Hause, habe Paulina nie verlassen, setze in Wirklichkeit nur den Traum des Großvaters Jakub Marmorstein fort. Jetzt pilgern sie gemeinsam in das Ewige Jerusalem.

Aus dem Slowakischen von Gustav Just.


Anton Baláz, geb. 1943, Publizistikstudium, bisher 13 Bücher, hauptsächlich Romane, z.B. "Tábor padlych zien" (Das Lager der gefallenen Frauen, 1993) und "Krajina zabudnutia" (Das Land des Vergessens, 2000). Zahlreiche Drehbücher und Hörspiele. Preis des Slowakischen P.E.N.-Club

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