Podium Nr. 139/140 - Spiele


Marlen Schachinger

FREMDGANG.SPIELPLAN

PLÄNE

Einer klagte darüber, dass die deutsche Literatur so sinnlich sei wie der Stadtplan von K.
Nicht mir, Sophia, sagte er es, sondern sprach es in Mikrophone und Kameras, Laptops und Kugelschreiber. Ich kenne einzig die multimediale Kolportage-Variante.
Gerne hätte ich ihm erwidert, So nehmen Sie andere zur Hand; oder: Weshalb nicht den Plan der Stadt W? Sie werden feststellen, Ihr Verdacht ist unbegründet. Und das Abbild ist nur die Verheißung des im Verborgenen zu Entdeckenden.
K. auf meinem Monitor. Ich lese, wie die gebogene Faulstraße in die Haßstraße mündet - oder kommt sie von ihr? Einen Klick weiter führe ich die Weißgefiederten den Weg hinab zum Schwanenseepark. Zwischen beiden liegt der Hafen; die Vögel ziehen und lassen mich zurück. Wo würde ich wohnen wollen, am See? Und wie mögen die Häuser aussehen … In mir entsteht ein dänisches Städtchen, Buntgewürfeltes unter roten Dächern, vorhanglose Fenster, die mir Einblick gewähren in Alltäglichkeiten. Als gebe es nichts, das zu verbergen sich lohnen würde.
Geschmunzel bei Papenkamp und Moorteichwiese - hier tanzen wohl die Jungfern vom Stieg, wenn der Mond sich rundet.
Sternstraße; dahin würde ich gerne reisen. Mit dir. Eine Milchkanne zwischen uns, wir würden hier und dort ein wenig kleckern …
Morgens in W. Ein Eckchen ins Gedächtnis meiner Netzhaut gebrannt. Ich mache mich auf den Weg, dem Frühling zu begegnen, der sich noch verbirgt in Winkeln und Gassen. Deine Hand streifte ich nur zufällig.

KOPF-LAGE

Ich spaziere durch deine Gehirnwindungen, Gänge die scheinbar ins Nirgendwo führen und doch allerorts in einen Innenhof; begrünt, im Sonnenlicht. Ich lasse mich nieder, umringt von Statuen deiner Gedanken. Sophie Scholl steht hier. Seite an Seite mit Juliette Binoche, Djuna Barnes, Liv Ullman; und Anna Freud halb verborgen hinter Fliederbüschen. Ich ziehe Bücher aus den Regalfächern, alles was dir und mir von Bedeutung ist. In deine Halskrumme geschmiegt verweile ich, mein Haar mischt sich mit deinem. Es ist gut, so zu lesen, sind wir uns doch einig; was wert ist, gedacht zu werden.
Deine Augen kann ich noch nicht sehen.
Am späten Vormittag ziehe ich mich mit einer Tasse brasilianischen Kaffees in den Sigmund Freud Park deines Hinterkopfes zurück; ein Grünfleck in Licht getaucht, reizlos in seiner Offenlegung, Spießrutenlauf zwischen Hundekotversatzstücken; um mich in einem Kreis wiederzufinden; jedem Land ein Baum, mehreren die Esche. Österreich? Eine kümmerliche Linde; das war doch wohl vorherzusehen. Und aus D? Die Eiche.
Freud hatte Sinn für Humor, sage ich mir.
Kinder jagen einem Ball nach, von Hunden gefolgt. Und ich denke an jenes Treffen, als wir uns gegenüber saßen und über unsere Hundesehnsucht sprachen; es erstaunte mich nicht, dass wir erneut einer Meinung waren - wie in den meisten Dingen.
Du schlugst mir das Café Berg als geeigneten Treffpunkt vor; sitzt in einem Korbsessel, Zigarette in der rechten Hand; wie hätte ich anderes erwarten können, und dein Haar steht dir zu Berge, Der Wind!, sagst du, und ich würde gerne erwidern, Lass es, sieht süß aus. Wir essen und du erzählst mir zwischendurch die neuesten Witze, die dir zu Ohren kamen.
So beginnen unsere Gespräche stets; es ist, als müsstest du dich erst in den Klang der Worte finden - oder geht es dir um mein Lachen?, denn du weißt, je schwärzer der Humor, um so höher die Chance mich zu erreichen … Schließlich lernten wir einander so kennen, dass eine mich fragte, kennst du schon ,Die Jungfrau Maria auf Erdenurlaub'? Nein? Sie soll ihn erzählen … Ich lachte Tränen - und hatte dich gefunden; was verlangt man mehr von einem Abend im verschneiten Irgendwo.
Nun sind wir bereits bei Was-dir-zu-Ohren-kam angelangt. Mein Fuß wippt im Takt zu Nina Simones Stimme, und ich würde dich gerne -, und mein Lachen mischt sich mit deinem, wie sonst nichts zwischen uns.

RÜCK-GRAD

Die Sonne steht im Zenit, ich wandere deine Säule hinab. An der gewährten Be-Freyung von landesfürstlicher Gerichtsbarkeit beginnt der Tiefe Graben, der mich hinab zum Hotel Oriental führen könnte; das habe auch ich nicht gewusst.
Es fügen sich Pflastersteine zu deinen Wirbeln, ich schreite sie ab, ihre ausgetretene Glätte, ihre Kanten sind selbst durch die dicken Sohlen meiner Winterstiefel zu spüren. Ist dies Pflaster regennass, wird es teuflisch. Erinnerst du dich?, wie wir aneinander Halt suchend in der Pfütze landeten, in jenem letzten Herbst, der ein nie endenwollender Sommer wurde, bevor der Winter über Nacht in die Straßen stürmte und die Plätze leer fegte. Eingefroren.
Ich wandere im Sonnenspalt; die Autos verharren aneinander gereiht. Eine Ahnung liegt in diesem LichtSchattenSpiel; in meinen Träumen sah ich schon die Bienen und Wespen der kommenden Tage, und ich wollte dich fragen, könntest du es ertragen, mir die rettende Spritze ins Muskelfleisch zu jagen - oder würdest du mein nahendes Sterben mit Entsetzen betrachten …
Ich rücke mir den Kopf zurecht. Wie soll ich in dieser Verfassung die nötigen Vorarbeiten für meinen Film zu Stande bringen?, Weiter, sage ich mir. Im Rippenbogen der Kurrentgasse spaziere ich hoch - und bleibe links, bevor ich das Ende erreichen kann. Der Tapezierer S. lädt mich in seinen Innenhof, für diese Gasse ein trauriger Lichtschacht; betoniert, kein Götterbaum im Eck; nicht einmal ein Grashalm, der sich in einem Spalt breit macht. Ich setze mich auf die Stufen vor dem grünen Wohnhaustor, Passanten eilen vorbei, in ihre Geschäftigkeit gebunden, ich sehe mir den Himmelsausschnitt an. Im Schalltrichter wird jedes Wort, jeder Schritt verstärkt; in dieser Enge könnte ich filmen. Dir dies zeigen: manchmal ist auch hinter der anziehendsten Fassade nur das Nichts begraben.

BRUST-KORB

Neun Chöre der Engel, sie gäben mir Ruhestätte, sagen sie, hätten sie nicht geschlossen.
Ich umrunde sie.
Hüttchen an die Mauer gedrängt; Fensterläden erlauben den Blick auf Innerstes, Uhr an Uhr gereiht, rechts wie links. Mittig, ein Verlassenes; eine Krippe im Staub vergessen.
Ob mir die Zeit meine Engelschöre zurückgeben wird? Eine der Uhren scheint es im hingestreckten Alabasterleib zu versprechen, Gesicht himmelwärts; Hochmut kommt vor dem Fall!, daran ändert auch das Sonnenpendel nichts.
Weitergehen, die Trauer schlucken.
Eine schmale Tür. Ich drücke die Klinke, nehme mir die Frechheit zu sehen; Neun Chöre der, Bodenunebenheiten, die mir Schwindel verursachen; und die Engel? Versperrt, eingerüstet, für eine Zeit, die kommen mag; im Irgendwann.
Metallene Bodenplatten, seitliche Haltestange, ich könnte dort hinab steigen, Katakomben oder Keller oder … ich müsste nur die Platten heben …
Neun Chöre der Engel, sie gäben mir Ruhestätte, sagen sie, sie könnten, vielleicht, wenn auch nicht hier, sanft und weich …
Wir werden uns dies noch nicht gestatten.
Derweilen blechert es in meine Hörlappen, dies Knarren und Rattern, dass ich schreien möchte; hinaus.
Der Himmel schweigt. Das ist gut. Solange er bloß nicht weint.
Dass der Frühling sich immer anschleichen muss! Weshalb kann er nicht über Nacht kommen, mit Pauken und Trompeten und der großen Verkündigungstrommel: Da bin ich - und bleibe!
Ich stellte dir die sinnlose Frage, ob in der Mondscheingasse, der Mond allnächtlich zu sein pflegt, wenn dem so sei, sollten wir dort unser Lager aufschlagen.
Und in der Siebensterngasse, kontertest du, sind da stets sieben Sterne zu betrachten? Wenn die Venus einer davon, weshalb nicht dort?
Heute Morgen erwachte ich, aus Träumen gerissen; und murmelte, Ich darf die Engelsflügel nicht vergessen, ich muss sie einpacken, bevor ich losziehe.
Nach der ersten Tasse Kaffee, Gelächter.
Wer mit dem Unglück vermählt, der gehe fremd. Shakespearesche Worte in mir.
Ein weißbekappter Polizist steht im Sonnensegment, das den Judenplatz durchschneidet; ruhig, das rechte Bein ein wenig vorgeschoben, die Hände auf dem Rücken verschränkt.
Lessing sieht an ihm vorbei, zum Mahnmal inmitten, Buch an Buch zu einer Wand; die Seitenstruktur lässt sich einzig aus der Nähe erkennen, Rücken nach innen gewandt. Kein Eingang in diese Welten.

BEUGUNGEN

Wo es keinen Ort des Rastens gibt, des Verharrens, gibt es kein Bleiben. Deshalb begehre ich dieses Straßengewirr zwischen Sankt Stephan und Kai, dass deinen Locken gleicht. Ein Flusslauf zieht sich, wird kanalisiert.
Es sind die kleinen, winkeligen Passagen, um deretwillen ich diese Stadt liebe.
Eine Biegung, ein Durchgang, du bist im Anderswo. Tore öffnen sich und geben Blicke frei. Innenhöfe unter Kaskaden von wildem Wein.
Und im nächsten? Glas in Rundungen gefügt zu Bogenfenstern.
Einen Hof weiter, mittendrin ein Baum. Wäre ich eine bessere Botanikerin, könnte ich dir sagen, ob es eine Linde ist und dass folglich der Kalfakter kein Brauerscher sei. Du würdest aller Wahrscheinlichkeit nach wissen, wovon ich spreche, mir lachend entgegenhalten, Hinter-meiner, Vorder-meiner, links-rechts, gilt's nix. Und ich würde erneut feststellen, dass ich den Klang nicht beherrsche, den diese Stadt ihren Wörtern beschert.
Geschichten haben sich in den Winkeln festgesetzt; fremde, eigene. Gleich jeder Kerbe, die mir von dir erzählt; wie deine Augenfalten, die dem Lachen einen Ort geben, Lebensspuren in Häuser graviert. Nicht bloß ein G-was-here, datiert auf irgendwann. Narben in Holztüren geschlagen beim Ab- oder Antransport von Möbelstücken, Schrankkoffern, Ellenbogen.
Des Basilisken Blick im Spiegel zu bannen, und Augustin singt auch heute noch Alles ist hinhinhin von seiner Hausmauer herab; Schwangerschaftsstreifen, wo etwas entstand; von Abschied bezeugt in diesen Gassen.
Das Nichtgelebte schlägt sich nieder. Blinde Flecken gibt es nicht mehr, doch Orte, die in ihrer Plan-Einheit ein anderes Bild entwickeln, als das subjektiv Reale in meinem Auge. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, höre ich einen murmeln. Und ein anderer ihm erwidern: im Krieg und in der Liebe … Nein! Ist nicht alles erlaubt, setze ich ihm entgegen. Woraufhin er meiner spottet, Ach, kleine Sophia, was weißt du schon von der Liebe?
Dass Krieg und Liebe nichts miteinander gemein, sage ich nicht.
Dass die Lüge im Krieg beheimatet, die Liebe aber Wahrheit sucht, sage ich auch nicht. Er würde mir ein Süß-bist-du-aber-so-naiv-du-musst-noch-viel-lernen, entgegenstellen. Wir können uns diesen Dialog, oftmals geführt, sparen.
Das Einzige, das ihnen gemein, ist ihr Dasein als zentrales Thema der Menschen, sagte ich an dein Ohr gerichtet.
Ich muss die Matroschkas unserer Gespräche im Verborgenen halten, fest verschlossene Drehwindungen, auf dass nicht eine nach der anderen herausspringen möge. Auf lichtdurchfluteten Plätzen erscheint mir dies leichter, so lasse ich mich am Graben nieder, ein weiterer Kaffee, mein Filmskript. Es soll von dieser Stadt erzählen, HannahAnna …
Die Kärntner Straße hinab, ich für mich, um den Vieren zu lauschen. So nenne ich sie stets, erzähle ich dir, nach der Nummer ihres Standplatzes; sie bringen mir eine Melodie, die in meinen Bauch sickert.
Es ist der Gesang des Saxophons, den ich liebe, sage ich dir.
Da die Fiedel beginnt, tränen meine Augen. Der Wind zerbricht mir die Melodie, verfremdetes Take Five im Abgang, und ich tanze über den Platz.

DIR ERZÄHLEN

Fremdgehen. Oder: in die Fremde? Bloß wohin? Und: würde ich dich dort finden, wenn du augenscheinlich nicht hier bist? Das Unglück mit dem Glück betrügen; wüsste ich, wo ich es fände; am Ende des Regenbogens, gleich deinem Geträller, ein goldgefüllter Topf? Tontopf, honiggefüllt, bienenumschwärmt; mir zur Gefahrenquelle - ohne dich.
Erreicht dich meine Anwesenheit nicht, so vielleicht mein Wort. Gelingt es mir, deine Seele mit Geschichten zu füttern, hörst du mir dann zu? Ich, die Bildfrau; du, die Schreibende? Zuschreibungen. In jener Trunkenheit freitags drehtest du dich im Kreis, und ich sah dir zu. Ich hätte dich so gerne geküsst.
In dieser Stadt des Verdrängten und der Ängste, sagtest du, kann keiner glücklich werden; die Psychoanalyse entstand nicht zufällig aus diesem Sumpf heraus!
Und ich widersprach dir, wies dich auf die Schönheit hin, rasselte Bekanntes herab, Otto Wagner, Adolf Loos, Kolo Moser, Josef Hoffmann …
Nicht dein Ernst, sagtest du.
Kennst du die Geschichte von Hannah und Anna? Nein? - Gut, hör zu, sagte ich.
Hannah kam aus den Nebeltälern des Westens, zog flussaufwärts, in jene Region der Stadt, in welcher der Wind beheimatet war, um ihn dort seine Arbeit tun zu lassen. Dies geschah in den letzten Wintermonaten zu Beginn des Jahres. Tag für Tag führte sie ihr Spaziergang den Fluss entlang; unabhängig davon, welches Wetter der Wind mit sich bringen mochte …
Warte, warte! Eine Figur - egal ob Film oder Buch - muss ihren Konflikt von Anfang an in sich angelegt haben, damit er unausweichlich auf den Höhepunkt der Spannung zutreiben kann, wo also soll er sein, der innere Konflikt?
Pflicht und Neigung?, schlug ich dir vor.
Du lachtest mich aus, Was für ein alter Hut, fällt dir denn nichts Besseres ein?
Nein, sagte ich. Dachte an den gestrengen Blick der Lehrerin, Hauptmotiv dieser Epoche, nun? Sie wissen es nicht?
Pflicht und Neigung, Pflicht und Neigung, Pflicht und …
… durch bloßes Wiederholen wird das auch nicht revolutionärer!
Ich weiß, sagte ich. Und dass es die Geschichte der Zwillingsschwester sei, die in HannahAnna angelegt, anwesend abwesend zugleich, ein Du,