Marlen Schachinger
FREMDGANG.SPIELPLAN
PLÄNE
Einer klagte darüber, dass die deutsche Literatur so sinnlich
sei wie der Stadtplan von K.
Nicht mir, Sophia, sagte er es, sondern sprach es in Mikrophone und
Kameras, Laptops und Kugelschreiber. Ich kenne einzig die multimediale
Kolportage-Variante.
Gerne hätte ich ihm erwidert, So nehmen Sie andere zur Hand; oder:
Weshalb nicht den Plan der Stadt W? Sie werden feststellen, Ihr Verdacht
ist unbegründet. Und das Abbild ist nur die Verheißung des
im Verborgenen zu Entdeckenden.
K. auf meinem Monitor. Ich lese, wie die gebogene Faulstraße in
die Haßstraße mündet - oder kommt sie von ihr? Einen
Klick weiter führe ich die Weißgefiederten den Weg hinab
zum Schwanenseepark. Zwischen beiden liegt der Hafen; die Vögel
ziehen und lassen mich zurück. Wo würde ich wohnen wollen,
am See? Und wie mögen die Häuser aussehen
In mir entsteht
ein dänisches Städtchen, Buntgewürfeltes unter roten
Dächern, vorhanglose Fenster, die mir Einblick gewähren in
Alltäglichkeiten. Als gebe es nichts, das zu verbergen sich lohnen
würde.
Geschmunzel bei Papenkamp und Moorteichwiese - hier tanzen wohl die
Jungfern vom Stieg, wenn der Mond sich rundet.
Sternstraße; dahin würde ich gerne reisen. Mit dir. Eine
Milchkanne zwischen uns, wir würden hier und dort ein wenig kleckern
Morgens in W. Ein Eckchen ins Gedächtnis meiner Netzhaut gebrannt.
Ich mache mich auf den Weg, dem Frühling zu begegnen, der sich
noch verbirgt in Winkeln und Gassen. Deine Hand streifte ich nur zufällig.
KOPF-LAGE
Ich spaziere durch deine Gehirnwindungen, Gänge die scheinbar
ins Nirgendwo führen und doch allerorts in einen Innenhof; begrünt,
im Sonnenlicht. Ich lasse mich nieder, umringt von Statuen deiner Gedanken.
Sophie Scholl steht hier. Seite an Seite mit Juliette Binoche, Djuna
Barnes, Liv Ullman; und Anna Freud halb verborgen hinter Fliederbüschen.
Ich ziehe Bücher aus den Regalfächern, alles was dir und mir
von Bedeutung ist. In deine Halskrumme geschmiegt verweile ich, mein
Haar mischt sich mit deinem. Es ist gut, so zu lesen, sind wir uns doch
einig; was wert ist, gedacht zu werden.
Deine Augen kann ich noch nicht sehen.
Am späten Vormittag ziehe ich mich mit einer Tasse brasilianischen
Kaffees in den Sigmund Freud Park deines Hinterkopfes zurück; ein
Grünfleck in Licht getaucht, reizlos in seiner Offenlegung, Spießrutenlauf
zwischen Hundekotversatzstücken; um mich in einem Kreis wiederzufinden;
jedem Land ein Baum, mehreren die Esche. Österreich? Eine kümmerliche
Linde; das war doch wohl vorherzusehen. Und aus D? Die Eiche.
Freud hatte Sinn für Humor, sage ich mir.
Kinder jagen einem Ball nach, von Hunden gefolgt. Und ich denke an jenes
Treffen, als wir uns gegenüber saßen und über unsere
Hundesehnsucht sprachen; es erstaunte mich nicht, dass wir erneut einer
Meinung waren - wie in den meisten Dingen.
Du schlugst mir das Café Berg als geeigneten Treffpunkt vor;
sitzt in einem Korbsessel, Zigarette in der rechten Hand; wie hätte
ich anderes erwarten können, und dein Haar steht dir zu Berge,
Der Wind!, sagst du, und ich würde gerne erwidern, Lass es, sieht
süß aus. Wir essen und du erzählst mir zwischendurch
die neuesten Witze, die dir zu Ohren kamen.
So beginnen unsere Gespräche stets; es ist, als müsstest du
dich erst in den Klang der Worte finden - oder geht es dir um mein Lachen?,
denn du weißt, je schwärzer der Humor, um so höher die
Chance mich zu erreichen
Schließlich lernten wir einander
so kennen, dass eine mich fragte, kennst du schon ,Die Jungfrau Maria
auf Erdenurlaub'? Nein? Sie soll ihn erzählen
Ich lachte
Tränen - und hatte dich gefunden; was verlangt man mehr von einem
Abend im verschneiten Irgendwo.
Nun sind wir bereits bei Was-dir-zu-Ohren-kam angelangt. Mein Fuß
wippt im Takt zu Nina Simones Stimme, und ich würde dich gerne
-, und mein Lachen mischt sich mit deinem, wie sonst nichts zwischen
uns.
RÜCK-GRAD
Die Sonne steht im Zenit, ich wandere deine Säule hinab. An der
gewährten Be-Freyung von landesfürstlicher Gerichtsbarkeit
beginnt der Tiefe Graben, der mich hinab zum Hotel Oriental führen
könnte; das habe auch ich nicht gewusst.
Es fügen sich Pflastersteine zu deinen Wirbeln, ich schreite sie
ab, ihre ausgetretene Glätte, ihre Kanten sind selbst durch die
dicken Sohlen meiner Winterstiefel zu spüren. Ist dies Pflaster
regennass, wird es teuflisch. Erinnerst du dich?, wie wir aneinander
Halt suchend in der Pfütze landeten, in jenem letzten Herbst, der
ein nie endenwollender Sommer wurde, bevor der Winter über Nacht
in die Straßen stürmte und die Plätze leer fegte. Eingefroren.
Ich wandere im Sonnenspalt; die Autos verharren aneinander gereiht.
Eine Ahnung liegt in diesem LichtSchattenSpiel; in meinen Träumen
sah ich schon die Bienen und Wespen der kommenden Tage, und ich wollte
dich fragen, könntest du es ertragen, mir die rettende Spritze
ins Muskelfleisch zu jagen - oder würdest du mein nahendes Sterben
mit Entsetzen betrachten
Ich rücke mir den Kopf zurecht. Wie soll ich in dieser Verfassung
die nötigen Vorarbeiten für meinen Film zu Stande bringen?,
Weiter, sage ich mir. Im Rippenbogen der Kurrentgasse spaziere ich hoch
- und bleibe links, bevor ich das Ende erreichen kann. Der Tapezierer
S. lädt mich in seinen Innenhof, für diese Gasse ein trauriger
Lichtschacht; betoniert, kein Götterbaum im Eck; nicht einmal ein
Grashalm, der sich in einem Spalt breit macht. Ich setze mich auf die
Stufen vor dem grünen Wohnhaustor, Passanten eilen vorbei, in ihre
Geschäftigkeit gebunden, ich sehe mir den Himmelsausschnitt an.
Im Schalltrichter wird jedes Wort, jeder Schritt verstärkt; in
dieser Enge könnte ich filmen. Dir dies zeigen: manchmal ist auch
hinter der anziehendsten Fassade nur das Nichts begraben.
BRUST-KORB
Neun Chöre der Engel, sie gäben mir Ruhestätte, sagen
sie, hätten sie nicht geschlossen.
Ich umrunde sie.
Hüttchen an die Mauer gedrängt; Fensterläden erlauben
den Blick auf Innerstes, Uhr an Uhr gereiht, rechts wie links. Mittig,
ein Verlassenes; eine Krippe im Staub vergessen.
Ob mir die Zeit meine Engelschöre zurückgeben wird? Eine der
Uhren scheint es im hingestreckten Alabasterleib zu versprechen, Gesicht
himmelwärts; Hochmut kommt vor dem Fall!, daran ändert auch
das Sonnenpendel nichts.
Weitergehen, die Trauer schlucken.
Eine schmale Tür. Ich drücke die Klinke, nehme mir die Frechheit
zu sehen; Neun Chöre der, Bodenunebenheiten, die mir Schwindel
verursachen; und die Engel? Versperrt, eingerüstet, für eine
Zeit, die kommen mag; im Irgendwann.
Metallene Bodenplatten, seitliche Haltestange, ich könnte dort
hinab steigen, Katakomben oder Keller oder
ich müsste nur
die Platten heben
Neun Chöre der Engel, sie gäben mir Ruhestätte, sagen
sie, sie könnten, vielleicht, wenn auch nicht hier, sanft und weich
Wir werden uns dies noch nicht gestatten.
Derweilen blechert es in meine Hörlappen, dies Knarren und Rattern,
dass ich schreien möchte; hinaus.
Der Himmel schweigt. Das ist gut. Solange er bloß nicht weint.
Dass der Frühling sich immer anschleichen muss! Weshalb kann er
nicht über Nacht kommen, mit Pauken und Trompeten und der großen
Verkündigungstrommel: Da bin ich - und bleibe!
Ich stellte dir die sinnlose Frage, ob in der Mondscheingasse, der Mond
allnächtlich zu sein pflegt, wenn dem so sei, sollten wir dort
unser Lager aufschlagen.
Und in der Siebensterngasse, kontertest du, sind da stets sieben Sterne
zu betrachten? Wenn die Venus einer davon, weshalb nicht dort?
Heute Morgen erwachte ich, aus Träumen gerissen; und murmelte,
Ich darf die Engelsflügel nicht vergessen, ich muss sie einpacken,
bevor ich losziehe.
Nach der ersten Tasse Kaffee, Gelächter.
Wer mit dem Unglück vermählt, der gehe fremd. Shakespearesche
Worte in mir.
Ein weißbekappter Polizist steht im Sonnensegment, das den Judenplatz
durchschneidet; ruhig, das rechte Bein ein wenig vorgeschoben, die Hände
auf dem Rücken verschränkt.
Lessing sieht an ihm vorbei, zum Mahnmal inmitten, Buch an Buch zu einer
Wand; die Seitenstruktur lässt sich einzig aus der Nähe erkennen,
Rücken nach innen gewandt. Kein Eingang in diese Welten.
BEUGUNGEN
Wo es keinen Ort des Rastens gibt, des Verharrens, gibt es kein Bleiben.
Deshalb begehre ich dieses Straßengewirr zwischen Sankt Stephan
und Kai, dass deinen Locken gleicht. Ein Flusslauf zieht sich, wird
kanalisiert.
Es sind die kleinen, winkeligen Passagen, um deretwillen ich diese Stadt
liebe.
Eine Biegung, ein Durchgang, du bist im Anderswo. Tore öffnen sich
und geben Blicke frei. Innenhöfe unter Kaskaden von wildem Wein.
Und im nächsten? Glas in Rundungen gefügt zu Bogenfenstern.
Einen Hof weiter, mittendrin ein Baum. Wäre ich eine bessere Botanikerin,
könnte ich dir sagen, ob es eine Linde ist und dass folglich der
Kalfakter kein Brauerscher sei. Du würdest aller Wahrscheinlichkeit
nach wissen, wovon ich spreche, mir lachend entgegenhalten, Hinter-meiner,
Vorder-meiner, links-rechts, gilt's nix. Und ich würde erneut feststellen,
dass ich den Klang nicht beherrsche, den diese Stadt ihren Wörtern
beschert.
Geschichten haben sich in den Winkeln festgesetzt; fremde, eigene. Gleich
jeder Kerbe, die mir von dir erzählt; wie deine Augenfalten, die
dem Lachen einen Ort geben, Lebensspuren in Häuser graviert. Nicht
bloß ein G-was-here, datiert auf irgendwann. Narben in Holztüren
geschlagen beim Ab- oder Antransport von Möbelstücken, Schrankkoffern,
Ellenbogen.
Des Basilisken Blick im Spiegel zu bannen, und Augustin singt auch heute
noch Alles ist hinhinhin von seiner Hausmauer herab; Schwangerschaftsstreifen,
wo etwas entstand; von Abschied bezeugt in diesen Gassen.
Das Nichtgelebte schlägt sich nieder. Blinde Flecken gibt es nicht
mehr, doch Orte, die in ihrer Plan-Einheit ein anderes Bild entwickeln,
als das subjektiv Reale in meinem Auge. Weil nicht sein kann, was nicht
sein darf, höre ich einen murmeln. Und ein anderer ihm erwidern:
im Krieg und in der Liebe
Nein! Ist nicht alles erlaubt, setze
ich ihm entgegen. Woraufhin er meiner spottet, Ach, kleine Sophia, was
weißt du schon von der Liebe?
Dass Krieg und Liebe nichts miteinander gemein, sage ich nicht.
Dass die Lüge im Krieg beheimatet, die Liebe aber Wahrheit sucht,
sage ich auch nicht. Er würde mir ein Süß-bist-du-aber-so-naiv-du-musst-noch-viel-lernen,
entgegenstellen. Wir können uns diesen Dialog, oftmals geführt,
sparen.
Das Einzige, das ihnen gemein, ist ihr Dasein als zentrales Thema der
Menschen, sagte ich an dein Ohr gerichtet.
Ich muss die Matroschkas unserer Gespräche im Verborgenen halten,
fest verschlossene Drehwindungen, auf dass nicht eine nach der anderen
herausspringen möge. Auf lichtdurchfluteten Plätzen erscheint
mir dies leichter, so lasse ich mich am Graben nieder, ein weiterer
Kaffee, mein Filmskript. Es soll von dieser Stadt erzählen, HannahAnna
Die Kärntner Straße hinab, ich für mich, um den Vieren
zu lauschen. So nenne ich sie stets, erzähle ich dir, nach der
Nummer ihres Standplatzes; sie bringen mir eine Melodie, die in meinen
Bauch sickert.
Es ist der Gesang des Saxophons, den ich liebe, sage ich dir.
Da die Fiedel beginnt, tränen meine Augen. Der Wind zerbricht mir
die Melodie, verfremdetes Take Five im Abgang, und ich tanze über
den Platz.
DIR ERZÄHLEN
Fremdgehen. Oder: in die Fremde? Bloß wohin? Und: würde
ich dich dort finden, wenn du augenscheinlich nicht hier bist? Das Unglück
mit dem Glück betrügen; wüsste ich, wo ich es fände;
am Ende des Regenbogens, gleich deinem Geträller, ein goldgefüllter
Topf? Tontopf, honiggefüllt, bienenumschwärmt; mir zur Gefahrenquelle
- ohne dich.
Erreicht dich meine Anwesenheit nicht, so vielleicht mein Wort. Gelingt
es mir, deine Seele mit Geschichten zu füttern, hörst du mir
dann zu? Ich, die Bildfrau; du, die Schreibende? Zuschreibungen. In
jener Trunkenheit freitags drehtest du dich im Kreis, und ich sah dir
zu. Ich hätte dich so gerne geküsst.
In dieser Stadt des Verdrängten und der Ängste, sagtest du,
kann keiner glücklich werden; die Psychoanalyse entstand nicht
zufällig aus diesem Sumpf heraus!
Und ich widersprach dir, wies dich auf die Schönheit hin, rasselte
Bekanntes herab, Otto Wagner, Adolf Loos, Kolo Moser, Josef Hoffmann
Nicht dein Ernst, sagtest du.
Kennst du die Geschichte von Hannah und Anna? Nein? - Gut, hör
zu, sagte ich.
Hannah kam aus den Nebeltälern des Westens, zog flussaufwärts,
in jene Region der Stadt, in welcher der Wind beheimatet war, um ihn
dort seine Arbeit tun zu lassen. Dies geschah in den letzten Wintermonaten
zu Beginn des Jahres. Tag für Tag führte sie ihr Spaziergang
den Fluss entlang; unabhängig davon, welches Wetter der Wind mit
sich bringen mochte
Warte, warte! Eine Figur - egal ob Film oder Buch - muss ihren Konflikt
von Anfang an in sich angelegt haben, damit er unausweichlich auf den
Höhepunkt der Spannung zutreiben kann, wo also soll er sein, der
innere Konflikt?
Pflicht und Neigung?, schlug ich dir vor.
Du lachtest mich aus, Was für ein alter Hut, fällt dir denn
nichts Besseres ein?
Nein, sagte ich. Dachte an den gestrengen Blick der Lehrerin, Hauptmotiv
dieser Epoche, nun? Sie wissen es nicht?
Pflicht und Neigung, Pflicht und Neigung, Pflicht und
durch bloßes Wiederholen wird das auch nicht revolutionärer!
Ich weiß, sagte ich. Und dass es die Geschichte der Zwillingsschwester
sei, die in HannahAnna angelegt, anwesend abwesend zugleich, ein Du,
dem Ich nahe, dennoch nicht identisch. Dies sei es, was sie suche, erklärte
ich dir.
Dies ist es, was ich suche, sagte ich nicht.
Das wird sie nie finden, sagtest du.
Ich weiß, erwiderte ich.
Wolldeckenschweigen legte sich über uns. Es könnte
gut sein; würde es nicht so kratzen, auf meiner Haut, in meinem
Hals.
Du packtest mich an den Schultern.
Steht auf meiner Stirn Vor-Gebrauch-schütteln?, fragte ich dich.
Man wirft mir Blicke zu. Ich weiß. Divergierende Wahrnehmung.
Sie sehen nicht, was für mich so klar: Dich.
LÄNGEN
Jede Straße hat ihre eigene Länge, die nicht messbar ist,
sondern die ihr innewohnt. Je klarer ihre Struktur, je weniger Reize
sie Auge und Fuß bietet, desto länger erscheint sie. Dass
mir dein Körper so durcheinander gerät, mag an meinem allgemeinen
Zustand der Verwirrtheit liegen, an einer innerlichen Trunkenheit, die
einzig du wohl klären könntest, würdest du es wollen.
,Nordsee', und ich stolpere hinein in diesen Fischgeruch. Damals bat
ich dich, mich zu begleiten, an das wiederkehrende Wasser, an die langen
Grünstreifen, in den wärmenden Biegungen. Du lehntest ab,
Keine Zeit
, doch ich hörte das Bedauern, das sich zwischen
Augen und Brauen niederließ.
Ich reiste alleine; sie wurden mir lange wie dein Bein - Zehe über
Fessel, Knöchel, Schenkel, Kniekehle, hoch bis zur Hüfte -
so viele Tage.
Doch ich fuhr. Ohne Bedauern, wie stets. Richtung Flughafen und Vorfreude
auf Kommendes. Die Frau der weißen Rosen sah ich nicht; auch nicht
jene der roten. Mein Flieger erhob sich.
Wie gerne, dachte ich, lasse ich diese Stadt unter mir zurück.
Um heimkommen zu können! Nichts ist zu vergleichen mit dieser trunkenen
Freude des Wiedersehens, bei der jeder Schritt verkündet, Zuhause!,
Endlich wieder hier, in dieser Stadt!
Nie erscheint mir W so liebenswert, als wenn sie meine Rückkehr
in Empfang nimmt
Befinde ich mich - noch bilderreich mit Muschelsausen
in Olivenhainen - am Donaukanal und schlage die alte Route ein, ins
Gassengewirr jenseits des Schwedenplatzes, wo meine liebsten Orte, Cafés
und Buchläden wie Kinosäle, und ich öffne die Tür,
Bin zurück!; meine Freunde, Willkommen!; der Kellner im Gewohnten,
N'Abend, was nehmen'S? - Daheim!
Kennst du das? Und meine FernSehnsucht, die Raum gibt
Ich erzählte
dir des Langen und Breiten von Lisboa - und du mir von den Friedhöfen
dieser Erde! Stadt des Lichts und letzte Ruhe, das harmoniert doch außerordentlich
gut in seiner Ergänzung, findest du nicht?
Du, mein blinder Fleck, mein toter Winkel. - Ich folgte nie einer heterosexuellen
Moral; aber einer inneren Ethik. Nicht sein kann. Raubt mir das den
Schlaf, gibt mir die Müdigkeit, die mich am Arbeiten hindert. Habe
keinen Film gedreht seit. Weil ich nicht zu denken wage und doch permanent
darin versumpfe. Dass du. Dass ich. Stopp!
SCHAM
Der Donnerbrunnen. Ich betrachte das himmelwärts gewandte Nacketei-Hinterteil,
das einst zur Beleidigung gedacht war. Ich sehe hinauf und frage mich,
hinter welchem Fenster der Auftraggeber stand; der schmiedeiserne Balkon,
wohlgerundet, um die Morgensonne zu begrüßen?
Es ist ein schöner Po. Doch mir sind ohnehin die Frauen lieber;
besonders jene, deren Blick ostwärts gewandt, und ich frage mich,
ob sie nun March oder Ybbs heißen mag. Bei meiner Vorliebe für
den Buchstaben M fällt mir die Entscheidung leicht.
Ihr Körper im vertrauten Hin-und-Weg; den kalten Nordwinden den
Rükken zugewandt, Nabel nach Südwesten. Mittig thront Providentia,
in ihrer Vorsehung gestützt auf ein Frauenbildnis im Medaillon
Was denn daran so komisch sei, blafft mir eine alte Dame ins Gesicht.
Nichts, sage ich; und sie zieht ihre Stummelschwänzler weiter.
Kreise durch diese Stadt, laufe mich fußwund; vielleicht könnte
ich dich an anderen Orten finden. Im Heidenschuss? Sicher nicht! Kohlmarkt?
Kaisergruft? Was solltest du dort
?
In den Burggarten!
Fremdgang. Ein Wesen, FrauenOberkörper auf Pferdebeinen, und über
ihr thront Pegasus.
Einbiegen. Immer auf den Schmetterling zu, angezogen von Farbe und Form.
Über den Cinderella Platz; nicht Aschenputtel! Nun ist er jener
der Skater und Kicker geworden; daran ändern auch die Putten allerorts
wenig, ihre Finger weisen ins Leere. Vielleicht, wenn die Dämmerung
zur Nacht wird
Schwärzlich zeichnen sich die wintermüden
Bäume ab, Blattknospen, nur aus der Nähe zu erkennen.
Das Schmetterlingshaus erleuchtet, darin ein Grüngewucher. Ich
presse meine Nase ans anlaufende Glas, weil ich meine, dich darin entdeckt
zu haben.
Das Brunnenwasser vor dem Palmenhaus schwappt leise. Ich lasse einen
Lilienkopf hinab. Sehe zu, wie er treibt und Kreise zieht; das Steinbecken
fühlt sich kühl an.
Die Stadt ist mir heute voll von halbnackten Brustentblößerinnen;
und es liegt nicht am Frühling, denn sie stehen schon seit Jahrzehnten
so, keiner wundert sich noch darob. Doch werfe ich ihnen begehrliche
Blicke zu, weil sich ihr Gesicht mit deinem tauscht, sieht man mich
eigen an.
Ich sollte mich auf den Weg machen, und da ich dies denke, lehne ich
mich zurück, Straßenlampenleuchten, in deinen Schoß
geschmiegt. Über uns die Nachtwolken, ein Mondrund gleitet durch
sie hindurch
Ich bestelle noch einmal Chardonnay, träume
davon, mit dir zu schlafen, deine Hände auf meiner Haut
AUGEN-BLICK
Ich hole dich zu mir. In diese Dunkelheit. Aus mir heraus. Du lässt
dich im Gegenüber nieder; wir greifen zugleich nach unserem Glas
Wein.
Ich las vor langen Tagen, Verliebte in ihrer Gleichzeitigkeit
Wind kommt auf, sanfter als in den Monaten der Vergangenheit.
Flieder!, sage ich lachend.
Du schnupperst, wie ich zuvor.
Er ist gekommen!, in dieser Nacht.
Mit Pauken und Trompeten und Flügelschlag, antworte ich.
In deinen Augen liegt ein Lachen, und du streifst meinen Hals, Komm
, sagst du.
Und ich nehme dich mit, aus winkeligen Gassen, fort von den Steinbauten
der Erinnerung in mein Stahlbetonhaus.
Ins Blütenzimmer.
Marlen Schachinger, geboren 1970 in OÖ, Studium der Komparatistik,
Germanistik, Französisch und Ästhetik. Literaturpreise und
Stipendien. Publikationen, zuletzt: "morgen, vielleicht",
Roman.
www.marlen-schachinger.com