Lukas Meschik
SPIELE
Geschlossen ziehen wir aus. Ängstlich erleben wir den Mut, brodelnd
in unseren Zentren wie ein Überraschungsbrei kurz vor dem Überlaufen,
was verhindert werden kann durch Abschalten des Herdes. Uns schaltet
es gerade erst ein.
Scheinbar planlos werden Stellungen ausgekundschaftet, die Vermieter
ausquartiert, wohin es führt, wozu es noch gut ist, werden wir
sehen.
Zu Tausenden strömen wir auf den Bunker zu, weder schleppend noch
überhastet. Erklimmen die Mauern, klettern über Menschenleitern.
Unbewaffnet zerschmettern wir Tore, durchbrechen wir Zäune, durchgeschüttelt,
da unsere Überlegenheit verkohlt, die sich uns in den Weg stellen,
doch nur vor unsere Flinte, auf Biegen und Brechen.
Der Feind auch nicht müde. Schwere Verluste sehr bald zu beklagen.
Gegenspieler würfeln uns schäumend um die Ecke.
Das freie Feld bedeckt mit ausgefallenen Zähnen, ausgerissenen
Haaren, gleich der Anzahl aller Wurzeln.
Auf lange Sicht haben sie kein Zahnweh mehr, kein Personal mehr zu ertragen,
über das man nichts als wettern kann.
Den Vortritt hat, wer einen Stein hält. Vorteilsmacher fest umklammert
stürze ich voraus, wehre mich jedoch nur. Ich schlage nicht auf
Kopf, Rumpf, Kreuz, zerfetze nur nach mir grapschende Gliedmaßen,
im Schilde nichts Gutes, ich hätte gern eines.
Mit Stricken werden Halberlegte zusammengebunden, rollende, strampelnde
Knäuel geformt, auf beiden Seiten, mit festen Knoten, Zug verstärkt
durch das Mitansehen übler Taten.
Ein Riese hebt und senkt die Hand, lässt die Muskeln seines Armes
planschen, rund und rhythmisch wie ein Balldelphin. Lässt Schwächere
sich unterliegen, bringt sie zum Schnattern aus Notstand, zum Jammern.
Ich gehe Umwege, ihm nicht ins Visier zu hechten.
Minen machen ein Picknick in der Blumenwiese, dann und wann geht eine
hoch, verlässt die Party überhastet, dann bleibt mehr Futter
für die anderen. Ihren Stachel schmettern sie in Bienenbeine, Kamikazebomben.
"Nein!"
Obstsalat, Zutat Gedärm, pfeift mir um die Ohren, verstopft sie.
Noch wen zu rächen, nicht noch wen.
Mit Grabenkampf können nur die sich winden Gänge gemeint sein,
wo wir uns stoßen, als befänden wir uns in einer riesigen
Gehörmuschel. Ersprießlich für den Finder, der Geheimgut
hinterlegen durfte.
Das Gespräch zweier abgeschlagener Köpfe kann belauschen,
wer will:
"Da habe ich zu ihr gesagt, wenn du mich fortschickst, dann gib
mir einen Arschtritt, damit ich schneller weg sein kann."
"Ganz ohne Pathos?"
"Ja, frei davon. Wenn du mich fortschickst, dann danke, erfülle
meine Bitte. Lass uns im Schlechten auseinander gehen."
"Wie hat sie denn darauf reagiert?"
"Moment, ist noch nicht zu Ende. Bitte sag, dass du mich hasst!
Noch einmal, bitte sag, dass du mich hasst. Danke."
"Hat sie also gesagt. Wahrscheinlich besser so. Und dann?"
"Vergiss den Arschtritt nicht! Musste ich sie erinnern. Vergiss
den Arschtritt nicht! Vergiss den
danke."
"Besser, wenn man fortschickt, wahrscheinlich."
"Achtung, Fuß auf sechs Uhr!"
"Und was soll ich jetzt machen? Weglaufen?"
"Sehr witzig."
"Absolut, warst du immer schon."
Vier halten ein Kind fest, ich kann nicht helfen, muss weiter, hier
schleunigst weg. Die versammelte Mannschaft feuert sie an, triefend
vor Freude. Das Kind wird zerrissen, als wäre es eine Puppe. Die
Einzelteile passen nicht mehr aneinander, jeder ist dem anderen böser
Fremdkörper, immer, wenn ein Kind stirbt.
Die Sonne geht nicht mehr unter, nie mehr, überall. Damit wir einander
klar und deutlich sehen, die Parteien erkennen, einwandfrei identifizieren
können. Treffsicherheit gewährleistet, fahren sie fort, Gewehr
leistet!
Haben wir noch nie erlebt: pyramidenförmige Regentropfen, die nicht
eingesaugt werden, von uns nicht, vom Boden. Abprallen, sich zusammenschliessen,
sammeln. Nicht mehr lange und es ist die Schlammschlacht, nächste
Stufe Bootsstegwettbauen.
Mit einem Mal herrscht Jahrmarktsstimmung. Eintrittskarten, die Druckmaschinen
kommen nicht nach, laufen auf Hochtouren, schieben Zusatzmissionen ein,
extra lange. Ermäßigungen für Gebrechliche, Alte, für
jeden, der lieber kommt, länger bleibt. Ganztagespässe unter
die jubelnde Menge geworfen, endlich was los, endlich was Großes!
Zuckerwatte, doppelt so süß, nach Art des Schlachtfeldes,
Knochen in riesige Turbinenkessel getaucht, gedreht, um die eigene Achse,
gegen den Zuckerstrom, verklebt den Gästen die Lippen, dass das
Treiben nicht gestört wird, keine Hilferufe, kein Ermahnen zum
Weltfrieden.
Live-Übertragung überfällig, endlich steht sie. Dutzende
Teams haben ihr Equipment aufgestellt, berichten hell begeistert über
den Wettkampf als wäre es Sport, an Augenzeugen wird nicht gespart
und deren Berichten, alle authentisch, jeder ganz anders.
Luftballons verschenken sich den jungen Besuchern, prall, bunt, keine
Farbe zweimal in der letzten Lieferung. Wer glücklich ist, bleibt
es, wer es nicht sein will, muss einen Luftballon nehmen. Quengelnde
verlangen nach überteuerten Getränken, durstig von den Leckerein,
dürstend nach weiteren. Sie nehmen es auf sich, das Anstellen über
Nacht, Morgengrauen kommt und geht, vor den besten Attraktionen. Kreise
bilden sich um einzelne Gefechte.
Der Parkplatz, schon als Labyrinth entworfen, unersättlich. Das
schwarze Autoloch.
Informationshäuschen bewohnt von schlecht geschultem Personal,
inszeniertes Interesse an Wehwehchen besagter Betagter. Lächeln,
lächeln, lasst es blitzen. Photoapparate sind ausverkauft, es tut
uns Leid, mit Ansturm haben wir gerechnet, aber das.
Jahresbilanzen, auf einen Schlag herrlich, Umsatzsteuer, da zahlt sich
Unterschlagen aus, wer macht noch mit. Lautsprecheransagen zwingen zum
Konsum. In den Arrest, wer nicht bereitwillig kauft.
Endlich macht es auch mir Spaß. Endlich macht es mir Spaß.
Nur ungern entwische ich dem Festival der neuen Helden. Fassade eines
Nebengebäudes, Stacheldraht verdeckt barocke Schleifen. Das muss
es sein.
Geknebelt, um sicherzugehen, dass ich nicht widerspreche. Ich gebe zu,
dass ich nicht zuhören kann. Barock, und doch so abschreckend hässlich
von innen.
Ich starre auf die alte Leuchtstoffröhre, über mir direkt.
Störrisch, wie sie geworden ist, reagiert sie längst nicht
mehr auf das Zappeln und unruhige Klikken des Schalters, Ähnlichkeit
mit alten Eheleuten, die sich nicht hören wollen, als wären
sie taub.
Abgestaubt wird, was noch von Nutzen ist, hier die dicke Schicht kopfüber
erklärt.
Die Wände zieren Andenken an einst gesetzte Taten, gewonnene Kriege.
Die letzten Erfolge liegen zurück, etwas peinlich lange.
Geschenke, gebastelt für Geburtstage zum Beispiel, kollektive Auftragsarbeiten,
wie zu Hunderten, in Reihen angefertigt. Herein.
Lukas Meschik, "geboren 1988 in Wien, lebe und schreibe, drücke
die Schulbank in Wien. Engagements als Musiker und als Schauspieler".