Podium Nr. 139/140 - Spiele


Lukas Meschik

SPIELE

Geschlossen ziehen wir aus. Ängstlich erleben wir den Mut, brodelnd in unseren Zentren wie ein Überraschungsbrei kurz vor dem Überlaufen, was verhindert werden kann durch Abschalten des Herdes. Uns schaltet es gerade erst ein.
Scheinbar planlos werden Stellungen ausgekundschaftet, die Vermieter ausquartiert, wohin es führt, wozu es noch gut ist, werden wir sehen.
Zu Tausenden strömen wir auf den Bunker zu, weder schleppend noch überhastet. Erklimmen die Mauern, klettern über Menschenleitern. Unbewaffnet zerschmettern wir Tore, durchbrechen wir Zäune, durchgeschüttelt, da unsere Überlegenheit verkohlt, die sich uns in den Weg stellen, doch nur vor unsere Flinte, auf Biegen und Brechen.
Der Feind auch nicht müde. Schwere Verluste sehr bald zu beklagen. Gegenspieler würfeln uns schäumend um die Ecke.
Das freie Feld bedeckt mit ausgefallenen Zähnen, ausgerissenen Haaren, gleich der Anzahl aller Wurzeln.
Auf lange Sicht haben sie kein Zahnweh mehr, kein Personal mehr zu ertragen, über das man nichts als wettern kann.
Den Vortritt hat, wer einen Stein hält. Vorteilsmacher fest umklammert stürze ich voraus, wehre mich jedoch nur. Ich schlage nicht auf Kopf, Rumpf, Kreuz, zerfetze nur nach mir grapschende Gliedmaßen, im Schilde nichts Gutes, ich hätte gern eines.
Mit Stricken werden Halberlegte zusammengebunden, rollende, strampelnde Knäuel geformt, auf beiden Seiten, mit festen Knoten, Zug verstärkt durch das Mitansehen übler Taten.
Ein Riese hebt und senkt die Hand, lässt die Muskeln seines Armes planschen, rund und rhythmisch wie ein Balldelphin. Lässt Schwächere sich unterliegen, bringt sie zum Schnattern aus Notstand, zum Jammern. Ich gehe Umwege, ihm nicht ins Visier zu hechten.
Minen machen ein Picknick in der Blumenwiese, dann und wann geht eine hoch, verlässt die Party überhastet, dann bleibt mehr Futter für die anderen. Ihren Stachel schmettern sie in Bienenbeine, Kamikazebomben.
"Nein!"
Obstsalat, Zutat Gedärm, pfeift mir um die Ohren, verstopft sie. Noch wen zu rächen, nicht noch wen.
Mit Grabenkampf können nur die sich winden Gänge gemeint sein, wo wir uns stoßen, als befänden wir uns in einer riesigen Gehörmuschel. Ersprießlich für den Finder, der Geheimgut hinterlegen durfte.
Das Gespräch zweier abgeschlagener Köpfe kann belauschen, wer will:
"Da habe ich zu ihr gesagt, wenn du mich fortschickst, dann gib mir einen Arschtritt, damit ich schneller weg sein kann."
"Ganz ohne Pathos?"
"Ja, frei davon. Wenn du mich fortschickst, dann danke, erfülle meine Bitte. Lass uns im Schlechten auseinander gehen."
"Wie hat sie denn darauf reagiert?"
"Moment, ist noch nicht zu Ende. Bitte sag, dass du mich hasst! Noch einmal, bitte sag, dass du mich hasst. Danke."
"Hat sie also gesagt. Wahrscheinlich besser so. Und dann?"
"Vergiss den Arschtritt nicht! Musste ich sie erinnern. Vergiss den Arschtritt nicht! Vergiss den … danke."
"Besser, wenn man fortschickt, wahrscheinlich."
"Achtung, Fuß auf sechs Uhr!"
"Und was soll ich jetzt machen? Weglaufen?"
"Sehr witzig."
"Absolut, warst du immer schon."
Vier halten ein Kind fest, ich kann nicht helfen, muss weiter, hier schleunigst weg. Die versammelte Mannschaft feuert sie an, triefend vor Freude. Das Kind wird zerrissen, als wäre es eine Puppe. Die Einzelteile passen nicht mehr aneinander, jeder ist dem anderen böser Fremdkörper, immer, wenn ein Kind stirbt.
Die Sonne geht nicht mehr unter, nie mehr, überall. Damit wir einander klar und deutlich sehen, die Parteien erkennen, einwandfrei identifizieren können. Treffsicherheit gewährleistet, fahren sie fort, Gewehr leistet!
Haben wir noch nie erlebt: pyramidenförmige Regentropfen, die nicht eingesaugt werden, von uns nicht, vom Boden. Abprallen, sich zusammenschliessen, sammeln. Nicht mehr lange und es ist die Schlammschlacht, nächste Stufe Bootsstegwettbauen.

Mit einem Mal herrscht Jahrmarktsstimmung. Eintrittskarten, die Druckmaschinen kommen nicht nach, laufen auf Hochtouren, schieben Zusatzmissionen ein, extra lange. Ermäßigungen für Gebrechliche, Alte, für jeden, der lieber kommt, länger bleibt. Ganztagespässe unter die jubelnde Menge geworfen, endlich was los, endlich was Großes!
Zuckerwatte, doppelt so süß, nach Art des Schlachtfeldes, Knochen in riesige Turbinenkessel getaucht, gedreht, um die eigene Achse, gegen den Zuckerstrom, verklebt den Gästen die Lippen, dass das Treiben nicht gestört wird, keine Hilferufe, kein Ermahnen zum Weltfrieden.
Live-Übertragung überfällig, endlich steht sie. Dutzende Teams haben ihr Equipment aufgestellt, berichten hell begeistert über den Wettkampf als wäre es Sport, an Augenzeugen wird nicht gespart und deren Berichten, alle authentisch, jeder ganz anders.
Luftballons verschenken sich den jungen Besuchern, prall, bunt, keine Farbe zweimal in der letzten Lieferung. Wer glücklich ist, bleibt es, wer es nicht sein will, muss einen Luftballon nehmen. Quengelnde verlangen nach überteuerten Getränken, durstig von den Leckerein, dürstend nach weiteren. Sie nehmen es auf sich, das Anstellen über Nacht, Morgengrauen kommt und geht, vor den besten Attraktionen. Kreise bilden sich um einzelne Gefechte.
Der Parkplatz, schon als Labyrinth entworfen, unersättlich. Das schwarze Autoloch.
Informationshäuschen bewohnt von schlecht geschultem Personal, inszeniertes Interesse an Wehwehchen besagter Betagter. Lächeln, lächeln, lasst es blitzen. Photoapparate sind ausverkauft, es tut uns Leid, mit Ansturm haben wir gerechnet, aber das.
Jahresbilanzen, auf einen Schlag herrlich, Umsatzsteuer, da zahlt sich Unterschlagen aus, wer macht noch mit. Lautsprecheransagen zwingen zum Konsum. In den Arrest, wer nicht bereitwillig kauft.
Endlich macht es auch mir Spaß. Endlich macht es mir Spaß.

Nur ungern entwische ich dem Festival der neuen Helden. Fassade eines Nebengebäudes, Stacheldraht verdeckt barocke Schleifen. Das muss es sein.
Geknebelt, um sicherzugehen, dass ich nicht widerspreche. Ich gebe zu, dass ich nicht zuhören kann. Barock, und doch so abschreckend hässlich von innen.
Ich starre auf die alte Leuchtstoffröhre, über mir direkt. Störrisch, wie sie geworden ist, reagiert sie längst nicht mehr auf das Zappeln und unruhige Klikken des Schalters, Ähnlichkeit mit alten Eheleuten, die sich nicht hören wollen, als wären sie taub.
Abgestaubt wird, was noch von Nutzen ist, hier die dicke Schicht kopfüber erklärt.
Die Wände zieren Andenken an einst gesetzte Taten, gewonnene Kriege. Die letzten Erfolge liegen zurück, etwas peinlich lange.
Geschenke, gebastelt für Geburtstage zum Beispiel, kollektive Auftragsarbeiten, wie zu Hunderten, in Reihen angefertigt. Herein.


Lukas Meschik, "geboren 1988 in Wien, lebe und schreibe, drücke die Schulbank in Wien. Engagements als Musiker und als Schauspieler".

Heft bestellen