Podium Nr. 139/140 - Spiele


Sabine Gruber

GERHARD KOFLER 1949-2005

Soy nada mas que un poeta (Pablo Neruda)
Ich bin nichts anderes als ein Dichter

Dieses Ein-wenig-beiseite-Stehen und gleichzeitig dieses Nahesein an den Personen und Dingen, die nahe gefühlt werden - so beschreibt Gerhard Kofler in dem soeben erschienenen Essay Die Tasse am Meer den großen paradoxen Antrieb der Poesie, und so war er auch selbst: ein leiser Mensch, der sich nie in den Mittelpunkt gedrängt hat, der für die anderen da war, voll Empathie und mit viel Verständnis für die menschlichen Schwächen. Da ist es oft schwer Un posto a parte, einen Platz für sich zu finden.
Als Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung hat er sich mehrere Legislaturperioden lang für die gewerkschaftlichen Belange der österreichischen Autoren eingesetzt. Anfang Oktober ist er mit den meisten Stimmen wieder in den Vorstand gewählt worden.
Gerhard Kofler, der 1949 in Brixen geboren ist, den die zweisprachige Kindheit, eingeklemmt zwischen den Bergen, literarisch mehr als andere geprägt hat, arbeitete unmittelbar nach seinem Studium der Germanistik und Romanistik in Innsbruck und Salzburg vor allem als Kulturredakteur beim Österreichischen Rundfunk, bei der Volksstimme, dem Falter und dem Standard. Er schrieb Theaterkritiken und Rezensionen u.a. zu Büchern von Svevo, Ferrucci, Giardinelli, Savinio, übersetzte im Laufe seines Lebens dichterische Größen wie Artmann, Jandl, Mayröcker und Rühm ins Italienische, umgekehrt Saba, Starnone und Pallazeschi ins Deutsche.
Die italienischen Sprache und Kultur war seine Leidenschaft, das Schreiben bedeutete ihm un regalo per tutta la vita, obschon dieses Geschenk wie bei fast allen Dichtern kaum zum Leben reichte. Denn im marktschreierischen Literaturbetrieb werden Dichter seiner Haltung und seines Formats gerne übersehen. Daß er auch in Südtirol wenig Beachtung fand, obwohl sich das Besondere seiner Dichtung der bikulturellen Herkunft verdankt und obwohl er nicht weniger als dreizehn Gedichtbände verfaßt hat (zwei davon sind über 1000 Seiten dick), ist mehr als erklärungsbedürftig. Vielleicht hat man ihm nicht verziehen, daß er seine Gedichte stets in Italienisch verfaßt hat, daß er - wie er selbst schreibt - nach Wien gekommen war, um hier immer italienischer zu werden. Die italienische Sprache war seine erwählte Sprache, das italienische Gedicht immer das überlegene, weil es zuerst entstand. Die deutsche Version wollte er nicht als Übersetzung betrachtet wissen, sondern als eine mitunter vom italienischen Originaltext stark abweichende, eigenständige Fassung. Für Gerhard Kofler war die Bevorzugung des Italienischen kein politischer, sondern ein poetischer Akt, nicht Rebellion, sondern Passion.
Ich habe ihn immer als einen italienischen Dichter aus Südtirol empfunden, der in diesem Hin und Her zwischen den Sprachen und Kulturen, zwischen verrosteten ethnischen Gitterstäben, sehr genaue sprachliche Kunstwerke schuf, Gedichte, die sich in ihrer Lakonie und Präzision dieser besonderen Liebe zur Wahlsprache verdanken; sono uomo/nel parlar/corto/ein mann bin ich/in kurzer/sprache schreibt er in dem Gedichtband Il posto esposto/Der ausgesetzte Platz..
Als poeta doctus, der er war, polyglott und belesen wie kaum ein anderer, hat er in seinen zahlreichen Lyrikkbänden immer wieder auch den großen Meistern der Weltliteratur wie Brecht, Lorca, Majakowski, Calvino, Leopardi, Saba u.v.a. die Referenz erwiesen; schon die Titel der frühen Gedichtbände Südtiroler Extravaganzen (1981) und Neue Südtiroler Extravaganzen (1984) sind Anspielungen auf Pablo Nerudas Estravagario.
Gerhard Koflers Gedichte erscheinen auf den ersten Blick oft einfach, sind es aber nicht; die sprachliche Raffinesse, der Assoziationsreichtum, die Analogien, Metaphern, die feine Ironie erschließen sich meist erst nach wiederholtem Lesen. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die alltäglichen Verrichtungen und Malheure, Kindheitsbilder, Fußballspiele, Schlenker auf den Literaturbetrieb, Kaffeehaussituationen, die ich bei ihm am eindrücklichsten besungen finde - die Tradition des Cantabile, des Singbaren und das Meer, waren für Gerhard Kofler im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden. Poesie di mare e terra/Poesie von Meer und Erde (2000) und Poesie di mare, terra e cielo/Poesie von Meer, Erde und Himmel heißen in der Folge auch die beiden umfangreichsten Lyrikbände, die nach der Trilogie Poesie da calendario/Am Rand der Tage (1996), Il posto esposto/Der ausgesetzte Platz (1997) und L`orologica dei versi/Die Uhrwerkslogik der Verse (1999) erschienen sind.
Es sind immer Augenblicke, Weltausschnitte, sinnliche Momente, kleine Gesten, die bei Gerhard Kofler zum Ausgangspunkt seiner Poesie werden, zur inszenierung des mikrokosmos. Die Kraft der auf das Wesentliche reduzierten italienischen Wahlsprache wirkt dabei wie eine Imprägnierung gegen das Pathetische, Klischeehafte.
Wenn ein Dichter gestorben ist und nicht im Weg steht, ändern sich die Dinge manchmal ein bißchen. Die Entfernung, ein anderer großer paradoxer Effekt der Poesie, läßt Leute näherkommen, die kurz zuvor noch abweisend oder uninteressiert waren, schreibt Gerhard Kofler in seinem Essay Die Tasse am Meer.
Gerhard war ein zarter Charakter, feinfühlig, diskret. Er hat sich auch als Kommissionsmitglied des Sozialfonds der österreichischen Schriftsteller stets für die finanziell schwachen und benachteiligten Autoren eingesetzt.
Wir haben einen verläßlichen und warmherzigen Freund verloren und einen großen Dichter.

Soeben sind zwei neue Bücher von Gerhard Kofler erschienen, Taccuino delle ninfee/Tagebuch der Wasserrosen (Wieser-Verlag 2005) und Soliloquio d`Autunno/Selbstgespräch im Herbst (Haymon-Verlag 2005).
Infos unter: www.members.chello.at/gerhard.kofler/


Sabine Gruber, geb. 1963 in Meran (Italien). Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. 1988 - 1992 Universitätslektorin in Venedig. Seit 2000 freie Schriftstellerin. Lebt in Wien. Veröffentlichungen: "Aushäusige", Roman, Wieser Verlag 1996, dtv 1999; "Fang oder Schweigen", Gedichte, Wieser Verlag 2002; "Die Zumutung", Roman, C.H.Beck Verlag 2003. Weitere Infos unter: www.sabinegruber.at

 

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