Podium 137/138 - Absicht |
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Jeannette Unger budapest je kleiner du dir deine welt machst umso eher kannst du ein star sein hier ist es einfach ein star zu sein zieh deine hosen aus und ein kleid an stell dich auf die bühne sie nehmen dich tanze singe spiele theater und sie jubeln dir zu donnerstag bis samstag und nur monatlich musst du dir was neues einfallen lassen sei tolpatschig und sie werden dich nicht vergessen lieben werden sie dich schon klatschen wenn sie deinen namen hören hier im gay mekka zeig nacktes fleisch und sie werden dich vergöttern aber die liebe die suchst du hier vergeblich in einer querstraße zu dieser großen straße wo der
siebener bus entlang fährt von der elisabethbrücke kommend
auf der pester seite der stadt nicht weit von der donau entfernt und
auch nicht weit vom deak ferenc ter dem metrokreuzungspunkt da gibt
es ein café in budapest irgendwo in den straßen an einer haltestelle kannst du schlafen und auf deinen nachtbus warten der gerne auf sich warten lässt und dabei beobachtet werden ohne gefahr beschützt durch die beobachtung und beim wecken sagen sie dir du bist schön und du kannst mit ihnen nach hause gehen eigentlich mit ihr das ist möglich aber du gehst nicht mit ihr denn du suchst die liebe und verlieben kannst du dich so nicht vergiss die liebe und kämpfe für den frieden die freiheit jedenfalls für das ende des krieges höre parolen die für dich nicht anders klingen als kriegsgeschrei weil du die sprache nicht verstehst sie nicht sprichst aber du bist hier weil du weißt es ist eine gute sache und dann siehst du die und sie sieht dich aber dann fehlt euch die gemeinsame sprache und aus der liebe wird es wieder nichts auf dem frauenfest einmal im monat und wenn du grad keine zeit hast du krank bist oder du einfach gar nicht hier dann nur alle zwei monate oder seltener da sind sie viele du fragst dich wo sie sind zwischen dem einmal im monat und dann hörst du es auch von der einen in einer katholischen schule von der anderen bei meinem mann und meinen kindern sie sind süß vielleicht einmal vielleicht einmal kann ich sie dir zeigen und verzweiflung liegt in ihrem sei nicht schüchtern und küss mich und du machst es nicht denn liebe wird es nicht aber dann bist du betrunken und heimlich am klo machst du es doch im thermalbad sagen sie dir da findest du sie vielleicht die liebe vielleicht aber auch nur sex du hoffst auf das erste vielleicht schlüpfst in deine badekleidung und bist dann die jüngste und die einzige mit badehose der rest ist nackt du findest nicht die liebe aber du findest zu deinem körper weil du ihn mit anderen vergleichen kannst weil du nicht den frauenkörper siehst sondern hunderte und alle sind anders und alle sind schön wenn du die einsamkeit suchst dann gehst du nachts auf die burg und stehst allein auf der fischerbastei insgeheim hoffst du die zu finden die auch gern allein ist aber das funktioniert zu zweit nicht und so stehst du nachts zwischen türmchen und lauscht der musik denn du bist nicht ganz allein der mann mit gitarre und melancholischer stimme war bisher immer da und hat dich in deinen gedanken fortgetragen im varosliget gehst du spazieren und wenn du dann in der wiese liegst siehst du die schach spielenden männer morgens mittags und abends sind es immer andere oder sind es immer die gleichen egal schach bleibt schach und mehr aufmerksamkeit hast du für sie nicht und sie für dich nicht manchmal ist ein ball dabei und manchmal auch eine andere frau manchmal ein mann und manchmal interessiert es dich nicht was es ist weil es für die liebe nicht reicht am bahnhof bist du oft und bringst und holst deine gäste oder steigst selber in den oder aus dem zug hier leben menschen vom müll und zwischen den tauben und du bist ihr uneingeladener gast du spielst für sie keine rolle und sie nicht für dich nur wenn das schlechte gewissen kommt weil du nach dem essen in deiner küche auch in die dusche steigen kannst von liebe handelt hier nichts und weil du die sprache immer noch nicht sprichst bringt auch der besuch
des lesbischen gruppenabends von labrisz - einmal im monat immer wechselnde
themen - nichts auch wenn du das letzte mal enthusiastisch davon weggegangen
bist zwar ohne liebe aber mit einem kopf voller ideen und verliebt in
die idee hier zu sein als fremde in der schon nicht mehr fremden stadt * Jeannette Unger, geb. 1979 in Güssing/Burgenland,
Studium der Landschaftsplanung in Wien, Hannover, Budapest, Gödöllö. |
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Auswahl:
Susanna Schäfer: Ein Tier im Wald
- Zsuzsanna Gahse: Beinahe -
Gerhard Jaschke: Seneca - Jeannette Unger: budapest - Armin Baumgartner / Beppo Beyerl: Durchs wilde Kurdistan - Inhaltsverzeichnis |
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