Susanna Schäfer
Ein Tier im Wald
Auf Zehenspitzen
Bin ich zu dir gekommen.
Leise, leise.
So leise ich konnte.
Aber meine Schritte waren nicht leise genug.
Du bist zusammengezuckt, ein Tier im Wald.
Du hast meine gute Absicht nicht erkannt.
Mit halbem Atem
Hab ich zu dir gesprochen.
Leise, leise.
So leise ich konnte.
Aber meine Stimme war nicht leise genug.
Du bist aufgeschreckt, ein Tier im Wald.
Du hast meine gute Absicht nicht erkannt.
Mit den Fingerspitzen
Hab ich dich berührt.
Leise, leise.
So leise ich konnte.
Aber meine Berührung war nicht leise genug.
Du bist davongerannt, ein Tier im Wald.
Du hast meine gute Absicht nicht erkannt.
Aber ich wollte dich nicht aufgeben.
Ich wollte dich haben.
Ich bin dir nachgerannt,
Daß die Zweige knackten.
Aber du bist nicht stehengeblieben.
Ich habe deinen Namen gerufen,
Daß die Blätter zitterten.
Aber du bist nicht stehengeblieben.
Da hab ich mein Gewehr gezückt,
Und die Kugel zischte durch die Luft.
Da bist du stehengeblieben,
In die Knie gegangen,
Zu Boden gesunken.
Und ich hab mich dir
Auf Zehenspitzen genähert.
Mit halbem Atem
Hab ich dir Kosenamen ins Ohr geflüstert.
Und mit den Fingerspitzen
Hab ich dir das rote Fell gekrault.
Leise, leise.
So leise ich konnte.
Und du bist nicht davongerannt.
Bist liegengeblieben,
Ruhig und ohne Angst.
Endlich hast du meine gute Absicht erkannt.
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Susanna Schaefer, geb. 1971 in Waidhofen a. d. Thaya/NÖ.
Studium der Anglistik und Germanistik in Wien und London, Schauspielausbildung
am Konservatorium der Stadt Wien. Arbeitet als Schauspielerin in Wien.
Schreibt v.a. Lyrik.
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