Podium 137/138 - Absicht |
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Zsuzsanna GahseBeinahe alle im folgenden Text enthaltenen Wörter haben ein Virus. Möglicherweise stecken sie die noch intakten Nachbarwörter an, bzw. die Wörter, die hier stehen könnten und vor lauter Angst doch nicht stehen. (Verstummungsgefahr.) - Der erste August ist ein Nationalfeiertag in der Schweiz und jeweils mit entsprechend viel Lärm verbunden. Während in diesem Jahr am Abend farbige Raketen durch die Luft flogen, so daß kaum noch die eigene Stimme zu vernehmen war (vernehmen ist ein besonders infiziertes Wort, wobei infiziert ebenso schlecht dran ist, viele sagen infisziert, und damit ist das Wort tot), kam es in Luzern zu einem Vorfall, der inzwischen Fenstersturz genannt wird. Oder man sagt einfach "Brückli" und wer sich auskennt, weiß Bescheid, wer sich nicht auskennt, kann nicht mitreden. Erst hieß es, eine junge spärlich (spärlich!) bekleidete Frau habe sich zu Tode gestürzt, die Zeitungen (Zeitungen!) meldeten dann, in der Pfistergasse sei die Puppe Olimpia aus dem Fenster gefallen und auf dem Straßenpflaster zerschellt, und tatsächlich handelt es sich bei diesem Vorfall um eine lebensgroße Puppe. Zuvor war Olimpia mehrere Wochen lang im dritten Stockwerk der zum Großteil rot beleuchteten Zimmerfluchten oberhalb des Restaurants Brückli zu sehen (was für ein Satz!, aus dem kann einem ein Strick gedreht werden!), sie war eine Sonderanfertigung der Firma Pygmalion, stand von den Nachmittagsstunden an am Fenster, bis in die Nacht hinein, und sie konnte winken und nicken usw. - Über die Firma Pygmalion, Automatenhersteller, war in den Berichten nichts zu lesen. Pygmalion ist aber ein verdrehter, kaputter, häßlicher, liebloser, verschleierter, unehrlicher Name, und leider ist der ursprüngliche Sinn dieser Benennung, des Namens, nicht wieder herzustellen (herstellen!). Natürlich wird auch trotz dieser Zeilen das Wort nie wieder das bedeuten, was es einmal sagen wollte, die Bedeutung ist verloren, obwohl das damals zu Sagende teils heute noch zu hören wäre. Aber sobald jemand den Namen ausspricht und sagt, da komme Pygmalion, sieht jeder den liebevollen, kunstvollen, verständigen Mann, der einer Frau zum Leben verhilft und ihr obendrein seine Liebe gibt, schenkt (schenken, einschenken, ausschenken. Und an dieser Stelle darf man sich die Liebe des Firmenleiters zur Puppe Olimpia ausmalen.) - Der ursprüngliche Pygmalion war kein Bildhauer. War auch nicht gerade schöpferisch. Nicht aus diesem Grunde mieden ihn die Frauen, und warum sie ihn und ob sie ihn wirklich mieden, ist nicht bekannt. Es mag wohl (wohl!) stimmen, was dem vermeintlichen Künstler, dem Bildhauer nachgesagt wird. Daß er eine Frau erschaffen oder besitzen oder haben wollte, die besser (besser!) als alle wirklichen Frauen war, und warum er das wollte, ist die erste Frage. Dieser Mann hatte insofern Pech im Leben, als daß er klein geraten war, er war pyg. Neben ihm gab es andere Männer, die nicht größer waren und andere Sorgen hatten oder keine. Pygmalion hingegen wurde einmal und dann noch einmal bei Statuen gesehen, er wurde bei Heiligenstatuen erwischt, und zwar nicht, weil er diese Statuen (und ganz gleich welches Wort hier folgt, es ist nicht mehr intakt) gemeißelt, geschliffen oder gehauen hätte. Er hatte sich an diversen weiblichen Heiligenstatuen vergangen (vergangen). Aber noch in der Vergangenheit veränderte sich die Geschichte schnell und kehrte sich um, beziehungsweise hat sie sich bis heute nicht so sehr umgekehrt, daß man sie nicht wieder auf die Füße stellen könnte, und es ist bemerkenswert, daß sie (sie!) die ehemaligen Inhalte noch mitschleppt. Aber nichts wird man hier so leicht auf die Füße stellen können, denn irgendwo wird wieder ein weiblicher Automat gesichtet, in einem Schaufenster, in einem Fenster, und wegen der Nachfrage und des Angebots und weil ... Lassen wir das. (Verstummungsgefahr.) * Zsuzsanna Gahse, geboren 1946 in Budapest, lebte nach 1956 zunächst in Wien, dann mehr als ein Vierteljahrhundert in Stuttgart, seit 1999 in Müllheim/TG (Schweiz). Buchveröffentlichungen zuletzt: "Wie geht es dem Text?", Bamberger Vorlesungen, 1997; "NICHTS IST WIE", Porträt, 1999, beide EVA, Hamburg; "DURCH UND DURCH" 2004, Edition Korrespondenzen, Wien. Im selben Verlag erscheint in diesem Herbst: "INSTABILE TEXTE". Szenische Arbeiten, Essays, Texte zur Bildenden Kunst. Übersetzungen aus dem Ungarischen. Preise zuletzt: für "Durch und durch" 2004 Werkpreis der Schw. Schillerstiftung und Bodenseepreis für Literatur. * |
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Auswahl:
Susanna Schäfer: Ein Tier im Wald
- Zsuzsanna Gahse: Beinahe -
Gerhard Jaschke: Seneca - Jeannette Unger: budapest - Armin Baumgartner / Beppo Beyerl: Durchs wilde Kurdistan - Inhaltsverzeichnis |
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