Podium 135/136 - Ungarn

Zoffjetunion

Endre Kukorelly

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(25. Dezember 1989)

Alles ist möglich. Es ist aber auch möglich,
daß wir irgendwie "davonkommen".
Daß sich im Talon noch ein wenig
"Reue" findet. Wir können darauf zählen, also "haben wir noch Zeit".
(Wassilij Rosanow: Die Apokalypse unserer Zeit)

Eine weiße Straße, der Schnee auf dem Gehweg ist frisch, nicht geschmolzen, die Äste der Bäume, der gesamte Hintergrund, alles ist zugeschneit. Die abgeblätterten, geschwärzten Mauern der gegenüberliegenden Gebäude, die Feuermauer hinter dem Haus sind jetzt auch blendend weiß. Die vom plötzlich aufgekommenen Wind in Schwung gebrachte rote Wolke, eine Eisenkugel auf dem dunkelblauen Himmelsgewölbe, gleicht einer kleinen rundlichen Gräfin. Gefrorener Dunst überzieht das Fensterglas, taut und gefriert von neuem, vor lauter Eisblumen kann ich kaum etwas sehen. Ich kratze mir einen Fleck frei und drücke die Nase darauf, ringsum zieht sich das Eis zurück. Kußspur im Kreis. Ich schalte den Fernseher aus. Stille, ich blicke aus dem Fenster. Die haben's nicht verstanden. Bis zuletzt ist ihnen anzusehen gewesen, daß sie es nicht verstanden haben.
Die beiden saßen eingeklemmt hinter zwei Bänken. Hinter zwei zusammengeschobenen Schulbänken, in Wintermänteln, dies war eine Verhandlung. Der Mann schob den Ärmel hoch. Machen Sie Ihren Arm frei. Wir messen jetzt Ihren Blutdruck, haben Sie irgend eine Beschwerde? Kurze, gereizte Handbewegung, sehen die denn nicht, daß er den Ärmel schon hochgeschoben hat? Diese Worte mußten aber gesprochen werden.
Gewisse Satzformen zu Ende sprechen. Sie sind nicht an die beiden gerichtet, sondern nach außen, an mich, in den Fernseher hinein gesprochen. Sie spielen für mich. Alles geschieht für mich. Ich besitze zum Beispiel eine veritable kleine Sammlung ihrer Zeitungen. Eine rumänische Tageszeitung, Vorwärts, kein Spaß, kein Witz, vielmehr tierischer Ernst: darin sind ausschließlich Fotos des Ehepaares Ceausescu zu sehen, und in jedem Artikel werden sie zitiert, und nur sie. Wem gilt die Zeitung, wenn nicht mir.
Nicht, um mich zum Lachen zu bringen.
Die Verhörenden, die diese beiden gleich hinrichten lassen werden, spielen in diesem tödlichen Zirkus für mich, und die "Verhörten", auch sie wissen es wohl, daß jetzt jeder andere angesprochen ist, nur sie nicht. Sie mußten wissen, daß sie sterben werden, diese Leute wußten, sie würden ohne viel Federlesens hingerichtet werden.
Sie wissen es und verstehen es nicht. Sie glauben es nicht, weil sie es nicht verstehen. Das sind lauter Verleumdungen, und die Verleumder dienen fremden Mächten. Sie lehnen sich an die Wand. Die Wand irgend eines Klassenzimmers. Schulbänke. Die Frau nestelt an ihrer Tasche herum, blickt den an, der sie anspricht, dann wendet sie den Kopf ab, sie sagt, ganz leise, Niedertracht, niederträchtige Verleumdung. Ob sie geisteskrank sei. Solches wird sie gefragt. Die kann ja gar nicht lesen, die, eine Akademikerin. Vom welchem Geld sind Ihre Bücher herausgegeben worden?
Sie haben Paläste. Beweisen Sie das. Die Paläste gehören dem Staat, wir haben sie nur benutzt. Rechtens. Der Mann faßt die Frau an der Hand. Er läßt sie los, ergreift sie wieder. Winkt ab.
Winkt, berührt ihren Arm, laß nur.
Nicht zerstört hätten sie Rumänien, sondern aufgebaut. Noch nie habe die Landbevölkerung so gut gelebt wie jetzt. Er antwortet nicht. Ich antworte euch nicht. Ihr seid nicht kompetent. Er ist der Präsident, die sind nur einfache Staatsbürger, Gesindel, sie haben kein Recht. Ihr habt kein Recht. Eine Frau und ein Mann, die wissen, daß sie jetzt sterben werden.
Zwei betagte Menschen, sie haben das Leben von Millionen ruiniert, und jetzt werden sie in ein paar Minuten zu einer Steinmauer gezerrt, man wird ihre Körper aus nächster Nähe mit Maschinenpistolen durchlöchern. Zwei Menschen, die, obgleich sie augenscheinlich niemanden getötet haben, für den Tod von mehreren hundert tausend Menschen verantwortlich sind. Für die Unmenge an Haß, den sie geschürt haben.
Für die ausweglose Situation von Millionen.
Million.
Verantwortlich. Kaputte Leben, der totale Mangel an Freiheit, das sind ausgelaugte, abgedroschene Sätze. Das Leben rehabilitieren, irgendwie gutschreiben. Dein einziges, beschissenes Leben, wie könnte das wieder gutgemacht werden, wenn es doch darum geht, daß nichts gutgemacht werden kann. Die in Schrecken leben mußten, die gehungert und gefroren haben, die verschleppt wurden oder deren Lieben verschleppt worden waren. Keine Medikamente, keine Blumen, keine Milch, und Beifall klatschen müssen, standing ovations, minutenlang, wieder und wieder, und lügen, wieder lügen. Nicht sprechen dürfen.
Nicht sprechen dürfen, weil die hier nämlich Spitzel sind. Weil alle Spitzel sind. Ist jener nun ein Spitzel oder mein Freund? Du bist ein Spitzel und du bist mein Freund. Das kann nicht gutgeschrieben werden. Zwei betagte Menschen, wirklich verhaßte Gesichter, es ist zu sehen, daß sie nichts verstehen. Sie begreifen nicht, was dieser Haß soll, sie wissen nur, daß sie bald hinausgeschleppt und getötet werden, von diesen Mördern. Da sitzen zwei, die wissen, daß sie in ein, zwei Stunden sterben werden, sie wissen es und glauben es nicht.
Der Mann schaut nach der Zeit. Jemand blickt auf seine Armbanduhr, wie spät ist es? Eine einfache Bewegung. Nichts ist überflüssiger.
Es gibt nichts überflüssigeres, aber es ist alles gleichermaßen überflüssig. Sie liegen dort, offenen Auges, verdrehte Körper auf dem Betonboden eines beliebigen Hofes. Da liegen zwei Menschen, sie kannten keine Rücksicht anderen gegenüber, wie sie's wußten, so war's richtig; so muß es sein, sie wissen, was zu tun ist und wer ihnen widerspricht, ist ein Verräter. und Verrätern muß der Garaus gemacht werden. Abrechnen mit dem Gegner. Schnell, aus dem Weg. Das ist keine Verhandlung, das sind keine Richter, das sind Verräter des Landes. Der Mann winkt ab.
Er legt die Hand auf den Arm der Frau. Seine Stimme tönt heiser, er lacht sarkastisch. Einer rügt ihn, er soll nicht lachen.
Nicht so satanisch.
Sie werden geduzt. Wobei wir wirklich gelernt haben, diese Gesichter zu verabscheuen, zu hassen. Die sie jetzt anklagen, sind nicht zu sehen. Diese Filmsequenzen, wenn die Kamera auf die Ankläger schwenkt, als sie reden, sind geschnitten, klar doch, unmittelbar drohende Lebensgefahr. Es ist nur zu hören, daß einige, gereizt, überstürzt schreiend, zwei Personen beschuldigen, die eine Welt erschaffen haben, in der man nicht leben kann. Wegen der unmittelbar drohenden Lebensgefahr. Die Diktatur des Proletariates. Oder was.
Was, zum Henker! Für einen, der weiß, was das ist, wie es ist, in einem totalitären Staat zu leben. Wie die Luft dort ist.
Zwei betagte Menschen. Sie blicken voller Abscheu, sie verstehen nicht, was los ist. Sie dürfen nicht leben. Es kann niemand getötet werden.
Hinrichtung, Töten. Jemandem wird aus nächster Nähe in den Leib geschossen.
Ich weiß nicht, was zu tun ist, was richtig gewesen wäre, denn das Richtige gibt es nicht. So etwas soll es nicht geben. Nein.


Deutschsprachige Erstveröffentlichung. Aus Rom: A Szovjetónió története. Jelenkor Irodalmi és Müvészeti Kiadó, Pécs 2000.

Auswahl: Zoltán Hizsnyai: Sommer, Herbst, Winter - Endre Kukorelly: Zoffjetunion
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