Podium 135/136 - Ungarn

Seht, meine Brüder, sehenden Auges, was sind wir?
Asche und Staub sind wir.
Unser Erinnern zerbröckelt, zerfällt wie ein müdes Gewirk.
Die Margareteninsel, siehst du sie noch vor den geistigen
Augen? Alles ist Schrott und Schund, alles ist nur noch Gerümpel,
Dem Toten sprießt noch der Bart, sein Name besteht schon aus Ziffern.
Auch unsre Sprache verschleißt, sie verkommt, die geliebten Wörter
Zerfallen zu fremdem Staub, sie verdorren unter der Zunge.
Schmetterling, Perle und Herz sagen nicht mehr, was sie bedeuten,
Als Dichter die Sprache des einen Volkes noch sprachen, jeder
Verstand ihre Sprache, wie müde dösende Kinder versteh'n den
Gesang ihrer Amme im Schlaf. Unsre Herzen pulsieren
Im Takt einer heimlichen Sprache, Banditen träumen statt uns,
Und les' ich dem Kind aus dem "Toldi", heißt seine Antwort "Okay"!
Der Priester murmelt auf Spanisch bei unseren Särgen betend
Die alten Worte: "Mich hatten des Todes Stricke umfangen …"
Du verrenkst dir den Arm in Ohio im Bergwerk, die Hacke
Lockert den harten Fels und dir rutscht der Akzent schon vom Namen,
Du hörst die Stimme von Babits im Sturm des Mare Tirenno,
Und Krúdys Harfe verzaubert die dunkle australische Nacht.
Noch rufen sie, senden Botschaften, Geisterstimmen, sonore,
Auch dein Körper erinnert sich vage, dazuzugehören.
Noch rufst du: Es darf ja nicht sein, daß dieser heilige Wille …
Aber du weißt längst: Doch! Es darf sein! Und du baust in Thüringen
Erz ab. Du wartest auf Post? Sie wagen es nicht mehr, zu schreiben.
Namenlos sind die Katorga-Lager. Unnütz, um Tote zu
Weinen. Der Konsul kaut Gummi, ist unwirsch, putzt seine Brille.
Offensichtlich ermüden die vielen Papiere und Stempel.
Er bekommt eintausend im Monat plus Auto. Das Foto der
Mistress mit Baby auf seinem Schreibtisch. Was sagt ihm der Name
Ady? Und was sagt ein Volk? Was tausend Jahre? Dichtung, Musik?
Die Worte Aranys? Die Farben Rippls? Bartóks wildes Genie?
Es kann nicht sein, daß der Herzen so viele … Beruhige dich,
Es kann! Die Großmächte tauschen großmächtig lange Vermerke.
Du schweige, hör zu und wisse, es lebt schon der kleine Schakal,
Der mit Nägeln und Klauen wird scharren auf deinem Grab in der
Wüste. Schon sprießt der mächtige Kaktus in Texas, er wuchert
Über dem Grabkreuz, verdeckt deinen Namen, hindert das Suchen.
Du glaubst noch immer, du lebst? Irgendwo? Im Herzen der Brüder,
Wenn anderswo nicht mehr? Nein. Ein finsterer Alptraum auch das nur!
Du hörst noch die dröhnende Klage: Brüder verraten Brüder!
Ersterbend haucht eine leise Stimme: Dein Mund möge schweigen ...!
Die andere: Damit alle, die in der Fremde die Heimat
Beweinen ... Es röchelt die nächste: ... Nicht lernen müssen, sie auch
Noch zu hassen. Also. Keep smiling. Frage nicht nach dem Warum.
War ich denn schlechter als jene? Du warst eben Ungar. Darum.
Und du warst Litauer, Este, Rumäne. Schweig jetzt und zahle!
Ausgestorben sind auch die Azteken. Wie es kommt, so kommt's halt.
Ein großer Gelehrter wird dich, awarischen Fund, ergraben
In fernen Zeiten. Über alles liegt dann der strahlende Staub.
Dulde, daß du kein Mensch bist dort drüben, du bist Klassenfremder!
Dulde, daß du kein Mensch bist herüben, nur Zahl in der Formel!
Dulde, daß Gott das duldet, daß der wilde stürmische Himmel
Nicht zündende Blitze verschießt, die Weisheit ist immer nützlich.
Lächle, wenn dir der Henkersknecht zerrt an der Zunge. Bedank dich
Im Sarg noch dafür, wenn dich einer verscharrt. Hüte sie manisch,
Besessen, die Träume, den kläglichen Rest der Grammatik, sei
Lautlos, und rühre dich nicht, wenn der Boss deine Zähne beschaut!
Halte dich fest am bescheidenen Bündel, an deinen Lumpen,
An Andenken wie eine Locke, ein Foto, wie ein Gedicht -
Nur sie sind geblieben. Du darfst die Kastanienbäume noch
Geizig verzeichnen, alle der Mikó-Gasse, die sieben, und
Auch den einen Shelley, den Jen´´o nie mehr zurückgeben wird.
Sieh, es ist keiner mehr da, dem Henker den Strick abzukaufen,
Sieh, unsre Sehnen verdorren, uns stockt das Blut im Gehirn, und
Seht, Brüder, sehenden Auges, das sind wir:
Wahrlich, Asche und Staub.


Deutschsprachige Erstveröffentlichung
© Heirs of Sandor Marai
Csaba Gaal, Toronto

Totenklage

Sándor Márai



 

Auswahl: Zoltán Hizsnyai: Sommer, Herbst, Winter - Endre Kukorelly: Zoffjetunion
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