Podium 133/134 - Heureka

Brücken zwischen Inseln

Barbara Neuwirth

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Katherina überquerte den finnischen Meerbusen mit einem Raketa-Boot. Sie fühlte nur die Freude, endlich den wunderbaren Garten, den sie aus Büchern schon kannte, selbst erleben zu können. Die Sommerresidenz von Peter dem Großen lag in gleißendem Licht auf einer sich zum Meer neigenden Landschaft vor ihr. Langsam würde sie alles erkunden, die Große Kaskade und die Schachberg-Kaskade, die Sonnenfontäne und die Römischen Fontänen, die Goldene Treppe. Vom Landungssteg aus war es nicht weit bis zum Eingang des Parkes. Und alles war schön und leicht und voll Farben und Glanz. Sie schlenderte durch die frühherbstliche Vegetation, roch die ersten Herbstblätter, die noch grün waren, sich aber schon dem Verfärben zuneigten. Etwas abseits gelegen, nahe dem Meer, lockte ein kleines, barockes Gebäude. Ein wenig versteckt hinter Bäumen, einstöckig, würfelförmig, mit zahlreichen Fenstern, die einander gegenüberliegend nicht nur Blicke ins Haus, sondern durchs Haus auf die dahinterliegende Landschaft ermöglichten. Luftig, sommerlich wirkte dieser kleine Palast, einladend von Ferne, und Katharina bemerkte erst beim Näherkommen, dass etwas Strenges das Haus umrahmte: Es stand auf einer gemauerten Basis, die kaum größer war als sein Grundriss. Darum herum aber öffnete sich ein Wassergraben, tief und breit. Eine Brücke überspannte den Graben. Schön, jubelte Katharina innerlich, dieses Haus ist nicht nur luftig und ideal gelegen an der Schnittlinie zwischen Land und Meer, es ist auch ein Ort, an dem man sich völlig sicher fühlen kann. Denn der Wassergraben war breit genug, dass das Haus wie auf einer Insel gebaut schien. Katharina überquerte die Brükke, spähte bei den Fenstern hinein und dann durch die im Raum gegenüberliegenden Fenster weiter hinaus aufs Meer und in den Park. Bei einem dieser Durchblicke entdeckte sie in größerer Entfernung eine Kinderschaukel. Sie war auf einem Eisengestell eingehängt und schwang leer vor sich hin.

Mit einem Mal war der ganze Glanz verschwunden: das prächtige kleine Haus, die hohen Bäume mit ihren im Sonnenschein winkenden Blättern, die weißen Schaumkrönchen auf den Wellen draussen in der Bucht strömten Kälte aus. Und Katharina spürte, dass etwas sie eingeholt hatte, das längst vergessen gewesen war.

Fröstelnd verließ sie die Hausinsel über die Brücke und wandte sich dem Strand zu. Die Luft roch nach Wasser, nach dem tiefen, großen Wasser. Katharina setzt sich mit dem Rücken zum Park und schaute hinaus auf die Wellen. Aber auch dort sah sie die leer schwingende Schaukel. Und darunter ihre Schwester. Unglücklich von der Schaukel gefallen. Jetzt richtet sie sich auf, sieht nicht, dass von hinten die schwere Sitzbank heranschwingt, sie gleich am Kopf treffen wird. Jetzt! Vom Schlag weggeschleudert, stürzt sie noch einmal. Sie bewegt sich nicht, nur Blut quillt aus der Wunde, wo die Ecke der Sitzbank sie getroffen hat. Katherina sitzt daneben und sieht das Rot über den Hinterkopf der Schwester fließen. Sie sitzt und kann sich nicht rühren. Die Schaukel, nun abgebremst, schwingt nur noch sanft. Erst war sie einladend, dann war sie wild, nun ist sie sanft. Und das Blut strömt. Katharina richtet sich auf, wendet sich ab, läuft davon. Und während sie davonstolpert, schreit sie: Ich war es nicht! Ich hab nichts gemacht! Ja, sie hat nichts gemacht. Nicht getröstet, nicht geholfen. Die Angst vor einer Schuldzuweisung war stärker gewesen als ihre Sorge um die Schwester. Aber sie hatte das alles vergessen gehabt. Und jetzt war es wieder aufgetaucht.

Katharina fischte nach ihrer Zigarettenpackung in der Blazertasche, begann zu rauchen. Die Erinnerung war abgesondert gewesen vom Kontinent ihrer Kindheitserinnerung wie diese Insel. In einem Wasser des Unbewussten gelegen. Jetzt sah sie die Brücke von der Insel zum Land führen, und auf dieser Brücke versammelten sich die Demutsgesten und Gefälligkeiten, die sie ihrer Schwester erbracht hatte, um wieder gutzumachen, dass sie sie in der Not im Stich gelassen hatte. Sie war ein Kind von sechs Jahren gewesen, und ihre Angst vor dem Blut hatte das Mitgefühl verjagt. Ihre Scham über das Weglaufen hatte sie eine erste Insel der Erinnerung schaffen lassen. Später hatte sie weitere Inseln geschaffen, und eine jede barg eine schreckliche Erinnerung, ein Geheimnis, das sie vor sich selbst gehütet hatte. Hier, an diesem so weit von ihrem Alltag entfernten Ort, verstand sie plötzlich, dass diese Inseln in ihr sie zerschnitten und die Wasser zwischen den Inseln Orte ihrer Traurigkeit waren. Nicht Schutz war es, was diese Inseln ausströmten, sondern Beschränkung. Nicht die anderen waren ausgesperrt, sondern ihre eigenen Gefühle isoliert. Sie hatte das alles verdrängt. Welche Anstrengungen, und wie erfolglos sie letztlich gewesen waren! Denn es bedurfte nur eines geringen Anstoßes, um die Scham wieder hervorzuholen.

Vorsichtig dämpfte sie die Zigarette auf einem Kiesel aus. Über ihr kreuzten Möwen den Himmel, rufend, suchend. Am nahen Pier legte ein Raketa-Boot an, aus dem Menschen strömten. So wie sie selbst vor drei Stunden über den Steg zum Park gegangen war.


Barbara Neuwirth, geb. 1958 in Eggenburg, lebt in Wien, Mitterretzbach und Salzburg. Zahlreiche (Buch-)Publikationen, zuletzt: Euydike, Theaterstück, UA 2004. Mitglied der Abreitsgemeinschaft Autorinnen.
www.barbara-neuwirth.com

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