|

Gedichte
Zivorad Mitras Jezavski

|
Bild
Oft beobachten wir einander aus den Augenwinkeln
Und überdenken gegenseitig unsere Schwächen
In Erwartung des Augenblickes dass jemand von uns
Dem anderen schließlich seinen Willen aufdrängen wird.
Die Kappe
Das ganze bisherige Leben
Verbrachte ich unermüdlich mit der Suche
Nach einer passenden Kappe für mich.
Und so viele Kappen habe ich probiert!
Die erste passte zu meinem Blick
Aber nicht zu meinem Kopf.
Die zweite passte zu meinem Kopf
Doch nicht zu meinem Blick.
Die dritte passte sowohl zu meinem Blick
Als auch zu meinem Kopf
Aber doch nicht zu meiner Seele.
Die vierte Kappe passte ganz genau
Sowohl zu meinem Blick
Als auch zu meinem Kopf und zu meiner Seele
Aber sie passte nicht zur Jahreszeit.
Die fünfte passte zu meinem Blick
Passte auch zu meinem Kopf und zu meiner Seele
Und sogar auch zur laufenden Jahreszeit
Aber nicht zu meiner Geldtasche.
Die sechste Kappe passte (fast) zu allem:
Sowohl zu meinem Blick und zu meinem Kopf
Wie auch zu meiner Seele und zur Jahreszeit;
Sie passte endlich auch zu meiner Geldtasche
Aber sie passte eben nicht zu den Leuten.
Und Gott weiß wie lange ich noch so vergeblich
Auf der Suche nach einer für mich guten
Und passenden Kappe gewesen wäre
Wenn ich nicht eines Tages ganz zufällig
Schließlich mich selber getroffen hätte
Unter dieser hellen Himmelskappe.
Ja, diese Kappe passte zu allem:
Sowohl zu meinem Geschmack
Und zu meinen Verhältnissen als auch
Zur Jahreszeit und zu den Leuten.
Und so frage ich mich nicht mehr
Ob ich jemals die passende Kappe finde
Und wie ich sie finde.
Jetzt frage ich mich, wieso ich sie fand.
Herzanfall
Kaum dass die Mitternacht begann
Sich von der Nacht abzuspalten
Da schlug mich plötzlich
Ein schauriger Herzanfall
Der mein erregtes Herz
harrgenau spaltete
in zwei gleichgewichtige Hälften.
Und eine Hälfte blieb in der Nacht
Und die zweite Hälfte gehörte der Mitternacht.
Und von dieser Mitternacht an lebe ich ununterbrochen
Mit meinem hermaphroditischen Herzen.
Bis Mitternacht fließe ich wie Wasser
Und ab Mitternacht brenne ich wie Feuer.
Und mit dieser meiner (rechten)
Hälfte des hermaphroditischen Herzens
gehöre ich der weiblichen Herausforderung
Und mit der ganzen meiner (linken)
Hälfte desselben Herzens
Gehöre ich der männlichen Antwort.
Und die ganze Zeit so lange das Geheimnis der Nacht dauert
Enträtsle ich die Zeichen der Dunkelheit
Und wenn die Nacht in die Mitternacht sich verwandelt,
verfolge ich die Spuren des Lichts.
Niemand ist mir auf der Welt ebenbürtig.
Ein so unansehnliches Männchen
Verbirgt ein so großes Geheimnis.
Wenn jemand mich erkennen will
So soll dieser irgendwie versuchen
Die Uhr seines alltäglichen Herzens
Mit dem Rhythmus meines Herzens
Wenigstens ungefähr übereinzustimmen
Und alles wird ihm erträglicher sein.
Und ich bleibe weiterhin eigensinnig
Bei meiner Selbstüberzeugung
Dass es mir einmal doch gelingen wird
Die unerreichbare Fähigkeit zu besitzen
Dass ich irgendwann einmal
Mit meinen beiden Herzhälften
gleichzeitig und ident leben kann
Und dass ich in mir für immer verbinde
Sowohl Endgültiges als auch Endloses
Sowohl Schönes als auch Nützliches.
Falls dies unerreichbar sein sollte,
bin ich auch für diese Möglichkeit bereit
weil ich andauernd ungeduldig
noch einen neuen Herzanfall erwarte
der in meinem Namen alles bewirkt
was außer meiner Macht steht.
Vielleicht kommt dieses zusätzliche, höhere Wunder
Einmal in diesem Traum vom Leben über mich
Und dann werde ich für alle Zeiten
Unwiderruflich glücklich und gewöhnlich sein.
Und wer sollte mir dann etwas zuleide tun?
Was denken Sie? Wer?
Schlaganfall
Es passierte.
Ohne Moment des Vorbedachts
Und ohne ein Zeichen der Vorwarnung
Und ohne Kontrolle der Flugkenntnisse
Und ohne die Vorfrage der Wasserscheuheit
Und ohne flüchtiges Prüfen der Tiefgründigkeit
Es passierte einfach.
Es passierte.
Ohne einen einzigen Stoßseufzer
Und ohne den winzigsten Angstschrei
Und nicht einmal mit einem blassen Bild der Ankündigung
Und nicht einmal mit einem natürlichen Gefühl der Vorahnung
Und nicht einmal mit den gewöhnlichsten Gedanken
einer vernünftigen Erklärung
Es passierte einfach.
Es passierte.
Ohne ein Wort von der himmlischen Erklärung
Und ohne das leichteste Beben des weltlichen Anteils
Und ohne eine bekannte Erbsünde der Nachkommen
Und ohne das elendste Wort seitens menschlicher Treulosigkeit
Und ohne eine besondere Tat des verbrecherischen Bösen
Es passierte einfach.
Es passierte.
Nach dem Willen und Befehl der obersten Herrschaft
Und im Namen und der Ehre der allmächtigen heiligen
Dreieinigkeit
ES - PA SSIER - TE!
Und ich bin mir nicht mehr in klarem:
Bin ich so lebend tot oder so tot lebend
Oder bin ich so lebend weil ich schuld bin
Oder bin ich so schuld weil ich lebend bin?
Ich bin überhaupt nicht mehr ich.
Nicht mit mir selbst nicht mit dem heiligen Gott.
Vagabundenrede
Wir ziehen, mein Freund, herum wie Fallschirmspringer
Von einem Schlachtfeld zum anderen
Immer wieder schwören wir uns
Das ist der letzte Vers
Der es schaffte uns zu überraschen.
Wir ziehen, mein Freund, herum wie Wilderer
Unaufhörlich von einem Geheimnis ins andere
Immer wieder geben wir die Versicherung
Dies ist das letzte Gedicht
Das uns überlisten konnte.
Wir ziehen, mein Freund, herum wie Flüchtlinge
Von einem Garten Eden zum anderem
Immer wieder flüstern wir
Das ist das letzte Buch
Das uns zu begnadigen schaffte.
Wir ziehen und ziehen, mein Freund, herum
Vom hellen Vorabend bis zum späten Morgen
Und nirgendwo ein Gestern, ein Heute oder ein Morgen
Aber wir ziehen beharrlich weiter herum.
Wenn
Wenn allen diesen Bettelverirrungen
von einem barmherzigen Liebhaber zum anderen
ein Ende gesetzt wird
Wenn alle nicht bezahlte Ehrenrechnungen
bei der gegenstandlosen Aura des gekränkten Gewissens
entrichtet werden
Wenn man in den Tagebüchern des vergeudeten Lebens
alle bisweilen gefundenen Gefühle der Seele
beschreibt
Wenn all das durch Jahre vergeblich Gewünschte
mein verhungertes Herz
endlich bekommt
Wenn man in der Sternenordnung der Erinnerungen
die angepassten Rechtfertigungen
für die Taten findet
Wenn der Waffenstillstand
auf allen revolutionären Fronten des Geistes
endlich hergestellt wird
Dann kann man dem Schicksal
in die Augen spucken und schreien:
Du Sünder! Es hat auch bei dir geklingelt!
Zivorad Mitras Jezavski (Zivorad Mitrasinovic), geboren 1955 in Serbien.
Geht mit 21 Jahren in die Welt. Während eines Besuchs in Wien Badeunfall,
nach dem er querschnittgelähmt ist. Er schreibt in Serbisch, spricht
aber fließend Deutsch. Bisher publizierte er Gedichtbände
in Französisch und Deutsch. Im Roman "Der Krüppel",
VIZA EDIT 2004, schildert er seinen Lebenskampf. Mitglied der IG Autorinnen
Autoren und des Österreichischen und des Internationalen P.E.N.
Neben Stipendien des BKA erhielt er den Theodor Körner-Preis (2001).