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Hymne an dich
Von E. A. Richter
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Ich dachte an dich wie an keine andere
oder eine die ich in-
und auswendig kenne
Wie befremdlich: wir gingen nebeneinander
und ich
erkannte dich nicht.
Ich rief dich nicht an vergaß
voller
Absicht deine Telefonnummer
Du erzähltest mir freiwillig die
Träume
doch ich stieß mit Fragen nach unerbittlich.
Deine
Tränen amüsierten mich ich schürte
den Mut zur
Häßlichkeit lobte zugleich
deine Ohren Öhrchen: wenn du die
Haare
oben hattest Nadeln darin.
Riß sie aber immer wieder wenn
die Hand
den Polster verschob stopfte sie schon schlummernd
in mich
erwachte mit ekligen Knäueln
zwischen den Zähnen
Gewürge.
Wie oft erwartete ich neben dir den Schlaf
zuckte
zurück wenn deine Zehen
zu bohren begannen deine eisigen Finger
sich
zwischen die Beine schoben zuzwickten!
Ich konnte nur deine Zunge
verdrehn
meine Augen schließen Belag auf Belag
und das im Geruch
nach Milch -
strömendes Euter Lakenluft brünstige.
Du
wußtest daß ich mit dem Schreiben
hinter dir her war: schrieb
alles auf
was du sagtest tatst nicht tatst tun
hättest können
verbarg das Geschriebene
kam aber in Gesprächen darauf zurück
-
lachtest hell auf mich verkleinernd die Mühe
die ich für
dein Leben aufwandte: sie sollte ja
uns beide verwandeln in sublime
Dubletten!
Dann noch diese Statistiken Tabellen
die Vergleiche
über Jahre gestatteten
über Zeiten des Aufwachens Einschlafens
der Schlafdauer Dauer von Tätigkeiten
Häufigkeit des
Verkehrs Intensität
Hartnäckigkeit über Symbolismen
Andockversuche an andere Leben
in Gesellschaft und auch in der
Bettleseeinsamkeit.
Und deine Manien! Wanderaugen am Tisch
wischbereite Hände und Tadel für unwillkürliche
Äußerungen Tadel für Furze Rülpser
Flüssigkeiten im Gesicht klebrige Bodenstellen.
Dein
Aberglaube: gabst dieses zu jenes
nicht Zählreime etwa die so vieles
abwenden konnten vorgestellte Hüpfbewegungen
auch die Anwesenheit
des Teufels Genossen
aus der Klosterschule ironischen Schattens
über allem Verdopplers Verdünners Schlechtmachers
penetranten
misanthropischen Vaterverlängerers
Initiators der Liste deiner
Phobien
auf die du so stolz warst und die du noch ausbautest
verbogst
in eine fallweise rettende Lebensstruktur.
Tiere im Bett: alle hatten Namen
oft wechselnde
konnten aus deinem Mund sprechen
mich auch kratzen
in die Wange beißen
demütigen zu Recht wenn ich wieder
einmal
den Verweigerer hervorgekehrt hatte
sardonische Seiten Illusionen
poetisierende
rohen Samengenuß. Nie kam meine Zunge
dorthin
wo du sie begehrtest. Nie
hieltst du so lange durch bis ich wirklich
zusammenbrach. Ich fügte mich gern
verkörperte willig den
Wickelpolstermann
stocksteif und unansprechbar. Irgendwann
stieg dann
doch deine Hitze in mir hoch
immer wenn es zu spät war
mitten
in deiner bleiernen Müdigkeit
oder aus meiner albernen Verhemmung.
Wer schenkte dir diesen schäbigen Männerpyjama?
Und woher
hattest du den Stammbaum
der mich fast erschlug? Riesenschachtel
plötzlich zwischen den Tellern auf dem Tisch.
Anstatt des Essens
Zurückblättern in eine flink
angeeignete Familienvergangenheit:
Geschenk eines verrückten Forschers
aus dem Archiv eines in
Stalingrad Gefallenen
mit Germanenüberschuß in Blut und Hirn.
Doch auf diesen Kopien vereinigten sich
unsere Namen schon vor
Jahrhunderten
in einem nie betretenen tschechischen Grenzdorf.
Weder
Treue noch Schicksal weder Spiel
noch Reue nur dieser idiotische Trost:
jederzeit könnten wir uns wieder
an der Stelle treffen wo wir
mit Gelächter
aufeinanderstießen zum allerersten Mal -
keine
Sekunde davor keine danach
E. A. Richter, geb. 1941 in Tulbing / NÖ.
Studium der Germanistik und Geschichte in Wien. Hörspiele,
Drehbücher, zwei Bücher beim Residenz Verlag. 1986-97 unter dem Namen
RICHTEX auch als "Bildner & Realisator" tätig. Letzte
Buchveröffentlichungen: Das ganze Leben (Verlag Turia + Kant, Wien 1996);
Das leere Kuvert (Gedichte, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002).