Podium 131/132 - Obsessionen

Titelblatt

Hymne an dich

Von E. A. Richter

Ich dachte an dich wie an keine andere
oder eine die ich in- und auswendig kenne
Wie befremdlich: wir gingen nebeneinander
und ich erkannte dich nicht.

Ich rief dich nicht an vergaß
voller Absicht deine Telefonnummer
Du erzähltest mir freiwillig die Träume
doch ich stieß mit Fragen nach unerbittlich.

Deine Tränen amüsierten mich ich schürte
den Mut zur Häßlichkeit lobte zugleich
deine Ohren Öhrchen: wenn du die Haare
oben hattest Nadeln darin.

Riß sie aber immer wieder wenn die Hand
den Polster verschob stopfte sie schon schlummernd
in mich erwachte mit ekligen Knäueln
zwischen den Zähnen Gewürge.

Wie oft erwartete ich neben dir den Schlaf
zuckte zurück wenn deine Zehen
zu bohren begannen deine eisigen Finger
sich zwischen die Beine schoben zuzwickten!

Ich konnte nur deine Zunge verdrehn
meine Augen schließen Belag auf Belag
und das im Geruch nach Milch -
strömendes Euter Lakenluft brünstige.

Du wußtest daß ich mit dem Schreiben
hinter dir her war: schrieb alles auf
was du sagtest tatst nicht tatst tun
hättest können verbarg das Geschriebene

kam aber in Gesprächen darauf zurück -
lachtest hell auf mich verkleinernd die Mühe
die ich für dein Leben aufwandte: sie sollte ja
uns beide verwandeln in sublime Dubletten!

Dann noch diese Statistiken Tabellen
die Vergleiche über Jahre gestatteten
über Zeiten des Aufwachens Einschlafens
der Schlafdauer Dauer von Tätigkeiten

Häufigkeit des Verkehrs Intensität
Hartnäckigkeit über Symbolismen
Andockversuche an andere Leben
in Gesellschaft und auch in der Bettleseeinsamkeit.

Und deine Manien! Wanderaugen am Tisch
wischbereite Hände und Tadel für unwillkürliche
Äußerungen Tadel für Furze Rülpser
Flüssigkeiten im Gesicht klebrige Bodenstellen.

Dein Aberglaube: gabst dieses zu jenes
nicht Zählreime etwa die so vieles
abwenden konnten vorgestellte Hüpfbewegungen
auch die Anwesenheit des Teufels Genossen

aus der Klosterschule ironischen Schattens
über allem Verdopplers Verdünners Schlechtmachers
penetranten misanthropischen Vaterverlängerers
Initiators der Liste deiner Phobien

auf die du so stolz warst und die du noch ausbautest
verbogst in eine fallweise rettende Lebensstruktur.
Tiere im Bett: alle hatten Namen oft wechselnde
konnten aus deinem Mund sprechen

mich auch kratzen in die Wange beißen
demütigen zu Recht wenn ich wieder einmal
den Verweigerer hervorgekehrt hatte
sardonische Seiten Illusionen poetisierende

rohen Samengenuß. Nie kam meine Zunge
dorthin wo du sie begehrtest. Nie
hieltst du so lange durch bis ich wirklich
zusammenbrach. Ich fügte mich gern

verkörperte willig den Wickelpolstermann
stocksteif und unansprechbar. Irgendwann
stieg dann doch deine Hitze in mir hoch
immer wenn es zu spät war

mitten in deiner bleiernen Müdigkeit
oder aus meiner albernen Verhemmung.
Wer schenkte dir diesen schäbigen Männerpyjama?
Und woher hattest du den Stammbaum

der mich fast erschlug? Riesenschachtel
plötzlich zwischen den Tellern auf dem Tisch.
Anstatt des Essens Zurückblättern in eine flink
angeeignete Familienvergangenheit:

Geschenk eines verrückten Forschers
aus dem Archiv eines in Stalingrad Gefallenen
mit Germanenüberschuß in Blut und Hirn.
Doch auf diesen Kopien vereinigten sich

unsere Namen schon vor Jahrhunderten
in einem nie betretenen tschechischen Grenzdorf.
Weder Treue noch Schicksal weder Spiel
noch Reue nur dieser idiotische Trost:

jederzeit könnten wir uns wieder
an der Stelle treffen wo wir mit Gelächter
aufeinanderstießen zum allerersten Mal -
keine Sekunde davor keine danach

E. A. Richter, geb. 1941 in Tulbing / NÖ. Studium der Germanistik und Geschichte in Wien. Hörspiele, Drehbücher, zwei Bücher beim Residenz Verlag. 1986-97 unter dem Namen RICHTEX auch als "Bildner & Realisator" tätig. Letzte Buchveröffentlichungen: Das ganze Leben (Verlag Turia + Kant, Wien 1996); Das leere Kuvert (Gedichte, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002).

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