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Julian Gröger
Von Ingrid Maria Lang
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Im Alter von zwölf Jahren gewann Julian Gröger den
ersten Preis beim Wunderwelt-Schönschreibwettbewerb: eine Olympus Comedia
XR. Damals war er ein kleiner, leicht übergewichtiger Junge mit
mädchenhaften Locken, er trug eine runde Brille, hasste Fußball und
seine Lieblingsfächer waren Biologie und Technisches Zeichnen. Er leistete
regelmäßig freiwillig Dienst bei der Schulmilchausgabe, führte
jeden Abend den Hund der rheumakranken Nachbarin Gassi und sie selbst im
Rollstuhl bei schönem Wetter im Park spazieren. Im Schulchor sang er
dominante Soli und seine bevorzugten Auftritte waren die im Städtischen
Krankenhaus: Ostern, Erntedank, Weihnachten, wenn der Chor Aufstellung auf der
Internen Abteilung oder der Onkologie nahm, gab es für Julian nichts
Schöneres, als zu beobachten, wie sich durch die Kraft der Tremolos und
Vibratos die bleichen Gesichter der Schwerkranken röteten, ihre
vertrockneten Lippen ein rissiges Lächeln formten und ihre knochigen
Hände in nervösen Tempi über die Bettdecken tanzten. Mehr als
alles andere wünschte er jedes Mal, diese Bilder mit seiner Kamera
festhalten zu können.
Das erste Mal, als Julian etwas anderes
fotografierte als seine Mutter am sonntäglich gedeckten Kaffeetisch, Tante
Hermi beim Anschneiden ihrer Geburtstagstorte, Onkel Herbert mit stolzem
Lächeln vor seinem neuen Ford Fiesta oder die Irish Setter von Nachbar
Niedlich, war er für den Fotowettbewerb Gärten in sommerlicher Pracht
auf Motivsuche gewesen. Auf einem der abgelegenen Gartenwege, verborgen hinter
einem Goldregenstrauch, entdeckte er eine Katze mit durchbissener Kehle,
Fliegen summten um den Kopf mit dem offenem Maul, aus dem widerhakenspitz die
Zähne ragten. Im Fell nisteten Maden.
Zwei Aufnahmen hatte er noch auf
dem Film und er drückte einfach ab, er konnte sich später nicht
erklären, warum er das getan hatte.
"Na, was ist dir denn da
eingefallen?", fragte der Drogist, zu dem er die Filme zum Entwickeln brachte.
"Wie kann man denn nur so was Grausliches fotografieren?"
"War nur ein
Zufall", sagte Julian.
Von da an ließ Julian die Filme in
Drogeriemärkten in entfernt gelegenen Stadtteilen oder im Quick-Fotoshop
am Hauptbahnhof entwickeln. Die Kamera, inzwischen eine Nikon Spiegelreflex
F55, ein Weihnachtsgeschenk seiner Mutter vom letzten Jahr, trug er immer bei
sich.
Als sich Fräulein Ott, die Englischlehrerin seiner Klasse, aus
der Dachluke des Schulgebäudes stürzte und mit aufgeplatztem
Schädel in einer Lache aus Blut, Gehirn und Knochensplittern auf dem
betongepflasterten Hof lag, waren ihm fünfzehn Aufnahmen aus verschiedenen
Perspektiven gelungen, bevor der Direktor ihn entdeckte und fort scheuchte,
"Bist du nicht bei Sinnen Junge, hier zu fotografieren, verschwinde, aber
sofort."
Mit dem Film war Julian zur Tagespost gegangen. "Die Aufnahmen sind
gut", hatte der Redakteur gesagt, "sogar sehr gut, aber wir können sie
nicht bringen, verstehst du? Es gibt Grenzen, wir leben in einer Kleinstadt und
wenn man uns draufkommt, dass die Fotos von einem - wie alt bist du
eigentlich?" - "Dreizehn", sagte Julian - "von einem Dreizehnjährigen
sind, na dann Gnade uns Gott, man würde uns in der Luft zerreißen,
und das können wir uns nicht leisten."
Damals hatte Julian beschlossen,
nur mehr zu seinem Vergnügen zu fotografieren.
Nach der Matura, die er
mit einem Notendurchschnitt von 1,2 bestand, leistete Julian Zivildienst in
einem geriatrischen Pflegeheim, wusch blaufleckige Körper, reinigte
zahnlose, modrig riechende Mundhöhlen, half beim Verbinden nässender,
wundgelegener Rücken und leerte jede Menge stinkender
Bettpfannen.
Während des Tages fotografierte er auf Wunsch der
Angehörigen 90-jährige demente Omas im Kreis ihrer einmal im Jahr
erscheinenden Familien, die einander kaum mehr erkannten, aber während der
Nacht suchte Julian nach anderen Motiven. Er entwickelte einen scharfen Blick
dafür, wann es bei einem der Alten soweit sein und die letzten
Körnchen durch das Glas ihrer Lebensuhr fallen würden und wenn er
Glück hatte, Tod und Nachtdienst optimal programmiert waren, konnte er
sein Fotoarchiv um einige Aufnahmen erweitern.
Mit fünfundzwanzig ist
Gröger ein großer hagerer Mann mit dünnem Haar, das sich am
Hinterkopf bereits lichtet. Er trägt eine eckige Hornbrille, hat im Haus
seiner Mutter, wo er das große Erkerzimmer bewohnt, eine Dunkelkammer
eingerichtet, leitet unentgeltlich Erste-Hilfe-Seminare bei der
Städtischen Feuerwehr und ist seit einem Jahr mit einer 32jährigen
Heimkrankenschwester namens Hedda Gutherz verlobt.
Gröger ist geworden,
wovon er immer geträumt hat: Erster Bariton im Schubert Liederverein,
Krankenpfleger auf der Onkologie des Städtischen Krankenhauses und der
Hüter eines eigenen Fotoarchivs.
Der Dienst im Krankenhaus hat um acht
Uhr begonnen, jetzt geht es auf Mitternacht zu. Draußen vor den Fenstern
dösen die Straßen, drinnen hinter den Mauern reihen sich die Stunden
träge zu einer Endlosschleife Nacht. Gröger sitzt im
Bereitschaftszimmer, vor sich auf dem Schreibtisch ein Stoß
Patientenblätter, Medikamentenlisten und einige Fotos.
Herrgott!
Wütend schiebt er die Aufnahmen über den Tisch. Wozu stundenlang
durch die Straßen rennen, hinter Bäumen und Mauervorsprüngen
wie ein armseliger Voyeur lauern, um dann mit ein paar albernen Aufnahmen nach
Hause zu kommen, die er schon vor zehn Jahren auf den Müll geworfen
hätte: Ein totes Vieh, vermutlich ein Hund, ist nur mehr schwer zu
erkennen, was da mit aufgeblähtem Bauch und klaffendem Maul im Brackwasser
eines Tümpels schaukelt, und ein Mann, der mit einer blutverkrusteten
Wunde an der Schläfe vor dem Eingang eines öffentlichen Pissoirs
liegt. Sein Kamelhaarmantel ist aufgeknöpft, man kann die Innentasche
sehen, wo vermutlich die Brieftasche gesteckt hat, der Zipp seiner Smokinghose
ist offen, das Hemd zerrissen. Der Mann macht den Eindruck, als wäre er
tot, bei näherem Hinsehen stellt sich dann heraus, er hat vermutlich nur
eine Gehirnerschütterung, mit Sicherheit aber ist er stockbetrunken und
vollgedröhnt mit irgendwelchen Tabletten gewesen.
Gröger ist
wütend und enttäuscht. Beinahe jede Nacht in der vergangenen Woche
ist er vor Mitternacht losgezogen und erst im Morgengrauen zurück
gekommen, um gerade noch Zeit für eine heiße Dusche und eine Tasse
Kaffee zu haben - für seine Mutter würde er übrigens bald eine
glaubwürdigere Erklärung finden müssen als dauernde
Schlaflosigkeit, die ihn auf die nächtlichen Straßen treibt - ist
dann ins Krankenhaus gefahren und hat müde und ausgelaugt den Tagdienst
angetreten.
Und trotz all dieser Strapazen hat sich kein wirklich
brauchbares Motiv gefunden. Weder zwischen den Viadukten unten am Kanal, wo
sich die menschlichen Promenadenmischungen der Stadt in einem Mief von
Exkrementen und Fusel unter alten Zeitungen und Lumpen ihre Schlafstätten
eingerichtet haben, noch hat sich die Frau gezeigt, die er seit einigen
Nächten beobachtet. Sie wohnt im zweiten Stock eines stuckverzierten
Hauses in einer der verwinkelten Gassen entlang des Kanals, kommt
regelmäßig zwischen vier und fünf Uhr morgens um die Ecke
gebogen und ihre Schritte, fest und hart auf hohen Absätzen, hallen durch
die Dunkelheit. Sie verschwindet in der Türfüllung des Hauses, kurz
darauf wird hinter schwarzen Vierecken ein Schalter geknipst und Gröger
kann sie im Schlafzimmerlicht umhergehen sehen. Sie zieht ihre Jacke aus, ihren
Rock, hängt beides über einen Bügel, verschwindet dann für
Minuten und kommt in einem dünnen Morgenmantel wieder, öffnet das
Fenster, raucht eine Zigarette, späht die Gasse hinunter, als erwarte sie
jemanden: Immer das gleiche Ritual.
Während der ersten Male, als er die
Frau beobachtete, war es ihre Art gewesen, sich in scheinbarer Ahnungslosigkeit
über sein Tun hinter dem Fenster zu bewegen, die ihn erregte, doch als sie
eines nachts eine Stehlampe aus dem Hintergrund des Zimmers ans Fenster
rückte und er die Umrisse ihrer Brüste und Hüften, ihres
tieflastigen Hinterns und des plustrig dunklen Hügels ihrer Scham mit
seinem 155 mm Brennweite-Epson-Telezoomobjektiv ungehindert abtasten und auf
den Auslöser drücken konnte, wusste er: Es war genau so wie damals,
als er zum ersten Mal mit einem Mädchen schlafen wollte, und hin- und
hergerissen zwischen Angst und Erwartung, nicht sicher war, ob sie seine
Signale richtig verstand. Bis ihm dann bewusst wurde, dass ihre Manier, ihn zu
übersehen und von Gesprächen auszuschließen, mit der
Zungenspitze gelangweilt zwischen ihren erdbeerlollifarbenen Lippen zu kreisen
und die Haare in einer affektierten Bewegung über die Schulter zu werfen,
nichts anderes war, als die physische Demonstration ihres längst
vorhandenen Wissens über seine Begierde.
Schon seit einigen Tagen nun
sind die Fenster im zweiten Stock dunkel geblieben und allmählich war sich
Gröger auf seinem Beobachtungsposten wie ein lächerlicher, um ein
Versprechen betrogener Tölpel vorgekommen.
Im Radio meldet der
Nachrichtensprecher null Uhr, vom Korridor dringt das metallische Klappern
eines Instrumentenwagens, Gummiräder surren über den Plastikboden.
Nebenan in der Teeküche hantiert Schwester Agnes, ihre orthopädischen
Schuhe quietschen bei jedem Schritt, sie steckt den Kopf durch die
Verbindungstüre zum Bereitschaftszimmer: "Kaffee ist fertig."
"Danke",
sagt Gröger und wischt mit einer Handbewegung die Fotos von seinem
Schreibtisch in die Schublade. "Ich komme rüber."
Ob er dann nach dem
Uteruskarzinom auf Fünfzehn schauen kann, fragt Schwester Agnes, schenkt
die Tassen ein und schiebt Milch und Zucker über die Resopalplatte. "Die
junge Frau liegt jetzt allein im Zimmer und ist so unruhig. Gestern Mittag ist
die andere Patientin, die Mastektomie, ganz plötzlich
gestorben."
Schwester Agnes seufzt. "Und mir tut heute mein Fuß so
weh, ich kann kaum noch auftreten."
"Bleib du nur ruhig sitzen und ruh dich
aus", sagt Gröger, "die Nacht ist noch lang." Im Hinausgehen nimmt er aus
einem Fach seines Garderobenschrankes eine Nikon Kleinbildkamera und steckt sie
in die Tasche seines Kittels.
Am Gang strömt milchweißes Licht
aus Neonröhren, aus einer Lampenbatterie an der Wand springt mit einem
Summen das Gelb heraus, gleich darauf das Rot, Türenschlagen und
Laufschritte im unteren Stockwerk, dann wieder klaustrophobische
Stille.
Gröger öffnet leise die Türe von Zimmer
Fünfzehn. Zwischen weißen Metallskeletten unbenützter Betten
schimmert ein Kreis Licht unter einem grünen Seidentuch, das über dem
Lampenschirm hängt. Die Frau liegt auf dem Rücken, der Mund ist
offen, ihr Atem klingt wie Seufzer aus einem alten Blasebalg. Gröger geht
um das Bett, die Schärfe des Objektivs zeigt ihm die Linien und Kerben des
voranschreitenden Verfalls, er drückt ein paar Mal auf den Auslöser,
aber für wirklich gute Aufnahmen ist es noch zu früh: Vier,
vielleicht fünf Tage, schätzt er, allerhöchstens eine
Woche.
In Grögers Venen moussiert das Adrenalin wie warme
Kohlensäure in einem engen Flaschenhals. Die Frau ist jung, sie wird nicht
ergeben hinübergleiten, sie wird kämpfen, verzweifelt und einsam.
Mindestens eine Woche her, dass jemand sie besucht hat: Die Blumen in der
Fruchtsaftflasche welken und verlieren die Blütenblätter und die
gelben und grünen Früchte, die unberührt in einem
schleifenverzierten Körbchen liegen, verbreiten den süßlichen
Geruch von angestochenem Obst.
Wenn er Schwester Agnes' Schicht
übernähme, überlegt Gröger, wären das vier
ungestörte Nächte. Hier auf der Station sterben sie fast immer in den
Stunden kurz vor Morgengrauen. Der Bereitschaftsarzt schläft am anderen
Ende des Ganges; die Schwestern wecken ihn nur in dringenden Fällen. Was
ist hier schon dringend? Was gibt es hier schon zu tun? Warten, bis der Tod
kommt, das gibt es hier zu tun.
Spielerisch nimmt er den großen Zeh
der Frau, der unter dem Deckbett hervorschaut, seine Stimme klingt
zärtlich, "Na, bis Donnerstag wirst du's ja wohl geschafft haben, oder?"
Er geht zum Fenster, zieht die Jalousien hoch und öffnet den
Flügel einen Spaltbreit. Draußen schneit es in dichten Flocken. Die
Frau öffnet die Augen und wendet ihm das Gesicht zu.
"Es schneit",
sagt Gröger, "und das eine Woche vor Ostern."
"Dann werde ich nicht
mehr hier sein", murmelt die Frau, dreht den Kopf auf die andere Seite und
schließt wieder die Augen.
"Wie schön", sagt Gröger
fröhlich und geht aus dem Zimmer.
Eine Woche später hat Regen den
Schnee von den Gehsteigen geschwemmt, Nebel geistert zwischen den Bäumen
und der Himmel hängt als graues verwaschenes Leintuch über der Stadt.
Gröger erwacht an einem späten Vormittag. Von unten, aus der
ebenerdigen Küche, dringt leise Radiomusik, dazwischen Töpfeklappern
und der helle Klang von Besteck, das gegen Porzellan schlägt: Seine Mutter
richtet das Mittagessen.
Gröger hat Kopfschmerzen. Er erinnert sich,
beim Nachhausekommen - es muss so gegen Eins gewesen sein - zwei
Schlaftabletten mit wasserverdünntem Wodka genommen zu haben. Trotzdem
fühlt er sich jetzt frisch und ausgeruht und später unter dem
Heißwasserstrahl der Dusche verflüchtigt sich auch das Pochen in
seinen Schläfen. Er freut sich auf ein ausgiebiges Mittagessen.
Seine
Mutter steckt den Kopf durch die Badezimmertür, ein paar
Kleidungsstücke, die er beim Nachhausekommen auf den Boden geworfen hat,
in der Hand. "Julian, hast du dich verletzt? Auf deinem Hemd ist Blut, hier und
hier, und auf dem Taschentuch auch."
"Ich hab mir den Kopf gestoßen,
nicht weiter schlimm, gibst du mir bitte die Seife rüber?"
"Ach Bub",
sagt seine Mutter und seift ihm den Rücken ein, "sei nicht immer so
unvorsichtig."
Während des Essens äußert sie sich besorgt
über seine dunklen Augenringe, die anstrengenden Wechseldienste im
Krankenhaus, die würden ihn noch kaputt machen, Gröger wehrt ab,
nein, nein, er fühle sich blendend, eine Erkältung während der
letzten Tage und die ständige Schlaflosigkeit hätten ihm zu schaffen
gemacht, aber jetzt ginge es ihm viel besser, kein Grund zur Sorge.
Seine
Mutter räumt den Tisch ab, setzt Kaffee auf und während sie den
Kuchen anschneidet fragt sie: "Und, wie war dein Abend mit Hedda?"
Der
Abend. Hedda.
Sie waren zum Essen verabredet gewesen und seine Stimmung
dümpelte unter dem Gefrierpunkt. Nachdem die Oberschwester am Montag seine
Bitte, den Dienst mit Schwester Agnes zu tauschen, abgelehnt hatte, "Wir haben
einen personellen Engpass wegen der kommenden Feiertage, jeder will Urlaub, ich
brauche Sie dringend für die Tagesschichten", und am Mittwoch die Nummer
Fünfzehn um drei Uhr nachts gestorben war, ohne dass es ihm möglich
gewesen wäre, eine Aufnahme zu machen, hatte er mehr und mehr das
Gefühl gehabt, in einem engen Spalt zu stecken, einem unablässigen
Schub an Frustration ausgesetzt, der gegen seine Rippen quetschte und ihm das
Atmen schwer machte.
Und dann der Abend mit Hedda. Der Abend, der so
begonnen hatte, als solle er die Krönung dieser Serie von Tagen aus
kakophonischen Fehlschlägen und gescheiterter Hoffnungen werden. Gleich
als sie vor dem Restaurant aus dem Auto stiegen, hatte er sich über sie
geärgert. "Ach nein, Julian", hatte sie geraunzt, sich eng an ihn
geschmiegt und ihm dabei mit einer raschen Bewegung den Fotoapparat abgenommen
und auf den Rücksitz geworfen. "Wenn du den blöden Apparat dabei
hast, bist du immer abgelenkt und heute ist doch unser Jahrestag, den will ich
mit dir genießen". Und ehe er protestieren konnte, hatte sie die
Wagentüre zugeschlagen, den Autoschlüssel in ihre Manteltasche
gleiten lassen und sich bei Gröger eingehängt, eine besitzergreifende
Geste, die er nicht ausstehen konnte.
Später, in der Wärme des
Lokals, nach einem zartem Saltimbocca und zwei Gläsern Morellino, hatte er
seinen Ärger dann fast vergessen. Sie saßen an einem Fenstertisch
mit Blick auf die abendlich bevölkerte Straße, Hedda griff immer
wieder nach seiner Hand, streichelte, lächelte, redete, und er ließ
sie gewähren.
"Willst du noch Nachtisch?"
Kokett augenzwinkerndes
"Ich-weiß-nicht-recht-soll-ich?", und dann, "Aber ja, heute ist ein
besonderer Abend, ich nehme noch eine Torta di Mele." Der erste Bissen, die
Augen geschlossen, "hm, himmlisch", und dann hörten sie Krachen, Knirschen
und Splittern, Hedda gab ein Quieksen von sich, nicht unähnlich dem eines
jungen Ferkels, ihr Mund öffnete sich von einem erstaunten O zu einem
großen Oval und blieb mit leicht bebender Unterlippe so stehen. Als das
zweite Stück Torta in ihr Rotweinglas fiel, wo es sich zu einem Gerinnsel
von matschigen Bröseln und gelben Apfelstückchen auflöste,
breiteten sich auf ihrem Hals bereits die ersten hysterisch roten Flecken aus
und ihr rechtes Augenlid flatterte wie ein aufgeregter
Schmetterlingsflügel.
Da war der Unfall, der direkt vor ihren Augen
passierte. Da war das Kind in seinem Blut, der Mann, dessen Kopf - umgeben von
einem gesplitterten Strahlenkranz - in der Windschutzscheibe steckte, Menschen,
die versuchten, durch zersprungene Fenster und demolierte Türen aus einem
entgleisten Straßenbahnwaggon zu klettern, und da war die Tatsache, dass
sich seine Kamera auf dem Rücksitz von Heddas Auto befand.
"Die
Autoschlüssel", hatte er gesagt, "schnell!" Beim Aufstehen warf er den
Stuhl um, hinter ihm drängten andere Gäste zum Fenster, und Hedda,
kreidebleich, stammelte, "Die sind in meiner Manteltasche, in der Garderobe."
"Hol sie", hatte er gesagt, "los, mach schon!"
Aber Hedda hörte
nicht, da war ihr Jammern und Greinen, "das Kind, mein Gott das arme Kind",
ihre insistierenden Bitten, "weg, nur weg von hier", sie könne dieses
schreckliche Bild nicht ertragen und da war sein heftiger Drang, sich
angesichts all dessen übergeben zu müssen, seine ganze Wut,
Enttäuschung und Verzweiflung zusammen mit dem unverdauten Saltimbocca,
den Gnocchi, Funghi und Melanzani mitten auf den Tisch zu speien oder noch
besser auf Heddas weiße Seidenbluse, dort ein Sprenkelmuster aus
flüssiger und bröckeliger Kotze hin zu spucken und dann Hedda stehen
zu lassen, mitten im Lokal, besudelt und verdreckt, mit ihren großen
zuckenden Kinderaugen und ihrem bibberndem Engelsmündchen.
Statt
dessen holte er ihre Mäntel aus der Garderobe und dann hörten sie
auch schon die Sirenen des Krankenwagens, Polizeiautos stoppten in rascher
Folge um den Unfallort, alles dahin und vertan.
Auf der Fahrt zu Heddas
Wohnung musste er zu seinem Entsetzen feststellen, dass er weinte, die
Tränen rannen unablässig über seine Wangen wie Rinnsale aus
einem löchrigen Wasserschlauch, er musste an sich halten um nicht laut zu
schluchzen.
Hedda merkte nichts von alldem, lenkte das Auto
fahrschülerinnenhaft durch den nächtlichen Verkehr, ihr rechtes Knie
hüpfte wie ein Pumpenschwengel auf und nieder, und murmelte, "Das werd'
ich nie vergessen, nie werd' ich das vergessen, vergessen werd' ich das nie",
unablässig vor sich hin, als könne sie für den Rest ihres Lebens
nichts anderes mehr sagen als diese fünf Worte.
Als sie aus dem Auto
stiegen und über die Straße gingen, begannen Grögers Beine zu
zittern, zitterten so stark, dass er kaum die Stiegen zu Heddas Wohnung
schaffte.
"Machst du uns einen Tee?" Hedda warf ihre Tasche aufs Sofa,
stöhnte, "Mein Gott, was für ein Anblick, das werd' ich nie
vergessen, nie werd' ich das vergessen", und dann, "ach nein Julian, bitte
nicht, ich bin total fertig, nicht heute, bitte hör auf, Julian,
bitte!"
"Den Kaffee trinke ich in der Dunkelkammer", sagt Gröger
und seine Mutter entläßt ihn mit bedauerndem Lächeln. Zwei
Stunden später nimmt er die letzte von zweiundsiebzig Aufnahmen aus dem
Fixiernatron und schichtet sie in den Trockenständer.
"Schatz, ach
mein armer Schatz", hatte er geflüstert, nachdem er in dem ständig
wachsenden Gefühl, ungefiltertes Koffein im Blut zu spüren, wieder
und wieder auf den Auslöser gedrückt hatte, bis beide Filmspulen aus
seiner Fototasche aufgebraucht waren, "wirst du mir je verzeihen können,
was hab ich nur getan, ach Schatz, du weißt doch wie ich dich liebe, ich
weiß nicht, was in mich gefahren ist", und dabei Heddas blutverschmiertes
Gesicht an seine Schulter gedrückt.
Er wünschte, er hätte in
diesem Augenblick so weinen können wie noch vor einer Stunde im Auto, aber
eher war ihm zum Lachen zumute, zu einem glücklichen befreiten Lachen, und
so hielt er sie nur fest und streichelte ihren Hinterkopf und versuchte, seiner
Stimme einen weinerlichen Klang zu geben, und Hedda hing in seinen Armen wie
eine ramponierte Stoffpuppe, an der sich ein hyperaktives Kind zu schaffen
gemacht hatte.
Er hatte nicht gewusst, dass er so viel Kraft besaß.
Sein erster Schlag schleuderte sie aus der Mitte des Wohnzimmers bis gegen die
Küchentüre, und bei seinem zweiten, unmittelbar darauf folgenden
Schlag war sie gegen den Ceranherd gestolpert, hatte sich am Mund verletzt und
den Handballen an einer scharfen Kante geschnitten. Es war viel Blut geflossen
und das brachte ihn auf die Idee, sie durch die Wohnung zu schleifen - eine
Weile war sie bewusstlos, dann kam sie zu sich und stöhnte leise und
jammervoll - und in jedem Zimmer zu fotografieren: Im Wohnzimmer, wo ihr Blut
auf dem türkisfarbenen Hochflorteppich ein Dekor aus Klecksen und Spiralen
zeichnete, im Schlafzimmer, quer über dem Bett mit ausgebreiteten Haaren
und zerrissener Bluse wie das Opfer aus einem amerikanischen Gangsterfilm, und
im Badezimmer, wo sich im gelben Licht der Neonröhren ein besonders
dramatischer Effekt erzielen ließ.
Hedda hatte ihm verziehen,
natürlich hatte sie ihm verziehen, sie liebte ihn ja, und er hatte ihr das
Blut abgewaschen und Pflaster über ihre Wunden geklebt und ihr mit
verschämtem Lächeln ihren Schneidezahn gezeigt, den er im Badezimmer
unter der Waschmuschel gefunden hatte. "Ach Schatz, ich bin ein Unmensch, wie
kannst du mich nur lieben, nach all dem was ich dir da angetan habe", und sie
hatte ihn umarmt und getröstet und zum Schluss konnte er doch noch ein
paar Tränen weinen.
Beim Anblick der Aufnahmen durch die Fotolupe
verspürt Gröger nicht nur das befriedigendste Gefühl seit
Wochen, nein da ist noch viel mehr, als würde er sich Zentimeter für
Zentimeter aus seiner Haut schälen, in der er wie in einem zu engen
Handschuh gesteckt hatte, als könne sich sein Körper endlich
ausdehnen, um Platz zu schaffen für dieses Hochgefühl, das ihn bis in
die letzten Kapillaren mit Wärme und summender Erregung füllt.
Als
er ein paar Stunden später auf die Straße tritt, ist sein Gang
federnd und beschwingt, vom Park her treibt der Wind den Geruch von frischer
Erde und grünem Blattwerk, der Himmel wölbt sich violett und rosa,
die Luft ist warm.
Es scheint nun endlich Frühling zu werden.
Ingrid Maria Lang, geboren 1946 in OÖ,
aufgewachsen in NÖ, seit 1968 lebt und arbeitet sie in Wien. Erste
Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Antholgien.