Podium 131/132 - Obsessionen

Titelblatt

Julian Gröger

Von Ingrid Maria Lang

Im Alter von zwölf Jahren gewann Julian Gröger den ersten Preis beim Wunderwelt-Schönschreibwettbewerb: eine Olympus Comedia XR. Damals war er ein kleiner, leicht übergewichtiger Junge mit mädchenhaften Locken, er trug eine runde Brille, hasste Fußball und seine Lieblingsfächer waren Biologie und Technisches Zeichnen. Er leistete regelmäßig freiwillig Dienst bei der Schulmilchausgabe, führte jeden Abend den Hund der rheumakranken Nachbarin Gassi und sie selbst im Rollstuhl bei schönem Wetter im Park spazieren. Im Schulchor sang er dominante Soli und seine bevorzugten Auftritte waren die im Städtischen Krankenhaus: Ostern, Erntedank, Weihnachten, wenn der Chor Aufstellung auf der Internen Abteilung oder der Onkologie nahm, gab es für Julian nichts Schöneres, als zu beobachten, wie sich durch die Kraft der Tremolos und Vibratos die bleichen Gesichter der Schwerkranken röteten, ihre vertrockneten Lippen ein rissiges Lächeln formten und ihre knochigen Hände in nervösen Tempi über die Bettdecken tanzten. Mehr als alles andere wünschte er jedes Mal, diese Bilder mit seiner Kamera festhalten zu können.

Das erste Mal, als Julian etwas anderes fotografierte als seine Mutter am sonntäglich gedeckten Kaffeetisch, Tante Hermi beim Anschneiden ihrer Geburtstagstorte, Onkel Herbert mit stolzem Lächeln vor seinem neuen Ford Fiesta oder die Irish Setter von Nachbar Niedlich, war er für den Fotowettbewerb Gärten in sommerlicher Pracht auf Motivsuche gewesen. Auf einem der abgelegenen Gartenwege, verborgen hinter einem Goldregenstrauch, entdeckte er eine Katze mit durchbissener Kehle, Fliegen summten um den Kopf mit dem offenem Maul, aus dem widerhakenspitz die Zähne ragten. Im Fell nisteten Maden.

Zwei Aufnahmen hatte er noch auf dem Film und er drückte einfach ab, er konnte sich später nicht erklären, warum er das getan hatte.

"Na, was ist dir denn da eingefallen?", fragte der Drogist, zu dem er die Filme zum Entwickeln brachte. "Wie kann man denn nur so was Grausliches fotografieren?"

"War nur ein Zufall", sagte Julian.

Von da an ließ Julian die Filme in Drogeriemärkten in entfernt gelegenen Stadtteilen oder im Quick-Fotoshop am Hauptbahnhof entwickeln. Die Kamera, inzwischen eine Nikon Spiegelreflex F55, ein Weihnachtsgeschenk seiner Mutter vom letzten Jahr, trug er immer bei sich.

Als sich Fräulein Ott, die Englischlehrerin seiner Klasse, aus der Dachluke des Schulgebäudes stürzte und mit aufgeplatztem Schädel in einer Lache aus Blut, Gehirn und Knochensplittern auf dem betongepflasterten Hof lag, waren ihm fünfzehn Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven gelungen, bevor der Direktor ihn entdeckte und fort scheuchte, "Bist du nicht bei Sinnen Junge, hier zu fotografieren, verschwinde, aber sofort."

Mit dem Film war Julian zur Tagespost gegangen. "Die Aufnahmen sind gut", hatte der Redakteur gesagt, "sogar sehr gut, aber wir können sie nicht bringen, verstehst du? Es gibt Grenzen, wir leben in einer Kleinstadt und wenn man uns draufkommt, dass die Fotos von einem - wie alt bist du eigentlich?" - "Dreizehn", sagte Julian - "von einem Dreizehnjährigen sind, na dann Gnade uns Gott, man würde uns in der Luft zerreißen, und das können wir uns nicht leisten."

Damals hatte Julian beschlossen, nur mehr zu seinem Vergnügen zu fotografieren.

Nach der Matura, die er mit einem Notendurchschnitt von 1,2 bestand, leistete Julian Zivildienst in einem geriatrischen Pflegeheim, wusch blaufleckige Körper, reinigte zahnlose, modrig riechende Mundhöhlen, half beim Verbinden nässender, wundgelegener Rücken und leerte jede Menge stinkender Bettpfannen.

Während des Tages fotografierte er auf Wunsch der Angehörigen 90-jährige demente Omas im Kreis ihrer einmal im Jahr erscheinenden Familien, die einander kaum mehr erkannten, aber während der Nacht suchte Julian nach anderen Motiven. Er entwickelte einen scharfen Blick dafür, wann es bei einem der Alten soweit sein und die letzten Körnchen durch das Glas ihrer Lebensuhr fallen würden und wenn er Glück hatte, Tod und Nachtdienst optimal programmiert waren, konnte er sein Fotoarchiv um einige Aufnahmen erweitern.

Mit fünfundzwanzig ist Gröger ein großer hagerer Mann mit dünnem Haar, das sich am Hinterkopf bereits lichtet. Er trägt eine eckige Hornbrille, hat im Haus seiner Mutter, wo er das große Erkerzimmer bewohnt, eine Dunkelkammer eingerichtet, leitet unentgeltlich Erste-Hilfe-Seminare bei der Städtischen Feuerwehr und ist seit einem Jahr mit einer 32jährigen Heimkrankenschwester namens Hedda Gutherz verlobt.

Gröger ist geworden, wovon er immer geträumt hat: Erster Bariton im Schubert Liederverein, Krankenpfleger auf der Onkologie des Städtischen Krankenhauses und der Hüter eines eigenen Fotoarchivs.

Der Dienst im Krankenhaus hat um acht Uhr begonnen, jetzt geht es auf Mitternacht zu. Draußen vor den Fenstern dösen die Straßen, drinnen hinter den Mauern reihen sich die Stunden träge zu einer Endlosschleife Nacht. Gröger sitzt im Bereitschaftszimmer, vor sich auf dem Schreibtisch ein Stoß Patientenblätter, Medikamentenlisten und einige Fotos.

Herrgott! Wütend schiebt er die Aufnahmen über den Tisch. Wozu stundenlang durch die Straßen rennen, hinter Bäumen und Mauervorsprüngen wie ein armseliger Voyeur lauern, um dann mit ein paar albernen Aufnahmen nach Hause zu kommen, die er schon vor zehn Jahren auf den Müll geworfen hätte: Ein totes Vieh, vermutlich ein Hund, ist nur mehr schwer zu erkennen, was da mit aufgeblähtem Bauch und klaffendem Maul im Brackwasser eines Tümpels schaukelt, und ein Mann, der mit einer blutverkrusteten Wunde an der Schläfe vor dem Eingang eines öffentlichen Pissoirs liegt. Sein Kamelhaarmantel ist aufgeknöpft, man kann die Innentasche sehen, wo vermutlich die Brieftasche gesteckt hat, der Zipp seiner Smokinghose ist offen, das Hemd zerrissen. Der Mann macht den Eindruck, als wäre er tot, bei näherem Hinsehen stellt sich dann heraus, er hat vermutlich nur eine Gehirnerschütterung, mit Sicherheit aber ist er stockbetrunken und vollgedröhnt mit irgendwelchen Tabletten gewesen.

Gröger ist wütend und enttäuscht. Beinahe jede Nacht in der vergangenen Woche ist er vor Mitternacht losgezogen und erst im Morgengrauen zurück gekommen, um gerade noch Zeit für eine heiße Dusche und eine Tasse Kaffee zu haben - für seine Mutter würde er übrigens bald eine glaubwürdigere Erklärung finden müssen als dauernde Schlaflosigkeit, die ihn auf die nächtlichen Straßen treibt - ist dann ins Krankenhaus gefahren und hat müde und ausgelaugt den Tagdienst angetreten.

Und trotz all dieser Strapazen hat sich kein wirklich brauchbares Motiv gefunden. Weder zwischen den Viadukten unten am Kanal, wo sich die menschlichen Promenadenmischungen der Stadt in einem Mief von Exkrementen und Fusel unter alten Zeitungen und Lumpen ihre Schlafstätten eingerichtet haben, noch hat sich die Frau gezeigt, die er seit einigen Nächten beobachtet. Sie wohnt im zweiten Stock eines stuckverzierten Hauses in einer der verwinkelten Gassen entlang des Kanals, kommt regelmäßig zwischen vier und fünf Uhr morgens um die Ecke gebogen und ihre Schritte, fest und hart auf hohen Absätzen, hallen durch die Dunkelheit. Sie verschwindet in der Türfüllung des Hauses, kurz darauf wird hinter schwarzen Vierecken ein Schalter geknipst und Gröger kann sie im Schlafzimmerlicht umhergehen sehen. Sie zieht ihre Jacke aus, ihren Rock, hängt beides über einen Bügel, verschwindet dann für Minuten und kommt in einem dünnen Morgenmantel wieder, öffnet das Fenster, raucht eine Zigarette, späht die Gasse hinunter, als erwarte sie jemanden: Immer das gleiche Ritual.

Während der ersten Male, als er die Frau beobachtete, war es ihre Art gewesen, sich in scheinbarer Ahnungslosigkeit über sein Tun hinter dem Fenster zu bewegen, die ihn erregte, doch als sie eines nachts eine Stehlampe aus dem Hintergrund des Zimmers ans Fenster rückte und er die Umrisse ihrer Brüste und Hüften, ihres tieflastigen Hinterns und des plustrig dunklen Hügels ihrer Scham mit seinem 155 mm Brennweite-Epson-Telezoomobjektiv ungehindert abtasten und auf den Auslöser drücken konnte, wusste er: Es war genau so wie damals, als er zum ersten Mal mit einem Mädchen schlafen wollte, und hin- und hergerissen zwischen Angst und Erwartung, nicht sicher war, ob sie seine Signale richtig verstand. Bis ihm dann bewusst wurde, dass ihre Manier, ihn zu übersehen und von Gesprächen auszuschließen, mit der Zungenspitze gelangweilt zwischen ihren erdbeerlollifarbenen Lippen zu kreisen und die Haare in einer affektierten Bewegung über die Schulter zu werfen, nichts anderes war, als die physische Demonstration ihres längst vorhandenen Wissens über seine Begierde.

Schon seit einigen Tagen nun sind die Fenster im zweiten Stock dunkel geblieben und allmählich war sich Gröger auf seinem Beobachtungsposten wie ein lächerlicher, um ein Versprechen betrogener Tölpel vorgekommen.

Im Radio meldet der Nachrichtensprecher null Uhr, vom Korridor dringt das metallische Klappern eines Instrumentenwagens, Gummiräder surren über den Plastikboden. Nebenan in der Teeküche hantiert Schwester Agnes, ihre orthopädischen Schuhe quietschen bei jedem Schritt, sie steckt den Kopf durch die Verbindungstüre zum Bereitschaftszimmer: "Kaffee ist fertig."

"Danke", sagt Gröger und wischt mit einer Handbewegung die Fotos von seinem Schreibtisch in die Schublade. "Ich komme rüber."

Ob er dann nach dem Uteruskarzinom auf Fünfzehn schauen kann, fragt Schwester Agnes, schenkt die Tassen ein und schiebt Milch und Zucker über die Resopalplatte. "Die junge Frau liegt jetzt allein im Zimmer und ist so unruhig. Gestern Mittag ist die andere Patientin, die Mastektomie, ganz plötzlich gestorben."

Schwester Agnes seufzt. "Und mir tut heute mein Fuß so weh, ich kann kaum noch auftreten."

"Bleib du nur ruhig sitzen und ruh dich aus", sagt Gröger, "die Nacht ist noch lang." Im Hinausgehen nimmt er aus einem Fach seines Garderobenschrankes eine Nikon Kleinbildkamera und steckt sie in die Tasche seines Kittels.

Am Gang strömt milchweißes Licht aus Neonröhren, aus einer Lampenbatterie an der Wand springt mit einem Summen das Gelb heraus, gleich darauf das Rot, Türenschlagen und Laufschritte im unteren Stockwerk, dann wieder klaustrophobische Stille.

Gröger öffnet leise die Türe von Zimmer Fünfzehn. Zwischen weißen Metallskeletten unbenützter Betten schimmert ein Kreis Licht unter einem grünen Seidentuch, das über dem Lampenschirm hängt. Die Frau liegt auf dem Rücken, der Mund ist offen, ihr Atem klingt wie Seufzer aus einem alten Blasebalg. Gröger geht um das Bett, die Schärfe des Objektivs zeigt ihm die Linien und Kerben des voranschreitenden Verfalls, er drückt ein paar Mal auf den Auslöser, aber für wirklich gute Aufnahmen ist es noch zu früh: Vier, vielleicht fünf Tage, schätzt er, allerhöchstens eine Woche.

In Grögers Venen moussiert das Adrenalin wie warme Kohlensäure in einem engen Flaschenhals. Die Frau ist jung, sie wird nicht ergeben hinübergleiten, sie wird kämpfen, verzweifelt und einsam. Mindestens eine Woche her, dass jemand sie besucht hat: Die Blumen in der Fruchtsaftflasche welken und verlieren die Blütenblätter und die gelben und grünen Früchte, die unberührt in einem schleifenverzierten Körbchen liegen, verbreiten den süßlichen Geruch von angestochenem Obst.

Wenn er Schwester Agnes' Schicht übernähme, überlegt Gröger, wären das vier ungestörte Nächte. Hier auf der Station sterben sie fast immer in den Stunden kurz vor Morgengrauen. Der Bereitschaftsarzt schläft am anderen Ende des Ganges; die Schwestern wecken ihn nur in dringenden Fällen. Was ist hier schon dringend? Was gibt es hier schon zu tun? Warten, bis der Tod kommt, das gibt es hier zu tun.

Spielerisch nimmt er den großen Zeh der Frau, der unter dem Deckbett hervorschaut, seine Stimme klingt zärtlich, "Na, bis Donnerstag wirst du's ja wohl geschafft haben, oder?"

Er geht zum Fenster, zieht die Jalousien hoch und öffnet den Flügel einen Spaltbreit. Draußen schneit es in dichten Flocken. Die Frau öffnet die Augen und wendet ihm das Gesicht zu.

"Es schneit", sagt Gröger, "und das eine Woche vor Ostern."

"Dann werde ich nicht mehr hier sein", murmelt die Frau, dreht den Kopf auf die andere Seite und schließt wieder die Augen.

"Wie schön", sagt Gröger fröhlich und geht aus dem Zimmer.

Eine Woche später hat Regen den Schnee von den Gehsteigen geschwemmt, Nebel geistert zwischen den Bäumen und der Himmel hängt als graues verwaschenes Leintuch über der Stadt. Gröger erwacht an einem späten Vormittag. Von unten, aus der ebenerdigen Küche, dringt leise Radiomusik, dazwischen Töpfeklappern und der helle Klang von Besteck, das gegen Porzellan schlägt: Seine Mutter richtet das Mittagessen.

Gröger hat Kopfschmerzen. Er erinnert sich, beim Nachhausekommen - es muss so gegen Eins gewesen sein - zwei Schlaftabletten mit wasserverdünntem Wodka genommen zu haben. Trotzdem fühlt er sich jetzt frisch und ausgeruht und später unter dem Heißwasserstrahl der Dusche verflüchtigt sich auch das Pochen in seinen Schläfen. Er freut sich auf ein ausgiebiges Mittagessen.

Seine Mutter steckt den Kopf durch die Badezimmertür, ein paar Kleidungsstücke, die er beim Nachhausekommen auf den Boden geworfen hat, in der Hand. "Julian, hast du dich verletzt? Auf deinem Hemd ist Blut, hier und hier, und auf dem Taschentuch auch."

"Ich hab mir den Kopf gestoßen, nicht weiter schlimm, gibst du mir bitte die Seife rüber?"

"Ach Bub", sagt seine Mutter und seift ihm den Rücken ein, "sei nicht immer so unvorsichtig."

Während des Essens äußert sie sich besorgt über seine dunklen Augenringe, die anstrengenden Wechseldienste im Krankenhaus, die würden ihn noch kaputt machen, Gröger wehrt ab, nein, nein, er fühle sich blendend, eine Erkältung während der letzten Tage und die ständige Schlaflosigkeit hätten ihm zu schaffen gemacht, aber jetzt ginge es ihm viel besser, kein Grund zur Sorge.

Seine Mutter räumt den Tisch ab, setzt Kaffee auf und während sie den Kuchen anschneidet fragt sie: "Und, wie war dein Abend mit Hedda?"

Der Abend. Hedda.

Sie waren zum Essen verabredet gewesen und seine Stimmung dümpelte unter dem Gefrierpunkt. Nachdem die Oberschwester am Montag seine Bitte, den Dienst mit Schwester Agnes zu tauschen, abgelehnt hatte, "Wir haben einen personellen Engpass wegen der kommenden Feiertage, jeder will Urlaub, ich brauche Sie dringend für die Tagesschichten", und am Mittwoch die Nummer Fünfzehn um drei Uhr nachts gestorben war, ohne dass es ihm möglich gewesen wäre, eine Aufnahme zu machen, hatte er mehr und mehr das Gefühl gehabt, in einem engen Spalt zu stecken, einem unablässigen Schub an Frustration ausgesetzt, der gegen seine Rippen quetschte und ihm das Atmen schwer machte.

Und dann der Abend mit Hedda. Der Abend, der so begonnen hatte, als solle er die Krönung dieser Serie von Tagen aus kakophonischen Fehlschlägen und gescheiterter Hoffnungen werden. Gleich als sie vor dem Restaurant aus dem Auto stiegen, hatte er sich über sie geärgert. "Ach nein, Julian", hatte sie geraunzt, sich eng an ihn geschmiegt und ihm dabei mit einer raschen Bewegung den Fotoapparat abgenommen und auf den Rücksitz geworfen. "Wenn du den blöden Apparat dabei hast, bist du immer abgelenkt und heute ist doch unser Jahrestag, den will ich mit dir genießen". Und ehe er protestieren konnte, hatte sie die Wagentüre zugeschlagen, den Autoschlüssel in ihre Manteltasche gleiten lassen und sich bei Gröger eingehängt, eine besitzergreifende Geste, die er nicht ausstehen konnte.

Später, in der Wärme des Lokals, nach einem zartem Saltimbocca und zwei Gläsern Morellino, hatte er seinen Ärger dann fast vergessen. Sie saßen an einem Fenstertisch mit Blick auf die abendlich bevölkerte Straße, Hedda griff immer wieder nach seiner Hand, streichelte, lächelte, redete, und er ließ sie gewähren.

"Willst du noch Nachtisch?"

Kokett augenzwinkerndes "Ich-weiß-nicht-recht-soll-ich?", und dann, "Aber ja, heute ist ein besonderer Abend, ich nehme noch eine Torta di Mele." Der erste Bissen, die Augen geschlossen, "hm, himmlisch", und dann hörten sie Krachen, Knirschen und Splittern, Hedda gab ein Quieksen von sich, nicht unähnlich dem eines jungen Ferkels, ihr Mund öffnete sich von einem erstaunten O zu einem großen Oval und blieb mit leicht bebender Unterlippe so stehen. Als das zweite Stück Torta in ihr Rotweinglas fiel, wo es sich zu einem Gerinnsel von matschigen Bröseln und gelben Apfelstückchen auflöste, breiteten sich auf ihrem Hals bereits die ersten hysterisch roten Flecken aus und ihr rechtes Augenlid flatterte wie ein aufgeregter Schmetterlingsflügel.

Da war der Unfall, der direkt vor ihren Augen passierte. Da war das Kind in seinem Blut, der Mann, dessen Kopf - umgeben von einem gesplitterten Strahlenkranz - in der Windschutzscheibe steckte, Menschen, die versuchten, durch zersprungene Fenster und demolierte Türen aus einem entgleisten Straßenbahnwaggon zu klettern, und da war die Tatsache, dass sich seine Kamera auf dem Rücksitz von Heddas Auto befand.

"Die Autoschlüssel", hatte er gesagt, "schnell!" Beim Aufstehen warf er den Stuhl um, hinter ihm drängten andere Gäste zum Fenster, und Hedda, kreidebleich, stammelte, "Die sind in meiner Manteltasche, in der Garderobe."

"Hol sie", hatte er gesagt, "los, mach schon!"

Aber Hedda hörte nicht, da war ihr Jammern und Greinen, "das Kind, mein Gott das arme Kind", ihre insistierenden Bitten, "weg, nur weg von hier", sie könne dieses schreckliche Bild nicht ertragen und da war sein heftiger Drang, sich angesichts all dessen übergeben zu müssen, seine ganze Wut, Enttäuschung und Verzweiflung zusammen mit dem unverdauten Saltimbocca, den Gnocchi, Funghi und Melanzani mitten auf den Tisch zu speien oder noch besser auf Heddas weiße Seidenbluse, dort ein Sprenkelmuster aus flüssiger und bröckeliger Kotze hin zu spucken und dann Hedda stehen zu lassen, mitten im Lokal, besudelt und verdreckt, mit ihren großen zuckenden Kinderaugen und ihrem bibberndem Engelsmündchen.

Statt dessen holte er ihre Mäntel aus der Garderobe und dann hörten sie auch schon die Sirenen des Krankenwagens, Polizeiautos stoppten in rascher Folge um den Unfallort, alles dahin und vertan.

Auf der Fahrt zu Heddas Wohnung musste er zu seinem Entsetzen feststellen, dass er weinte, die Tränen rannen unablässig über seine Wangen wie Rinnsale aus einem löchrigen Wasserschlauch, er musste an sich halten um nicht laut zu schluchzen.

Hedda merkte nichts von alldem, lenkte das Auto fahrschülerinnenhaft durch den nächtlichen Verkehr, ihr rechtes Knie hüpfte wie ein Pumpenschwengel auf und nieder, und murmelte, "Das werd' ich nie vergessen, nie werd' ich das vergessen, vergessen werd' ich das nie", unablässig vor sich hin, als könne sie für den Rest ihres Lebens nichts anderes mehr sagen als diese fünf Worte.

Als sie aus dem Auto stiegen und über die Straße gingen, begannen Grögers Beine zu zittern, zitterten so stark, dass er kaum die Stiegen zu Heddas Wohnung schaffte.

"Machst du uns einen Tee?" Hedda warf ihre Tasche aufs Sofa, stöhnte, "Mein Gott, was für ein Anblick, das werd' ich nie vergessen, nie werd' ich das vergessen", und dann, "ach nein Julian, bitte nicht, ich bin total fertig, nicht heute, bitte hör auf, Julian, bitte!"



"Den Kaffee trinke ich in der Dunkelkammer", sagt Gröger und seine Mutter entläßt ihn mit bedauerndem Lächeln. Zwei Stunden später nimmt er die letzte von zweiundsiebzig Aufnahmen aus dem Fixiernatron und schichtet sie in den Trockenständer.



"Schatz, ach mein armer Schatz", hatte er geflüstert, nachdem er in dem ständig wachsenden Gefühl, ungefiltertes Koffein im Blut zu spüren, wieder und wieder auf den Auslöser gedrückt hatte, bis beide Filmspulen aus seiner Fototasche aufgebraucht waren, "wirst du mir je verzeihen können, was hab ich nur getan, ach Schatz, du weißt doch wie ich dich liebe, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist", und dabei Heddas blutverschmiertes Gesicht an seine Schulter gedrückt.

Er wünschte, er hätte in diesem Augenblick so weinen können wie noch vor einer Stunde im Auto, aber eher war ihm zum Lachen zumute, zu einem glücklichen befreiten Lachen, und so hielt er sie nur fest und streichelte ihren Hinterkopf und versuchte, seiner Stimme einen weinerlichen Klang zu geben, und Hedda hing in seinen Armen wie eine ramponierte Stoffpuppe, an der sich ein hyperaktives Kind zu schaffen gemacht hatte.

Er hatte nicht gewusst, dass er so viel Kraft besaß. Sein erster Schlag schleuderte sie aus der Mitte des Wohnzimmers bis gegen die Küchentüre, und bei seinem zweiten, unmittelbar darauf folgenden Schlag war sie gegen den Ceranherd gestolpert, hatte sich am Mund verletzt und den Handballen an einer scharfen Kante geschnitten. Es war viel Blut geflossen und das brachte ihn auf die Idee, sie durch die Wohnung zu schleifen - eine Weile war sie bewusstlos, dann kam sie zu sich und stöhnte leise und jammervoll - und in jedem Zimmer zu fotografieren: Im Wohnzimmer, wo ihr Blut auf dem türkisfarbenen Hochflorteppich ein Dekor aus Klecksen und Spiralen zeichnete, im Schlafzimmer, quer über dem Bett mit ausgebreiteten Haaren und zerrissener Bluse wie das Opfer aus einem amerikanischen Gangsterfilm, und im Badezimmer, wo sich im gelben Licht der Neonröhren ein besonders dramatischer Effekt erzielen ließ.

Hedda hatte ihm verziehen, natürlich hatte sie ihm verziehen, sie liebte ihn ja, und er hatte ihr das Blut abgewaschen und Pflaster über ihre Wunden geklebt und ihr mit verschämtem Lächeln ihren Schneidezahn gezeigt, den er im Badezimmer unter der Waschmuschel gefunden hatte. "Ach Schatz, ich bin ein Unmensch, wie kannst du mich nur lieben, nach all dem was ich dir da angetan habe", und sie hatte ihn umarmt und getröstet und zum Schluss konnte er doch noch ein paar Tränen weinen.

Beim Anblick der Aufnahmen durch die Fotolupe verspürt Gröger nicht nur das befriedigendste Gefühl seit Wochen, nein da ist noch viel mehr, als würde er sich Zentimeter für Zentimeter aus seiner Haut schälen, in der er wie in einem zu engen Handschuh gesteckt hatte, als könne sich sein Körper endlich ausdehnen, um Platz zu schaffen für dieses Hochgefühl, das ihn bis in die letzten Kapillaren mit Wärme und summender Erregung füllt.

Als er ein paar Stunden später auf die Straße tritt, ist sein Gang federnd und beschwingt, vom Park her treibt der Wind den Geruch von frischer Erde und grünem Blattwerk, der Himmel wölbt sich violett und rosa, die Luft ist warm.

Es scheint nun endlich Frühling zu werden.

Ingrid Maria Lang, geboren 1946 in OÖ, aufgewachsen in NÖ, seit 1968 lebt und arbeitet sie in Wien. Erste Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Antholgien.

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