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Popcorn und Pistole
Von Silke Hassler

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5. Szene
(Das Metronom tickt schneller. Eine
einfache Holzbank im Stadtpark. Anna sitzt auf der Bank. Der junge Mann mit dem
Wollschal, der aus der Kirche davongerannt ist, steht vor ihr. Das Ticken des
Metronoms geht in die nächtlichen Verkehrsgeräusche einer
Großstadt über.)
Der junge Mann:
Normalerweise spreche ich
niemanden an. Darf ich Sie trotzdem näher
kennenlernen?
Anna:
Unter bestimmten Bedingungen.
Der junge
Mann:
Welchen?
Anna:
Meinen.
Der junge
Mann:
(lacht):
Und die lauten?
Anna:
Du wirst immer für
mich Zeit haben.
Der junge Mann:
Ich arbeite in einer
Bank.
Anna:
Du wirst mich immer sehen wollen.
Der junge
Mann:
(lacht)
Sie sind merkwürdig. Von mir heißt es auch,
daß ich etwas merkwürdig bin.
(Er setzt sich neben
sie.)
Anna:
Du wirst immer verrückt nach mir sein.
Der
junge Mann:
Sie meinen das nicht ernst, oder?
(Schweigen. Anna zieht ihre
Pistole und bedroht den jungen Mann.)
Anna:
Sag mir, daß du
mich nie verlassen wirst.
Der junge Mann:
(erschrocken)
Ich ...
ich ...
Anna:
Jetzt ohne "ich". Beginne den Satz ohne
"ich".
Der junge Mann:
(stottert)
... würde Sie nie
verlassen.
Anna:
Und auch keinen Konjunktiv.
Der junge
Mann:
... werde Sie nie verlassen ... wenn Sie wollen
...
Anna:
(schreit):
Kein "will", "werde" und "wenn".
Der
junge Mann:
Ich kann nicht ...
Anna:
Ich kann nicht. Ich kann
nicht. Das sagt er auch immer. Er kann nicht. Er liebt mich, sagt er, aber er
kann nicht ununterbrochen sagen, daß er mich liebt. Es würde ihn
wahnsinnig machen. (Sie bedroht den jungen Mann weiter.) Wie oft kannst du mir
sagen, daß du mich liebst?
Der junge Mann:
Ich ...
Anna:
Los!
Der junge Mann:
Ich liebe Sie. Ich liebe Sie.
Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe
Sie.
Anna:
Dich. Ich liebe dich. Laut und deutlich. Ich liebe dich.
Und nicht aufhören.
Der junge Mann:
Ich liebe dich. Ich liebe
dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich ...
Anna:
(unterbricht ihn)
Warum gehst du dann immer wieder weg von
mir?
Der junge Mann:
Ich gehe nicht weg. Ich sitze.
(Anna schreit
den jungen Mann an.)
Anna:
Wohin gehst du? Zu welcher Frau gehst
du?
Der junge Mann:
Aber ...
Anna:
Mit wem schläfst
du?
Der junge Mann:
Ich?
Anna:
Mit wem? Sag mir den Namen.
Monika?
Der junge Mann:
(stottert)
... Monika
...
Anna:
Schläfst du mit ihr?
Der junge Mann:
Aber
...
Anna:
Oder schläfst du vielleicht nicht mit ihr!
(Sie
stößt den jungen Mann mit ihrer Pistole an.)
Der junge
Mann:
Bitteschön. Ja.
Anna:
Mit wem noch? Mit
Helga?
Der junge Mann:
Ich glaube ...
Anna:
Was glaubst
du?
Der junge Mann:
Ich glaube, ich könnte besser nachdenken,
wenn Sie das da wegnehmen würden.
(Anna tut nichts
dergleichen.)
Anna:
Also, was glaubst du?
Der junge
Mann:
Ich glaube, sie heißt Helga,
möglicherweise.
Anna:
Und weiter!
Der junge
Mann:
(sagt ein paar Namen):
Sabine. Christine. Andrea. Brigitte. Ulrike.
Ist es Ihnen so recht?
Anna:
Weiter. Lauter.
Der junge
Mann:
(schreit)
Sybille. Theresa. Ursula. Martina. Anna. Brigitte.
Anna:
Brigitte hatten wir schon. Oder gibt es zwei Brigittes in
deinem Leben?
Der junge Mann:
Ich will mich nicht mit Ihnen
streiten.
Anna:
Das sagt er auch immer. Weiter! Weiter!
Der
junge Mann:
(schreit)
Leopoldine. Jolanda. Hilde. Rosa. Beate ... mir
fällt nichts mehr ein!
Anna:
O doch! Weiter!
Der junge
Mann:
Gertraud. Julia. Ingeborg. Elisabeth. Sissy. Benedikta ... Johanna.
Irmgard. Irmtraud ... Lea. Frieda.
Anna:
Gut. Gar nicht schlecht.
Und jetzt sag mir, mit wem ich es getrieben habe.
Der junge
Mann:
Woher soll ich ...
Anna:
Los. Sag es!
Der junge
Mann:
Mit Ihrem Nachbarn? Dem Freund Ihres Freundes?
Anna:
Nein.
Der junge Mann:
Dem Priester aus der
Stadtpfarrkirche?
Anna:
Falsch.
Der junge Mann:
Ihrem
Onkel? Ihrem Vater?
Anna:
(schreit)
Nein. Mit niemandem. Ich habe
nichts, mit niemandem.
(Das Geräusch der am Stadtpark
vorbeifahrenden Autos geht in das Ticken des Metronoms über. Das Metronom
tickt schneller. Blackout.)
Silke Hassler, geb. 1969 in Klagenfurt, Studium der
Literaturwissenschaft in Wien und London. Libretti: Tango-Oper "Azrael" von
Dirk D'Ase (UA Maxim Bar, Wien, 1999); "Endlich Schluß", Kammeroper von
Wolfram Wagner (UA Semper-Depot, Wien, 2003). Für die Neue Oper Wien
Neuübersetzungen von Bernsteins "Candide" und Maxwell Davies "The
Lighthouse". Derzeit Arbeit an ihrem zweiten Theaterstück. Die hier
abgedruckte Szene entstammt dem Theaterstück "Popcorn und
Pistole".