Podium 131/132 - Obsessionen

Titelblatt

Popcorn und Pistole

Von Silke Hassler

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5. Szene

(Das Metronom tickt schneller. Eine einfache Holzbank im Stadtpark. Anna sitzt auf der Bank. Der junge Mann mit dem Wollschal, der aus der Kirche davongerannt ist, steht vor ihr. Das Ticken des Metronoms geht in die nächtlichen Verkehrsgeräusche einer Großstadt über.)

Der junge Mann:
Normalerweise spreche ich niemanden an. Darf ich Sie trotzdem näher kennenlernen?

Anna:
Unter bestimmten Bedingungen.

Der junge Mann:
Welchen?

Anna:
Meinen.

Der junge Mann:
(lacht):
Und die lauten?

Anna:
Du wirst immer für mich Zeit haben.

Der junge Mann:
Ich arbeite in einer Bank.

Anna:
Du wirst mich immer sehen wollen.

Der junge Mann:
(lacht)
Sie sind merkwürdig. Von mir heißt es auch, daß ich etwas merkwürdig bin.
(Er setzt sich neben sie.)

Anna:
Du wirst immer verrückt nach mir sein.

Der junge Mann:
Sie meinen das nicht ernst, oder?
(Schweigen. Anna zieht ihre Pistole und bedroht den jungen Mann.)

Anna:
Sag mir, daß du mich nie verlassen wirst.

Der junge Mann:
(erschrocken)
Ich ... ich ...

Anna:
Jetzt ohne "ich". Beginne den Satz ohne "ich".

Der junge Mann:
(stottert)
... würde Sie nie verlassen.

Anna:
Und auch keinen Konjunktiv.

Der junge Mann:
... werde Sie nie verlassen ... wenn Sie wollen ...

Anna:
(schreit):
Kein "will", "werde" und "wenn".

Der junge Mann:
Ich kann nicht ...

Anna:
Ich kann nicht. Ich kann nicht. Das sagt er auch immer. Er kann nicht. Er liebt mich, sagt er, aber er kann nicht ununterbrochen sagen, daß er mich liebt. Es würde ihn wahnsinnig machen. (Sie bedroht den jungen Mann weiter.) Wie oft kannst du mir sagen, daß du mich liebst?

Der junge Mann:
Ich ...

Anna:
Los!

Der junge Mann:
Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe Sie.

Anna:
Dich. Ich liebe dich. Laut und deutlich. Ich liebe dich. Und nicht aufhören.

Der junge Mann:
Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich ...

Anna:
(unterbricht ihn)
Warum gehst du dann immer wieder weg von mir?

Der junge Mann:
Ich gehe nicht weg. Ich sitze.
(Anna schreit den jungen Mann an.)

Anna:
Wohin gehst du? Zu welcher Frau gehst du?

Der junge Mann:
Aber ...

Anna:
Mit wem schläfst du?

Der junge Mann:
Ich?

Anna:
Mit wem? Sag mir den Namen. Monika?

Der junge Mann:
(stottert)
... Monika ...

Anna:
Schläfst du mit ihr?

Der junge Mann:
Aber ...

Anna:
Oder schläfst du vielleicht nicht mit ihr!
(Sie stößt den jungen Mann mit ihrer Pistole an.)

Der junge Mann:
Bitteschön. Ja.

Anna:
Mit wem noch? Mit Helga?

Der junge Mann:
Ich glaube ...

Anna:
Was glaubst du?

Der junge Mann:
Ich glaube, ich könnte besser nachdenken, wenn Sie das da wegnehmen würden.
(Anna tut nichts dergleichen.)

Anna:
Also, was glaubst du?

Der junge Mann:
Ich glaube, sie heißt Helga, möglicherweise.

Anna:
Und weiter!

Der junge Mann:
(sagt ein paar Namen):
Sabine. Christine. Andrea. Brigitte. Ulrike. Ist es Ihnen so recht?

Anna:
Weiter. Lauter.

Der junge Mann:
(schreit)
Sybille. Theresa. Ursula. Martina. Anna. Brigitte.

Anna:
Brigitte hatten wir schon. Oder gibt es zwei Brigittes in deinem Leben?

Der junge Mann:
Ich will mich nicht mit Ihnen streiten.

Anna:
Das sagt er auch immer. Weiter! Weiter!

Der junge Mann:
(schreit)
Leopoldine. Jolanda. Hilde. Rosa. Beate ... mir fällt nichts mehr ein!

Anna:
O doch! Weiter!

Der junge Mann:
Gertraud. Julia. Ingeborg. Elisabeth. Sissy. Benedikta ... Johanna. Irmgard. Irmtraud ... Lea. Frieda.

Anna:
Gut. Gar nicht schlecht. Und jetzt sag mir, mit wem ich es getrieben habe.

Der junge Mann:
Woher soll ich ...

Anna:
Los. Sag es!

Der junge Mann:
Mit Ihrem Nachbarn? Dem Freund Ihres Freundes?

Anna:
Nein.

Der junge Mann:
Dem Priester aus der Stadtpfarrkirche?

Anna:
Falsch.

Der junge Mann:
Ihrem Onkel? Ihrem Vater?

Anna:
(schreit)
Nein. Mit niemandem. Ich habe nichts, mit niemandem.

(Das Geräusch der am Stadtpark vorbeifahrenden Autos geht in das Ticken des Metronoms über. Das Metronom tickt schneller. Blackout.)

Silke Hassler, geb. 1969 in Klagenfurt, Studium der Literaturwissenschaft in Wien und London. Libretti: Tango-Oper "Azrael" von Dirk D'Ase (UA Maxim Bar, Wien, 1999); "Endlich Schluß", Kammeroper von Wolfram Wagner (UA Semper-Depot, Wien, 2003). Für die Neue Oper Wien Neuübersetzungen von Bernsteins "Candide" und Maxwell Davies "The Lighthouse". Derzeit Arbeit an ihrem zweiten Theaterstück. Die hier abgedruckte Szene entstammt dem Theaterstück "Popcorn und Pistole".

Auswahl: I. M. Lang: Julian Gröger - E. A. Richter: Hymne - Inhaltsverzeichnis

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