Podium 129/130 - Tschechien

Grafik: Viktor Karlík

Europeana (Auszug)

Patrik Ouredník

Den Ersten Weltkrieg nannte man auch den LETZTEN DER LETZTEN. Zu Beginn des Krieges wurde er überall so genannt, da alle davon überzeugt waren, sie würden ihn gewinnen und keinerlei weitere Kriege würden auf der Welt vonnöten sein, da Frieden auf Erden einkehren werde. Nach dem Krieg nannte man ihn aber nur in jenen Ländern so, die Sieger waren, da die Leute dort meinten, kein weiterer Krieg werde mehr vonnöten sein, aber in den Ländern, die den Krieg verloren hatten, dachten die Leute nicht mehr ganz so. Den Ersten Weltkrieg gewannen vor allem Franzosen und Engländer und verloren hatten vor allem Deutsche, und den Zweiten Weltkrieg gewannen Amerikaner und Russen und die Deutschen verloren erneut, und den Krieg, der daraufhin ausbrach, nannte man den Kalten, da es dabei zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen demokratischen und kommunistischen Ländern kam, und man bekämpfte einander stellvertretend in verschiedenen anderen Ländern, es gewannen die Amerikaner und die Russen verloren zumeist. Und manche Historiker sagten, dass der Krieg ein legitimes Zuviel an politischer Aktion sei, und andere Historiker zeigten sich damit nicht einverstanden und sagten, dass die politische Aktion ganz im Gegenteil eine Fortsetzung des Krieges bedeute, und der Krieg ende im Übrigen niemals, er werde lediglich anders fortgesetzt und mit anderen Mitteln geführt. Und im Jahr neunzehnhundertneunundachtzig brach der Kommunismus in Europa zusammen und viele Leute waren der Meinung, dass die Demokratie definitiv gewonnen habe, da sie die zwei unheilvollsten Regime der Menschheit zur Strecke gebracht habe, den Nazismus und den Kommunismus. Und sie sagten, dies sei ein guter Zeitpunkt, eine neue Weltordnung einzuführen. Über den Kommunismus sagte man, dass er am Tod von neunzig bis hundert Millionen Menschen schuld sei, aber ehemalige Kommunisten sagten, dies stimme so nicht, und selbst wenn es wahr wäre, könne man das so nicht sagen, da es die Kommunisten doch gut gemeint hätten. Und Historiker sagten, dass der Kommunismus historisch gesehen noch recht frisch sei und dass man ihn noch nicht ganz als Forschungsgegenstand erfassen könne, aber mit der Zeit werde auch der Kommunismus zum Gegenstand der Forschung werden und die Leute würden ihm anders und objektiver gegenüberstehen. Vor dem Zerfall des Kommunismus nannte man die Sowjetunion und andere Länder in Osteuropa ÖSTLICHER GLETSCHER, da das Leben in diesen Ländern erstarrt und unbeweglich und irgendwie gefroren schien, und im Jahr neunzehnhundertneunundachtzig dachten sich viele Leute in Westeuropa, dass man die Ostblockländer so bald wie möglich in die Europäische Union aufnehmen müsse, und sie sagten, dies werde die europäische Identität bereichern. Und die Leute, die sich auf das einundzwanzigste Jahrhundert freuten und zum Schluss kamen, dass die Demokratie endgültig gesiegt habe, sagten, dass totalitäre Regime künftig nicht mehr würden existieren können, da Kontrolle und Reglementierung der Information das Prinzip eines funktionierenden totalitären Regimes darstellten, und dies werde jetzt nicht mehr möglich sein, da das Internet in Sekundenschnelle die Gedanken und Sehnsüchte aller Menschen auf der ganzen Welt durch den Raum trage. Und auf den Solovecker Inseln, wo sich große Konzentrationslager befanden, töteten die Kommunisten Möwen und Seeschwalben und Alke, weil sie befürchteten, dass ein Gefangener vielleicht mittels Möwe eine Nachricht in den Westen absetzen könnte und die Leute dann darüber Bescheid wüssten, was in Konzentrationslagern vor sich gehe. Und die Gefangenen der Konzentrationslager entlang der Flüsse Irtysch und Ob, die als Holzfäller arbeiteten, hackten sich Finger ab und banden diese an Stämmen fest, die stromabwärts in große Städte schwammen, und sie hofften, dass jemand die Finger bemerken und begreifen würde, dass in Konzentrationslagern etwas Furchtbares geschehe. Und mit der Zeit war es offensichtlich, dass den Menschen in den ehemaligen kommunistischen Ländern die europäische Identität recht gleichgültig war und die Leute in Osteuropa der europäischen Geschichte gegenüber skeptisch eingestellt waren. Manche westliche Historiker sagten, dass es notwendig sei, den Leuten in Osteuropa Zeit zu lassen, da diese das Bewusstsein von einer historischen Dynamik vermissen ließen, und vierzig Jahre Kommunismus hätten eine geschichtslose Lücke hinterlassen. Die Leute in Osteuropa aber sahen das anders und hatten den Eindruck, dass sie den Leuten in Westeuropa viele interessante Erfahrungen vermitteln könnten, und sie fühlten sich alleingelassen und abgeschoben. Und die Psychoanalytiker sagten, dass eine unterbrochene Geschichte wie ein unterbrochener Geschlechtsverkehr sei, und ein Höhepunkt sei kein natürliches Ergebnis eines spontanen Aktes, sondern eine Art des Frustrationsabbaus.

Aus: Europeana, Prag 2001, Wien 2003.

Aus dem Tschechischen von Michael Stavaric

Patrik Ouredník, geb. 1957 in Prag, Prosaschriftsteller, Dichter, Übersetzer und Essayist. Lebt in Paris. Nach der Grundschule Buchhändler und verschiedene manuelle Berufe. 1985 Emigration nach Frankreich. Hielt dort u.a. Vorlesungen über tschechische Literatur. Verfasste zahlreiche Werke, darunter eine Dokumentation tschechischer Argot- und Slangausdrücke, "Smírbuch jazyka ceského" (Schmierbuch der tschechischen Sprache), Prag 1992. Der Abdruck des Auszugs aus "Europeana" erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Czernin-Verlags, in dem auch die Prosa "Das Jahr vierundzwanzig", Prag 1995, erscheinen soll.

Heft bestellen