Podium 129/130 - Tschechien |
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Den Ersten Weltkrieg nannte man auch den LETZTEN
DER LETZTEN. Zu Beginn des Krieges wurde er überall so genannt, da alle
davon überzeugt waren, sie würden ihn gewinnen und keinerlei weitere
Kriege würden auf der Welt vonnöten sein, da Frieden auf Erden
einkehren werde. Nach dem Krieg nannte man ihn aber nur in jenen Ländern
so, die Sieger waren, da die Leute dort meinten, kein weiterer Krieg werde mehr
vonnöten sein, aber in den Ländern, die den Krieg verloren hatten,
dachten die Leute nicht mehr ganz so. Den Ersten Weltkrieg gewannen vor allem
Franzosen und Engländer und verloren hatten vor allem Deutsche, und den
Zweiten Weltkrieg gewannen Amerikaner und Russen und die Deutschen verloren
erneut, und den Krieg, der daraufhin ausbrach, nannte man den Kalten, da es
dabei zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen demokratischen und
kommunistischen Ländern kam, und man bekämpfte einander
stellvertretend in verschiedenen anderen Ländern, es gewannen die
Amerikaner und die Russen verloren zumeist. Und manche Historiker sagten, dass
der Krieg ein legitimes Zuviel an politischer Aktion sei, und andere Historiker
zeigten sich damit nicht einverstanden und sagten, dass die politische Aktion
ganz im Gegenteil eine Fortsetzung des Krieges bedeute, und der Krieg ende im
Übrigen niemals, er werde lediglich anders fortgesetzt und mit anderen
Mitteln geführt. Und im Jahr neunzehnhundertneunundachtzig brach der
Kommunismus in Europa zusammen und viele Leute waren der Meinung, dass die
Demokratie definitiv gewonnen habe, da sie die zwei unheilvollsten Regime der
Menschheit zur Strecke gebracht habe, den Nazismus und den Kommunismus. Und sie
sagten, dies sei ein guter Zeitpunkt, eine neue Weltordnung einzuführen.
Über den Kommunismus sagte man, dass er am Tod von neunzig bis hundert
Millionen Menschen schuld sei, aber ehemalige Kommunisten sagten, dies stimme
so nicht, und selbst wenn es wahr wäre, könne man das so nicht sagen,
da es die Kommunisten doch gut gemeint hätten. Und Historiker sagten, dass
der Kommunismus historisch gesehen noch recht frisch sei und dass man ihn noch
nicht ganz als Forschungsgegenstand erfassen könne, aber mit der Zeit
werde auch der Kommunismus zum Gegenstand der Forschung werden und die Leute
würden ihm anders und objektiver gegenüberstehen. Vor dem Zerfall des
Kommunismus nannte man die Sowjetunion und andere Länder in Osteuropa
ÖSTLICHER GLETSCHER, da das Leben in diesen Ländern erstarrt und
unbeweglich und irgendwie gefroren schien, und im Jahr
neunzehnhundertneunundachtzig dachten sich viele Leute in Westeuropa, dass man
die Ostblockländer so bald wie möglich in die Europäische Union
aufnehmen müsse, und sie sagten, dies werde die europäische
Identität bereichern. Und die Leute, die sich auf das einundzwanzigste
Jahrhundert freuten und zum Schluss kamen, dass die Demokratie endgültig
gesiegt habe, sagten, dass totalitäre Regime künftig nicht mehr
würden existieren können, da Kontrolle und Reglementierung der
Information das Prinzip eines funktionierenden totalitären Regimes
darstellten, und dies werde jetzt nicht mehr möglich sein, da das Internet
in Sekundenschnelle die Gedanken und Sehnsüchte aller Menschen auf der
ganzen Welt durch den Raum trage. Und auf den Solovecker Inseln, wo sich
große Konzentrationslager befanden, töteten die Kommunisten
Möwen und Seeschwalben und Alke, weil sie befürchteten, dass ein
Gefangener vielleicht mittels Möwe eine Nachricht in den Westen absetzen
könnte und die Leute dann darüber Bescheid wüssten, was in
Konzentrationslagern vor sich gehe. Und die Gefangenen der Konzentrationslager
entlang der Flüsse Irtysch und Ob, die als Holzfäller arbeiteten,
hackten sich Finger ab und banden diese an Stämmen fest, die
stromabwärts in große Städte schwammen, und sie hofften, dass
jemand die Finger bemerken und begreifen würde, dass in
Konzentrationslagern etwas Furchtbares geschehe. Und mit der Zeit war es
offensichtlich, dass den Menschen in den ehemaligen kommunistischen
Ländern die europäische Identität recht gleichgültig war
und die Leute in Osteuropa der europäischen Geschichte gegenüber
skeptisch eingestellt waren. Manche westliche Historiker sagten, dass es
notwendig sei, den Leuten in Osteuropa Zeit zu lassen, da diese das Bewusstsein
von einer historischen Dynamik vermissen ließen, und vierzig Jahre
Kommunismus hätten eine geschichtslose Lücke hinterlassen. Die Leute
in Osteuropa aber sahen das anders und hatten den Eindruck, dass sie den Leuten
in Westeuropa viele interessante Erfahrungen vermitteln könnten, und sie
fühlten sich alleingelassen und abgeschoben. Und die Psychoanalytiker
sagten, dass eine unterbrochene Geschichte wie ein unterbrochener
Geschlechtsverkehr sei, und ein Höhepunkt sei kein natürliches
Ergebnis eines spontanen Aktes, sondern eine Art des
Frustrationsabbaus. Aus: Europeana, Prag 2001, Wien 2003. Aus dem Tschechischen von Michael Stavaric Patrik Ouredník, geb. 1957 in Prag, Prosaschriftsteller, Dichter, Übersetzer und Essayist. Lebt in Paris. Nach der Grundschule Buchhändler und verschiedene manuelle Berufe. 1985 Emigration nach Frankreich. Hielt dort u.a. Vorlesungen über tschechische Literatur. Verfasste zahlreiche Werke, darunter eine Dokumentation tschechischer Argot- und Slangausdrücke, "Smírbuch jazyka ceského" (Schmierbuch der tschechischen Sprache), Prag 1992. Der Abdruck des Auszugs aus "Europeana" erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Czernin-Verlags, in dem auch die Prosa "Das Jahr vierundzwanzig", Prag 1995, erscheinen soll. |
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