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Gedichte
Petr Král
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Fortfahren
Sich entfernen; als
erstes, noch auf dem Weg zum Bahnhof,
den Verlockungen naher kleiner Hotels
widerstehen, die heimtückisch alle verlorene Trautheit versprechen
im
einverständlichen Blinken des Neons dort an der Ecke, hinter dem dunklen
Flugloch eines Baums.
Allmählich, gefangen noch im grauen Strom der
Stadt, sich auskuppeln am Rand des Gehsteigs in eine Zeit
von anderswoher,
in die unerbittliche Wachsamkeit des Fremden und seine uralten Gesten.
Das
Bett vergessen und den verlassenen Tisch, die Dunkelheit im Kleiderschrank;
sich unverzüglichen Schritts
nur sich selbst nähern. Auch wenn bei
der Rückkehr hinter der Tür nur ein Trümmerhaufen sein sollte,
leere Ruinen von Büchern und ein paar schimpfliche,
dem Chaos des
Anfangs zurückgegebene Scherben. Auch wenn es nötig wäre, von
Null zu beginnen, hartnäckig hier nochmals geboren zu werden
aus dem
Nichts, nur aus einem Klumpen eigener Wut. Und dann wieder und wieder.
*
Der Dichter hat kein Haus
Kaum ein
paar Tropfen waren gefallen, aber im Blättergewölbe der
Bäume
erzeugen ihre zarten Nadeln bereits die Nässe eines Kellers,
des kalten
Verputzes - denke ich etwa an das Haus, das ich dir seit langem
schulde,
möglich, dass ich eher die Erinnerung an die trüben Tage
verscheuche,
als die unwirtliche Welt in Söldnergestalt
vorüberzog, als die Weiber über der Wäsche erstarrten zu
Klagestatuen,
bis nur mehr die Stacheln verbrannter Balken zum Himmel
aufragten.
- Das matte Glas über den Bäumen, aufgeschwollen
von
müdem Glanz, hat eher die Rundheit einer unbekannten Frucht, eines anderen
Planeten; die Kuppel des Observatoriums lockt hier den Blick an,
bevor sie
ihn wieder schmählich im Stich lässt in der Mitte ihrer grauen Masse.
Ich lasse sie hinter mir unter dem niedrigen Himmel, den in seinen Rasen,
in seine Sträucher gekauerten Park, hie und da zieht ein unbekannter
Passant seine fremde Sesshaftigkeit vorüber
- und das Geschrei
spielender Kinder, Hundegebell, im Fall quer durchs Laub plötzlich auch
die Sternschnuppe
eines von der Sonne durchschienenen Tropfens attackieren
mich von allen Seiten, durchdringen mein Glas
und kreuzen ihre Bahnen in
mir, als ob sie eine Verabredung hätten in meiner Dämmerung.
Dabei
kommt mir hier unter dem Gekräusel der Kronen
nicht einmal der
gewölbte Schlupfwinkel eines Einkehrgasthofs entgegen (einst vielleicht
Bei Arthur), ich bin weiterhin Magnat und Fürst nur beim Gehen
ohne zu
murren, bewache ich weiter für euch - fast mit euch - nur diese gastliche
Höhle in mir, zu
geräumig für wen immer von uns.
*
Die Freuden des Exils oder Mahnmal des
Objekts
Für Christian
Ein unnachgiebiger Muskel aus Ebenholz verkommt in
der Nacht der Parasiten,
nur die Leere zwischen zwei blutigen
Strichen
auf einer vergilbten Marke -
und schon reißt die
Wüste weit die Kiefer auf:
elend zittern in weißem Papier
der
Ohnmacht wegen, die ausgelöschten Wurzeln hier zu entdecken,
sich alle
Äste brechen wegen des bloßen Herausholens
der platten Sonne aus
einer kränklichen Seite.
Endloser Sommer gefallener
Bäume.
Mein Kopf, meine gläserne Kugel
ist - zu Mittag,
hauptsächlich symmetrisch -
zerborsten vom hallenden Sturz eines
Löffels auf das eisige Pflaster
der Küche, des weiten
Mausoleums.
*
Tags darauf
Jetzt abermals morgen.
Die in der Nacht so unterseeisch verführerische Festung des kleinen
Hotels,
voll kochenden Honigs, ragt wieder aus dem Nebel wie ein blanker
Knochen,
das Gesicht, das einem auf dem Weg hierher wie eine Lampe
leuchtete,
ist plötzlich nur lächelndes Fleisch.
Nichts Neues;
auch die Sehnsucht ist kaum ein wenig aufgewärmtes Nicht-Sehnen,
auch
die steife Visage des Spitzels taut, wenn sie sich der
heimatlichen
Küche zuwendet, wieder zu einem beinahe menschlichen
Ausdruck. Alles kann so im Zweifel von neuem beginnen;
wieder an die Ecke
gehen, entscheiden, ob nach links abbiegen zu den matten Geräuschen der
Stadt
oder bergauf gehen längs der schneidenden Stille der kleinen
Mauern mit der Gischt der Akazien. So oder so lässt man gewiss in der
Biegung hinter seinem Rücken
etliche mögliche bessere Leben
zurück -
Aus: Soukromy zivot (Privatleben
[Gedichte 1982-1985]), Prag 1996; Staronovy kontinent (Der Alt-Neu-Kontinent
[Gedichte 1989-1992]), Brünn 1997; Med zatácek cili Dovetek k
dejinám (Der Honig der Kurven oder Nachsatz zur Geschichte), Prag
1992.
Aus dem Tschechischen von Christa
Rothmeier
Petr Král, geb. 1941 in Prag,
Dichter, Prosaautor, Essayist, Herausgeber und Übersetzer. Studium der
Dramaturgie an der Prager Filmakademie, Verlagsredakteur, Mitglied der Prager
Surrealisten. 1968 Emigration nach Frankreich, Zusammenarbeit mit den
französischen Surrealisten. 1990/91 Kulturrat der Tschechoslowakischen
Botschaft. Zahlreiche in Exilverlagen edierte Gedicht- und Essaybände, die
seit 1989 in Tschechien veröffentlicht wurden. Lebt heute in Paris und
Prag.