Podium 129/130 - Tschechien

Grafik: Viktor Karlík

Gedichte

Petr Král

Fortfahren

Sich entfernen; als erstes, noch auf dem Weg zum Bahnhof,
den Verlockungen naher kleiner Hotels widerstehen, die heimtückisch alle verlorene Trautheit versprechen
im einverständlichen Blinken des Neons dort an der Ecke, hinter dem dunklen Flugloch eines Baums.
Allmählich, gefangen noch im grauen Strom der Stadt, sich auskuppeln am Rand des Gehsteigs in eine Zeit
von anderswoher, in die unerbittliche Wachsamkeit des Fremden und seine uralten Gesten.
Das Bett vergessen und den verlassenen Tisch, die Dunkelheit im Kleiderschrank; sich unverzüglichen Schritts
nur sich selbst nähern. Auch wenn bei der Rückkehr hinter der Tür nur ein Trümmerhaufen sein sollte, leere Ruinen von Büchern und ein paar schimpfliche,
dem Chaos des Anfangs zurückgegebene Scherben. Auch wenn es nötig wäre, von Null zu beginnen, hartnäckig hier nochmals geboren zu werden
aus dem Nichts, nur aus einem Klumpen eigener Wut. Und dann wieder und wieder.

*

Der Dichter hat kein Haus

Kaum ein paar Tropfen waren gefallen, aber im Blättergewölbe der Bäume
erzeugen ihre zarten Nadeln bereits die Nässe eines Kellers, des kalten
Verputzes - denke ich etwa an das Haus, das ich dir seit langem schulde,
möglich, dass ich eher die Erinnerung an die trüben Tage verscheuche,
als die unwirtliche Welt in Söldnergestalt vorüberzog, als die Weiber über der Wäsche erstarrten zu Klagestatuen,
bis nur mehr die Stacheln verbrannter Balken zum Himmel aufragten.
- Das matte Glas über den Bäumen, aufgeschwollen
von müdem Glanz, hat eher die Rundheit einer unbekannten Frucht, eines anderen Planeten; die Kuppel des Observatoriums lockt hier den Blick an,
bevor sie ihn wieder schmählich im Stich lässt in der Mitte ihrer grauen Masse. Ich lasse sie hinter mir unter dem niedrigen Himmel, den in seinen Rasen,
in seine Sträucher gekauerten Park, hie und da zieht ein unbekannter Passant seine fremde Sesshaftigkeit vorüber
- und das Geschrei spielender Kinder, Hundegebell, im Fall quer durchs Laub plötzlich auch die Sternschnuppe
eines von der Sonne durchschienenen Tropfens attackieren mich von allen Seiten, durchdringen mein Glas
und kreuzen ihre Bahnen in mir, als ob sie eine Verabredung hätten in meiner Dämmerung.
Dabei kommt mir hier unter dem Gekräusel der Kronen
nicht einmal der gewölbte Schlupfwinkel eines Einkehrgasthofs entgegen (einst vielleicht Bei Arthur), ich bin weiterhin Magnat und Fürst nur beim Gehen
ohne zu murren, bewache ich weiter für euch - fast mit euch - nur diese gastliche Höhle in mir, zu
geräumig für wen immer von uns.

*

Die Freuden des Exils oder Mahnmal des Objekts

Für Christian

Ein unnachgiebiger Muskel aus Ebenholz verkommt in der Nacht der Parasiten,
nur die Leere zwischen zwei blutigen Strichen
auf einer vergilbten Marke -
und schon reißt die Wüste weit die Kiefer auf:
elend zittern in weißem Papier
der Ohnmacht wegen, die ausgelöschten Wurzeln hier zu entdecken,
sich alle Äste brechen wegen des bloßen Herausholens
der platten Sonne aus einer kränklichen Seite.

Endloser Sommer gefallener Bäume.

Mein Kopf, meine gläserne Kugel
ist - zu Mittag, hauptsächlich symmetrisch -
zerborsten vom hallenden Sturz eines Löffels auf das eisige Pflaster
der Küche, des weiten Mausoleums.

*

Tags darauf

Jetzt abermals morgen. Die in der Nacht so unterseeisch verführerische Festung des kleinen Hotels,
voll kochenden Honigs, ragt wieder aus dem Nebel wie ein blanker Knochen,
das Gesicht, das einem auf dem Weg hierher wie eine Lampe leuchtete,
ist plötzlich nur lächelndes Fleisch.
Nichts Neues; auch die Sehnsucht ist kaum ein wenig aufgewärmtes Nicht-Sehnen,
auch die steife Visage des Spitzels taut, wenn sie sich der heimatlichen
Küche zuwendet, wieder zu einem beinahe menschlichen Ausdruck. Alles kann so im Zweifel von neuem beginnen;
wieder an die Ecke gehen, entscheiden, ob nach links abbiegen zu den matten Geräuschen der Stadt
oder bergauf gehen längs der schneidenden Stille der kleinen Mauern mit der Gischt der Akazien. So oder so lässt man gewiss in der Biegung hinter seinem Rücken
etliche mögliche bessere Leben zurück -

Aus: Soukromy zivot (Privatleben [Gedichte 1982-1985]), Prag 1996; Staronovy kontinent (Der Alt-Neu-Kontinent [Gedichte 1989-1992]), Brünn 1997; Med zatácek cili Dovetek k dejinám (Der Honig der Kurven oder Nachsatz zur Geschichte), Prag 1992.

Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier

Petr Král, geb. 1941 in Prag, Dichter, Prosaautor, Essayist, Herausgeber und Übersetzer. Studium der Dramaturgie an der Prager Filmakademie, Verlagsredakteur, Mitglied der Prager Surrealisten. 1968 Emigration nach Frankreich, Zusammenarbeit mit den französischen Surrealisten. 1990/91 Kulturrat der Tschechoslowakischen Botschaft. Zahlreiche in Exilverlagen edierte Gedicht- und Essaybände, die seit 1989 in Tschechien veröffentlicht wurden. Lebt heute in Paris und Prag.

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