Podium 129/130 - Tschechien

Grafik: Viktor Karlík

Ein Wanderghetto

Jirí Grusa

Zur Auswahl

Ein Literat aus Böhmen, in der Kristallnacht geboren wie ich, kann sein Leben passieren lassen, als eine Revue der verlorenen Zeit.
Verlorene Zeit kennen wir alle. Die klassische (à la Proust, Le temps perdu) ist ein nostalgischer Widerspruch zwischen unseren Träumen und Taten. Ein ewiges "Anders", die Art, in der die vitale Energie vergeudet wurde. Am Anfang war das Fatum, am Ende nur ein Faktum. Eine totale Wirklichkeit total verwirkt.
Dieser traurigen Trivialität trotzten Literaten, indem sie das Gewesene aktualisierten. Der Literat ist Fachmann für Spuren und deren Deutung. Immer ein wenig Detektiv, nicht immer schadensfrei, aber immer gefragt! Schon in der Urform, noch als Sänger oder Barde, brauchte man ihn. Um so mehr später, in der Zeit der Schrift. Vergessene Realien tauchten aus dem Reich der Schatten auf, wurden wiederholbar in slow-motion des Textes. Man konnte die Reihenfolge erblicken, selbst wenn sie nur dichterisch war. Und die Folgerichtigkeit behaupten! Man konnte tadeln, loben oder nachahmen.
Das gefiel den Herrschern, in deren Händen die Gegenwart lag. Und Herrscher erhoben die Sänger und erlaubten ihnen, neben dem Thron zu sitzen.

Tage fließen dahin, das Leben verschwindet,
der aber, dem schon ein Lied galt, erreicht die Ehre
und ewig wird unter dem Himmel sein Ruhm.

Soweit ein altes Epos aus England, das mich einmal durch das Selbstbewußtsein der noch dienenden Dichter faszinierte. Sie kannten ihre Grenzen, zweifelten nicht daran, daß die Macht über das Irdische in die Hände der Fürsten gehört.
Auch die Zukunft war frei. Man überließ sie den Propheten. Dichter stillten Elemente, bändigten Tiere und sorgten für das Entzücken.
Es waren nützliche Streiche dabei. Arion etwa, als er unter die Piraten geriet und kurz vor der Hinrichtung stand, bat um seine Lyra. "Ein wenig singen" möchte er. Doch er betörte die Räuber und flüchtete auf einem Delphin. Und Orpheus natürlich! Das Sinnbild des Berufs! Bäume wanderten auf ihn zu, die Vögel und andere Fauna sammelten sich um ihn.
Was habe ich mich gequält, Rilkes Gedicht über ihn und seine Eurydike ins Tschechische zu übersetzen! Es entzog sich mir beinahe so wie die tote Geliebte ihrem Gatten. So kämpfte ich um Hermes, diesen Gott des Ganges, der stabreimmäßig nicht zu haben war … in meiner Sprache. Der jedoch, als Kumpel des Orpheus, ziemlich sauer wurde über das Unstete in den Poeten und:

Wandte sich mit trauervollem Blick der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses langen Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
(schon wieder eine Alliteration!)
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Ich könnte das noch heute rezitieren. So angetan war ich von dieser Neufassung des alten Mythos.
Selbst hier schaffte es Orpheus bei aller Mühe nicht, seiner Kunst vollkommen zu trauen. Nach mir bezweifelte er nicht Eurydikes Willen, bis an das Ende dieses langen Weges zu schreiten. Er wollte sich nur sicher sein, daß sein Zauber auch im Hades wirkt. Und mußte einsehen, daß ohne festen Glauben an sich selbst Götter gebraucht werden. Es blieb also klar, daß es den Poeten noch an etwas mangelt. Auch damals freilich hatten sie schon Feinde. Wie Ovid, Autor der Arion-Legende. Sie trugen jedoch den Stolz ihres Standes in sich, ihre fiction science. Sie wußten, wie ein wirksames Märchen zu fixieren ist. Es entging ihnen aber nicht, daß die Vergangenheit eventuell auch anders gesehen werden könnte als geschildert, da jede Geschichte schon dadurch pervertiert, daß der Erzähler nicht der wahre Herr der Zeit ist, sondern nur ein magischer Verbraucher der Zeit seines Publikums. Die Götter vertrauten den Dichtern bloß eine Fähigkeit zur Fiktion an. Den Zweck behielten sie für sich. Und diese methodische Beschränkung gefiel mir.
Bis dann den Delphin Arions der Schwan Lohengrins ablöste! Erst hier war es mit der Bemessenheit der Barden endgültig zu Ende. Richard Wagner, Komponist, Dichter, Revoluzzer und Freund der Könige, markiert den Wendepunkt. Bei dieser Vielseitigkeit war es nur natürlich, daß er ein Gesamtkunstwerk wollte. Eine komprimierte Faszination. Er wurde bald zum ersten Magier der medialen Macht und aus Vorahnung zum ersten Magnat der virtuellen Zeiten. Ich erinnere mich, wie ich gerührt war, als ich die Enthüllung seines Gralshelden wahrnahm:
Nun hört, wie ich verbotner Frage lohne!
Vom Gral ward ich zu euch gesandt:
Mein Vater Parzival trägt seine Krone,
sein Ritter ich - bin Logengrin genannt.

Auf tschechisch: Já Lohengrin jsem zván! In einer Rundfunksendung "Die Welt der Oper". Es war nicht üblich, so kurz nach dem Weltkrieg Wagner zu spielen. Doch ich zweifelte nicht daran, daß hier durch den Mund des Ritters der Dichter selbst seine Herkunft verkündet. Für sich und die ganze Gattung. Poet, König und Prophet in einem! Für mich galt es ebenfalls. Ich schrieb bereits meine ersten Texte. Noch namenlos, noch von Neid und Zweifel umgeben. Aber ich stellte mir schon vor, einmal, nach getanen Werken, so ein Lied über meinem Sarg ertönen zu lassen.
Und der neuzeitliche Dichter war sofort auch nützlich. Selbst einem Keltenhelden à la Lohengrin konnte man gleich das National-Fatale beipacken:

Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen
Des Ostens Horden nimmer ziehn …

Hier erst wird - nach vielen Anläufen - aus dem Fachmann für das Gewesene ein Experte des Seienden. Aus dem Märchen über das Vergangene eine Mär des Kommenden. Die fiktive Gegenwart der Zukunft ist nun das Genre. Kontrapräsens!
Damit aber nicht genug. Selbst ich fing ziemlich früh an, diese "wagnerianische" Verknüpfung der Effekte zu verdächtigen. Sie war zu ästhetisch, die Bivalenz daran zu konträr. Und leicht zu entziffern. Die science fiction zu theatralisch. Man brauchte etwas Sachlicheres. Eine Fiktion des endgültigen Wissens, als Wissenschaft verpackt, deren Ästhetik Ethik provoziert. Und ersetzt.
Der junge Marx schrieb immer noch nur Verse, jetzt aber irgendwann sollte er die echte Idee haben. In der postepischen Zeit, die Post der Dichter anders auszusenden. Nämlich scientistisch, falls sie wirken soll! Eine fiction science. Und er schuf sie fast ex nihilo.
Seine Wahrsagung war trocken, die Zukunft aber heiß. Eben programmierbar. Das Paradies nett irdisch und die dafür Erwählten eigentlich zur Hand. Das Volk in den Fabriken. Es plagte sich zwar noch, aber nur vorläufig. Morgen wird es Produzent und Profiteur zugleich. Alles ist machbar hier und heute. Höchstens verschiebbar auf morgen. Auf den strahlenden. Dessen Verwalter die Dichter der Machbarkeit waren. Die wahren Weisen. Die Genossen.
Die alte Einheit der drei Zeiten, bislang nur im Kunstwerk zu haben, wurde nun zum Alltag: Unterwelt, Welt und Himmel, alles auf einmal. Die Zukunft zur Gegenwart. Die Gegenwart vergangen und das Gewesene ein für alle mal entziffert. Und somit aufgehoben. Ja, zur Müllhalde erklärt, wo alles landete, was anders schien.
Wie ich etwa, der an die Einheit des fictum und factum nicht glauben wollte und den der Gedanke an diese "poetische Substanz" des etablierten Unfugs nie mehr losließ. Das poetisierende Prophetentum und die poetisierte Politik widerten mich an. Und das gute Gewissen der Literaten hüben wie drüben. Sie taten, als gingen sie nur die Folgen an und nicht die Genesis. So begann die zweite Runde meiner temps perdu. Die Monotonie in der monomanischen Welt.
Alles im voraus limitiert, alles reduzierbar und abrufbar. Man lebte von Appellativen und Imperativen. Diese Sprache beruhte auf Begriffen, die in keinem offenen Gespräch überprüft wurden. Wer auf das eigene Dichten setzte, der hatte mit Diktatoren zu tun. Er gab der Gegenwart ihre Rechte zurück, die Vergangenheit wurde wieder vieldeutig und die Zukunft bedeutsam. Im Armenhaus des strahlenden Morgens - ein Verbrechen.
So saß ich nun vor einem Ermittler. Im Gefängnis wollte er so manches wissen, bis er ziemlich unerwartet bei der Frage landete: "Sind Sie ein Jude?" Ich war verdutzt. "Höchstens ein Rassenschänder", wollte ich antworten, zähmte mich aber in der Annahme, er würde die Anspielung kaum verstehen. Und meine Lage war ohnehin schon schlecht. Also sagte ich: "Und warum meinen Sie, daß ich es sein sollte?"
"Na, weil Sie so beleidigt ausschaun. Als ob Sie alles betrifft!"
"Alles?" überlegte ich. Mich betraf lediglich le temps perdu des Ji?rí Gru?sa.
"Nein, Herr Hauptmann", sagte ich laut, "ich bin ein Slawe … wie Sie. Aber mal ganz ehrlich, wären Sie nicht lieber Amerikaner?"
Er lächelte traurig. Hieß Smolík, das heißt Pechvogel, und es war ihm anzusehen, daß er vor sich, auf dem Verhörstuhl, lieber einen gängigen Gauner sehen wollte als diesen komplizierten Schwätzer, für den er mich hielt. Auch mir war versöhnlich zumute. Wie kam es aber, daß er (und danach so viele andere) mich nicht für einen waschechten Wascheck hielt, den Tschechen pur, der ich ja bin? Was machte mich so fremd im Lande? Und durch den Kopf schoß mir ein Zitat in der Hauptsprache der Slawen: "Sve poety schiedy" (alle Poeten sind Juden). Ein Spruch von Marina Zwetajewa, einer russischen Poetin. Sie mußte es wissen. Verließ ihr Land nach 1917, lebte in Prag, und Rilke schrieb eine Elegie für sie, die ich ebenfalls übersetzt hatte. Vor die Wahl gestellt, unter Hitler oder Stalin zu sterben, kehrte sie 1939 heim und verschied schleunigst.
Dieser Pechvogel dachte als erster an ein Ghetto für mich. Aus Verlegenheit, aus Unkenntnis? Oder aus einer Laune heraus ordnete er mich irgendwohin zu. Wie üblich in unseren Hainen kam ihm das Fremde jüdisch vor. Er brauchte ein Feindbild und hatte schon dieses. Das Regime war, mal offen mal latent, antisemitisch. Seine radikale Zweiwertigkeit der Welt gegenüber basierte auf dem monotheistischen Boden unserer Kultur. Sie kreierte so etwas wie einen manischen Monoatheismus mit der Heiligen Schrift des Fortschritts. Es überschätzte die Literatur, vielleicht als die letzte Macht auf diesem Kontinent. Und haßte das Volk des Buches eigentlich auch aus diesem Grunde.
Ich jedoch sah in den Repräsentanten des fiction science eher die verspäteten Erben Platos, denen es doch noch gelungen war, seine Politeia, den Staat der Philosophen, zu verwirklichen. Wie bekannt, waren die Dichter schon darin verpönt und ausgeschlossen.

Keiner sollte mit Ansprüchen kommen, gewisse Götter streiften des Nachts umher in Gestalt von allerhand sonderbaren Fremden, denn damit lästern sie nicht nur, sondern machen zugleich auch ihre Kinder feige … sind also Lügner, Verleumder und Verunsicherer des Staates, werden den Wächtern vorgeführt etc. etc.

Ahnte der göttliche Plato bereits, daß seine Dialoge vor allem eine dichterisch dramatische Basis haben, die ihnen ihre Erwigkeit garantiert - als eine Art der Spielbarkeit im zeitlosen Theater? Ich weiß nicht. Aber die Wächter seines Staates waren nicht zimperlich, die Abweichler, Verleumder und Nestbeschmutzer zu erfassen, falls diese ein anderes Stück wagten.
Auch Smolík machte mich schön klagbar. Die agitierenden Propheten und regierenden Philosophen waren mir zwar suspekt, aber es lag mir nichts ferner als Wahrsagerei, auf die eine oder andere Weise verhüllt. Nicht Ende der Zeiten, sondern die laufende Zeit. Nicht die Erlösung, sondern Lesarten von allerlei Texten. Und nicht die Welt wie eine Art Labor der Weisen von oben nach unten gepumpt. Sondern Kommunikation als Stoffwechsel innerhalb eines Organismus. Wahrheit als Aufbau, ich wiederhole mich, als Erhalt langfristiger Zusammenhänge, dynamische und offene Kreise. Inklusivität, nicht exklusive Rituale. Nicht Trachten, Betrachtungen! Nicht nur eine ewige Detektivfahndung, wie wir uns das angewöhnt haben, sondern Erfinden. Vermitteln, nicht ermitteln.
Ich wollte mir ein Bildnis machen. Ein "Bild-Steller" sein, nicht Schrift-Steller. Wenn man es so nennen dürfte. Selbst meine Dechiffrierung der Sprache der Diktatur, die man als den Verstoß gegen die Hauptregel des kommunistischen Dekalogs verstand, geschah als Produkt meiner "Bildstellerei". Ich war lediglich der Meinung, mein Märchen wäre, wenn nicht besser, so gewiß lebbarer als die Mär der Stasi. Nicht also, daß ich eine höhere Wahrheit verträte. Geschweige denn, ich lebte darin.
Das brachte meinen Smolík dazu, mich zu vertreiben - aus der Politeia der Polizei. Aus dem Fi-Sci-Park der Marx & Lenin Brothers. Vielleicht dachte er hier alttestamentarisch an Babylon, wo ich "an den Wassern" sitzen sollte, "an Zion denkend und weinend". Und in dem Sprachgewirr des Ausgestoßenseins umkommen, endlich mal am Ende mit meinem Tschechisch. So oder so, die Zeit entzog sich mir zum dritten Male!
Vogelfrei und sprachlos war ich in der Tat. Dann ging es ein bißchen besser. Es meldeten sich bei mir sogar Literaten, die in mir (im Grunde richtig) einen Mitberufler sahen. Weil sie aber in der Vorahnung ihrer eigenen künftigen Fi-Sci lebten, so wie die meisten bei uns vor dem Zweiten Weltkrieg, wollten sie von mir bestätigt haben, daß ihr Know-how der Fiktion auch ein faktisches Zukunftswissen sei. Sie waren überzeugt, ihr Ungemach in dieser Welt wäre kein natürliches Geschenk unserer Gattung, sondern ein Fehler des Systems, gerichtet gegen jeden von ihnen persönlich. Sie waren zahlreich und der Glaube fest, daß ich verzagte. Es gibt keine Systeme des Glücks, klang mein Wappenspruch. Aber immer leiser. Und wenn sie visionär waren, bestand ich auf dem Erlebten! Doch sie erklärten das für nichtig. Für ein bloß subjektives Trauma. Für eine Art Autounfall, der leider passiert war, der jedoch, "objektiv gesehen", mit der Richtung der Straße gar nichts zu tun hat. Anders gesagt: Der Himmel kann bedeckt sein, die Sterne aber strahlen. Und sie, die Wessis, wissen, wie man die Milchstraße melkt. Sie glaubten einfach unerschrocken an fiction science weiter.
Irgendwann schickte ich sie irgendwohin. Sie erstarrten, machten einen Schritt zurück. Und dank dieser Distanz merkte ich endlich meinen Stern! Ich weiß nicht, ob er gelb war. Ich weiß nicht, ob er mir von Hauptmann Smolík eintätowiert wurde. Es war aber ein Stern meines Wanderghettos. Und er strahlte, und ich begann ihn zu mögen. Ich nahm mit Entzücken den Komödianten-Wagen wahr, den ich nun mal schon, und hörte auf, mich zu ärgern.
Dann bemerkte ich, daß es auch andere Nicht-Propheten gibt. Und kam auf die Idee, aus uns allen eine Zirkusgruppe zu formen. Das Interesse hielt sich zwar in Grenzen, doch wir gönnten uns Geselligkeit untereinander. Und das Babylon war luftiger als mein böhmisches Dorf. Dann dachte ich mir sogar, ob wir vielleicht nicht ein neues "Salz der Erde" darstellen. Ein paradoxer Plan eines noch unbekannten Gottes, der die Pläne der monomanischen Menschen durchkreuzt. Eine Keimzelle der künftigen Polis, in der sich factum und fictum nur ab und zu paaren und keine Hydra zeugen. Eine Gesellschaft also, in der die Wahrheit ihr verschmitztes Lächeln beibehält. Und die Zukunft ihre Libido. Ich fühlte mich sogar glücklich.
Kurz daraufhin fuhr ich nach Budapest. Mit einem deutschen Paß, ein freier Mann in einem Lande - noch immer voll an Wächtern platonischer Prägung. Aber lockerer als die in Prag, wo der Blödsinn wahrlich blühte. Ein Kongreß fand statt. In der sich anbahnenden Wende saßen dort Wessis mit Ossis und Westossis wie ich mit Ostwessis wie György Konrad. In dessen Wohnung hielt ich eine Rede zu diesem meinem Thema: Die Expropheten und die Wordsellers. Ich war kritisch. Sah uns, die Dissidenten der Hinter-Prater-Welt, wie ich den Ostblock nannte, als ernüchterte Kinder der realisierten Utopie, an die westliche Kollegen immer noch glaubten. Und im Westen hat mich überrascht, daß Autoren für Worte bezahlt werden: Mr. Gru?sa, one thousend five hundred words, not more! schrieb mir einst mein Agent, und ich - bis dato gewöhnt an die sogenannten Autorenbögen - war erschrocken. Autorenbogen! Schon der Name zeugt von unserer Bedeutung. Die Genossen trauten uns was zu. Aber writers, die nur words for sell beizusteuern haben, das war mir peinlich.
Man mußte sich erst gewöhnen. Autoren haben Autorität. Aber wordsellers, was haben die? Vielleicht Autos und Reisepässe? Als frischer wordseller predigte ich das Nicht-Prophetische als östliche Erfahrung. Komischerweise entdeckte ich nicht sofort den prophetischen Kern darin. Ein neues Märchen, diesmal freilich von mir, dem Dissidenten. Man klatschte mir viel Beifall.
Da stand der nächste Redner auf. Auch Ossi. Er hieß Czurka, also ein slawischer Name, der bei den Verstehenden ein Lächeln hervorruft. Ich lächelte zuerst. Und er legte los. Ungarisch, in tribal Hungarian, von dem ich nur theoretisch wußte. So konträr zu meinen Ausführungen, daß ich nur noch staunte. Ein wahres Gepisse, die Augen aufgedunsen und breit wie bei den Maniaken. Ich schluckte nur so, und mit der Story der Ex-Propheten war es aus und vorbei.
Der Stern des Wanderghettos erstrahlte aber stärker. Als bräuchte er die Lektion. Ich fuhr ihm also nach, egal, wohin er wollte. Nicht das Prinzip Hoffnung nahm mich für sich ein, sondern das Prinzip des Zufalls. Ich entwickelte gar eine Liebe zum Zufälligen. Mich faszinierte jetzt dieses Bejahen des Kommenden à la Nietzsche (auch ein Poet unter Philosophen!). Dieses mutige "Ja, ich will meine Story, koste es, was es wolle!" Das erschien mir nun der Sache angemessen. Diese Liebe zur Jetzt-Zeit, welche die Zukunft mit all ihren Undurchschaubarkeiten liebt …
Es fing eine schöne Zeit an. Eine vierte? Vielschichtig und atmend. Mein Schreiben kam zurück. Sogar in einer anderen Sprache. Vielleicht um mir zu zeigen, wie künstlich all die Schwüre der tribalen Sinnstiftung sind. Jetzt sah ich, daß Orpheus für alle Tiere spielte - auch für uns, die Affen.
Ich liebte das Geschehende. Und feierte die trennbare, die pulsierende Zeit. Bis sie zerbrach und explodierte. Bis plötzlich auch meine Poetik zur Politik wurde. Es kam der Tag der Wende. Die Mauer brach zusammen und Smolík hatte Pech. Jedenfalls schien es so.
Ich freute mich und fuhr gleich heim. Es gibt auch Freude fraktal. Sind ihre Muster nicht ähnlich der Blume des Frostes oder den Verästelungen der Schneeflocke?
Ich, der die Poetpropheten veräppelte, sah mich mit ihnen in einem Boot. Ich sah, wie meine Verleumdung von gestern zu einer Prognose wurde. Die alle Züge einer Prophezeiung hatte, die sich erfüllte. Es war, als hätte sich Orpheus nicht nur umgewandt, sondern vor Hermes Augen Eurydike geküßt, herausgeholt und geschwängert. Als hätte Lohengrin noch einen Kahn beschwant und in Brabant den Neid endlich mal beseitigt. Ist eine solche Story noch ein Mythos? Eine ordnende Handlungsverknüpfung? Lehre und Lust in einem? Oder war Hermes nur tückisch und wollte mich strafen? Er, Patron der Diebe! Was hast du falsch gemacht, lautete die Frage. Oder: "Was haben wir falsch gemacht?" Wir waren ja viele.
Und ich habe mir eine neue Satzung auferlegt. Hier ist sie: Wenn du schon zum Propheten wirst, sei zumindest Prophet der Temperantia! Der Tugend des Maßes! Dieser einzigen Tugend, die sich auf nichts außer den Menschen berufen kann. Sei also maßvoll und milde. Hasse nur den Haß. Und liebe die Wahrheit der anderen! Aber was hatte das mit Literatur zu tun? Die ich so schützen wollte. Es war doch wiederum nur eine Version der Muß- und Soll-Sätze. Klang sie nicht verdächtig? Ich gebe zu: Es klang so. Nur ein Gedicht tröstet mich ab und zu ein bißchen, benutzt von mir eigentlich als Gebet:

O Gott, o Venus, o Merkur, Patron der Diebe,
gebt mir zur rechten zeit, ich flehe Euch an,
eine Trafik mit kleinen und hellen Schachteln,
aufgetürmt in den Regalen …
Und helle Virginia unter hellem Glas
und ein paar Waagen nicht zu fettig
und Huren, die vorbeischaun
auf ein, zwei Worte, auf die Schnelle,
lott-kesse Worte, beim Kämmen des Haars.
O Gott, o Venus, o Merkur, Patron der Diebe,
eine kleine Trafik muß her, oder versetzt mich
in jeden anderen Job außer in diesen
verfluchten des Schreibens,
in dem man braucht den Kopf zu allen Zeiten.

Ezra Pound schrieb das, ein gescheiterter Prophet und durch das Scheitern gerettet als Dichter. Propheta damnosus, poeta redivivus. Er mußte es wissen.
Ob Gott oder Venus mich erhörten, ich weiß es nicht. Der listige Merkur tat es. Meine Trafik hieß Botschaft. Nicht die frohe, die faktische. Ich wurde zum Botschafter. Zu demjenigen, der die Klugheiten der anderen unterbreitet. Das war die fünfte Zeit zu verlieren. Ich lebe noch darin. War das die letzte?
Hoffentlich nicht so ganz. Denn der Kopf meldet sich noch immer.

Aus Glücklich heimatlos. Einblicke und Rückblicke eines tschechischen Nachbarn, Stuttgart-Leipzig 2002.

Jirí Grusa, geb. 1938 in Pardubice, Studium der Philosophie und Geschichte in Prag, Verfasser zahlreicher Werke (Prosa, Lyrik, Essays), Übersetzer, Herausgeber (u. a.) der Anthologien "Stunde namens Hoffnung. Almanach tschechischer Literatur 1968-1978", Frankfurt am Main 1978 und "Verfemte Dichter", Köln 1983, einer Literaturgeschichte seit 1968 verbotener Autoren (u. a. mit P. Kabes) und eines tschechischen Lesebuches (zusammen mit Pavel Kohout). Erster Gedichtband 1962, bis 1969 Redakteur und Gründer bedeutender Literaturzeitschriften wie "Tvár". Nach 1969 politisch verfolgt, Publikationsverbot, Samisdatverleger. 1978 in Haft, 1981 ausgebürgert. Lebte im deutschen Exil und schreibt seither auf deutsch. Seit 1991 tschechischer Botschafter in Deutschland, seit 1998 in dieser Funktion in Österreich, 1997/98 in Tschechien Unterrichtsminister. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. mit dem "Andreas-Gryphius-Preis" und dem "Inter-Nationes-Kulturpreis". Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Freien Akademie der Künste in Hamburg. In deutscher Sprache erschienen zwei Romane, zwei Gedichtsammlungen und zwei Essaybände: "Mimner oder Das Tier der Trauer", 1986; "Der 16. Fragebogen, 1991; "Der Babylonwald" und "Wandersteine", 1991 bzw. 1994; "Gebrauchsanweisung für Tschechien", 1999, und "Glücklich heimatlos", 2002.

Auswahl: P. Král: Gedichte - P. Ouredník: Europeana - Inhaltsverzeichnis

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