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Ein Wanderghetto
Jirí Grusa

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Ein Literat aus Böhmen, in der Kristallnacht
geboren wie ich, kann sein Leben passieren lassen, als eine Revue der
verlorenen Zeit.
Verlorene Zeit kennen wir alle. Die klassische (à la
Proust, Le temps perdu) ist ein nostalgischer Widerspruch zwischen unseren
Träumen und Taten. Ein ewiges "Anders", die Art, in der die vitale Energie
vergeudet wurde. Am Anfang war das Fatum, am Ende nur ein Faktum. Eine totale
Wirklichkeit total verwirkt.
Dieser traurigen Trivialität trotzten
Literaten, indem sie das Gewesene aktualisierten. Der Literat ist Fachmann
für Spuren und deren Deutung. Immer ein wenig Detektiv, nicht immer
schadensfrei, aber immer gefragt! Schon in der Urform, noch als Sänger
oder Barde, brauchte man ihn. Um so mehr später, in der Zeit der Schrift.
Vergessene Realien tauchten aus dem Reich der Schatten auf, wurden wiederholbar
in slow-motion des Textes. Man konnte die Reihenfolge erblicken, selbst wenn
sie nur dichterisch war. Und die Folgerichtigkeit behaupten! Man konnte tadeln,
loben oder nachahmen.
Das gefiel den Herrschern, in deren Händen die
Gegenwart lag. Und Herrscher erhoben die Sänger und erlaubten ihnen, neben
dem Thron zu sitzen.
Tage fließen dahin, das Leben
verschwindet,
der aber, dem schon ein Lied galt, erreicht die Ehre
und
ewig wird unter dem Himmel sein Ruhm.
Soweit ein altes Epos aus England,
das mich einmal durch das Selbstbewußtsein der noch dienenden Dichter
faszinierte. Sie kannten ihre Grenzen, zweifelten nicht daran, daß die
Macht über das Irdische in die Hände der Fürsten
gehört.
Auch die Zukunft war frei. Man überließ sie den
Propheten. Dichter stillten Elemente, bändigten Tiere und sorgten für
das Entzücken.
Es waren nützliche Streiche dabei. Arion etwa, als
er unter die Piraten geriet und kurz vor der Hinrichtung stand, bat um seine
Lyra. "Ein wenig singen" möchte er. Doch er betörte die Räuber
und flüchtete auf einem Delphin. Und Orpheus natürlich! Das Sinnbild
des Berufs! Bäume wanderten auf ihn zu, die Vögel und andere Fauna
sammelten sich um ihn.
Was habe ich mich gequält, Rilkes Gedicht
über ihn und seine Eurydike ins Tschechische zu übersetzen! Es entzog
sich mir beinahe so wie die tote Geliebte ihrem Gatten. So kämpfte ich um
Hermes, diesen Gott des Ganges, der stabreimmäßig nicht zu haben war
in meiner Sprache. Der jedoch, als Kumpel des Orpheus, ziemlich sauer
wurde über das Unstete in den Poeten und:
Wandte sich mit
trauervollem Blick der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses
langen Weges,
den Schritt beschränkt von langen
Leichenbändern,
(schon wieder eine Alliteration!)
unsicher, sanft
und ohne Ungeduld.
Ich könnte das noch heute rezitieren. So angetan
war ich von dieser Neufassung des alten Mythos.
Selbst hier schaffte es
Orpheus bei aller Mühe nicht, seiner Kunst vollkommen zu trauen. Nach mir
bezweifelte er nicht Eurydikes Willen, bis an das Ende dieses langen Weges zu
schreiten. Er wollte sich nur sicher sein, daß sein Zauber auch im Hades
wirkt. Und mußte einsehen, daß ohne festen Glauben an sich selbst
Götter gebraucht werden. Es blieb also klar, daß es den Poeten noch
an etwas mangelt. Auch damals freilich hatten sie schon Feinde. Wie Ovid, Autor
der Arion-Legende. Sie trugen jedoch den Stolz ihres Standes in sich, ihre
fiction science. Sie wußten, wie ein wirksames Märchen zu fixieren
ist. Es entging ihnen aber nicht, daß die Vergangenheit eventuell auch
anders gesehen werden könnte als geschildert, da jede Geschichte schon
dadurch pervertiert, daß der Erzähler nicht der wahre Herr der Zeit
ist, sondern nur ein magischer Verbraucher der Zeit seines Publikums. Die
Götter vertrauten den Dichtern bloß eine Fähigkeit zur Fiktion
an. Den Zweck behielten sie für sich. Und diese methodische
Beschränkung gefiel mir.
Bis dann den Delphin Arions der Schwan
Lohengrins ablöste! Erst hier war es mit der Bemessenheit der Barden
endgültig zu Ende. Richard Wagner, Komponist, Dichter, Revoluzzer und
Freund der Könige, markiert den Wendepunkt. Bei dieser Vielseitigkeit war
es nur natürlich, daß er ein Gesamtkunstwerk wollte. Eine
komprimierte Faszination. Er wurde bald zum ersten Magier der medialen Macht
und aus Vorahnung zum ersten Magnat der virtuellen Zeiten. Ich erinnere mich,
wie ich gerührt war, als ich die Enthüllung seines Gralshelden
wahrnahm:
Nun hört, wie ich verbotner Frage lohne!
Vom Gral ward ich
zu euch gesandt:
Mein Vater Parzival trägt seine Krone,
sein Ritter
ich - bin Logengrin genannt.
Auf tschechisch: Já Lohengrin jsem
zván! In einer Rundfunksendung "Die Welt der Oper". Es war nicht
üblich, so kurz nach dem Weltkrieg Wagner zu spielen. Doch ich zweifelte
nicht daran, daß hier durch den Mund des Ritters der Dichter selbst seine
Herkunft verkündet. Für sich und die ganze Gattung. Poet, König
und Prophet in einem! Für mich galt es ebenfalls. Ich schrieb bereits
meine ersten Texte. Noch namenlos, noch von Neid und Zweifel umgeben. Aber ich
stellte mir schon vor, einmal, nach getanen Werken, so ein Lied über
meinem Sarg ertönen zu lassen.
Und der neuzeitliche Dichter war sofort
auch nützlich. Selbst einem Keltenhelden à la Lohengrin konnte man
gleich das National-Fatale beipacken:
Nach Deutschland sollen noch in
fernsten Tagen
Des Ostens Horden nimmer ziehn
Hier erst wird -
nach vielen Anläufen - aus dem Fachmann für das Gewesene ein Experte
des Seienden. Aus dem Märchen über das Vergangene eine Mär des
Kommenden. Die fiktive Gegenwart der Zukunft ist nun das Genre.
Kontrapräsens!
Damit aber nicht genug. Selbst ich fing ziemlich
früh an, diese "wagnerianische" Verknüpfung der Effekte zu
verdächtigen. Sie war zu ästhetisch, die Bivalenz daran zu
konträr. Und leicht zu entziffern. Die science fiction zu theatralisch.
Man brauchte etwas Sachlicheres. Eine Fiktion des endgültigen Wissens, als
Wissenschaft verpackt, deren Ästhetik Ethik provoziert. Und
ersetzt.
Der junge Marx schrieb immer noch nur Verse, jetzt aber irgendwann
sollte er die echte Idee haben. In der postepischen Zeit, die Post der Dichter
anders auszusenden. Nämlich scientistisch, falls sie wirken soll! Eine
fiction science. Und er schuf sie fast ex nihilo.
Seine Wahrsagung war
trocken, die Zukunft aber heiß. Eben programmierbar. Das Paradies nett
irdisch und die dafür Erwählten eigentlich zur Hand. Das Volk in den
Fabriken. Es plagte sich zwar noch, aber nur vorläufig. Morgen wird es
Produzent und Profiteur zugleich. Alles ist machbar hier und heute.
Höchstens verschiebbar auf morgen. Auf den strahlenden. Dessen Verwalter
die Dichter der Machbarkeit waren. Die wahren Weisen. Die Genossen.
Die alte
Einheit der drei Zeiten, bislang nur im Kunstwerk zu haben, wurde nun zum
Alltag: Unterwelt, Welt und Himmel, alles auf einmal. Die Zukunft zur
Gegenwart. Die Gegenwart vergangen und das Gewesene ein für alle mal
entziffert. Und somit aufgehoben. Ja, zur Müllhalde erklärt, wo alles
landete, was anders schien.
Wie ich etwa, der an die Einheit des fictum und
factum nicht glauben wollte und den der Gedanke an diese "poetische Substanz"
des etablierten Unfugs nie mehr losließ. Das poetisierende Prophetentum
und die poetisierte Politik widerten mich an. Und das gute Gewissen der
Literaten hüben wie drüben. Sie taten, als gingen sie nur die Folgen
an und nicht die Genesis. So begann die zweite Runde meiner temps perdu. Die
Monotonie in der monomanischen Welt.
Alles im voraus limitiert, alles
reduzierbar und abrufbar. Man lebte von Appellativen und Imperativen. Diese
Sprache beruhte auf Begriffen, die in keinem offenen Gespräch
überprüft wurden. Wer auf das eigene Dichten setzte, der hatte mit
Diktatoren zu tun. Er gab der Gegenwart ihre Rechte zurück, die
Vergangenheit wurde wieder vieldeutig und die Zukunft bedeutsam. Im Armenhaus
des strahlenden Morgens - ein Verbrechen.
So saß ich nun vor einem
Ermittler. Im Gefängnis wollte er so manches wissen, bis er ziemlich
unerwartet bei der Frage landete: "Sind Sie ein Jude?" Ich war verdutzt.
"Höchstens ein Rassenschänder", wollte ich antworten, zähmte
mich aber in der Annahme, er würde die Anspielung kaum verstehen. Und
meine Lage war ohnehin schon schlecht. Also sagte ich: "Und warum meinen Sie,
daß ich es sein sollte?"
"Na, weil Sie so beleidigt ausschaun. Als ob
Sie alles betrifft!"
"Alles?" überlegte ich. Mich betraf lediglich le
temps perdu des Ji?rí Gru?sa.
"Nein, Herr Hauptmann", sagte ich laut,
"ich bin ein Slawe
wie Sie. Aber mal ganz ehrlich, wären Sie nicht
lieber Amerikaner?"
Er lächelte traurig. Hieß Smolík, das
heißt Pechvogel, und es war ihm anzusehen, daß er vor sich, auf dem
Verhörstuhl, lieber einen gängigen Gauner sehen wollte als diesen
komplizierten Schwätzer, für den er mich hielt. Auch mir war
versöhnlich zumute. Wie kam es aber, daß er (und danach so viele
andere) mich nicht für einen waschechten Wascheck hielt, den Tschechen
pur, der ich ja bin? Was machte mich so fremd im Lande? Und durch den Kopf
schoß mir ein Zitat in der Hauptsprache der Slawen: "Sve poety schiedy"
(alle Poeten sind Juden). Ein Spruch von Marina Zwetajewa, einer russischen
Poetin. Sie mußte es wissen. Verließ ihr Land nach 1917, lebte in
Prag, und Rilke schrieb eine Elegie für sie, die ich ebenfalls
übersetzt hatte. Vor die Wahl gestellt, unter Hitler oder Stalin zu
sterben, kehrte sie 1939 heim und verschied schleunigst.
Dieser Pechvogel
dachte als erster an ein Ghetto für mich. Aus Verlegenheit, aus
Unkenntnis? Oder aus einer Laune heraus ordnete er mich irgendwohin zu. Wie
üblich in unseren Hainen kam ihm das Fremde jüdisch vor. Er brauchte
ein Feindbild und hatte schon dieses. Das Regime war, mal offen mal latent,
antisemitisch. Seine radikale Zweiwertigkeit der Welt gegenüber basierte
auf dem monotheistischen Boden unserer Kultur. Sie kreierte so etwas wie einen
manischen Monoatheismus mit der Heiligen Schrift des Fortschritts. Es
überschätzte die Literatur, vielleicht als die letzte Macht auf
diesem Kontinent. Und haßte das Volk des Buches eigentlich auch aus
diesem Grunde.
Ich jedoch sah in den Repräsentanten des fiction science
eher die verspäteten Erben Platos, denen es doch noch gelungen war, seine
Politeia, den Staat der Philosophen, zu verwirklichen. Wie bekannt, waren die
Dichter schon darin verpönt und ausgeschlossen.
Keiner sollte mit
Ansprüchen kommen, gewisse Götter streiften des Nachts umher in
Gestalt von allerhand sonderbaren Fremden, denn damit lästern sie nicht
nur, sondern machen zugleich auch ihre Kinder feige
sind also
Lügner, Verleumder und Verunsicherer des Staates, werden den Wächtern
vorgeführt etc. etc.
Ahnte der göttliche Plato bereits,
daß seine Dialoge vor allem eine dichterisch dramatische Basis haben, die
ihnen ihre Erwigkeit garantiert - als eine Art der Spielbarkeit im zeitlosen
Theater? Ich weiß nicht. Aber die Wächter seines Staates waren nicht
zimperlich, die Abweichler, Verleumder und Nestbeschmutzer zu erfassen, falls
diese ein anderes Stück wagten.
Auch Smolík machte mich
schön klagbar. Die agitierenden Propheten und regierenden Philosophen
waren mir zwar suspekt, aber es lag mir nichts ferner als Wahrsagerei, auf die
eine oder andere Weise verhüllt. Nicht Ende der Zeiten, sondern die
laufende Zeit. Nicht die Erlösung, sondern Lesarten von allerlei Texten.
Und nicht die Welt wie eine Art Labor der Weisen von oben nach unten gepumpt.
Sondern Kommunikation als Stoffwechsel innerhalb eines Organismus. Wahrheit als
Aufbau, ich wiederhole mich, als Erhalt langfristiger Zusammenhänge,
dynamische und offene Kreise. Inklusivität, nicht exklusive Rituale. Nicht
Trachten, Betrachtungen! Nicht nur eine ewige Detektivfahndung, wie wir uns das
angewöhnt haben, sondern Erfinden. Vermitteln, nicht ermitteln.
Ich
wollte mir ein Bildnis machen. Ein "Bild-Steller" sein, nicht Schrift-Steller.
Wenn man es so nennen dürfte. Selbst meine Dechiffrierung der Sprache der
Diktatur, die man als den Verstoß gegen die Hauptregel des
kommunistischen Dekalogs verstand, geschah als Produkt meiner "Bildstellerei".
Ich war lediglich der Meinung, mein Märchen wäre, wenn nicht besser,
so gewiß lebbarer als die Mär der Stasi. Nicht also, daß ich
eine höhere Wahrheit verträte. Geschweige denn, ich lebte
darin.
Das brachte meinen Smolík dazu, mich zu vertreiben - aus der
Politeia der Polizei. Aus dem Fi-Sci-Park der Marx & Lenin Brothers.
Vielleicht dachte er hier alttestamentarisch an Babylon, wo ich "an den
Wassern" sitzen sollte, "an Zion denkend und weinend". Und in dem Sprachgewirr
des Ausgestoßenseins umkommen, endlich mal am Ende mit meinem
Tschechisch. So oder so, die Zeit entzog sich mir zum dritten
Male!
Vogelfrei und sprachlos war ich in der Tat. Dann ging es ein
bißchen besser. Es meldeten sich bei mir sogar Literaten, die in mir (im
Grunde richtig) einen Mitberufler sahen. Weil sie aber in der Vorahnung ihrer
eigenen künftigen Fi-Sci lebten, so wie die meisten bei uns vor dem
Zweiten Weltkrieg, wollten sie von mir bestätigt haben, daß ihr
Know-how der Fiktion auch ein faktisches Zukunftswissen sei. Sie waren
überzeugt, ihr Ungemach in dieser Welt wäre kein natürliches
Geschenk unserer Gattung, sondern ein Fehler des Systems, gerichtet gegen jeden
von ihnen persönlich. Sie waren zahlreich und der Glaube fest, daß
ich verzagte. Es gibt keine Systeme des Glücks, klang mein Wappenspruch.
Aber immer leiser. Und wenn sie visionär waren, bestand ich auf dem
Erlebten! Doch sie erklärten das für nichtig. Für ein bloß
subjektives Trauma. Für eine Art Autounfall, der leider passiert war, der
jedoch, "objektiv gesehen", mit der Richtung der Straße gar nichts zu tun
hat. Anders gesagt: Der Himmel kann bedeckt sein, die Sterne aber strahlen. Und
sie, die Wessis, wissen, wie man die Milchstraße melkt. Sie glaubten
einfach unerschrocken an fiction science weiter.
Irgendwann schickte ich sie
irgendwohin. Sie erstarrten, machten einen Schritt zurück. Und dank dieser
Distanz merkte ich endlich meinen Stern! Ich weiß nicht, ob er gelb war.
Ich weiß nicht, ob er mir von Hauptmann Smolík eintätowiert
wurde. Es war aber ein Stern meines Wanderghettos. Und er strahlte, und ich
begann ihn zu mögen. Ich nahm mit Entzücken den
Komödianten-Wagen wahr, den ich nun mal schon, und hörte auf, mich zu
ärgern.
Dann bemerkte ich, daß es auch andere Nicht-Propheten
gibt. Und kam auf die Idee, aus uns allen eine Zirkusgruppe zu formen. Das
Interesse hielt sich zwar in Grenzen, doch wir gönnten uns Geselligkeit
untereinander. Und das Babylon war luftiger als mein böhmisches Dorf. Dann
dachte ich mir sogar, ob wir vielleicht nicht ein neues "Salz der Erde"
darstellen. Ein paradoxer Plan eines noch unbekannten Gottes, der die
Pläne der monomanischen Menschen durchkreuzt. Eine Keimzelle der
künftigen Polis, in der sich factum und fictum nur ab und zu paaren und
keine Hydra zeugen. Eine Gesellschaft also, in der die Wahrheit ihr
verschmitztes Lächeln beibehält. Und die Zukunft ihre Libido. Ich
fühlte mich sogar glücklich.
Kurz daraufhin fuhr ich nach
Budapest. Mit einem deutschen Paß, ein freier Mann in einem Lande - noch
immer voll an Wächtern platonischer Prägung. Aber lockerer als die in
Prag, wo der Blödsinn wahrlich blühte. Ein Kongreß fand statt.
In der sich anbahnenden Wende saßen dort Wessis mit Ossis und Westossis
wie ich mit Ostwessis wie György Konrad. In dessen Wohnung hielt ich eine
Rede zu diesem meinem Thema: Die Expropheten und die Wordsellers. Ich war
kritisch. Sah uns, die Dissidenten der Hinter-Prater-Welt, wie ich den Ostblock
nannte, als ernüchterte Kinder der realisierten Utopie, an die westliche
Kollegen immer noch glaubten. Und im Westen hat mich überrascht, daß
Autoren für Worte bezahlt werden: Mr. Gru?sa, one thousend five hundred
words, not more! schrieb mir einst mein Agent, und ich - bis dato gewöhnt
an die sogenannten Autorenbögen - war erschrocken. Autorenbogen! Schon der
Name zeugt von unserer Bedeutung. Die Genossen trauten uns was zu. Aber
writers, die nur words for sell beizusteuern haben, das war mir
peinlich.
Man mußte sich erst gewöhnen. Autoren haben
Autorität. Aber wordsellers, was haben die? Vielleicht Autos und
Reisepässe? Als frischer wordseller predigte ich das Nicht-Prophetische
als östliche Erfahrung. Komischerweise entdeckte ich nicht sofort den
prophetischen Kern darin. Ein neues Märchen, diesmal freilich von mir, dem
Dissidenten. Man klatschte mir viel Beifall.
Da stand der nächste
Redner auf. Auch Ossi. Er hieß Czurka, also ein slawischer Name, der bei
den Verstehenden ein Lächeln hervorruft. Ich lächelte zuerst. Und er
legte los. Ungarisch, in tribal Hungarian, von dem ich nur theoretisch
wußte. So konträr zu meinen Ausführungen, daß ich nur
noch staunte. Ein wahres Gepisse, die Augen aufgedunsen und breit wie bei den
Maniaken. Ich schluckte nur so, und mit der Story der Ex-Propheten war es aus
und vorbei.
Der Stern des Wanderghettos erstrahlte aber stärker. Als
bräuchte er die Lektion. Ich fuhr ihm also nach, egal, wohin er wollte.
Nicht das Prinzip Hoffnung nahm mich für sich ein, sondern das Prinzip des
Zufalls. Ich entwickelte gar eine Liebe zum Zufälligen. Mich faszinierte
jetzt dieses Bejahen des Kommenden à la Nietzsche (auch ein Poet unter
Philosophen!). Dieses mutige "Ja, ich will meine Story, koste es, was es
wolle!" Das erschien mir nun der Sache angemessen. Diese Liebe zur Jetzt-Zeit,
welche die Zukunft mit all ihren Undurchschaubarkeiten liebt
Es fing
eine schöne Zeit an. Eine vierte? Vielschichtig und atmend. Mein Schreiben
kam zurück. Sogar in einer anderen Sprache. Vielleicht um mir zu zeigen,
wie künstlich all die Schwüre der tribalen Sinnstiftung sind. Jetzt
sah ich, daß Orpheus für alle Tiere spielte - auch für uns, die
Affen.
Ich liebte das Geschehende. Und feierte die trennbare, die
pulsierende Zeit. Bis sie zerbrach und explodierte. Bis plötzlich auch
meine Poetik zur Politik wurde. Es kam der Tag der Wende. Die Mauer brach
zusammen und Smolík hatte Pech. Jedenfalls schien es so.
Ich freute
mich und fuhr gleich heim. Es gibt auch Freude fraktal. Sind ihre Muster nicht
ähnlich der Blume des Frostes oder den Verästelungen der
Schneeflocke?
Ich, der die Poetpropheten veräppelte, sah mich mit ihnen
in einem Boot. Ich sah, wie meine Verleumdung von gestern zu einer Prognose
wurde. Die alle Züge einer Prophezeiung hatte, die sich erfüllte. Es
war, als hätte sich Orpheus nicht nur umgewandt, sondern vor Hermes Augen
Eurydike geküßt, herausgeholt und geschwängert. Als hätte
Lohengrin noch einen Kahn beschwant und in Brabant den Neid endlich mal
beseitigt. Ist eine solche Story noch ein Mythos? Eine ordnende
Handlungsverknüpfung? Lehre und Lust in einem? Oder war Hermes nur
tückisch und wollte mich strafen? Er, Patron der Diebe! Was hast du falsch
gemacht, lautete die Frage. Oder: "Was haben wir falsch gemacht?" Wir waren ja
viele.
Und ich habe mir eine neue Satzung auferlegt. Hier ist sie: Wenn du
schon zum Propheten wirst, sei zumindest Prophet der Temperantia! Der Tugend
des Maßes! Dieser einzigen Tugend, die sich auf nichts außer den
Menschen berufen kann. Sei also maßvoll und milde. Hasse nur den
Haß. Und liebe die Wahrheit der anderen! Aber was hatte das mit Literatur
zu tun? Die ich so schützen wollte. Es war doch wiederum nur eine Version
der Muß- und Soll-Sätze. Klang sie nicht verdächtig? Ich gebe
zu: Es klang so. Nur ein Gedicht tröstet mich ab und zu ein bißchen,
benutzt von mir eigentlich als Gebet:
O Gott, o Venus, o Merkur, Patron
der Diebe,
gebt mir zur rechten zeit, ich flehe Euch an,
eine Trafik mit
kleinen und hellen Schachteln,
aufgetürmt in den Regalen
Und
helle Virginia unter hellem Glas
und ein paar Waagen nicht zu fettig
und
Huren, die vorbeischaun
auf ein, zwei Worte, auf die Schnelle,
lott-kesse
Worte, beim Kämmen des Haars.
O Gott, o Venus, o Merkur, Patron der
Diebe,
eine kleine Trafik muß her, oder versetzt mich
in jeden
anderen Job außer in diesen
verfluchten des Schreibens,
in dem man
braucht den Kopf zu allen Zeiten.
Ezra Pound schrieb das, ein
gescheiterter Prophet und durch das Scheitern gerettet als Dichter. Propheta
damnosus, poeta redivivus. Er mußte es wissen.
Ob Gott oder Venus mich
erhörten, ich weiß es nicht. Der listige Merkur tat es. Meine Trafik
hieß Botschaft. Nicht die frohe, die faktische. Ich wurde zum
Botschafter. Zu demjenigen, der die Klugheiten der anderen unterbreitet. Das
war die fünfte Zeit zu verlieren. Ich lebe noch darin. War das die
letzte?
Hoffentlich nicht so ganz. Denn der Kopf meldet sich noch
immer.
Aus Glücklich heimatlos. Einblicke
und Rückblicke eines tschechischen Nachbarn, Stuttgart-Leipzig 2002.
Jirí Grusa, geb. 1938 in
Pardubice, Studium der Philosophie und Geschichte in Prag, Verfasser
zahlreicher Werke (Prosa, Lyrik, Essays), Übersetzer, Herausgeber (u. a.)
der Anthologien "Stunde namens Hoffnung. Almanach tschechischer Literatur
1968-1978", Frankfurt am Main 1978 und "Verfemte Dichter", Köln 1983,
einer Literaturgeschichte seit 1968 verbotener Autoren (u. a. mit P. Kabes) und
eines tschechischen Lesebuches (zusammen mit Pavel Kohout). Erster Gedichtband
1962, bis 1969 Redakteur und Gründer bedeutender Literaturzeitschriften
wie "Tvár". Nach 1969 politisch verfolgt, Publikationsverbot,
Samisdatverleger. 1978 in Haft, 1981 ausgebürgert. Lebte im deutschen Exil
und schreibt seither auf deutsch. Seit 1991 tschechischer Botschafter in
Deutschland, seit 1998 in dieser Funktion in Österreich, 1997/98 in
Tschechien Unterrichtsminister. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. mit dem
"Andreas-Gryphius-Preis" und dem "Inter-Nationes-Kulturpreis". Mitglied der
Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Freien Akademie der
Künste in Hamburg. In deutscher Sprache erschienen zwei Romane, zwei
Gedichtsammlungen und zwei Essaybände: "Mimner oder Das Tier der Trauer",
1986; "Der 16. Fragebogen, 1991; "Der Babylonwald" und "Wandersteine", 1991
bzw. 1994; "Gebrauchsanweisung für Tschechien", 1999, und "Glücklich
heimatlos", 2002.